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Dubiose "Querdenker"-Spenden fließen über Briefkasten-Firma

Briefkastenfirma und ein Sex-Club  

Die dubiosen Geldflüsse bei den "Querdenkern"

04.12.2020, 14:54 Uhr
Dubiose "Querdenker"-Spenden fließen über Briefkasten-Firma . Bodo Schiffmann und Ralf Ludwig: Sie sind die prominentesten Köpfe auf der Seite "Das Volk gegen Corona", über die eine Firma in den Niederlanden Spenden für den angeblich größten Prozess in der deutschen Geschichte sammelt. Schon diverse Ankündigungen entpuppten sich als heiße Luft.  (Quelle: imago images)

Bodo Schiffmann und Ralf Ludwig: Sie sind die prominentesten Köpfe auf der Seite "Das Volk gegen Corona", über die eine Firma in den Niederlanden Spenden für den angeblich größten Prozess in der deutschen Geschichte sammelt. Schon diverse Ankündigungen entpuppten sich als heiße Luft. (Quelle: imago images)

"Querdenker" wollen Geld für angeblich gigantische Klagen gegen Corona-Maßnahmen. Spenden dafür fließen über ein Konto in Belgien, eine Firma in den Niederlanden und die Adresse eines Sex-Clubs. 

In der "Querdenker"-Bewegung geht es auch um viel Geld: Ihre Köpfe sind im Kampf gegen Masken, Maßnahmen, Bill Gates und die Regierung zum Teil zu Vollzeit-Aktivisten geworden und lassen sich von Unterstützern bezahlen. Transparenz bleibt bei Schenkungen und Spenden auf der Strecke. Wer "Querdenken711" etwas spendet, überweist aufs Privatkonto von Gründer Michael Ballweg. Doch es geht noch illustrer zu – bei der angeblich "größten Klage in der deutschen Geschichte". 

"Das Volk gegen Corona" nennen sich Aktion und Seite, als Schirmherr dafür fungiert "Querdenken"-Anwalt Ralf Ludwig, zum Team zählt Arzt Bodo Schiffmann. Sie waren zeitweise im Luxusbus zusammen auf der "Great Corona-Info-Tour" unterwegs und haben dabei vielfach irreführende Informationen zum Thema Corona verbreitet. Ihre Gesichter stehen jetzt auch fürs Spendensammeln von "Das Volk gegen Corona": Eine Briefkastenfirma in den Niederlanden will Geld auf ein Konto in Belgien überwiesen haben; am Werk sind Hintermänner mit Verbindungen ins Rotlichtmilieu, die mit esoterischem Hokuspokus handeln und schon vor Jahren mit "Querdenken"-Aktivitäten auftraten. Und es wurde Geld gesammelt für das massenhafte Verteilen von Fake-Masken.  

Das Geldsammeln für Klagen: Im Juli wurde die Seite "Das Volk gegen Corona" zum Geldsammeln angemeldet, öffentlich wurde sie Mitte August. In einer Pressemitteilung wurde am 20. August der Start von "Das Volk gegen Corona" verkündet. Dort hieß es, Rechtsanwälte, Strafrechtler, Verfassungsrechtler sowie Ärzte, Virologen und Epidemiologen sollten sich "in einem der größten Gerichtsverfahren gegen die Corona-Maßnahmen" zusammenschließen. Just am gleichen Tag ging auch eine zweite Seite online, die von einer gigantischen Corona-Klage spricht: Der Rechtsanwalt Reiner Füllmich wirbt für die Beteiligung an einer nach Ansicht mancher Experten fast aussichtslosen Sammel-Schadenersatzklage in den USA – gegen Vorauszahlung von 800 Euro netto. Mehr als 1.500 Rechnungen sind verschickt. Direkte Verbindungen zwischen beiden Seiten sind aber nicht ersichtlich.  

Der Spendensammler aus dem Odenwald: Die Pressemitteilung zum Start von "Das Volk gegen Corona" führt zu einem Ingo G. aus Bad König. Veröffentlicht wurde sie auf seinem Facebook-Auftritt und zusätzlich auf der Seite einer Marketingfirma, die für den Kauf eines 299 Euro teuren pseudowissenschaftlichen Geräts namens "Lebensfeldstabilisator" mit Magnetfeldern wirbt. Diese Seite gibt im Impressum eine "Marketing Solutions Europe Ltd." auf den Seychellen an.

