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RKI-Chef Wieler – seine Äußerungen zu Migranten und Corona sind Unsinn

MEINUNGCorona und Migranten  

Was Wieler über Moscheen und Rede-"Tabus" verbreitet, ist Unsinn

Eine Kolumne von Lamya Kaddor

05.03.2021, 14:11 Uhr
RKI-Chef Wieler – seine Äußerungen zu Migranten und Corona sind Unsinn. RKI-Chef Wieler: Geplapper über den Zusammenhang von Migrationshintergrund und Corona. (Quelle: Getty Images)

RKI-Chef Wieler: Geplapper über den Zusammenhang von Migrationshintergrund und Corona. (Quelle: Getty Images)

In einer Schaltkonferenz schlingert RKI-Chef Wieler vom Migrationshintergrund zu Corona und kommt irgendwie bei den Moscheen an. Seine Argumentation ist dünn, der Aufschrei zu Recht groß.

Auf welchen abgründigen Pfaden ist der Chef des Robert Koch-Instituts da bloß unterwegs. Er erfährt, dass womöglich vor allem sogenannte "Menschen mit Migrationshintergrund" unter den Todesopfern und Schwerstkranken der Coronavirus-Pandemie sind, und schlussfolgert daraus laut einem Bericht der "Bild", nun müsse in Moscheen "beinharte Sozialarbeit" geleistet werden. Wie bitte?

Migranten = Muslime = vulnerable Gruppe? Wenn es nicht der RKI-Chef wäre, der auf solch eine haarsträubende Gleichung kommt, würde man meinen: Das ist Satire. So kann sie einen allerdings an der Eignung von Lothar Wieler zweifeln lassen.

Massiv verzerrte Sichtweise

Diese Gleichung sagt sowohl etwas über ihn als auch über unsere Gesellschaft aus. Der unsägliche Diskurs über Muslime im vielfach feindseligen Sarrazin-Stil über die vergangenen zwei Jahrzehnte hat die Sichtweise auf das Thema gesellschaftliche Vielfalt massiv verzerrt und viele nachhaltig geprägt. So war es laut "Bild" für Lothar Wieler ausreichend, von der "Mutter eines Clanchefs" in Berlin zu erfahren, die an Corona gestorben ist, um sich in seinen Thesen bestätigt zu fühlen.

Es mag für ihn überraschend sein, aber in Berlin sind nicht alle Menschen mit Migrationshintergrund Muslime. Nicht mal alle Türkinnen und Türken oder Araberinnen und Araber sind Muslime. Es soll unter ihnen sogar welche geben, die mit Religion nichts zu tun haben – oder gar Christinnen und Christen sind. Aber mit solchen Details muss man Herrn Wieler und die anderen Chefärzte, mit denen er sich in einer informellen Schaltkonferenz offenbar auf diesem Niveau ausgetauscht hatte, nicht belästigen, denn sie sind längst mit der Sorge über etwaige Rassismusvorwürfe befasst, sollten ihre "Erkenntnisse" offen angesprochen werden. "Ogottogottogott".

Ja, es ist wirklich unheimlich problematisch, dass man für das Hinausposaunen von Klischees statt von allen Seiten Zuspruch so etwas unfaires wie Kritik erntet. Echt ärgerlich. (Ironie aus)

Klassisch rechte Narrative bedient

Die von der "Bild" zitierten Äußerungen der Herren und ihre befürchteten Rassimusvorwürfe legen nahe, dass sie ihre Feststellungen zu Menschen mit Migrationshintergrund in der Corona-Krise für irgendwie bundesweit übertragbar halten. Dabei bedienen sie munter klassisch rechte Narrative: von vorurteilsbehafteten Ansichten zu "Parallelgesellschaften“ über die pauschalisierte Zuschreibung an Zuwandererinnen und Zuwanderern, kein Deutsch zu können. Was vermutlich die gleichen Herren bei anderen Gelegenheiten zu dem legendären Lob an gebürtige Deutsche mit Zuwanderungsgeschichte anschwellen lässt: "Sie können aber gut Deutsch sprechen". Bis hin zum angeblichen Tabu, "Ausländer" zu kritisieren. Dabei hat das nicht mal nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland aufgehört und ist heute sogar im Bundestag zu hören.
 

