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Corona-Krise: Keiner mag die Masken – wir müssen sie aber trotzdem tragen!

MEINUNGDie Gefahr einer zweiten Welle  

Seid ihr noch zu retten?

Eine Kolumne von Lamya Kaddor

25.06.2020, 16:12 Uhr
Corona-Krise: Keiner mag die Masken – wir müssen sie aber trotzdem tragen!. Menschenmassen in der Innenstadt von Würzburg: Eine Gesichtsmaske trägt hier kaum jemand. (Quelle: imago images/Ralph Peters)

Menschenmassen in der Innenstadt von Würzburg: Eine Gesichtsmaske trägt hier kaum jemand. (Quelle: Ralph Peters/imago images)

Am Horizont droht sich eine zweite Corona-Welle aufzubauen. Wenn wir uns im Alltag nicht zusammenreißen, wird sie über uns hereinbrechen und unser bisheriges Leben hinwegspülen, mahnt t-online.de-Kolumnistin Lamya Kaddor.

Mieterhöhungen? Sollen gesetzlich geregelt werden. Kopftuch tragen? Soll gesetzlich geregelt werden. Mund-Nasen-Masken? Sollen gesetzlich geregelt werden. Bei Verstößen hagelt es Straf- und Bußgelder. Wir schaffen es nicht, uns als Gesellschaft zu disziplinieren und die Vernunft walten zu lassen. Offenbar ist es nicht mehr so weit hin mit den berühmten Preußischen Tugenden Ordnung und Fleiß. Oder gilt das nur für Berlin?

Der Senat hat jetzt die Einführung von Bußgeldern beschlossen. 50 Euro und bei wiederholtem Verstoß gegen die Maskenpflicht bis zu 500 Euro muss in der Hauptstadt bezahlen, wer sich etwa ohne Maske in öffentliche Verkehrsmittel begibt. Das könnte ein echtes Konjunkturprogramm für die Stadt werden angesichts der aktuellen Heerscharen an Maskenmuffeln. Da bleibt der Politik kaum etwas anderes übrig, als die Gesetzeskeule zu schwingen.

Masken sind effektiv – warum tragen wir sie nicht einfach?

Was ist los mit uns? Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass Masken effektiv bei der Eindämmung des Coronavirus sind. Warum fällt es dann so schwer, die Dinger zu tragen? Ich selbst kann sie auch nicht leiden. Keiner kann sie leiden. Sie nerven. Man schwitzt darunter, sie erschweren das Atmen, zwicken, rutschen in die Augen, taugen nicht mal als stylisches Accessoire. Aber sie retten Leben. Nicht irgendwelche, sondern die unserer eigenen Familien. Unserer Eltern, unsere Omas und Opas.

Doch statt Vorsicht herrscht Rücksichtslosigkeit. Tausende feiern auf dem Landwehrkanal Partys. Bei der Krawallnacht von Stuttgart trug fast niemand eine Maske; sicherlich ein Randaspekt der hemmungslosen Gewaltorgie, keine Frage, aber eben ein Aspekt. Familien treffen sich in größerem Kreise zu Feiern und Grillfesten, als sei alles wieder beim Alten. Bei Gottesdiensten und religiösen Treffen kuscheln sich Gläubige in engen Räumen eng aneinander. In Fitnessstudios wird trainiert, als gäbs kein Morgen mehr. Für die Verantwortlichen in der Fleischindustrie bei Tönnies, Westfleisch, Wiesenhof oder sonstwo scheint das Virus ähnlich wie für die Verschwörungstheoretiker gar nicht zu existieren. Sie lassen ihre Arbeiterinnen und Arbeiter einfach ihr blutiges, unterbezahltes Tagewerk verrichten wie eh und je. Und wann und warum hat sich eigentlich herumgesprochen, dass es irgendwie lässig sei, Mund-Nasen-Masken unter der Nase zu tragen? Oder sich die Dinger unters Kinn zu klemmen?

Für viele geht es nur ums Überleben

Seid ihr noch zu retten? Wem schon das Leben seiner Angehörigen und Freunde egal ist, dem sollte vielleicht klar werden, dass wir einen zweiten großen Lockdown wirtschaftlich kaum überstehen werden. Jenseits von Toilettenpapier-, Mehl- und Hefeproduzenten stehen viele Betriebe kurz vor dem Ruin. Sie können allenfalls damit rechnen, die Ausfälle von März, April und Mai bis Ende des Jahres im Rahmen zu halten. Von nötigen Investitionen können sie nur träumen. Ihr einziges Ziel heißt: Überleben. Das gilt nicht nur für große Namen wie Vapiano, Maredo, Galeria Karstadt Kaufhof, Lufthansa. Auch der eigene Stammfriseur, das Lieblingsrestaurant und die Eisdiele des Vertrauens drohen, kaputt zu gehen. In Gütersloh und Warendorf bekommen sie gerade einen ersten Vorgeschmack.

Keiner dieser Betriebe kann noch einmal Wochen ohne Einnahmen überstehen. Dann bricht vielleicht nicht sofort der eigene Arbeitsplatz weg, weil man selbst ja Krankenpfleger ist, Lehrerin, oder Arzt und damit systemrelevant, aber womöglich der Job der Eltern, der Freunde und der Bekannten. Das selbstsüchtige St.-Florians-Prinzip jedoch: "Heiliger Sankt Florian, verschon’ mein Haus, zünd’ and’re an!" holt einen irgendwann ein, das Feuer wird aufs eigene Haus übergreifen.

