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Was ist mehr wert – ein Mensch oder eine Kathedrale?

  • Lamya Kaddor
Von Lamya Kaddor

Aktualisiert am 19.04.2019Lesedauer: 4 Min.
Die brennende Kathedrale: Zu viel Aufmerksamkeit fĂŒr einen alten Bau?
Die brennende Kathedrale: Zu viel Aufmerksamkeit fĂŒr einen alten Bau? (Quelle: Famous/imago-images-bilder)
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Um Notre-Dame trauern Menschen weltweit und spenden Hunderte Millionen Euro fĂŒr den Wiederaufbau. Ertrinkende im Mittelmeer können auf weniger Hilfe hoffen. Ist das gerecht?

Was ist mehr wert? Ein Menschenleben oder eine Jahrhunderte alte Kathedrale? Nach dem Brand von Notre-Dame werden solche Fragen vielfach aufgeworfen. In Syrien sind tausende Kinder gestorben, aber in Europa weint niemand um sie. Im Mittelmeer ertrinken jeden Tag Menschen, aber in Europa weint niemand um sie. In Mossul wurde die Moschee zerstört, aber in Europa weint niemand um sie. Aber wenn ein altes GemÀuer in Paris abbrennt ist, sind alle tief betroffen und trauern um Steine. Doppelmoral, schreien sie.

Katastrophe globalen Ausmaßes

Ich meine: Das sind völlig unzulĂ€ssige Vergleiche. FĂŒr jeden Angehörigen ist der Tod eines geliebten Menschen tausendfach schlimmer als der Brand von Notre-Dame, ein ferner Krieg oder sonst etwas Schlimmes. Aber wenn auf den Osterinseln ein mir völlig fremdes Kind bei einem Unfall stirbt, betrifft mich das emotional nicht. Ich erfahre nicht einmal davon. Ebenso betrifft es eine Rapanui nicht, wenn in Deutschland ein Kind bei einem Unfall stirbt. GlĂŒcklicherweise ist das so. Andernfalls wĂ€re unser Dasein ein pausenloses Leidklagen – und das wĂ€re noch zu wenig.

Notre-Dame ist ein Kulturgut – nicht nur fĂŒr Frankreich, sondern fĂŒr die ganze Menschheit. Es vereint Menschen und fĂŒhrt sie zusammen. Wer einmal in Notre-Dame stand, konnte Besucher aus aller Herren LĂ€nder treffen, darunter Atheisten, Christen, Muslime, Buddhisten, Hindus und andere. Paris ist ohne Notre-Dame genauso wenig denkbar, wie ohne Eiffelturm oder Arc de Triomphe. Wenn die Pyramiden von Kairo/Gizeh zerstört wĂŒrden, wĂ€re das auch eine Katastrophe globalen Ausmaßes.

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Erbe unserer Existenz

Es gingen ein StĂŒck Menschheitsgeschichte verloren. Ein Erbe unserer Existenz, das Generationen, Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende ĂŒberdauert hat, das erzĂ€hlt, woher wir kommen, wer wird sind, was wir zu leisten im Stande waren und vielleicht noch leisten werden. SelbstverstĂ€ndlich ist im Fall von Notre-Dame weltweite Betroffenheit völlig angemessen; sogar in LĂ€ndern wie im entfernten, buddhistischen Thailand war die Brandkatastrophe Aufmacher mit großen Fotos auf den Titelseiten.

Der Brand steht moralisch nicht gegen den Tod von Menschen, sondern er steht moralisch neben dem Tod von Menschen. Beides kann eine Tragödie sein – und je nĂ€her einem die Opfer oder die Zerstörung emotional stehen, desto schwerer ist es zu ertragen.

Als der Suq und die Umayyaden-Moschee in Aleppo durch den Krieg zerstört wurden, habe das keinen interessiert, sagte mir ein syrischer Bekannter, niemand habe darĂŒber berichtet. Das stimmt so nicht. Die Zerstörung löste sehr wohl internationales Entsetzen aus, allerdings wurde in der Tat weniger darĂŒber berichtet als ĂŒber die jetzige Katastrophe in Paris. Betrachtet man die Tourismuszahlen, dann stellt man fest, dass Paris mit Bangkok und London die meistbesuchte Stadt der Welt ist. Aleppo kommt in dieser Liste erst weit hinten; was mit den politischen ZustĂ€nden, mit geographischer NĂ€he und sprachlichen FĂ€higkeiten zu tun hat.

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Wie viele Deutsche sprechen Arabisch und fliegen um die Welt? Wie viele Deutsche sprechen Französisch und fahren mit Auto oder der Bahn in Urlaub? Es gibt viel mehr Menschen, denen Notre-Dame nĂ€hersteht als Suq und Moschee. Folglich ist der Grad der öffentlichen Aufmerksamkeit nicht automatisch mit einer Missachtung anderer Kulturen gleichzusetzen. Schon nach den TerroranschlĂ€gen von Christchurch waren Ă€hnliche, zumeist haltlose VorwĂŒrfe gegen "den Westen" erhoben worden.

Und schließlich ist da noch das Thema Spendenbereitschaft: Binnen wenigen Tagen haben reiche BĂŒrger hunderte Millionen Euro fĂŒr "kaputte Steine" locker gemacht. Um Gelder fĂŒr humanitĂ€re Hilfen weltweit muss indes gebettelt werden. An diesem Argument ist auf den ersten Blick etwas dran. GrĂ¶ĂŸere Spendenbereitschaft fĂŒr menschliches Leid wĂ€re sicherlich wĂŒnschenswert. Bei genauerer Betrachtung muss man aber auch hier relativieren. Der Brand von Notre-Dame ist ein singulĂ€res Ereignis. Mit Geld lĂ€sst sich der Schaden einigermaßen wieder beheben und ein Ende ist in Sicht.


Die humanitĂ€re Hilfe dagegen ist tragischerweise ein Fass ohne Boden, eine fortwĂ€hrende Aufgabe. Weltweit sind ununterbrochen hunderte Millionen Menschen vom Tod bedroht – durch Hunger, Krankheit, Kriege, Flucht und Vertreibung. Das Leid der Menschheit lĂ€sst sich nicht allein mit Spendengeldern beseitigen. Nötig wĂ€re eine grundsĂ€tzliche Korrektur der internationalen Politik. Im Mittelmeer sterben die Menschen nicht, weil zu wenig Geld fĂŒr Retter da ist, sondern primĂ€r, weil die EU sich nicht einigen kann, was sie mit den Geretteten machen soll.

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, ReligionspĂ€dagogin und Publizistin. Sie ist GrĂŒndungsvorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes (LIB e.V.). Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der UniversitĂ€t Duisburg-Essen. Ihr neues Buch heißt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie können unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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