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Produktion von Corona-Impfstoffen: Warum hilft denn keiner?

Kooperation bei Impfstoff-Firmen  

Warum zwingt die denn keiner?

28.01.2021, 06:00 Uhr
Produktion von Corona-Impfstoffen: Warum hilft denn keiner?. Rares Gut: Dosen des Corona-Impfstoffs. (Quelle: Reuters/Amanda Perobelli)

Rares Gut: Dosen des Corona-Impfstoffs. (Quelle: Amanda Perobelli/Reuters)

In ganz Europa geht der Impfstoff aus: Biontech, Moderna und Astrazeneca können nicht liefern wie versprochen. Wie konnte das passieren? Und warum helfen andere Pharmafirmen nicht? Ein Überblick.

Die Hoffnungen waren groß, umso größer ist nun die Enttäuschung: Eigentlich sollten der EU bereits im Laufe des Frühjahrs Millionen Impfstoff-Dosen von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca zur Verfügung stehen. Die Länder tüftelten anhand der versprochenen Liefermengen Impfpläne aus und zogen Impfzentren hoch. In Deutschland garantierten Gesundheitsminister Jens Spahn und Kanzlerin Angela Merkel (beide CDU) unisono, jeder Bürger könne sich bis zum Sommer impfen lassen. Nun wird immer deutlicher: Daraus wird wohl nichts.

Denn während zwischen der EU und dem schwedisch-britischen Impfstoffhersteller Astrazeneca eine wahre Schlammschlacht ausgebrochen ist, kämpft auch das deutsche Vorzeigeunternehmen Biontech mit erheblichen Lieferproblemen. Immerhin: Der Konkurrent Sanofi springt ein, sodass die Mainzer Firma die zugesicherte Impfstoffmenge für 2021 nun doch wie versprochen liefern kann. Der französische Pharmariese wolle Biontech Zugang zu seiner Produktionsinfrastruktur in Deutschland gewähren, hieß es in einer Mitteilung am Mittwoch. Ziel sei es, "Fertigungsschritte der späten Phase" zu übernehmen, um die Lieferung des begehrten Covid-19-Impfstoffs zu unterstützen. Die ersten Lieferungen sollen so im Sommer 2021 aus den Produktionsanlagen in Frankfurt vom Band gehen. Insgesamt sichert Sanofi die Produktion von mehr als 125 Millionen Impfstoffdosen für den Konkurrenten.

In einer Woche voller Impfstoff-Hiobsbotschaften ist das die eine gute Nachricht, auch wenn sie erst im Sommer für Entspannung auf dem Impfstoffmarkt sorgen wird. Doch diese Nachricht führt zwangsläufig zu der Frage, warum nicht mehr Pharmafirmen den drei führenden Impfstoff-Unternehmen Biontech, Moderna und Astrazeneca bei der Produktion helfen. Könnte und müsste die Politik sie dazu vielleicht sogar zwingen? Ein Überblick.

Neuartiger Impfstoff erstmals in Massen produziert

Das Ende aller Corona-Sorgen ist eigentlich nur einen Mausklick entfernt. In der Theorie. Denn während herkömmliche Impfstoffe über Monate in Hühnereiern im Labor gezüchtet, extrahiert und anschließend verschifft werden müssen, kann bei den neuartigen mRNA-Impfstoffen der Impfstoff-Bauplan im Handumdrehen per Computer um die ganze Welt geschickt werden. Innerhalb einer Woche sei dann eine Testcharge des Mittels hergestellt, wirbt das Mainzer Unternehmen Biontech auf seiner Homepage. 

Das Problem dabei: In der Corona-Pandemie muss ein solcher mRNA-Impfstoff erstmals massenhaft und in industriellem Maßstab für Millionen Menschen produziert werden. Die beiden in der EU bislang zugelassenen Impfstoffe von Biontech und Moderna nutzen dieses Verfahren. Zwar ist die Methode, im Körper des Menschen durch eine Dosis mRNA ein ungefährliches, aber virusähnliches Protein zu entwickeln und dadurch eine Immunreaktion auszulösen, seit fast drei Jahrzehnten Forschungsgegenstand. Doch über klinische Studien kam die medizinische Wunderwaffe bis zur Corona-Pandemie nie hinaus. Deshalb sind Experten für diese Impfstoffe rar gesät, Produktionsstätten gibt es ebenfalls nur wenige.