Eine weitere Krise kann Deutschland nicht verkraften

Niemand braucht dann darauf zu setzen, dass der Staat kommt und Feuerwehr spielt. Eine weitere Krise kann er nicht wegstecken. Auch der international betrachtet äußerst gesunde deutsche Staat vermag nach den bereits aufgenommenen Rekordschulden einen zweiten Lockdown nicht zu stemmen. Zumal schon die vielen Finanzzusagen aus der ersten Corona-Welle bei vielen kleinen und großen Unternehmerinnen und Unternehmern gar nicht angekommen sind oder höchstens ein Tropfen auf den heißen Stein waren.

Aber es geht nicht nur um "the economy, stupid!" Wer auf die Wirtschaft pfeift ("Sind doch eh alles nur raffgierige Kapitalisten!"), kann sich vielleicht für das Wohl von Kindern erwärmen. Oder sollen die noch ein Halbjahr verlieren, weil sie nicht in die Schulen dürfen, nicht in Kindergärten und Kitas? Diese Einschränkungen gehen primär auf die Kosten jener Menschen, die eh schon in prekären Verhältnissen leben. Ihre Lage wird verschlimmert.

Wohlhabende Oberschichtler würden es am Ende wahrscheinlich irgendwie noch einmal hinkriegen, Erzieherin oder Erzieher zu spielen oder Nachhilfe zu finanzieren. Die soziale Spaltung der Gesellschaft wird dadurch weiter vertieft. Ist es das wert, dessen ungeachtet der Eigensucht zu frönen?

Wenigstens ihr eigener Frieden sollte den Menschen etwas bedeuten

Nun gut, da draußen wird es auch Leute geben, denen selbst Familien scheißegal sind, weil die eigene nichts taugt, weil sie selbst noch zu jung für eine Familie sind oder weil sie darin für sich keinen Wert sehen. All diesen Menschen liegt aber letzten Endes etwas am gesellschaftlichen Frieden. An jenem Frieden nämlich, der es ihnen erst ermöglicht, ihr Ding machen zu können.

Wenn schon die erste Corona-Welle, bei der die absolut überwiegende Mehrheit der Deutschen anstandslos in die Einschränkungen zur Eindämmung der Pandemie eingewilligt hat, einflussreiche Anti-Corona-Bewegungen heraufbeschworen und ehemals geschätzte Persönlichkeiten ins Aluhut-Lager treiben konnte, dann wird eine zweite Corona-Welle wesentlich größere Widerstandsgruppen und gesellschaftliche Verwerfungen entstehen lassen. Wer daran zweifelt, sollte sich Trump’s USA anschauen und die Entwicklungen der kommenden Monate dort verfolgen.

Drosten und Co. sind Spielverderber

In dem aktuell laxen Umgang vieler Menschen mit der Corona-Pandemie hierzulande zeigen sich die Folgen der "Lockerungsorgien" von Anfang Mai. Es ist ein Ergebnis der vor allem von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und anderen Länderchefinnen und -chefs vorangetriebenen Exitstrategien. Gemäß dem Präventionsparadox des britischen Epidemiologen Geoffrey Rose scheint es nun so, als gebe es SARS-CoV-2 gar nicht. Gelingende Eindämmung der Infektionen lässt das Virus zunehmend unsichtbar werden. Coronavirus? Was ist das?

Die Mahner um den Virologen Christian Drosten, die damals zu Vorsicht aufgerufen hatten, wurden als Spielverderber gebrandmarkt, verdammt und sogar bedroht. Sie sollten gefälligst wieder zurück ins Glied treten. Dabei lehrt schon allein die Vernunft, nur eine Politik, die die richtige Balance zwischen wirtschaftlichen und epidemiologischen Anforderungen wahrt, kann erfolgreich sein. 

Die Verantwortung in Deutschland trägt der Bürger

Deutschland ist eines der wenigen Länder, wie das dramatische Versagen von Regierungen rund um den Globus beweist, das von seiner politischen Kultur und seinen gesellschaftlichen Anlagen her die nötige Ausgewogenheit umsetzen kann. Dafür aber müssen wir als Bevölkerung unseren Beitrag leisten. Wir sind es nämlich, die die Politik vor sich hertreiben. In anderen Ländern mag das umgekehrt sein, hier nicht.

Niemand will in einem Deutschland leben, in dem am Ende alles gesetzlich geregelt und von Ordnungskräften mit Gewalt durchgesetzt werden muss. Dafür ist es aber unsere verdammte Pflicht, uns an die Corona-Maßnahmen zu halten. Ohne uns geht es nicht. Am Horizont ganz weit hinten ist die zweite Welle des Coronavirus schon erkennbar. Wenn jede und jeder von uns sich jetzt nicht im Alltag diszipliniert, wird sie über uns hereinbrechen und unser bisheriges Leben hinwegspülen. Reißen wir uns also am Riemen.  

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin, Publizistin und Gründerin des Liberal Islamischen Bunds e.V. (LIB). Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der Universität Duisburg-Essen. Ihr aktuelles Buch heißt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie können unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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