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Wie der "Berliner Telegraph" die Krim-Annexion vorantreibt

  • Jonas Mueller-Töwe
  • Lars Wienand
Von J. Mueller-Töwe, J. Wiebe, L. Wienand

Aktualisiert am 11.01.2019Lesedauer: 6 Min.
Mission auf der Krim: Ein Chemnitzer Verein hat brisante Verbindungen auf die von Russland annektierte Halbinsel.
Mission auf der Krim: Ein Chemnitzer Verein hat brisante Verbindungen auf die von Russland annektierte Halbinsel. (Quelle: Nour Alnader/T-Online-bilder)
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Der russische Kulturverein eines bekannten Rechtsextremisten aus Chemnitz engagiert sich in politisch heikler Mission. In einer Recherche beleuchten t-online.de und das ARD-Politikmagazin "Kontraste" Spuren bis auf die annektierte Krim.

Es sind patriotische Lieder, die Alexej Klassin von der Bühne schmettert. Lieder von Krieg und Frieden, Soldaten und Mutter Russland. Mit sanfter Stimme intoniert der Sänger auch Klassiker von Frank Sinatra, von Andrea Bocelli: "Cercherò le tue parole, Te le voglio riportare". Damit bedient er ein meist kleines Publikum. Doch gelegentlich schlägt die große Stunde des Baritons. Dann bereist der hoch und breit gewachsene Mann mit der markanten Narbe auf der linken Wange die Welt. Dann hat er eine Mission: Frieden. Sein patriotisches Liedgut, dessen Erhalt der Bayreuther mit russischen Wurzeln sich laut eigenen Angaben verschrieben hat, schallt dann von Bühnen in Sibirien und Berlin. Gelegentlich schreitet er über einen roten Teppich. Ein Künstler mit großen Träumen.

Es sind Klassins politisches Engagement und seine Verbindungen ins russische Außenministerium, die den Schlager- und Opernsänger in ein etwas anderes Licht rücken – und Fragen aufwerfen. Er beantwortet sie bereitwillig und ausführlich. "Lasst uns besser gemeinsam Frieden und Harmonie auf diesem Planeten fordern, als nach einem 'Spionage-Spiel' zu suchen." Und doch kann er Zweifel an seinen Motiven nicht vollkommen ausräumen.

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Misstöne in einer schönen Melodie

Wie Recherchen von t-online.de und dem ARD-Magazin "Kontraste" zeigen, ist Klassin eng mit dem undurchsichtigen Kulturverein Tolstoi in Chemnitz und der Zeitschrift "Berliner Telegraph" verbunden. Im Namen des russischsprachigen Mediums war der Sänger in politisch heikler Mission auf der von Russland annektierten Krim unterwegs. Eine problematische Reise – denn besonders dort versucht der russische Staat, seine machtpolitischen Interessen mittels Kulturpolitik zu untermauern. Klassin und der "Berliner Telegraph" werden mit der Reise des Sängers zum Teil dieser weit angelegten Strategie. Es ist fraglich, ob das nur Zufall ist.


Mitgegründet wurde der Kulturverein "Tolstoi" 2014 vom Chemnitzer Rechtsextremisten Martin Kohlmann. Vorsitzender ist ein Mann namens Alexander Boyko, der die zugehörige Zeitschrift "Berliner Telegraph" als Chefredakteur führt. Seinen Sitz hat die Zeitschrift im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur in Berlin, das einer Agentur im russischen Außenministerium untersteht. Unter anderem ist dort der staatliche russische Sender Sputnik beheimatet. Auch Klassin war bei der feierlichen Eröffnung des "Berliner Telegraph"-Büros anwesend und begleitete Boyko zu Terminen in die russische Botschaft.

Der FĂĽhrungsstab des "Berliner Telegraph" im Russischen Haus: Alexej Klassin (r.) fuhr mit Jui Kunitsky (l.) auf die Krim. Chefredaktuer Alexander Boyko (M.) will damit nichts zu tun gehabt haben.
Der FĂĽhrungsstab des "Berliner Telegraph" im Russischen Haus: Alexej Klassin (r.) fuhr mit Jui Kunitsky (l.) auf die Krim. Chefredaktuer Alexander Boyko (M.) will damit nichts zu tun gehabt haben. (Quelle: Screenshot: t-online.de)

Er habe im Russischen Haus vor allem nach Unterstützung für sein Projekt "Pfad zum Frieden" gesucht, schreibt Klassin auf Anfrage. Laut Eigenbeschreibung ein Gesangsfestival für russische patriotische Lieder. Als diese Unterstützung ausblieb, habe er bald den Kontakt dorthin abgebrochen: "Sie betrachten mich dort eher als Feind als als Freund." Auch mit dem "Berliner Telegraph" bestreitet Klassin eine enge Zusammenarbeit zunächst. "Eine großartige Arbeit hat nicht funktioniert, obwohl ich dankbar bin, dass sie meine Artikel veröffentlicht haben."

