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Warum zwingt die denn keiner?

Von Daniel Schreckenberg

Aktualisiert am 28.01.2021Lesedauer: 6 Min.
Rares Gut: Dosen des Corona-Impfstoffs.
Rares Gut: Dosen des Corona-Impfstoffs. (Quelle: Amanda Perobelli/Reuters-bilder)
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In ganz Europa geht der Impfstoff aus: Biontech, Moderna und Astrazeneca k├Ânnen nicht liefern wie versprochen. Wie konnte das passieren? Und warum helfen andere Pharmafirmen nicht? Ein ├ťberblick.

Die Hoffnungen waren gro├č, umso gr├Â├čer ist nun die Entt├Ąuschung: Eigentlich sollten der EU bereits im Laufe des Fr├╝hjahrs Millionen Impfstoff-Dosen von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca zur Verf├╝gung stehen. Die L├Ąnder t├╝ftelten anhand der versprochenen Liefermengen Impfpl├Ąne aus und zogen Impfzentren hoch. In Deutschland garantierten Gesundheitsminister Jens Spahn und Kanzlerin Angela Merkel (beide CDU) unisono, jeder B├╝rger k├Ânne sich bis zum Sommer impfen lassen. Nun wird immer deutlicher: Daraus wird wohl nichts.

Denn w├Ąhrend zwischen der EU und dem schwedisch-britischen Impfstoffhersteller Astrazeneca eine wahre Schlammschlacht ausgebrochen ist, k├Ąmpft auch das deutsche Vorzeigeunternehmen Biontech mit erheblichen Lieferproblemen. Immerhin: Der Konkurrent Sanofi springt ein, sodass die Mainzer Firma die zugesicherte Impfstoffmenge f├╝r 2021 nun doch wie versprochen liefern kann. Der franz├Âsische Pharmariese wolle Biontech Zugang zu seiner Produktionsinfrastruktur in Deutschland gew├Ąhren, hie├č es in einer Mitteilung am Mittwoch. Ziel sei es, "Fertigungsschritte der sp├Ąten Phase" zu ├╝bernehmen, um die Lieferung des begehrten Covid-19-Impfstoffs zu unterst├╝tzen. Die ersten Lieferungen sollen so im Sommer 2021 aus den Produktionsanlagen in Frankfurt vom Band gehen. Insgesamt sichert Sanofi die Produktion von mehr als 125 Millionen Impfstoffdosen f├╝r den Konkurrenten.

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In einer Woche voller Impfstoff-Hiobsbotschaften ist das die eine gute Nachricht, auch wenn sie erst im Sommer f├╝r Entspannung auf dem Impfstoffmarkt sorgen wird. Doch diese Nachricht f├╝hrt zwangsl├Ąufig zu der Frage, warum nicht mehr Pharmafirmen den drei f├╝hrenden Impfstoff-Unternehmen Biontech, Moderna und Astrazeneca bei der Produktion helfen. K├Ânnte und m├╝sste die Politik sie dazu vielleicht sogar zwingen? Ein ├ťberblick.

Neuartiger Impfstoff erstmals in Massen produziert

Das Ende aller Corona-Sorgen ist eigentlich nur einen Mausklick entfernt. In der Theorie. Denn w├Ąhrend herk├Âmmliche Impfstoffe ├╝ber Monate in H├╝hnereiern im Labor gez├╝chtet, extrahiert und anschlie├čend verschifft werden m├╝ssen, kann bei den neuartigen mRNA-Impfstoffen der Impfstoff-Bauplan im Handumdrehen per Computer um die ganze Welt geschickt werden. Innerhalb einer Woche sei dann eine Testcharge des Mittels hergestellt, wirbt das Mainzer Unternehmen Biontech auf seiner Homepage.

Das Problem dabei: In der Corona-Pandemie muss ein solcher mRNA-Impfstoff erstmals massenhaft und in industriellem Ma├čstab f├╝r Millionen Menschen produziert werden. Die beiden in der EU bislang zugelassenen Impfstoffe von Biontech und Moderna nutzen dieses Verfahren. Zwar ist die Methode, im K├Ârper des Menschen durch eine Dosis mRNA ein ungef├Ąhrliches, aber virus├Ąhnliches Protein zu entwickeln und dadurch eine Immunreaktion auszul├Âsen, seit fast drei Jahrzehnten Forschungsgegenstand. Doch ├╝ber klinische Studien kam die medizinische Wunderwaffe bis zur Corona-Pandemie nie hinaus. Deshalb sind Experten f├╝r diese Impfstoffe rar ges├Ąt, Produktionsst├Ątten gibt es ebenfalls nur wenige.

