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Corona-Krisenmanagement: Was Deutschland von München lernen kann

Krisenmanagement in der Pandemie  

Corona: Was Deutschland von München lernen kann

Von Patrick Mayer, München

08.10.2020, 18:55 Uhr
RKI meldet mehr als 4000 Neuinfektionen in Deutschland

In Deutschland ist die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus auf über 4000 gestiegen. Binnen 24 Stunden seien 4058 Ansteckungsfälle von den Gesundheitsämtern gemeldet worden, teilte das Robert-Koch-Institut (RKI) am Donnerstag mit.

"Möglich, dass wir 10.000 neue Fälle pro Tag sehen": RKI-Chef Lothar Wieler zeigte sich über die steigenden Corona-Neuinfektionen pro Tag alarmiert.. (Quelle: Reuters)


München bekommt binnen kürzester Zeit seine Corona-Zahlen wieder in den Griff, während in Berlin die Neuinfektionen steigen und Aktionismus herrscht. Wie die bayerische Landeshauptstadt durchgegriffen hat – und wie der Rest der Republik von den Erfahrungen profitieren könnte.

Es ist Mittwoch, der 7. Oktober, 15.55 Uhr, München. U-Bahnstation Sendlinger Tor, ein hochfrequentierter Verkehrsknotenpunkt im öffentlichen Nahverkehr zwischen Stachus, Marienplatz und Isar. Hier kreuzen sich acht Münchner U-Bahnlinien. Es ist viel los. Sehr viel an diesem Nachmittag.

München setzt die Maskenpflicht strikt durch

Aber in der U8 geht nichts voran. Sie steht, minutenlang. Der Schaffner macht eine Durchsage: "U-Bahnwache, bitte vor zum ersten Waggon!", hallt es durch die Katakomben. In neongelb-blauen Uniformen schreiten zwei Sicherheitsbeamte eilig an die Spitze des Zuges und zitieren einen Mann heraus. Er hat sich offenbar geweigert, eine Mundschutzmaske zu tragen. Und damit die allgegenwärtige Schutzmaßnahme gegen das heimtückische Coronavirus missachtet.

Doch das wird nicht gebilligt – und jetzt auch geahndet. Es ist eine Beobachtung, die sich durch die gesamte Corona-Krise zieht: In München wird Maske getragen. Kollektiv. Und zwar überall dort, wo es von der Politik teils mit wöchentlich modifizierten Verordnungen eingefordert wird.

Mit dieser strengen Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr, in der Gastronomie und in Geschäften inklusive eines Bußgeldes über 250 Euro bei Zuwiderhandlung bekamen die Münchner den jüngsten Anstieg an Covid-19-Neuinfektionen (halbwegs) in den Griff.

Das Wetter trieb die Menschen ins Freie – die Zahlen stiegen

Ein Rückblick: Am Donnerstag, 17. September, hatte die bayerische Landeshauptstadt die Schutzmaßnahmen entschieden verschärft. Die Corona-Zahlen waren, das zeigten die Erhebungen des Gesundheitsamtes und die Bekanntmachungen der Stadt, in die Höhe geschossen. Die 7-Tage-Inzidenz stieg binnen weniger Tage von rund 35 auf 45 und schließlich kurzzeitig auf über 55. Markant: Es war in den Tagen zuvor nochmal spätsommerlich warm geworden.

Und zum Selbstverständnis des Münchners gehört es, nach draußen zu strömen, wenn es warm wird: An den Gärtnerplatz im Glockenbachviertel, an das Isarufer zwischen Reichenbachbrücke am Deutschen Museum und Flauchersteg in Thalkirchen, an den malerisch prächtigen Odeonsplatz, in den Englischen Garten zwischen Maxvorstadt und Schwabing. Zu Hunderttausenden flanieren die Einheimischen dann durch ihre Stadt, die sie dem Vernehmen nach so sehr lieben. "Mia san mia" lässt grüßen.

Hinweisschild am Viktualienmarkt: Auf diesem und anderen zentralen Plätzen Münchens gilt tagsüber und abends eine Maskenpflicht. (Quelle: imago images/Sammy Minkoff)Hinweisschild am Viktualienmarkt: Auf diesem und anderen zentralen Plätzen Münchens gilt tagsüber und abends eine Maskenpflicht. (Quelle: Sammy Minkoff/imago images)

Die Stadt blieb knallhart

Diese Liebe wurde an jenem 17. September aber auf eine harte Probe gestellt. Zur Einordnung: Zwei Tage später wäre eigentlich der Wiesn-Anstich gewesen, jener Tag, für den die Münchnerinnen und Münchner in der Regel zu abertausenden ihre Dirndl und Lederhosen aus dem Schrank holen. Das Oktoberfest wurde aber schon vor Monaten abgesagt. Sichtlich geknickt verkündete Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) nochmals schärfere Corona-Maßnahmen. Reiter gilt selbst, das muss man wissen, als gesellig, wollte "ja eigentlich das erste Fass anzapfen", wie er in einem Interview sagte.