Doch auf der Seite der Marketingfirma findet sich auch eine Anschrift, die sich mit der eines Sex-Clubs deckt, der "diskreten Top-Adresse im Odenwald". Corona-bedingt ruht das Geschäft. netzpolitik.org-Journalist Daniel Laufer hat Ingo G. erreicht, der in dem Anwesen lebt. G. meldete sich unter einer Nummer von "Das Volk gegen Corona". Diese Nummer ist im niederländischen Handelsregister eingetragen bei einer Firma, die laut Impressum hinter der Anti-Corona-Seite steckt. Sagen wollte G. fast nichts, verwies Laufer zufolge auf seinen Anwalt, ohne dessen Namen zu nennen. "Ich warte jetzt ab, bis Sie einen Fehler machen und dann schieße ich aus allen Rohren." Auf eine Anfrage von t-online am Donnerstag bat er um Zusendung von Fragen, eine Rückmeldung blieb zunächst aus.

Die Firma zum Spendensammeln: Die "Spenden", von denen geschrieben wird, werden der Seite zufolge "treuhänderisch in den Niederlanden gesammelt, um dem deutschen Staat eine Blockade zu erschweren". Dort residiert die junge Firma "Medical Research Systems B.V." – aber bereits nicht mehr unter der angegebenen Briefkastenadresse. Das ZDF-Magazin "frontal_" war dort und bekam die Auskunft, die Firma sei umgezogen. An der neuen Adresse – ebenfalls in den Niederlanden – wartet man nach Informationen von "frontal_" und netzpolitik.org auf den zweiten Mann bei dem Projekt: Dennis H. habe noch keinen Termin zur Unterzeichnung des Mietvertrags gemacht. Dennis H. ist im Impressum der "Medical Research Systems" als Verantwortlicher eingetragen, er lebt wie Ingo G. in Bad König im Odenwald. "Querdenken"-Anwalt und Schirmherr Ludwig sieht an "Medical Research Systems" nichts Fragwürdiges. "Die Firma, die quasi das Geld einsammelt – das ist alles ganz normal", sagte er netzpolitik.org und "frontal_". 

Das Konto in Belgien: Bei dem Spendenaufruf ist eine Bankverbindung in Belgien angegeben. Kurios: Anwalt Ludwig zeigte sich davon überrascht, als eine "Querdenken"-Anhängerin ihn bei einer Demo kritisch danach fragte: "Ach so, nee, das weiß ich gar nicht, warum da eine belgische IBAN auftaucht." Dennis H. beantwortete laut netzpolitik.org Fragen überhaupt nicht. Anwalt Ludwig verwies netzpolitik.org auf eine Pressekonferenz, die es nie gab. Erst am Rande einer Demo konnte netzpolitik.org ihn sprechen: "Ich muss doch nicht wissen, auf welches Konto das Geld geht." Er wisse auch nicht, wie viel eingegangen sei. Auf der Seite von "Das Volk gegen Corona" heißt es trotzdem: "Wir sind für völlige Transparenz, und diese wird von einem leitenden bekannten Anwalt gewährleistet, um das Vorhaben zu sichern und dafür Sorge zu tragen, dass alle Gelder bestimmungsgemäß verwendet werden."

Die Verwendung der Spendengelder: Anwalt Ludwig sagte frontal_ und netzpolitik.org, laut einem Vertrag mit den Verantwortlichen von "Medical Research Systems" dürfe er entscheiden, wie Spendengelder verwendet werden. Angegeben sind auf der Seite als Hauptkostenpunkte Kosten für Anwälte, Ärzte und Gutachten sowie Gerichtskosten. Am Donnerstagabend schrieb er auf Telegram, die Spenden seien bisher in mehrere professionelle Videos mit Experten zum Thema Virus oder PCR gesteckt worden, dazu in einen Versuchsaufbau zum Thema CO2 unter Masken.

Pikant: Es wurde auch gezielt um Spenden geworben für die Massenproduktion von extrem löchrigen Masken ohne jede Schutzwirkung für Kinder. So solle "schnellstmöglich eine flächendeckende Verteilung dieser neuen Mund-Nase-Bedeckungen möglich" werden. Es hatte große Aufregung um einen Plan von "Querdenken"-Gründer Ballweg gegeben, eine Million solcher Masken an Schulen zu verteilen.

