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Meinung
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Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ├╝bernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Niemand von uns darf auf Mitgef├╝hl hoffen

  • Lamya Kaddor
Eine Kolumne von Lamya Kaddor

Aktualisiert am 16.08.2019Lesedauer: 5 Min.
Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg: Ihr schl├Ągt offene Feindschaft entgegen, die aus Beleidigungen und ├╝bler Nachrede besteht. Was sagt das ├╝ber die Gesellschaft aus, fragt Kolumnistin Lamya Kaddor.
Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg: Ihr schl├Ągt offene Feindschaft entgegen, die aus Beleidigungen und ├╝bler Nachrede besteht. Was sagt das ├╝ber die Gesellschaft aus, fragt Kolumnistin Lamya Kaddor. (Quelle: Yara Nardi/Reuters-bilder)
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Ger├╝chte, L├╝gen, Halbwahrheiten: Der Mob trommelt gegen eine 16-J├Ąhrige ÔÇô angefeuert von sogenannten Intellektuellen. Dagegen helfen keine Argumente.

Wenn Erwachsene sogar ein M├Ądchen aus der Mitte der Gesellschaft ├Âffentlich mit derartiger Widerlichkeit ├╝berziehen ÔÇŽ Wenn sie eine seelische Beeintr├Ąchtigung wie das Asperger-Syndrom benutzen, um zu ├Ątzen ÔÇŽ Wenn nicht mal bei einer gerade 16-J├Ąhrigen Zur├╝ckhaltung m├Âglich ist, was sagt das ├╝ber unsere Gesellschaft aus?


Greta Thunberg ÔÇô das hat sie bisher erlebt

Fast geschafft: Greta Thunberg steht kurz vor der Ankunft in New York....
Dort will die Klimaaktivistin an der UN-Vollversammlung teilnehmen. Sie reiste mit ihrem Vater Svante und dem Kapit├Ąn Boris Herrmann.
+15

Die Genugtuung der Verachtung

Erwachsene sprechen mit der Genugtuung der Verachtung ├╝ber ein Kind. Es ist zunehmend verst├Ârend, zu was Menschen in ├Âffentlichen Diskursen f├Ąhig sind. Im 21. Jahrhundert. In aufgekl├Ąrten Gesellschaften. Gepr├Ągt von Rousseau, Pestalozzi, Fr├Âbel, Diesterweg, Korczak, Montessori und anderen ber├╝hmten P├Ądagoginnen und P├Ądagogen.

Es ist geradezu kafkaesk. Die Feindschaft gegen├╝ber der Klimaaktivistin Greta Thunberg, die gestern mit einer Segeljacht zur ├ťberfahrt nach Amerika aufgebrochen ist, verdeutlicht einmal mehr, wie ignorant ein (kleiner, aber lauter) Teil dieser Gesellschaft gegen├╝ber der W├╝rde von Mitmenschen ist ÔÇô vor allem in der geifernden Welt der Kommentarspalten. Andere Opfer, die weniger schutzbed├╝rftig als eine Jugendliche mit Behinderung sind, brauchen von daher gar nicht erst darauf zu hoffen, dass ihnen von solchen Menschen jemals Mitgef├╝hl f├╝r ihre Lage entgegengebracht werden k├Ânnte.

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Und wenn sie noch so leiden, der Mob wird ihre Trauer banalisieren. Dabei beklagen tragischerweise gerade diese Hetzer eine fehlende Empathie und ein fehlendes Verst├Ąndnis bei Politik und Eliten f├╝r ihre eigenen Sorgen und N├Âte.

Der abscheuliche Umgang mit Greta Thunberg ist zugleich eine Niederlage f├╝r den Rest, die gro├če Mehrheit der Bev├Âlkerung. Sie schafft es weder, das M├Ądchen davor zu bewahren, noch, die Widerw├Ąrtigkeiten durch andere Narrative zu ├╝berlagern, um ihnen die Lautst├Ąrke abzudrehen.