Doch die Stadt blieb knallhart. Am Samstag, 19. September, patroullierte die Polizei in hoher Mannschaftsstärke unterhalb der Bavaria – Spontanfeiern sollten verhindert werden. Per Allgemeinverfügung erließ die Verwaltung ein Alkoholverbot für die Theresienwiese, das eigentliche Oktoberfest-Gelände. Zudem durfte zwischen Freitagabend, 21 Uhr, und Sonntagfrüh, 6 Uhr, im gesamten Stadtgebiet kein Alkohol verkauft werden. Mehr noch: Im öffentlichen Raum durfte zwischen 23 Uhr abends und 6 Uhr morgens kein Alkohol konsumiert werden.

Die Sperrstunde zeigte offenbar Wirkung

Zwischen 24. September und 31. September beschränkte Reiter die Zahl der Personen, die in der Gastronomie an einem Tisch sitzen dürfen, zusätzlich auf fünf. Von Treffen im privaten Raum mit mehr als zehn Personen wurde seitens der Stadt abgeraten.

Kurios: An jenem 24. September, zu dem die neue Verordnung für sieben Tage in Kraft trat, war die 7-Tage-Inzidenz in München laut Gesundheitsamt auf den Wert 42,47 gesunken. Die von der Stadt mit viel Engagement beworbene Wirtshauswiesn fand trotzdem statt, aber in kleinerem Umfang. So schloss der bekannte Nockherberg kurzfristig seine riesige Bierhalle, in der eigentlich Festivitäten mit Abstandsregeln (und starkem Bier) geplant waren. Dass das eine das andere gerne ausschließt, zeigten am ersten Wochenende der Wirtshauswiesn Bilder und Videos vom umtriebigen Viktualienmarkt oder aus einem Szene-Biergarten im Englischen Garten.

Maske im Freien und Alkoholverbot 

Insbesondere Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte mit Blick auf München seit Wochen beharrlich Druck gemacht. So erließ Reiter auch eine Maskenpflicht für den Marienplatz, die Einkaufsmeile Sendlinger Straße und besagten Viktualienmarkt – also für Orte auf der Stadtlandkarte, an denen gewöhnlich viele Menschen zusammenkommen. Das Gebot ist mittlerweile aufgehoben, viele Bürger tragen dort in den engen Gassen die Maske aber weiter.

Das Alkoholverbot war dagegen ein Mittel, das schon in den Wochen zuvor gegriffen hatte. Manche Gastronomen haben nicht erst seit der Corona-Pandemie Straßenverkäufe, nach dem Lockdown schufen viele weitere improvisierte Schankflächen auf Bürgersteigen. Doch wieder waren sie die Verlierer. Besonders strikt griffen die Behörden rund um den Gärtnerplatz durch, dort, wo die Münchner Polizei an warmen Sommerabenden im Juli und August zeitweise 1.500 (meist junge) Menschen rund um einen einzigen Kreisverkehr registriert hatte.

Bürger tolerierten Maßnahmen

Schon am 27. August war es hier richtig spektakulär geworden: Ein Polizeihubschrauber kreiste stundenlang über der Isarvorstadt, in der das szenige Glockenbachviertel liegt. Sogenannte USK-Einheiten räumten in Vollmontur und Mannschaftsstärke (und mit genügend Abstand?) den Baldeplatz an der Isar sowie den Gärtnerplatz – und damit die Feier-Hotspots. Es blieb weitgehend friedlich.

Auch, weil die Bürger im großen Umfang die Maßnahmen tolerieren. So blieben die Allianz Arena des FC Bayern und das Grünwalder Stadion bei Heimspielen des TSV 1860 leer, während in anderen Stadien in Deutschland längst wieder vor (limitierten) Zuschauern gespielt wurde. Diskotheken und Clubs sind seit Monaten geschlossen, Festivals und Musikkonzerte untersagt. Die Folge: Am Dienstag, 6. Oktober, sank die 7-Tage-Inzidenz auf 32,48.

Kontroversen bleiben nicht aus

In der bayerischen Landeshauptstadt gehört es eben zum Selbstverständnis, vieles richtig zu machen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass das bei Weitem nicht immer so ist. Auch das zeigt das Beispiel Sendlinger Tor. So gleicht die hochfrequentierte U-Bahnstation einer Großbaustelle. Konkret: An Treppenaufgängen werden Rolltreppen neu installiert, und auf den Stufen nebenan schlängeln sich die Münchnerinnen und Münchner dicht an dicht gedrängt. Abstandhalten? Unmöglich!

Trotzdem dient München Deutschland in vieler Hinsicht als vorbildlich beim Corona-Krisenmanagement, was eine polarisierende Debatte belegt: So bleiben die bei vielen Bürgern beliebten Schanigärten, mit Blumen und Dekorationen verzierte Ausschankflächen der Gastronomie in Parkbuchten von 30er-Zonen, bis in den Winter. Das stört Autofahrer. Die Stadt rät stattdessen sogar dazu, Heizpilze in großem Umfang aufzustellen, um Gäste auch in der kalten Jahreszeit draußen bewirten zu können. Das wiederum stört Umweltschützer. Doch in München wird längst Corona alles untergeordnet.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Beobachtungen
  • Bekanntmachungen der Stadt auf muenchen.de
  • Verschiedene News-Ticker zu Corona bei tz.de
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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