Er hatte dann erklärt, die Idee sei nie ernst gemeint gewesen, sondern ein Mittel, um Lecks in den eigenen Reihen zu finden. Ballweg selbst war mit dem Team der Fake-Maskenfirma solidfacts.org im Wahlkampf unterwegs, Ludwig trug eine Jacke mit ihrem Logo. Bei "Das Volk gegen Corona" ist angegeben, das Maskenprojekt "pausiere": Die Leute von "Solidfacts" seien nicht erreichbar. Offenbar gab es auch Beschwerden von Menschen, die dort bestellte Masken nicht geliefert bekamen. 

Im Kampf gegen Masken: Ralf Ludwig mit dem Solidfacts.org-Gründer Manuel Döring, der die Massen-Produktion von Masken ohne Schutzwirkung angekündigt hatte und von "Das Volk gegen Corona" unterstützt wurde.  (Quelle: Screenshot YouTube)Im Kampf gegen Masken: Ralf Ludwig mit dem Solidfacts.org-Gründer Manuel Döring, der die Massen-Produktion von Masken ohne Schutzwirkung angekündigt hatte und von "Das Volk gegen Corona" unterstützt wurde. (Quelle: Screenshot YouTube)

Die "Querdenker"-Vorgeschichte der Spendensammler: Ingo G. und Dennis H. tauchen schon im Kontext von "Querdenken" und Vertretern der Bewegung auf, lange bevor Ballweg "Querdenken711" in der Corona-Zeit gestartet hat. G. trat mehrfach als Veranstalter eines "Querdenker-Kongresses" mit Rednern auf, die als Verschwörungsideologen oder Gurus bekannt sind und die bei Corona-Leugnern hoch im Kurs sind. Gegen die Ausgabe 2015 im hessischen Friedberg protestierten 250 Menschen, eine SPD-Landtagsabgeordnete warnte vor dem "gefährlichen Mix aus weltfremden Verschwörungstheorien, rechtsextremer Ideologie, klassischem Rechtspopulismus".

Zugpferd waren ein YouTube-Kanal und eine Seite Querdenker.tv – zeitweilig betreut von Dennis H. 2016 kam ein Kongress in Gießen nicht zustande, weil aus dem vermeintlichen Wissenschaftskongress ein "WIR-Kongress" mit Reichsbürgern werden sollte und die Stadthallen-Gesellschaft intervenierte. 

Auch Dennis H. wird dem Reichsbürger-Umfeld zugeordnet. Eine Briefkastenfirma "Medical Systems Engineering Ltd." in London war zeitweilig bei der Seite und dem Kongress als Partner aufgeführt. Diese Firma ist ein Projekt der "Marketing Solutions Europe Ltd." – die Spur führt zurück zur Marketingfirma mit Sex-Club im Untergeschoss.

Kongresse für Querdenker, Geldsammeln und den Abschied aus Deutschland einfacher: Projekte der im Odenwald lebenden Macher hinter der Firma aus den Niederlanden, die Spenden auf einem belgischen Konto sammelt für angeblich riesige Prozesse wegen der Corona-Maßnahmen. Der "Evolve"-Kongress fand nicht statt, die Seite ist gelöscht (Quelle: Screenshot)Kongresse für Querdenker, Geldsammeln und den Abschied aus Deutschland einfacher: Projekte der im Odenwald lebenden Macher hinter der Firma aus den Niederlanden, die Spenden auf einem belgischen Konto sammelt für angeblich riesige Prozesse wegen der Corona-Maßnahmen. Der "Evolve"-Kongress fand nicht statt, die Seite ist gelöscht (Quelle: Screenshot)

Die früheren Projekte der Spendensammler: Die "Marketing Solutions Europe Ltd." hatte mit Seiten im Netz schon in der Vergangenheit Geld sammeln wollen. Im Netz finden sich in Archiven Überreste. Bei "Science Startup" war gedacht, "allen gewerblichen und privaten Personen eine Finanzierungsplattform für ihre Projekte" anzubieten. Es richtete sich aber auch an Erfinder, Journalisten oder Künstler. Für einen 2015 gegründeten Verein "Adieu Deutschland" wurde eine Seite gebaut, mit der "Mitglieder anderen Mitgliedern beim Auswandern helfen" sollten. Diese Seiten gibt es ebenso nicht mehr wie "politikbook.net". Das Motto hinter der Seite könnte auch von heutigen "Querdenkern" sein, die von einer Diktatur in Deutschland reden: "Es ist davon auszugehen, dass das 'System' einen Weg finden wird, die freie Meinungsäußerung in Kürze mit einschneidenden Maßnahmen für jeden Einzelnen umzusetzen [sic!]." Die Autoren meinen wohl eher: abzuschaffen.

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