Meinung
Was ist eine Meinung?

Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung √ľbernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Wer von √Ėkodiktatur spricht, hat das Problem nicht verstanden

Ein Essay von Jonas Schaible

Aktualisiert am 08.12.2020Lesedauer: 11 Min.
In San Francisco wurde ein Bild von Greta Thunberg an eine Wand gemalt: Die 16-J√§hrige wird f√ľr ihren Aktivismus heftig angefeindet.
In San Francisco wurde ein Bild von Greta Thunberg an eine Wand gemalt: Die 16-J√§hrige wird f√ľr ihren Aktivismus heftig angefeindet. (Quelle: Justin Sullivan/Getty Images)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Die Erderhitzung ist eine Gefahr, die sich von allen anderen unterscheidet. Sie erfordert neues Denken, neue Antworten ‚Äď aber nat√ľrlich keine √Ėkodiktatur.

Wenn man in diesen Tagen verschiedenen Politikern dieselbe Frage stellt, n√§mlich f√ľr welche Art von Problem sie die Erderhitzung halten, dann lautet die erste Erkenntnis, dass unter den Vern√ľnftigen niemand mehr bestreitet, dass sie ein ernstes Problem ist. Auch nicht im sehr konservativen Lager.

Eine zweite Erkenntnis lautet aber, dass die Klimakrise von vielen immer noch als ein normales Problem verstanden wird, dem grundsätzlich zu begegnen ist wie anderen Problemen auch.

Nur ist sie das nicht. Sie ist ein Problem ganz eigener Qualität, und das heißt, dass man auf sie anders reagieren muss.

Um Missverst√§ndnissen, bewussten wie unbewussten, vorzubeugen, sei gesagt, dass sie mitnichten das einzige Problem ist, um das sich Politik k√ľmmern sollte, auch wenn sie √ľber kurz oder lang mit allen anderen Problemen interagiert. Wichtig ist zun√§chst die Einsicht, dass die Klimakrise das √ľbliche Denken herausfordert, dass sie auch Widerspr√ľche erzeugt, die man sich bewusst machen muss, bevor man produktiv mit ihnen umgehen kann.

Man kann, darum geht es, der Klimakrise nicht mit den einge√ľbten Mechanismen der Vernunft begegnen und auch nicht mit den √ľblichen Mitteln der Politik.

ANZEIGEN
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Meistgelesen
Die Schlinge zieht sich zu
Wladimir Putin: Russlands Pr√§sident muss im Angriffskrieg gegen die Ukraine immer mehr R√ľckschl√§ge hinnehmen


Die alles verändernde Gestalt

Rauch von Waldbränden verdunkelt den Himmel nahe St. Albans in Australien: Kinder, die heute geboren werden, könnten noch die heißeste Welt erleben, auf der je ein Mensch lebte.
Rauch von Waldbränden verdunkelt den Himmel nahe St. Albans in Australien: Kinder, die heute geboren werden, könnten noch die heißeste Welt erleben, auf der je ein Mensch lebte. (Quelle: Sam Mooy/Getty Images)

Der erste Grund daf√ľr liegt im schieren Ausma√ü der anstehenden Ver√§nderung. Der Mensch als Art, also der Homo sapiens, entwickelte sich vor rund 300.000 Jahren in einer Phase, in der sich ausgedehnte Eiszeiten mit kurzen Warmzeiten abwechselten. Vor etwa 20.000 Jahren begann es, wieder etwas w√§rmer zu werden und vor etwa 11.700 Jahren stabilisierte sich das Klima.

Erdhistorisch gesehen im nächsten Moment schufen Menschen die ersten Siedlungen, damals unterschied sich das Klima nicht wesentlich von heute. Gut möglich, dass nur unter den Bedingungen dieses stabilen Weltklimas das entstehen konnte, was wir Zivilisation nennen.

Diese Phase geht gerade zu Ende, wenn nicht sehr schnell sehr radikal Treibhausgasemissionen zur√ľckgefahren werden.

Die Erderhitzung, die selbst dann am Ende des Jahrhunderts zu erwarten w√§re, w√ľrden alle Staaten ihre selbst gesteckten Klimaziele einhalten, liegt Prognosen zufolge zwischen 2 und 4 Grad Celsius gegen√ľber der vorindustriellen Zeit. M√∂glicherweise weit dar√ľber. Dann n√§mlich, wenn die sogenannten Kipppunkte erreicht werden, wenn das Eis an den Polen schmilzt, die Permafrostb√∂den tauen, der Amazonas-Regenwald stirbt und sich der Prozess selbst verst√§rkt.