Denn: So einfach die Baupl├Ąne der mRNA-Impfstoffe um die Welt gehen k├Ânnen, so komplex ist die eigentliche Herstellung. An dieser Stelle daher die einfachste Erkl├Ąrung: Spezielle Bakterien, die einen Teil des Virusbauplans enthalten, werden in Bioreaktoren gez├╝chtet und anschlie├čend so aufbereitet, dass aus der Biosuppe der ungef├Ąhrliche mRNA-Strang des Virus gewonnen werden kann, auf das der Geimpfte mit dem Aufbau von Antik├Ârpern reagieren soll. Der muss allerdings auch in den K├Ârper gelangen, daf├╝r braucht es eine H├╝lle, die eine ganz bestimmte Gr├Â├če und Struktur haben muss, sodass die mRNA nicht zu schnell im K├Ârper abgebaut wird.

Das Zusammenspiel zwischen Enzym und H├╝lle macht die mRNA-Impfstoffe gleichzeitig so kompliziert. Hier ist auch der Grund zu finden, warum die Mittel unter extremer K├Ąlte produziert und gelagert werden m├╝ssen. Denn bei zu geringer K├Ąlte verschmelzen mRNA und H├╝lle. Das Vakzin wird unbrauchbar.

Auch im Frankfurter Standort von Sanofi m├╝ssen die Anlagen f├╝r die Hilfe f├╝r Biontech nun erst einmal umger├╝stet werden, wie eine Sprecherin sagte. Was das kostet und was Sanofi f├╝r den Deal bekommt, dazu machten die Unternehmen keine Angaben. Klar ist nur: Das Rezept f├╝r den Impfstoff bekommen und drauflosproduzieren funktioniert nicht. Das zeigte sich schon bei einer Meldung aus dem Herbst: Biontech verk├╝ndete damals die ├ťbernahme eines Impfstoffwerkes in Marburg, doch noch immer muss die Produktion an den komplizierten mRNA-Impfstoff angepasst werden. Erst im Februar soll es dort mit der Herstellung losgehen.

Der in der EU noch nicht zugelassene Impfstoff von Astrazeneca nutzt das ├Ąhnlich komplexe Vektorviren-Verfahren. Auch hier lassen sich Produktionskapazit├Ąten nicht beliebig schaffen, wie die aktuellen Lieferprobleme des Herstellers zeigen.

SPD-Chefin Saskia Esken: "Der Staat hat schon eine ziemlich aktive Rolle ├╝bernommen."
SPD-Chefin Saskia Esken: "Der Staat hat schon eine ziemlich aktive Rolle ├╝bernommen." (Quelle: Political-Moments/imago-images-bilder)

"Wir tun jeden Tag mehr, aber noch nicht genug"

All diese Schwierigkeiten waren eigentlich seit Monaten bekannt: "Der aktuelle Impfstoffengpass ist eine direkte Folge der Vers├Ąumnisse des vergangenen Jahres. Die Bundesregierung h├Ątte sicherstellen m├╝ssen, dass ausreichend Puffer bei den Produktionskapazit├Ąten vorhanden ist, um die vereinbarten Mengen auch liefern zu k├Ânnen", sagt Linken-Chef Bernd Riexinger zu t-online. Zwar hatten EU und die Bundesregierung bereits im Herbst Millionensummen in die Impfstoffhersteller investiert, doch f├╝r zus├Ątzliche Produktionskapazit├Ąten hat das Geld damals offenbar nicht gereicht.


Selbst in der Regierungskoalition wird mittlerweile erkannt, dass sich bei der Impfstoffversorgung etwas ├Ąndern muss: "Die Knappheit des Impfstoffs ist das gr├Â├čte Problem. Da m├╝ssen wir nachsteuern", sagt SPD-Chefin Saskia Esken im t-online-Clubhouse Talk "Lockdown-Lunch": Der Staat habe zwar schon eine ziemlich aktive Rolle ├╝bernommen, sei es durch Abnahmegarantien und Forschungsf├Ârderung. "Wir tun jeden Tag mehr, aber noch nicht genug." Gesundheitsminister Jens Spahn dr├Ąngt sogar auf ein Exportverbot von in der EU produzierten Impfstoffen.

Ist rein rechtlich ein Zwang ├╝berhaupt erlaubt?

Linken-Chef Riexinger geht sogar einen Schritt weiter und pl├Ądiert f├╝r klare Vorgaben von der Regierung an die Pharmaindustrie. Auch Gr├╝nen-Chef Robert Habeck forderte die Bundesregierung in der "Rheinischen Post" auf, die Produktion von Impfstoffen notfalls durch eine Zwangslizenzvergabe deutlich zu erh├Âhen. Nicht ohne Gegenleistung f├╝r die Unternehmen: F├╝r die Pharmakonzerne solle sich die historisch schnelle Impfstoffentwicklung auszahlen, so der Gr├╝nen-Chef.