Denn: So einfach die Baupläne der mRNA-Impfstoffe um die Welt gehen können, so komplex ist die eigentliche Herstellung. An dieser Stelle daher die einfachste Erklärung: Spezielle Bakterien, die einen Teil des Virusbauplans enthalten, werden in Bioreaktoren gezüchtet und anschließend so aufbereitet, dass aus der Biosuppe der ungefährliche mRNA-Strang des Virus gewonnen werden kann, auf das der Geimpfte mit dem Aufbau von Antikörpern reagieren soll. Der muss allerdings auch in den Körper gelangen, dafür braucht es eine Hülle, die eine ganz bestimmte Größe und Struktur haben muss, sodass die mRNA nicht zu schnell im Körper abgebaut wird.

Das Zusammenspiel zwischen Enzym und Hülle macht die mRNA-Impfstoffe gleichzeitig so kompliziert. Hier ist auch der Grund zu finden, warum die Mittel unter extremer Kälte produziert und gelagert werden müssen. Denn bei zu geringer Kälte verschmelzen mRNA und Hülle. Das Vakzin wird unbrauchbar.

Auch im Frankfurter Standort von Sanofi müssen die Anlagen für die Hilfe für Biontech nun erst einmal umgerüstet werden, wie eine Sprecherin sagte. Was das kostet und was Sanofi für den Deal bekommt, dazu machten die Unternehmen keine Angaben. Klar ist nur: Das Rezept für den Impfstoff bekommen und drauflosproduzieren funktioniert nicht. Das zeigte sich schon bei einer Meldung aus dem Herbst: Biontech verkündete damals die Übernahme eines Impfstoffwerkes in Marburg, doch noch immer muss die Produktion an den komplizierten mRNA-Impfstoff angepasst werden. Erst im Februar soll es dort mit der Herstellung losgehen.

Der in der EU noch nicht zugelassene Impfstoff von Astrazeneca nutzt das ähnlich komplexe Vektorviren-Verfahren. Auch hier lassen sich Produktionskapazitäten nicht beliebig schaffen, wie die aktuellen Lieferprobleme des Herstellers zeigen.

SPD-Chefin Saskia Esken: "Der Staat hat schon eine ziemlich aktive Rolle übernommen." (Quelle: imago images/Political-Moments)SPD-Chefin Saskia Esken: "Der Staat hat schon eine ziemlich aktive Rolle übernommen." (Quelle: Political-Moments/imago images)

"Wir tun jeden Tag mehr, aber noch nicht genug"

All diese Schwierigkeiten waren eigentlich seit Monaten bekannt: "Der aktuelle Impfstoffengpass ist eine direkte Folge der Versäumnisse des vergangenen Jahres. Die Bundesregierung hätte sicherstellen müssen, dass ausreichend Puffer bei den Produktionskapazitäten vorhanden ist, um die vereinbarten Mengen auch liefern zu können", sagt Linken-Chef Bernd Riexinger zu t-online. Zwar hatten EU und die Bundesregierung bereits im Herbst Millionensummen in die Impfstoffhersteller investiert, doch für zusätzliche Produktionskapazitäten hat das Geld damals offenbar nicht gereicht.
 

 
Selbst in der Regierungskoalition wird mittlerweile erkannt, dass sich bei der Impfstoffversorgung etwas ändern muss: "Die Knappheit des Impfstoffs ist das größte Problem. Da müssen wir nachsteuern", sagt SPD-Chefin Saskia Esken im t-online-Clubhouse Talk "Lockdown-Lunch": Der Staat habe zwar schon eine ziemlich aktive Rolle übernommen, sei es durch Abnahmegarantien und Forschungsförderung. "Wir tun jeden Tag mehr, aber noch nicht genug." Gesundheitsminister Jens Spahn drängt sogar auf ein Exportverbot von in der EU produzierten Impfstoffen.

Ist rein rechtlich ein Zwang überhaupt erlaubt?

Linken-Chef Riexinger geht sogar einen Schritt weiter und plädiert für klare Vorgaben von der Regierung an die Pharmaindustrie. Auch Grünen-Chef Robert Habeck forderte die Bundesregierung in der "Rheinischen Post" auf, die Produktion von Impfstoffen notfalls durch eine Zwangslizenzvergabe deutlich zu erhöhen. Nicht ohne Gegenleistung für die Unternehmen: Für die Pharmakonzerne solle sich die historisch schnelle Impfstoffentwicklung auszahlen, so der Grünen-Chef.