Es war zwar zwischendurch schon einmal viel wärmer als heute, als schon Menschen lebten. Aber eine drei oder vier Grad wärmere Erde hat noch kein Mensch gesehen. Wenn sich nichts ändert, werden Kinder, die heute geboren werden, noch eine heißere Welt erleben als jemals irgendein Mensch zuvor.

Niemand wei√ü, ob Zivilisationen, wie wir sie kennen, in einer drei oder vier oder f√ľnf Grad hei√üeren Welt existieren k√∂nnen. Der Mensch ist ungemein anpassungsf√§hig, aber es w√§re ein Experiment mit ungewissem Ausgang.

Sie ist allumfassend

Ein Mann steht in der indonesischen Millionenstadt Jakarta in Schaum in einem Kanal und wirft ein Fischernetz aus: Der Mensch ist Teil der Natur.
Ein Mann steht in der indonesischen Millionenstadt Jakarta in Schaum in einem Kanal und wirft ein Fischernetz aus: Der Mensch ist Teil der Natur. (Quelle: Dasril Roszandi/imago)

Solange das Klima stabil war, konnte man daran glauben, dass der Mensch losgel√∂st von der Natur existiert. Darauf gr√ľnden schlie√ülich die moderne Gesellschaft und das moderne Denken: auf der Verf√ľgbarkeit der Natur und ihrer Differenz zum Menschen. Der Mensch baggert und bohrt und betoniert und rodet und sch√ľrft und pumpt und mehrt so seinen Wohlstand. Er unterscheidet Kultur und Natur, Denken und Instinkt, Mensch und Tier.

Nur, das r√ľckt jetzt wieder ins Bewusstsein, ist der Mensch Teil der Natur, nicht in einem esoterischen Sinne, sondern ganz unmittelbar k√∂rperlich: Er schwitzt, friert, hungert, d√ľrstet, baut Nahrung an. Wenn sich das Klima ver√§ndert, sp√ľrt er das.

Da sich das gesamte Klima √§ndert, trifft es alle Menschen √ľberall, die Klimakrise ist anders als normale politische Probleme nicht r√§umlich und zeitlich beschr√§nkt. Es gibt keine Lebensbereiche, die nicht von einer Erderhitzung betroffen sind, und es gibt keine Regionen, die nicht betroffen sind. Selbst am Polarkreis brennen W√§lder.

Alles, was alle Menschen tun und sind, wird durch die Erderhitzung beeinflusst. Es gibt kein Außerhalb der Klimakrise.

Viel Zeit ist nicht mehr

Politik ist menschengemacht und was menschengemacht ist, ist dem menschlichen Einfluss zug√§nglich. Normale politische Probleme k√∂nnen jetzt gel√∂st werden oder sp√§ter oder nie. Selbst ein Krieg kann prinzipiell zu jedem Zeitpunkt beendet werden, wenn sich alle Seiten darauf einlassen. Normale politische Probleme sind verf√ľgbare Probleme, weil das Handeln zu einem Zeitpunkt die Handlungsm√∂glichkeiten und Notwendigkeiten zu einem sp√§teren Zeitpunkt nur beeinflusst, aber nicht bestimmt.

Die Erderhitzung ist anders, ist nicht beliebig verf√ľgbar. Sie kann entweder sehr schnell noch einged√§mmt werden, oder sehr bald nicht mehr, weil dann Kipppunkte aktiviert werden und sich der Prozess der Erhitzung dem Zugriff des Menschen entzieht.

Bernd Ulrich, der stellvertretende Chefredakteur der "Zeit", bezeichnet in seinem Buch "Alles wird anders" die Klimakrise als kumulativ: Jedes Molek√ľl eines Treibhausgases, das in diesem Jahr ausgesto√üen wird, muss n√§chstes Jahr zus√§tzlich eingespart werden. Mit jedem Moment der Verz√∂gerung w√§chst die Aufgabe im n√§chsten Moment. Je l√§nger wir nichts tun, desto schwerer wird es, zu handeln, desto h√∂her werden die Kosten und desto einschneidender die notwendigen Ma√ünahmen.

Das widerspricht der Gewohnheit und auch den √ľblichen Methoden politischen Handelns.

