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Kampf gegen Corona: So kann die Impfstoff-Produktion beschleunigt werden

MEINUNGKampf gegen Pandemie  

So kann die Impfstoff-Produktion beschleunigt werden

Ein Gastbeitrag von Danyal Bayaz (Grüne)

30.12.2020, 16:18 Uhr
Kampf gegen Corona: So kann die Impfstoff-Produktion beschleunigt werden. Der Corona-Impfstoff von Biontech: Wie kann möglichst schnell möglichst viel Vakzin produziert werden? (Quelle: imago images/Fotostand/Havergo)

Der Corona-Impfstoff von Biontech: Wie kann möglichst schnell möglichst viel Vakzin produziert werden? (Quelle: Fotostand/Havergo/imago images)

Es gibt bislang längst nicht genügend Corona-Impfstoff für alle. Wie könnte es schneller gehen mit der Produktion? Der Grünen-Wirtschaftspolitiker Danyal Bayaz macht im Gastbeitrag Vorschläge.

Kann der Staat die Produktion von Impfstoffen nicht beschleunigen? Die Linkspartei schlägt zu diesem Zweck vor, die Bundesregierung sollte Unternehmen wie Biontech zwingen, eine Lizenz zum Nachproduzieren eines entwickelten Impfstoffs zur Verfügung zu stellen. Der Vorschlag ist sicher gut gemeint, verkennt allerdings die Anforderungen an die Produktion eines Impfstoffs. Ein Impfstoff ist kein x-beliebiges Gut, das sich mühelos jederzeit und überall in Masse herstellen lässt.

Die Produktion von Impfstoffen ist eine komplexe Verzahnung von detailliertem Wissen zur Wirksubstanz, deren Aufbau und Vorprodukten, Prozesskenntnissen, Geräten und Materialien, zertifizierten Verfahren, logistischen Aspekten, Risiken sowie unverzichtbarer Expertise, die Qualität und Vertrauen schafft. Diese Kombination an praktischen Anforderungen lässt sich auch in einer Pandemie nicht einfach außer Kraft setzen.

So einfach ist es nicht

Nur ein Beispiel: Wer einen erfahrenen pharmazeutischen Produktionsanlagenbauer verpflichtet (wenn er denn überhaupt ein Unternehmen mit freien Kapazitäten und der nötigen Erfahrung findet), sorgt dafür, dass genau diese nachgefragte Ressource woanders fehlt. Hätte man dann nicht vor Monaten schon wirksame Anreize schaffen können und müssen, damit sich weltweit mehr Unternehmen als erfahrene pharmazeutische Produktionsanlagenbauer aufstellen? Wer sich mit unvoreingenommen Experten austauscht, erfährt schnell, dass das in der Kürze der Zeit kaum machbar war und ist. Die Massenproduktion eines Impfstoffes benötigt Ressourcen, Produkte und Expertise, die knapp sind und sich offenbar nicht kurzfristig in hohem Maße generieren lassen.

Danyal Bayaz ist Grünen-Politiker aus Baden-Württemberg. Seit 2017 sitzt er als Abgeordneter im Bundestag. Er ist Leiter des Wirtschaftsbeirats der Grünen-Bundestagsfraktion.

Nun wenden manche ein, produzierende Unternehmen mit zugelassenem Impfstoff sollen bereits vorhandene Produktionsanlagen übernehmen und dort ihre Kapazitäten hochfahren. Schließlich habe Biontech genau das gemacht, indem sie den Marburg-Standort von Novartis samt Belegschaft übernommen habe. Das stimmt, allerdings haben wir es mit Marburg mit einer hochspezialisierten Produktionsstätte für Impfstoffe und mit Expertise in der Handhabung biotechnologischer Verfahren zu tun. Hier lässt sich auf jahrelanger Erfahrung aufbauen.

Doch trotz dieser steilen Lernkurve dauert es auch dort immer noch Monate, bis die Produktion überhaupt beginnen und dann schrittweise volle Fahrt aufnehmen kann. Ein spezieller Impfstoff benötigt spezielle Produktionsanlagen. Biontech hat übrigens schon erklärt, was angesichts der Nachfrage auf der Hand liegt: Das Unternehmen suche nach weiteren Partnern zur Ausweitung der Produktion.

Ein besonders einfältiger Vorschlag

Besonders einfältig ist es allerdings, wenn von produzierenden Unternehmen eingefordert wird, sie sollten doch jetzt quasi auf Knopfdruck die Produktionskapazitäten schleunigst erhöhen, so wie es der bayerische Ministerpräsident Markus Söder vor kurzem getan hat.

Dieser Appell ignoriert offenkundig, dass nicht nur das Gesundheits- und Pflegepersonal, sondern auch forschende und produzierende Startups, Mittelständler und Konzerne mit Blick auf Impfstoffe rund um die Uhr bis zur Erschöpfung gearbeitet haben und das auch aktuell noch tun. Ohne diesen Einsatz wäre es vollkommen unmöglich gewesen, schon nach weniger als zwölf Monaten einen Impfstoff zur Verfügung zu haben. Aufbauend übrigens, auch das sei hier erwähnt, auf vielen Jahren intensiver und hoch spezialisierter Vorarbeit.

Drei Dinge können wir jetzt tun

Aber was können wir tun, um auf dem Weg hin zu einer maximal skalierten Produktion so schnell wie möglich voranzukommen. Ich sehe hier vor allem drei Ansatzpunkte.