Eine Kooperation, die keine sein soll

Die Recherchen zeigen: Der Sänger kooperierte seit spätestens Mitte 2017 mit der Zeitschrift. Anfang 2018 gründete er auch eine Filiale des Trägervereins in Bayreuth. Die Zusammenarbeit dokumentieren unter anderem zahlreiche Fotos von gemeinsamen Terminen und das Impressum der Zeitschrift, in dem er noch in der letzten Ausgabe von Dezember als "Art Director" aufgeführt wird. Seine Videoproduktionsfirma wird als Partner gelistet, auch bei anderen Projekten Klassins ist eine enge Kooperation belegt. So zeigt ein Video den Auftritt des Gesangsfestivals beim "Tag des Sieges" am 9. Mai in Berlin – es ist versehen mit dem Logo der Zeitschrift. Mehrere Redakteure helfen bis heute offiziell bei der Organisation.

Das alles sei eher persönlicher, freundschaftlicher Natur, schreibt der Sänger. "Wir treffen uns wann immer möglich und in den meisten Fällen, um Brandy zu trinken." Projekte des Vereins in Bayreuth seien nie zustande gekommen, die Niederlassung wieder geschlossen. Die Zusammenarbeit mit der Zeitschrift sei ein Geben und Nehmen. "Der Berliner Telegraph ist für mich die einzige Möglichkeit, kostenlos über mich und meine Arbeit zu sprechen. Ich schreibe kostenlos Artikel und unterhalte das Magazin in Bayreuth, und ich erhalte Platz für meine Kreativität."

War das alles? Nicht ganz.


Ende September reiste Klassin in offizieller Funktion zu einem sogenannten Kulturfestival auf von Russland annektiertes Gebiet – auf die Halbinsel Krim. Ein politisch brisantes Ziel. Die Ukraine gewährt nur in Ausnahmefällen den Zutritt zur Krim, die Einreise über Russland ist nach ukrainischem Recht strafbar. Deutschland und die Europäische Union erkennen die Krim nicht als russisch an. Das Auswärtige Amt rät deswegen von Reisen dorthin "dringend" ab. Klassin reiste über Moskau. Wochen zuvor hatte er das Festival selbst mit Video beworben.

Alexej Klassin in seiner Video-Botschaft: Vor seiner Reise auf die Krim bewarb er das Festival.
Alexej Klassin in seiner Video-Botschaft: Vor seiner Reise auf die Krim bewarb er das Festival. (Quelle: Screenshot: t-online.de)

"Auf die Krim zu reisen, war mein lang gehegter Traum. Wurde eingeladen und lehnte nicht ab", schreibt Klassin dazu auf Anfrage. "Ist es verboten? Ich bin Künstler und jede Gelegenheit, meine Arbeit zu präsentieren, ist eine Chance für meine Entwicklung." Viele berühmte Persönlichkeiten seien dort gewesen. "Als Künstler ist das für mich eine gute PR."

Experte: "Das sind nicht nur Kulturveranstaltungen"

Gute PR war es auch für Putins Russland: Ziel der Reise war das sogenannte "World Peace Forum". Eine vermeintliche Kulturveranstaltung einer Stiftung, die in Kooperation mit dem russischen Staat internationales Publikum auf die aufgrund der Sanktionen weitgehend isolierte Krim locken soll. "Das sind nicht nur Kulturveranstaltungen", sagt der Osteuropa-Experte Wilfried Jilge, der auch Associate Fellow bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik ist. "Durch solche vermeintlich harmlosen Friedensfeste versucht Russland seine Aggressionspolitik zu verschleiern und die Annexion der Krim zu legitimieren."

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Der Opernsänger auf dem roten Teppich: Auf der Krim legte er einen Auftritt hin. Jetzt wolle er mit dem Festival nichts mehr zu tun haben, sagt Klassin.
Der Opernsänger auf dem roten Teppich: Auf der Krim legte er einen Auftritt hin. Jetzt wolle er mit dem Festival nichts mehr zu tun haben, sagt Klassin. (Quelle: Screenshot: t-online.de)

Jilges Einschätzung wird untermauert von einer Stellungnahme der Sprecherin des Film-Festivals, in dessen Jury Opernsänger Klassin saß und das er zuvor bewarb. Swetlana Korelowa schreibt im dem Festival zugehörigen Magazin "Peacemaker", das t-online.de und "Kontraste" vorliegt: "Ganz gleich wie der Westen tobt, die Delegierten der Länder werden mit ihrer Ankunft auf der Halbinsel die Hauptsache demonstrieren: Krim und Sewastopol haben historische Gerechtigkeit hergestellt!" Klassin kannte Korelowa bereits vor seiner Reise auf die Krim. Unter anderem bewarb er eine Veranstaltung von ihr mit Postern und Video – in Dresden.