Sie verkehrt Bewahren und Verändern

Ein Buschfeuer brennt nahe Colo Heights in Australien: L√§ngere D√ľrren machen gro√üe Br√§nde wahrscheinlicher und zerst√∂rerischer.
Ein Buschfeuer brennt nahe Colo Heights in Australien: L√§ngere D√ľrren machen gro√üe Br√§nde wahrscheinlicher und zerst√∂rerischer. (Quelle: Brett Hemmings/Getty Images)

Daraus folgt eine Tatsache, die der Intuition sogar noch stärker widerspricht. Sie lautet, auf eine Formel gebracht: Veränderung ist Bewahrung, Bewahrung ist Zerstörung, Mäßigung ist Übermaß.

Es gibt keine M√∂glichkeit mehr, unsere Art des Lebens im fossilen Kapitalismus einfach zu erhalten. Der Status quo ist nicht erhaltbar. Erst recht gibt es keine R√ľckkehr in ein Fr√ľher, in einen Status quo ante. Ver√§nderung ist an dem Punkt, an dem wir stehen, unausweichlich. Die Frage ist allein, wie diese Ver√§nderung aussieht und ob sie gesteuert wird.

An diesem Punkt m√ľssen wir mit ganz neuen Wirkungszusammenh√§ngen zurechtkommen: Nur wer m√∂glichst schnell, aber kontrolliert radikale Ver√§nderungen anst√∂√üt, kann die Lebensweise, wie wir sie gewohnt sind, n√§herungsweise erhalten. Wer dagegen noch eine Weile an genau dieser Lebensweise festh√§lt, garantiert, dass sie sich k√ľnftig radikal, aber unkontrolliert ver√§ndert.

Loading...
Loading...
Loading...

Damit kehren sich auch die Bedeutungen der √ľblichen politischen Identit√§ten um: Der Konservatismus, erst recht aber reaktion√§re Haltungen, werden pl√∂tzlich revolution√§r. Revolution√§re oder radikale Forderungen nach Ver√§nderung werden ihrem Wesen nach konservativ.

Solche Sätze klingen zunächst verdächtig nach George Orwell, nach Formeln wie "Krieg ist Frieden" oder "Freiheit ist Sklaverei". Wir sind darauf trainiert, in ihnen Manipulation zu vermuten. Nur ändert sich angesichts der Klimakrise die Bedeutung der Begriffe nicht, wohl aber die Mittel, sie zu sichern.

Freiheit wird zum knappen Gut

Greta Thunberg vor ihrer Reise nach New York: Die Aktivistin hat eine globale Klimaschutzbewegung inspiriert.
Greta Thunberg vor ihrer Reise nach New York: Die Aktivistin hat eine globale Klimaschutzbewegung inspiriert. (Quelle: Kirsty Wigglesworth/WPA Pool/Getty Images)

Dasselbe gilt f√ľr die Idee der Freiheit. Auch hier m√ľssen wir mit einer Verkehrung des Gewohnten leben: Klassischer Liberalismus, verstanden als Freiheit, sich f√ľr alles (also auch die fossile Lebensweise) und gegen alles (also auch Klimaschutz) zu entscheiden, sichert keine Freiheit, er zerst√∂rt sie unweigerlich.

Weil die Aufgaben mit jeder aufgeschobenen Gegenmaßnahme immer größer, die notwendigen Einschnitte wirksamer Klimaschutzpolitik immer tiefer oder im Fall des Nichthandelns die Folgen immer existenzieller werden, wird Freiheit zu einer Art knappem Gut: Je mehr Freiheit zum Nichthandeln wir uns jetzt herausnehmen, desto weniger Freiheit werden schon jetzt geborene Kinder als Erwachsene haben.

Schon kleine Schwankungen des Klimas haben gravierende Folgen: Es gibt beispielsweise Forscher, die einen Vulkanausbruch 1783 f√ľr steigende Brotpreise und den Ausbruch der Franz√∂sischen Revolution mit verantwortlich machen. Schon ein einziger D√ľrresommer in Europa 2018 f√ľhrte dazu, dass die Getreideernte in diesem Jahr weltweit den Bedarf nicht mehr deckt (noch gibt es aber Reserven).