Doch w├Ąre es ├╝berhaupt m├Âglich, Unternehmen zu zwingen, ihre Baupl├Ąne f├╝r das Vakzin herauszugeben? Rein rechtlich ja. Im "Gesetz zum Schutz der Bev├Âlkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite" ist geregelt, dass die Bundesregierung Firmen dazu auffordern kann, Patente oder Lizenzen an andere Firmen weiterzugeben. Zudem darf Jens Spahn als Gesundheitsminister anordnen, dass bestimmte Impfstoffe produziert werden m├╝ssen. Doch warum tut er das nicht?

Das Gesundheitsministerium weist Forderungen nach Zwangsproduktionen und -lizenzierungen ab. "Wer Zwangslizenzen als einfache L├Âsung fordert, verkennt die Komplexit├Ąt von Impfstoffproduktion", sagt ein Sprecher des Ministeriums zur Nachrichtenagentur Reuters. "Im ├ťbrigen stellt sich die Frage, welches Unternehmen denn mit einer solchen Zwangslizenz schneller zus├Ątzliche Produktion schafft, als es die Kooperationen der Pharmafirmen tun, die aktuell ├╝berall entstehen und die wir f├Ârdern", f├╝gt er hinzu.

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Schon im Dezember sagte Spahn im ZDF: "Gerade f├╝r das Vertrauen in den Impfstoff ist es doch wichtig, dass wir alle Qualit├Ątsanforderungen einhalten." Auf die hohen Anforderungen bei der Herstellung verweisen aber auch andere Pharmaunternehmen, die auf m├Âgliche freie Produktionskapazit├Ąten angesprochen werden.

Bayer evaluiert Unterst├╝tzung, Astrazeneca sucht Partner

So bleibt es also bei den freiwilligen Kooperationen zwischen den Impfstofffirmen. Und offenbar tut sich da was. So meldete der deutsche Pharmagigant Bayer Anfang Januar ebenfalls eine Zusammenarbeit mit einem Hersteller eines Corona-Impfstoffes. Dabei handelt es sich um das Mittel von Curevac, das sich allerdings noch in der Erprobungsphase befindet. Bayer will beim Studienaufbau helfen, sp├Ąter auch Wissen bei Lieferketten beisteuern. Doch eine Hilfe bei der Produktion sei derzeit nicht geplant. Immerhin: "Wir evaluieren alle Optionen zur Unterst├╝tzung der Herstellung des Impfstoffs Covid-19 von Curevac. Dies werde voraussichtlich im Laufe des ersten Quartals abgeschlossen sein", hei├čt es von der Pressestelle des Unternehmens auf eine t-online-Anfrage.

Bernd Riexinger: "Die Bundesregierung h├Ątte sicherstellen m├╝ssen, dass ausreichend Puffer bei den Produktionskapazit├Ąten vorhanden ist."
Bernd Riexinger: "Die Bundesregierung h├Ątte sicherstellen m├╝ssen, dass ausreichend Puffer bei den Produktionskapazit├Ąten vorhanden ist." (Quelle: imago-images-bilder)

Auch das Unternehmen Merck, das bis vor wenigen Tagen noch an einem eigenen Impfstoff gegen das Coronavirus geforscht hatte, verweist darauf, dass die Produktion "sehr komplex sei und strengen Qualit├Ąts- und Sicherheitsanforderungen" unterliege. "Das erfordert eine langfristige Produktionsplanung und macht kurzfristige Anpassungen nur sehr eingeschr├Ąnkt m├Âglich." Man wolle sich nun voll auf die Entwicklung zweier Medikamente f├╝r die Behandlung von Corona-Patienten konzentrieren. Ein Unternehmenssprecher best├Ątigte gegen├╝ber t-online allerdings "Gespr├Ąche mit anderen Herstellern, um zu pr├╝fen, ob wir sie mit unseren Produktionsst├Ątten unterst├╝tzen k├Ânnen."

Auch Astrazeneca sucht nach dem gro├čen Knall mit der EU nun nach Wegen, doch noch gen├╝gend Impfstoff f├╝r Europa herzustellen. Das Unternehmen verstehe die Frustration dar├╝ber, dass das anf├Ąngliche Liefervolumen seines Impfstoffes an die Europ├Ąische Union niedriger als vorhergesagt sein werde, teilte die Firma am Mittwoch mit. "Wir arbeiten weiterhin mit unseren Lieferpartnern zusammen, um diesen Prozess zu optimieren und sicherzustellen, dass der Impfstoff in der erforderlichen Menge und Geschwindigkeit hergestellt wird." Eine Garantie f├╝r die eigentlichen Lieferzeiten ist das nicht.

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Auch Riexinger resigniert: "Auch bei sofortigem Handeln wird es eine Zeit dauern, bis zus├Ątzliche Produktionsst├Ątten ihre Arbeit aufnehmen k├Ânnen. Der Schaden ist angerichtet."

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