Erstens sollten wir bei der Auswahl von Impfstoffen konsequent auf Vielfalt setzen. Diese Diversifikation ist schon aufgrund unterschiedlicher Wirksamkeitsprofile, Nebenwirkungen, Vorsubstanzen und logistischer Anforderungen wie etwa Kühltechniken vorteilhaft. Sie sorgt aber auch dafür, dass Unternehmen ihre sehr spezifischen Kapazitäten für den jeweils geeigneten Impfstoff planen, vorbereiten, aufbauen, vorhalten und auslasten können.

Daher sollte die Bundesregierung im Rahmen der gesamteuropäischen Beschaffung weitere Impfkontingente bei den in Frage kommenden Unternehmen, sowohl mit als auch ohne bereits erteilter Zulassung, zu garantierten Preisen und Mengen bestellen. Dies nimmt Unternehmen unnötige Risiken, schafft Planungssicherheit – und setzt die richtigen Anreize zur effektiven Auslastung und frühzeitigen Erweiterung von Produktionskapazitäten.
 

 
Zweitens
sollte die Bundesregierung (sie hätte es schon längst tun können) eine Taskforce ins Leben rufen, die die Produktion hierzulande und darüber hinaus aktiv beschleunigt. Dieses Gremium sollte transparent mit Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Unternehmen und Ministerien besetzt sein, die dabei unterstützen, wenn sich konkrete Fragen mit Blick auf die Produktion von Impfstoffen stellen: Wo sind Engpässe etwa an Material vorhersehbar oder bereits vorhanden? Wo gibt es möglicherweise noch Restkapazitäten? Wie wird ein besonderes Verfahren möglichst schnell zertifiziert? Wo gibt es noch erfahrene (Service-)Unternehmen und Teams, die Aufgaben übernehmen könnten?

Diese Taskforce sollte bei Bewältigung dieser und anderer Fragen als Koordinations-, Anlauf- und Schnittstelle fungieren, um Know-How-Transfer zu beschleunigen und für die involvierten Unternehmen die zur Maximierung der Gesamtproduktion jeweils beste Lösung schnell ausfindig zu machen. Sie könnte zudem schon heute einen Stufenplan für die Versorgung der breiten Bevölkerung mit Impfstoffen erarbeiten, indem sie zusätzlich zu den Impfzentren Kooperationen mit Krankenhäusern, Arztpraxen und nicht zuletzt betriebsärztlichen Diensten vereinbart.

Drittens müssen wir all jene Länder mit geringeren wirtschaftlichen Möglichkeiten unterstützen. Eine globale Pandemie besiegen wir nur, wenn das Virus weltweit in Schach gehalten und zurückgedrängt wird. Gerade die Bundesrepublik als Exportland mit vielen, weltweit vernetzten Unternehmen ist auf internationale Lieferketten angewiesen. Unser Land steht aufgrund seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit aber auch in einer besonderen humanitären Verantwortung. Außerdem ist offenkundig, wie sich China momentan ärmeren Ländern zuwendet, auch bei der möglichen Versorgung mit Impfstoffen, um strategisch an Einfluss zu gewinnen.

Wir sollten daher in internationaler Abstimmung Impfkontingente deutlich über unseren eigenen Bedarf hinweg sichern, um sie kostengünstig oder möglichst kostenlos an Länder ohne eigene Produktion oder Beschaffung weiterzugeben. Gemeinsam mit den europäischen Partnern sollten wir sehr selbstbewusst als Großkunde gegenüber produzierenden Unternehmen auftreten, um Rabatte auszuhandeln und Sonderkonditionen für Entwicklungsländer zu erwirken.

Dieser Weg ist grundsätzlich effektiver als (Gratis-)Lizenzen für Entwicklungsländer, die für sich genommen nur sehr bedingt Impfdosen vor Ort produzieren und verfügbar machen können. Ohnehin stellt sich die Frage, ob Unternehmen mit vergleichbarem Hochdruck in Forschung und Entwicklung von Impfstoffen oder anderen Medikamenten investieren, wenn sie annehmen müssen, die Lizenzen dem Staat zu überlassen, wenn es opportun erscheint.

Es mag weltweit Fälle geben, wo das angebracht oder notwendig ist, etwa wenn eine faire Versorgung mit Medikamenten durch Monopole erschwert wird. Immerhin stecken in der Forschung und Entwicklung von Medikamenten auch Steuergelder. In der momentanen Lage würde das allerdings wenig helfen, denn die Zeit läuft und die meisten Länder (nicht nur Entwicklungsländer) dieser Erde werden nicht in der Lage sein, kurzfristig Impfstoffe schnell und in ausreichender Menge selbst zu produzieren.

Das Ende der Pandemie

Wenn wir diese Vorschläge beherzigen, kann das Jahr 2021 das Ende der Pandemie bedeuten, das Ende von sozial und ökonomisch verheerenden Lockdowns, das Ende von viel Leid.

Zugleich könnten wir eine Tür für neue Kooperationsmodelle zwischen Staaten, Gesundheitssystemen, Wissenschaft und Unternehmen öffnen, damit die Errungenschaften der modernen Medizin zukünftig global mehr Menschen zugutekommen, als dies durch die rein national aufgestellten Ansätze bisher der Fall war.

Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten geben die Meinung der Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion. 

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