David Wallace-Wells zitiert in seinem Buch "Die unbewohnbare Erde" Berechnungen, wonach die Erderhitzung bis zum Ende des Jahrhunderts das globale Bruttosozialprodukt um mehr als 20 Prozent senken k√∂nnte, verglichen mit einer Welt ohne Erderhitzung, wie wir sie gewohnt sind ‚Äď das w√§re ein tieferer Einschnitt als durch die "Great Depression" von 1929.

Gegenden, die von verheerenden Naturkatastrophen getroffen werden, brauchen Monate und Jahre, um sich davon zu erholen. Wenn Naturkatastrophen häufiger und heftiger auftreten, könnten viele Gesellschaften aus dem reaktiven Wiederaufbau gar nicht mehr herauskommen. Jeder Versuch, dauerhaft Infrastruktur aufzubauen, könnte dann scheitern.

Unter diesen Bedingungen w√ľrde Freiheit zu einer blo√üen Behauptung ‚Äď faktisch w√ľrde das Leben der meisten Menschen von existenziellen Notwendigkeiten bestimmt.

Die demokratietheoretische Herausforderung

Die Aktivistin Clara Meyer hebt auf einer Demonstration in Berlin die linke Faust: Die Klimasch√ľtzer fordern, dass sich Staaten ans Pariser Abkommen halten.
Die Aktivistin Clara Meyer hebt auf einer Demonstration in Berlin die linke Faust: Die Klimasch√ľtzer fordern, dass sich Staaten ans Pariser Abkommen halten. (Quelle: Christian Ditsch/epd-Bild)

An dieser Stelle wird die Klimakrise zur ernsthaften demokratietheoretischen Herausforderung, auch wenn "Fridays for Future" nur das Einhalten des Pariser Abkommens einfordern, also etwas, wozu sich Staaten freiwillig verpflichtet haben. Man braucht nur eine einzige Annahme f√ľr so etwas wie eine Letztbegr√ľndung der Demokratie, n√§mlich die Gleichheit aller Menschen. Dann gilt n√§mlich, dass kein einzelner Mensch beanspruchen kann, zu wissen, was gut und richtig ist. Also ist nur ein politisches System legitim, in dem alle Gleichen gemeinsam im Prozess definieren, was gut und richtig ist: Demokratie.

Nur muss die Erderhitzung eben jetzt bekämpft werden oder in wenigen Jahrzehnten wird Freiheit unkontrolliert aufgezehrt, durch Naturkatastrophen, kollabierende Wirtschaften und permanenten existenziellen Notstand. Unter diesen Umständen wird die gemeinsame Suche nach dem Guten und Richtigen so sehr eingeschränkt sein, dass von einem demokratischen Prozess kaum noch die Rede sein kann.

Daraus folgt: Wer heute daran festh√§lt, dass es kein politisches Ziel geben kann, das infrage steht, solange Freiheitsrechte und Menschenrechte gewahrt werden, zerst√∂rt die Bedingungen k√ľnftigen demokratischen Handelns. Wer aber deshalb jetzt wirksamen Klimaschutz als politisches Ziel f√ľr unverhandelbar erkl√§rt, verst√∂√üt jetzt gegen den Urgrundsatz der Demokratie.

Das ist ein echtes Dilemma, es ist also nicht aufzulösen und nicht wegzubekommen. Wer nur eine Seite davon betrachtet, macht es sich unzulässig einfach.

Das Scheinproblem der √Ėkodiktatur

Wegen dieser demokratischen Herausforderung sind √ľberzeugte Klimasch√ľtzer_innen wie Greta Thunberg oder von "Extinction Rebellion" in den Ruf geraten, Antidemokrat_innen zu sein ‚Äď nicht wegen ihrer ideologischen Sturheit, die ihnen mitunter auch gezielt vorgeworfen wird, um sie zu delegitimieren.

Es mag gewiss auch einige Antidemokrat_innen in der Klimaschutzbewegung geben, doch der große Rest, zu dem auch Greta Thunberg gehört, handelt ebenso wie seine Gegner in einer Lage, die keinen guten Ausweg bietet. Man kann unter den Bedingungen der Erderhitzung die Demokratie, wie wir sie kannten, nicht nicht strapazieren.

Trotzdem ist die oft gestellte Frage, ob man lieber in einer √Ėkodiktatur die Erderhitzung eind√§mmen oder in einer Demokratie die Erderhitzung geschehen lassen wolle, Spiegelfechterei, ein R√§tsel ohne Nutzen, ein Scheinproblem. Ausgerechnet das popul√§rste Dilemma in diesem Zusammenhang ist in Wahrheit gar keines.