Ihre Worte sollen herabgesetzt werden

Sogenannte Kritiker ├╝berziehen Greta Thunberg mit Beschimpfungen und Verschw├Ârungstheorien, wonach sie von "gr├╝nen Nazis", "Klima-Hysterikern" und skrupellosen Angeh├Ârigen gesteuert w├╝rde. Dabei scheint das Verhalten der 16-J├Ąhrigen durchaus plausibel zu sein: Ein Asperger-Syndrom geht laut aktuellen Erkenntnissen h├Ąufig mit einem eingeschr├Ąnkten, stereotypen, sich wiederholenden Repertoire von Interessen und Aktivit├Ąten einher.

Wenn sich Greta Thunberg also intensiv und kategorisch f├╝r Klimaschutz stark macht, k├Ânnte das den g├Ąngigen Symptomen ihrer Autismus-Spektrum-St├Ârung entsprechen; wie es tats├Ąchlich ist, wei├č nur ihr pers├Ânliches Umfeld. Sie selbst sagte dem ZDF: "Ich denke, wenn ich kein Asperger h├Ątte, w├Ąre das hier nicht m├Âglich gewesen. Ich h├Ątte einfach weiter so gelebt und gedacht, wie jeder andere auch." Es g├Ąbe also plausible Erkl├Ąrungen f├╝r ihr Engagement.

Doch ihre Worte m├╝ssen nach Ansicht ihrer Gegner herabgesetzt werden, d├╝rfen m├Âglichst kein Echo finden. Greta Thunberg und ihre Bewegung "Fridays for Future" seien nicht demokratisch, hie├č es j├╝ngst. Dann: Greta Thunberg umgebe sich mit den falschen Leuten. Ihr Umfeld verfolge kommerzielle Interessen ÔÇŽ

Das kleine Einmaleins des Fertigmachens

Selbstverst├Ąndlich werden Menschen versuchen, mit der Jugendlichen Geld zu verdienen. So ist Kapitalismus. Doch schw├Ącht das ihr Anliegen? Wird Klimaschutz dadurch weniger virulent?

Ihre Gegner stalken sie und geben Alarm, wenn sie mal Plastik benutzt hat, mit einem Diesel-Auto gefahren oder zu nah an einem Kohlekraftwerk vorbeigegangen ist. Das alles geh├Ârt zum kleinen Einmaleins des Fertigmachens 2.0, des Diskreditierens ungeliebter Personen. Ger├╝chte, L├╝gen, Halbwahrheiten ÔÇô wer heute in der ├ľffentlichkeit steht, muss so etwas ├╝ber sich ergehen lassen. Allerdings: Wer alles glaubt, was ├╝ber jemanden im Netz steht, glaubt auch an gr├╝ne Marsm├Ąnnchen.

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Nur weil sich die junge Schwedin f├╝r eine gute Sache stark macht, muss sie nicht die personifizierte Unschuld sein, keine Prophetin, keine Jeanne dÔÇÖArc, keine Katharina von Siena. Sie darf Fehler machen. Normalerweise sieht man bei einer 16-J├Ąhrigen gro├čz├╝gig ├╝ber so etwas hinweg.

Sorry, Christian Lindner

Und dann ist da noch der Hype. Greta Thunberg ist das weltweite Gesicht des Klimaschutzes. Identifikationsfiguren sind wichtig. Was w├Ąre die B├╝rgerrechtsbewegung in den USA ohne Martin Luther King? Ein gewisser Hype um ihre Person ist nur nat├╝rlich ÔÇô gerade im Internetzeitalter.

Kein Hype ist derweil die Klimaschutzbewegung. Jeder kann die Ver├Ąnderungen in der Natur sehen. Fast alle Klimaforschenden weltweit geben Greta Thunbergs zentraler Forderung nach Reduzierung von CO2-Emissionen recht. Und nur weil junge Menschen das Thema anstelle von etablierten PolitikerInnen entdeckt haben, schm├Ąlert das nicht seine Bedeutung. Sorry, Christian Lindner.

Man muss Greta Thunberg nicht an den Lippen h├Ąngen. Ihr nicht in allem, was sie sagt, zustimmen. Ihre Vorstellungen werden nicht eins zu eins in Gesetze gegossen werden, selbst wenn noch hundertmal mehr Menschen demonstrieren. Interessenausgleich ist die zentrale Aufgabe demokratischer Politik. Deshalb regieren Politiker, keine Forschenden.

