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Corona-Talk bei "Lanz": Lockdown? "Mit Demokratie nichts mehr zu tun“

Peter Tschentscher bei "Markus Lanz"  

"Wir fahren im Nebel, da muss man vom Gas gehen"

11.02.2021, 07:47 Uhr | Eine TV-Kritik von Peter Luley

Corona-Talk bei "Lanz": Lockdown? "Mit Demokratie nichts mehr zu tun“. Peter Tschentscher bei "Markus Lanz" (Archivbild): In der jüngsten Sendung hat Hamburgs erster Bürgermeister die Corona-Beschlüsse des Bund-Länder-Gipfels verteidigt. (Quelle: imago images)

Peter Tschentscher bei "Markus Lanz" (Archivbild): In der jüngsten Sendung hat Hamburgs erster Bürgermeister die Corona-Beschlüsse des Bund-Länder-Gipfels verteidigt. (Quelle: imago images)

Bei Markus Lanz ging es um die Corona-Beschlüsse der Bund-Länder-Runde und den Richtwert für Neuinfektionen, bei dem Lockerungen möglich sein sollen. Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher verteidigte die Regelung – und sah sich einer kritischen Damenrunde gegenüber.

„35 ist das neue 50 – das klingt so fluffig“, eröffnete Markus Lanz die Diskussion, „aber was macht das mit uns motivatorisch, wenn die Möhre, die die ganze Zeit bei 50 hing, plötzlich bei 35 hängt?“ Zugleich warnte er Tschentscher, dieser werde „sehr argumentieren“ müssen, um den drei geladenen Damen Paroli zu bieten. Tatsächlich war es zu später Stunde (Ausstrahlungsbeginn: 23.35 Uhr) eine muntere Runde, auch wenn der bedächtige Bürgermeister und Mediziner nie in Gefahr geriet, die Contenance zu verlieren.


Die Gäste

  • Peter Tschentscher (SPD), Erster Bürgermeister Hamburgs und Mediziner
  • Svenja Flaßpöhler, Philosophin und Autorin
  • Helga Rübsamen-Schaeff, Virologin und Pharma-Unternehmerin
  • Eva Quadbeck, Stellvertretende Chefredakteurin „Redaktionsnetzwerk Deutschland“



Tschentscher rechtfertigte den strengeren Richtwert, demzufolge erst bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von höchstens 35 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner Lockerungen erfolgen können, mit dem neuen „Unsicherheitsfaktor“, den die Coronavirus-Mutationen darstellten: „Deswegen brauchen wir mehr Sicherheit.“ Philosophin Svenja Flaßpöhler trat ihm am vehementesten entgegen: „Irritiertheit, Besorgtheit, Wut“ löse es in ihr aus, dass in Sachen Mutanten wieder von einem „Worst-Case-Szenario“ ausgegangen werde, obwohl die Datenlage gar nicht klar sei. Sie warnte davor, „sich nachgerade fetischistisch auf diese Zahlen zu fokussieren“, und rief aus: „Wie soll man denn damit leben?“

Tschentscher bekundete Verständnis für ihre Sicht, blieb aber in der Rolle des Mahners: „Aus einer großen Erwartung, die wir jetzt wecken, kann in zwei Wochen eine große Enttäuschung werden.“ Auch die Virologin und Pharma-Unternehmerin Helga Rübsamen-Schaeff riet zur Vorsicht: „Das Virus ist uns schon weggelaufen.“ Es habe sich gezeigt, dass die neuen Varianten sich sehr schnell ausbreiteten und dass die Vakzine gegen sie nicht mehr so wirkungsvoll seien wie gegen das Ursprungsvirus: „Wir sind mitten drin im Hase-und-Igel-Spiel mit dem Virus.“ Daher unterstütze sie die Strategie, die Infektionen so niedrig wie möglich zu halten. „Geht’s Ihnen gut mit 35?“, hakte Lanz noch mal bei Tschentscher nach – und erntete ein oft bemühtes Bild: „Wir fahren im Nebel, da muss man vom Gas gehen.“ Er hoffe auf ein „Update aus der Wissenschaft im März“, so Tschentscher, und ja, „in dieser unsicheren Lage ist mir wohler damit.“