"Berliner Telegraph" trat als Festival-Partner auf

Zumindest nach außen hin ließen Festival und Klassin keine Zweifel daran, welche wichtige Rolle der Sänger für das Event spielte. Er saß in der Jury, ebenso wie in der Jury des zugehörigen Schönheitswettbewerbs, firmierte dort jeweils als "Art Director des Berliner Telegraph", hatte einen Gesangsauftritt, erhielt eine Auszeichnung – und posierte auf dem roten Teppich vor den Stellwänden mit Logos der Partner.

Es ist insbesondere eine solche Stellwand, die Fragen zu den tatsächlichen Hintergründen der Reise aufwirft. Auf ihr ist das Logo des "Berliner Telegraph" zu sehen, wie Fotos belegen. Der kleinen Vereinszeitschrift aus Chemnitz. Auch auf der Internetseite des "World Peace Forums" und des dazugehörigen Filmfestivals wird die Zeitschrift als Medienpartner aufgeführt.

Klassin (l.) posiert beim Festival vor einer Stellwand mit Logos der Partner: Links oben im Bild ist das Logo des "Berliner Telegraph" zu sehen. Es findet sich auch an weiteren Stellen.
Klassin (l.) posiert beim Festival vor einer Stellwand mit Logos der Partner: Links oben im Bild ist das Logo des "Berliner Telegraph" zu sehen. Es findet sich auch an weiteren Stellen. (Quelle: Screenshot: t-online.de)

Trotz dieser Belege weist Chefredakteur Alexander Boyko Verbindungen zurĂĽck. "Wir waren nicht Partner eines Festivals auf der Krim. Redakteure waren privat dort", schreibt Boyko. Die Redaktion sei darauf bedacht, im russisch-ukrainischen Konflikt fĂĽr keine Seite Partei zu ergreifen.

Laut Klassin spielte der "Berliner Telegraph" dort allerdings sehr wohl eine Rolle – die er herunterspielt: "Soweit ich weiß, hat der Berliner Telegraph mit diesem Forum lediglich Informationsartikel ausgetauscht, um seinen Namen zu fördern und zu werben." Mit Klassin nahm auch der "Leiter der Internationalen Abteilung" der Zeitschrift, Juri Kunitsky, teil und berichtete über die Reise dorthin später im "Berliner Telegraph".

Die Botschaft ist nicht Frieden

Aus Sicht des Osteuropa-Experten Jilge sind das Engagement der Zeitschrift und des Sängers ein erhebliches Problem. "Die Teilnahme des Berliner Telegraph impliziert, dass die Zeitung die Krim als russisches Gebiet betrachtet." Die völkerrechtliche Position Deutschlands und der EU sei hingegen, dass die Krim ukrainisch ist. "Die auswärtige Kulturpolitik Russlands hat eine zentrale Funktion", sagt Jilge. "Die Außenpolitik Putins innenpolitisch zu legitimieren. Die Botschaft lautet: Die Bevölkerung der Krim ist froh, dass sie nun zu Russland gehört."

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War eine solche Botschaft auch Ziel des "Berliner Telegraph"? Chefredakteur Boyko bestreitet das. Die Redaktion wolle keine Konfliktsituation erzeugen. Trotzdem wird die Chemnitzer Zeitschrift weiter auf mehreren Internetseiten des Festivals als Partner gefĂĽhrt.

War eine solche Botschaft auch Ziel von Klassins Engagement auf der Krim? Der Sänger bestreitet das ebenfalls. Gerade diese Position habe ihm missfallen. Das alles sei rein privater Natur gewesen – "eine Friedensmission". Hauptsächlich hätten er und sein Reisebegleiter Urlaub am Schwarzen Meer gemacht. Er habe anschließend alle Kontakte abgebrochen.

Was bleibt, ist Propaganda fĂĽr die russische Aggression. Und keiner will es gewesen sein.

Das ARD-Politikmagazin "Kontraste" hat in seiner Sendung am Donnerstag unter anderem über russische Einflussnahme in Deutschland und über russische Geldwäsche berichtet.

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