Doch wäre es überhaupt möglich, Unternehmen zu zwingen, ihre Baupläne für das Vakzin herauszugeben? Rein rechtlich ja. Im "Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite" ist geregelt, dass die Bundesregierung Firmen dazu auffordern kann, Patente oder Lizenzen an andere Firmen weiterzugeben. Zudem darf Jens Spahn als Gesundheitsminister anordnen, dass bestimmte Impfstoffe produziert werden müssen. Doch warum tut er das nicht?

Das Gesundheitsministerium weist Forderungen nach Zwangsproduktionen und -lizenzierungen ab. "Wer Zwangslizenzen als einfache Lösung fordert, verkennt die Komplexität von Impfstoffproduktion", sagt ein Sprecher des Ministeriums zur Nachrichtenagentur Reuters. "Im Übrigen stellt sich die Frage, welches Unternehmen denn mit einer solchen Zwangslizenz schneller zusätzliche Produktion schafft, als es die Kooperationen der Pharmafirmen tun, die aktuell überall entstehen und die wir fördern", fügt er hinzu.

Schon im Dezember sagte Spahn im ZDF: "Gerade für das Vertrauen in den Impfstoff ist es doch wichtig, dass wir alle Qualitätsanforderungen einhalten." Auf die hohen Anforderungen bei der Herstellung verweisen aber auch andere Pharmaunternehmen, die auf mögliche freie Produktionskapazitäten angesprochen werden. 

Bayer evaluiert Unterstützung, Astrazeneca sucht Partner

So bleibt es also bei den freiwilligen Kooperationen zwischen den Impfstofffirmen. Und offenbar tut sich da was. So meldete der deutsche Pharmagigant Bayer Anfang Januar ebenfalls eine Zusammenarbeit mit einem Hersteller eines Corona-Impfstoffes. Dabei handelt es sich um das Mittel von Curevac, das sich allerdings noch in der Erprobungsphase befindet. Bayer will beim Studienaufbau helfen, später auch Wissen bei Lieferketten beisteuern. Doch eine Hilfe bei der Produktion sei derzeit nicht geplant. Immerhin: "Wir evaluieren alle Optionen zur Unterstützung der Herstellung des Impfstoffs Covid-19 von Curevac. Dies werde voraussichtlich im Laufe des ersten Quartals abgeschlossen sein", heißt es von der Pressestelle des Unternehmens auf eine t-online-Anfrage.

Bernd Riexinger: "Die Bundesregierung hätte sicherstellen müssen, dass ausreichend Puffer bei den Produktionskapazitäten vorhanden ist." (Quelle: imago images)Bernd Riexinger: "Die Bundesregierung hätte sicherstellen müssen, dass ausreichend Puffer bei den Produktionskapazitäten vorhanden ist." (Quelle: imago images)

Auch das Unternehmen Merck, das bis vor wenigen Tagen noch an einem eigenen Impfstoff gegen das Coronavirus geforscht hatte, verweist darauf, dass die Produktion "sehr komplex sei und strengen Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen" unterliege. "Das erfordert eine langfristige Produktionsplanung und macht kurzfristige Anpassungen nur sehr eingeschränkt möglich." Man wolle sich nun voll auf die Entwicklung zweier Medikamente für die Behandlung von Corona-Patienten konzentrieren. Ein Unternehmenssprecher bestätigte gegenüber t-online allerdings "Gespräche mit anderen Herstellern, um zu prüfen, ob wir sie mit unseren Produktionsstätten unterstützen können."

Auch Astrazeneca sucht nach dem großen Knall mit der EU nun nach Wegen, doch noch genügend Impfstoff für Europa herzustellen. Das Unternehmen verstehe die Frustration darüber, dass das anfängliche Liefervolumen seines Impfstoffes an die Europäische Union niedriger als vorhergesagt sein werde, teilte die Firma am Mittwoch mit. "Wir arbeiten weiterhin mit unseren Lieferpartnern zusammen, um diesen Prozess zu optimieren und sicherzustellen, dass der Impfstoff in der erforderlichen Menge und Geschwindigkeit hergestellt wird." Eine Garantie für die eigentlichen Lieferzeiten ist das nicht.

Auch Riexinger resigniert: "Auch bei sofortigem Handeln wird es eine Zeit dauern, bis zusätzliche Produktionsstätten ihre Arbeit aufnehmen können. Der Schaden ist angerichtet."

Verwendete Quellen:

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