Das liegt an der Natur einer Diktatur: In autorit√§ren Systemen verliert der Einzelne, der in einer Demokratie politisches Subjekt war, das frei politisch handeln kann, seine Handlungsf√§higkeit. Er kann nur noch mit Bezug auf das Herrschaftssystem handeln: sich dagegen auflehnen oder das tun, was von oben als m√∂glich vorgegeben wird. Er kann sich nicht entscheiden, was er fordern und umsetzen will ‚Äď und k√∂nnte er es, w√ľrde er von oben nicht eingeschr√§nkt, l√§ge keine Diktatur mehr vor.

Was politisch gewollt und getan wird, liegt in autorit√§ren Systemen in der Hand der wenigen Herrschenden, die erfahrungsgem√§√ü auf Bereicherung und Korruption setzen, also die unwahrscheinlichsten Klimasch√ľtzer sind. Aber selbst wenn sie als Klimasch√ľtzer antr√§ten, k√∂nnte niemand kontrollieren, ob sie es wirklich umsetzen, sobald sie an der Macht w√§ren.

Man kann sich also f√ľr Klimaschutz oder gegen Klimaschutz in einer Demokratie entscheiden, aber man kann sich nicht f√ľr oder gegen Klimaschutz in einer Diktatur entscheiden ‚Äď man kann sich nur f√ľr eine Diktatur entscheiden und dann zum Untertan werden.

Die wahre Frage, die vom Gerede einer √Ėkodiktatur verdeckt wird, lautet, wie sehr gew√§hlte demokratische F√ľhrung bereit ist, ihre eigenen Handlungsoptionen zu nutzen und Klimaschutz auch dort einzufordern und anzusto√üen, wo nicht in jedem Einzelfall schon Umfragemehrheiten existieren.

Das n√§mlich darf sie selbstverst√§ndlich, sie darf dann versuchen, dieses Handeln zu begr√ľnden, zu verteidigen, Menschen zu √ľberzeugen, und sich ihnen dann gegen√ľber zu verantworten ‚Äď auch in freier Wahl. Demokratische Repr√§sentation muss nicht wie eine Maschine vermuteten Volkswillen exekutieren ‚Äď sie beh√§lt ihre demokratische Handlungsf√§higkeit und darf nach bestem Wissen und Gewissen auch: f√ľhren.

Und das ist auch der einzige Ausweg aus dem Dilemma: Jetzt alle demokratischen Mittel der Überzeugung zu nutzen, um die Bedingung der Möglichkeit von Demokratie auch in Zukunft zu erhalten. Aus Angst vor Gelbwesten mit den Achseln zu zucken, ist dagegen Kapitulation der Demokratie vor sich selbst.

Der Schrecken liegt in der Komplexität

In San Francisco wurde ein Bild von Greta Thunberg an eine Wand gemalt: Die 16-J√§hrige wird f√ľr ihren Aktivismus heftig angefeindet.
In San Francisco wurde ein Bild von Greta Thunberg an eine Wand gemalt: Die 16-J√§hrige wird f√ľr ihren Aktivismus heftig angefeindet. (Quelle: Justin Sullivan/Getty Images)

Dass wir √ľberhaupt an diesem Punkt stehen, an dem der Zeitdruck derart √ľberw√§ltigend geworden ist, liegt nat√ľrlich auch an Eigenarten der Klimakrise und der sie kommunizierenden Systeme.

Wissenschaft ist ein strukturell vorsichtiges Unterfangen. Wissenschaftler behandeln nur das als gesichertes Wissen, was wirklich √ľber jeden Zweifel erhaben ist, und sie erheben den Zweifel zur Tugend. Sie haben deshalb Tempo und Dramatik der Erderhitzung eher √ľbervorsichtig kommuniziert und konnten gar nicht anders, ohne aus der Rolle zu fallen und ihre Autorit√§t zu riskieren.

Sogar diese vorsichtigen Warnungen wurden allerdings von gro√üen Teilen der √Ėffentlichkeit als schrill und alarmistisch verstanden.

Das liegt auch an gezielten Kampagnen, die Zweifel s√§en sollten, aber auch daran, dass das Ph√§nomen derart existenziell und unerh√∂rt ist, und daran, dass das Ende der Welt, wie wir sie kannten, notwendigerweise unwahrscheinlich erscheint ‚Äď umso mehr, weil Endzeitprognosen bisher immer falsch waren, weil "die Apokalypse (...) auserz√§hlt" ist, wie der "Zeit Online"-Redakteur Johannes Schneider in einem Essay argumentiert.