Da ist die politisch engagierte Jugend

Aber Greta Thunberg und die "Fridays for Future" sitzen der Politik im Nacken. Und das ist gut so. Sie setzen sich f├╝r eine richtige Sache ein und rei├čen andere junge Menschen mit, eisen sie von Playsi, YouTube und TikTok los. Nicht f├╝r den eigenen Profit handeln sie, nicht zum Schaden anderer Menschen, sondern zum Schutz der Umwelt und damit von uns allen.

Haben wir nicht jahrelang nach einer politisch engagierteren Jugend gerufen? Da ist sie. Doch statt sich dar├╝ber zu freuen, hagelt es H├Ąme, Hass, Hetze.

Wie soll man darauf reagieren? Mit Beschimpfung der "Greta-Hasser" sorgt man f├╝r Polarisierung und Radikalisierung. Mit Richtigstellungen zu Greta Thunberg wird man sie nicht ├╝berzeugen k├Ânnen. Nicht mit Statistiken. Nicht mit Studien. Nicht mit Fakten. Wer Aussagen ├╝ber die junge Schwedin glauben will, dem ist egal, ob es Ger├╝chte, L├╝gen oder Halbwahrheiten sind. US-Pr├Ąsident Donald Trump hat das Postfaktische kultiviert, seine J├╝nger in Europa haben es adaptiert. Mit Sachlichkeit und Logik kommt man dagegen nicht an.

Die rechtspopulistische Strategie

Folglich hilft gegen die Hetze wohl nur ein beobachtendes Aussitzen der Anfeindungen und ein bewusstes Ignorieren der inhaltlichen ├äu├čerungen. Das Eingehen auf die Pseudoargumente f├╝hrt nicht weiter. Stattdessen sollte man den Hetzern immer wieder verdeutlichen, dass sie in der Minderheit sind. Ihr Hass muss ins Leere laufen, verhallen wie einst in der verrauchten, alkoholgeschw├Ąngerten Luft ├╝ber den Stammtischen der Republik. Verbitterte Menschen, die jede Vernunft verweigern, erreicht man allenfalls ├╝ber Ansprachen, die mit Greta Thunberg rein gar nichts zu tun haben, sondern die deren eigene Probleme und Sorgen adressieren.

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Leider erschweren diverse Intellektuelle diesen Ansatz, da sie aus Profitgr├╝nden oder pers├Ânlichen ├ťberzeugungen gezielt versuchen, den tumben Hass des Mobs in gehobene Worte zu fassen, der ├ťberzeugung folgend: Die "Greta-Hasser" h├Ątten mit ihren Vorw├╝rfen gegen das Kind ja recht, die armen Leute k├Ânnten sie nur nicht so gepflegt zum Ausdruck bringen. So liefern sie sich gegenseitig die Stichworte. Das entspricht der klassischen Rechtspopulismus-Strategie, unredliche und falsche Argumente der Stra├če in b├╝rgerliches Gewand zu kleiden. Dieses Vorgehen gilt es zu dekonstruieren.


Schlie├člich leben wir in einer Zeit, in der Medien vermeintliche Heldinnen f├╝r kurze Zeit erzeugen. Hat die ARD ein Interview mit einer gef├╝hrt, taucht sie morgen im ZDF auf. Wer erinnert sich noch an Malala Yousafzai? Nadia Murad? Oder gar an ihre Anliegen? Zeitweise kreisten Medien und Politik allesamt um die jungen Frauen, dann lie├čen sie sie wieder unter die Oberfl├Ąche der Aufmerksamkeit sinken. F├╝r Kritiker ist diese Medienrealit├Ąt eine gute Nachricht: Sie k├Ânnen sich darauf besinnen, dass die f├╝nf Minuten Ruhm der f├╝r sie so missliebigen Stimmen irgendwann enden werden. Also, entspannt euch! Und argumentiert mehr ad rem, weniger ad hominem.

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Religionsp├Ądagogin und Publizistin und Gr├╝nderin des Liberal-Islamischen Bunds e.V. (LIB). Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der Universit├Ąt Duisburg-Essen. Ihr aktuelles Buch hei├čt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie k├Ânnen unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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