Flaßpöhlers Furor konnte er so natürlich nicht bändigen. Hier würden „ohne sichere Grundlage Grundrechte eingeschränkt“, monierte die Philosophin, es handle sich um einen „auf Dauer gestellten Ausnahmezustand“, der „mit Demokratie nichts mehr zu tun“ habe. Da erlaubte sich Tschentscher den Hinweis auf deutlich härtere Ausgangsbeschränkungen etwa in Frankreich. Flaßpöhlers Bemerkung, dass man ja wieder härtere Maßnahmen treffen könne, wenn die Lage sich verschlechtern sollte, ließ er nicht gelten: „Dieses Rein und Raus, dieses Jo-Jo wollen die Bürger gerade nicht.“ Die Journalistin Eva Quadbeck wiederum vermisste ebenfalls eine Perspektive und benannte zwei aus ihrer Sicht entscheidende Fehler der bisherigen Pandemie-Politik: Der November-Lockdown sei nicht hart genug gewesen (was Tschentscher auch so sah), und es gebe zu wenig Studien über Kontaktnachverfolgung, um ein Bild über die Gefahrenherde zu gewinnen.

"Wir in Hamburg öffnen derzeit noch nicht"

Das humoristische Highlight der Sendung steuerte auch Quadbeck bei. Nach Einspielung eines verschwurbelten Statements von Bildungsministerin Anja Karliczek zum weiteren Vorgehen an den Schulen bat Markus Lanz sie um Einordnung – und die Journalistin „übersetzte“ trocken: „Ich bin nicht zuständig, möchte aber jetzt mal was sagen.“ Tatsächlich ist die Schulpolitik bekanntlich Ländersache, und der ganze Auftritt Peter Tschentschers legte nahe, dass ihm hier eine Besonderheit seines Stadtstaats sehr entgegenkommt: „Wir in Hamburg öffnen derzeit noch nicht, wir warten auf die Frühjahrsferien, weil die sowieso jetzt im März beginnen.“ Noch einmal wiederholte er sein Mantra: „Wir können nicht in einen Jo-Jo-Effekt, und hinterher müssen wir wieder alle Schulen schließen und die Kitas auch.“

Svenja Flaßpöhler indes rieb sich an der Wortwahl Karliczeks, die gesagt hatte, dass Kinder „seltener schwer erkranken“: „Sie erkranken sehr selten schwer, das ist eine ganz andere Bedeutung.“ Ja, Kinder seien Überträger, aber auch Träger von Grundrechten. Sie wandte sich gegen „die Reduzierung von Menschen auf potenziell tödliche Virenträger“ und kritisierte „den kategorischen Imperativ von Herrn Drosten“, der gefordert hatte, wir sollten uns immer so verhalten, als hätten wir das Virus und als sei unser Gegenüber Teil einer Risikogruppe. „Was macht das mit dem Sozialen?“, fragte Flaßpöhler. Hier werde ein Paradigma umgedreht. Moderne Gesellschaften beruhten zentral auf Vertrauen, diese Umkehrung erinnere sie dagegen an Thomas Hobbes’ „Leviathan“: „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, deshalb brauchen wir den starken Staat.“

Gut gebrüllt, mochte man da denken, aber solange dieser starke Staat so besonnen-zurückhaltend daherkommt wie das Hamburger Stadtoberhaupt, ist es vielleicht doch noch nicht so schlimm. Was denn passiere, wenn ein Bundesland den 35er-Inzidenzwert erreiche, ein oder mehrere Nachbarländer aber nicht, wollte Markus Lanz noch vom Bürgermeister wissen. „Dann müssen wir uns koordinieren“, so Tschentscher, es bleibe bei der „Hotspot-Strategie“, eventuell müsse dann ein Landkreis mal zu Hause bleiben. „Aber das ist doch ein Luxusproblem, wenn wir in dem Bereich sind. Das kriegen wir dann hin.“

Verwendete Quellen:
  • "Markus Lanz" vom 10 Februar 2021

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