Auch Medien trugen ihren Teil dazu bei: Sie haben im Bem√ľhen, zu vereinfachen, die steigenden Meeresspiegel zum Symbol der Erderhitzung gemacht. Dass Eis schmilzt, ist die am einfachsten verst√§ndliche Folge einer sich erw√§rmenden Erde. Nur trug genau das dazu bei, dass wenig Dringlichkeit empfunden wurde: So ein Meeresspiegel steigt langsam und nur an den K√ľsten, man hat Zeit, Deiche und D√§mme zu bauen. Insofern muss man also feststellen: Gerade die Vereinfachung hatte Verharmlosung zur Folge.

Der wahre Schrecken liegt in der Wechselwirkung, in sich selbst verst√§rkenden Prozessen, in der Gleichzeitigkeit von D√ľrren und Starkregen, Waldbr√§nden und √úberschwemmungen, St√ľrmen und Meeresspiegelanstieg √ľberall auf der Welt, also: in der Komplexit√§t.

Doch bis vor Kurzem haben sich Medien selbst eingeredet, die Klimakrise lasse sich so schlecht erz√§hlen, gerade weil sie so komplex und strukturell sei ‚Äď und erst festgestellt, dass das nicht stimmt, als sie aufgeh√∂rt haben, sich selbst glauben zu wollen.

Loading...
Symbolbild f√ľr eingebettete Inhalte

Embed

Auf ewig f√ľnf vor zw√∂lf

Will man sich nun von der Problembeschreibung einer L√∂sung zuwenden, muss man sich zwei weitere Paradoxien bewusst machen. Einerseits ist da diese Merkw√ľrdigkeit, dass es seit Ewigkeiten in den Warnungen "f√ľnf vor zw√∂lf" ist: Wer vor der Erderhitzung warnt, sagt am Ende meist, dass noch Zeit sei, um zu handeln. Das stimmt wahrscheinlich, vielleicht stimmt es nicht mehr oder bald nicht mehr, auf jeden Fall wirkt es merkw√ľrdig ritualisiert und damit unglaubw√ľrdig.

Aber es gibt keine Alternative: Nur wenn wir die eigene Handlungsfähigkeit behaupten, können wir handlungsfähig bleiben.

Weil die Erderhitzung nicht nur, wie in diesem Text ausgef√ľhrt, ein qualitativ neues politisches Problem ist, sondern auch ein graduelles, weil also jedes Zehntelgrad mehr oder weniger sp√ľrbare Folgen hat, h√§tte Nichtstun noch katastrophalere Folgen als fast nichts tun.

Zuletzt ist da das Problem, dass jede Ma√ünahme gegen die Erderhitzung nur einen kleinen Teil beitragen kann und dass zu den notwendigen Ma√ünahmen auch neue Technik geh√∂rt, die es beispielsweise erlaubt, im gro√üen Stil CO2 aus der Atmosph√§re abzusaugen und zu binden. Ohne diese neuen Technologien, die wir im Grundsatz kennen, aber noch nicht wirklich nutzen k√∂nnen, wird es nicht gehen, sagt auch der Weltklimarat. Wir m√ľssen also auf diesen Gott als Maschine hoffen. Aber wenn wir uns darauf verlassen, dass wieder einmal Technik die L√∂sung bringen wird, wird uns auch dieser Gott nicht helfen k√∂nnen.


Gut m√∂glich, dass es daf√ľr sowieso zu sp√§t ist, dass sp√§testens die Kinder der Kinder, die in diesen Tagen auf die Welt kommen, eine Welt erleben, die wir nicht mehr wiedererkennen w√ľrden. Wenn eine Chance bestehen soll, dann ist daf√ľr dies die Voraussetzung: nicht nur anzuerkennen, dass die Klimakrise Wirklichkeit ist, sondern auch die Wirklichkeit der Klimakrise anzuerkennen.

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Neueste Artikel
  • Johannes Bebermeier
Von Johannes Bebermeier
AustralienBrandNaturkatastropheNew YorkSan Francisco
Aktuelles zu den Parteien

Politik international




t-online - Nachrichten f√ľr Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Ströer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverlängerung FestnetzVertragsverlängerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website