 
Kein Wunder also, dass die "Bild" darauf anspringt, das Thema zum Aufmacher macht und die Tabu-Unterstellung zur Schlagzeile erhebt. Inzwischen hat das RKI einige der zitierten Aussagen Lothar Wielers in der Zeitung präzisiert, den Grundtenor der Schaltkonferenz bestreitet es jedoch nicht.

Was ist dran an den Äußerungen?

Nun zum eigentlichen Thema. Ist der Anteil von "Migranten" an den Covid-19-Opfern wirklich so hoch? Das ist durchaus möglich oder sogar wahrscheinlich, statistisch erhoben wird das bundesweit allerdings nicht. Der RKI-Chef spricht von "deutlich über 50 Prozent", ein anderer Chefarzt von "immer über 90 Prozent". Worauf das genau bezogen ist, bleibt unklar. Sollten die Herren die Zahlen irgendwie repräsentativ gemeint haben, wären sie zunächst grundsätzlich in Zweifel zu ziehen.

Wenn ein paar Chefärzte und der oberste Robert Koch-Mann ein paar Feststellungen äußern, die sie aus Telefonaten mit anderen Chefärzten gewonnen haben, hat das mit Empirie herzlich wenig zu tun; erschreckend, dass Vertreter der medizinischen Elite, die alle eine akademische Ausbildung haben, meist promoviert sind und nicht selten Professorentitel tragen, mit solchen "Feststellungen“ ernsthaft hausieren gehen – nicht nur in dieser informellen Runde mit Lothar Wieler. Ihre "Warnungen" wurden selbst an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn herangetragen, der offenbar so klug war, sie nicht in diesem Licht zu betrachten.

Die Situation in den Heimen

Eine wahllos herausgegriffene Schlagzeile im Januar beim RBB lautete: "Fast zwei Drittel der Corona-Toten in Berlin sterben im Pflegeheim". Ohne weitere Recherche weiß man inzwischen, die Aussage trifft den Kern dessen, was wir über die Pandemie wissen. Zugleich ist bekannt, dass der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund an Bewohnerinnen und Bewohnern von Pflegeeinrichtungen deutlich geringer ist als der ohne. Einer BAMF-Untersuchung zufolge gaben 27 Prozent der Heimleitungen 2010 an, in ihrem Haus lebe niemand (!) mit Migrationshintergrund, 53 Prozent gaben den Anteil mit 0 bis 9 Prozent an. In zehn Jahren kann ihr Anteil unmöglich auf fast zwei Drittel gestiegen sein.
 

 
Zudem lassen sich die spezifischen Verhältnisse bestimmter Regionen nicht einfach auf alle Landesteile übertragen. Wegen der deutlich höheren Ausländer- und Migrantenquoten erhält man in Berlin einen anderen Eindruck beim Blick in die Intensivstationen als etwa im sächsischen Zittau. Einer der Chefärzte aus der Schaltkonferenz ist seit fast 30 Jahren in einem Krankenhaus in Moers tätig. Auch Moers ist nicht Zittau. Nach seiner "Erhebung" durch eine private telefonische Umfrage hatten angeblich "immer über 90 Prozent der intubierten, schwerstkranken Patienten einen Migrationshintergrund".

Sein Arbeitsplatz liegt in unmittelbarer Nachbarschaft der ehemaligen Bergarbeitersiedlung Moers-Meerbeck. Dort lag der Anteil allein an Doppelstaatern und Nichtdeutschen bereits bei fast 38 Prozent, bevor ab 2015 zahlreiche Geflüchtete ins Land kamen. Nur einen Steinwurf entfernt grenzt Duisburg an. Da kommt ein altgedienter Akademiker nicht auf die Idee, seine "Erhebungen" erst einmal gehörig zu relativieren, bevor er darin auch nur eine allgemeine Tendenz wähnt?

Dickes Fragezeichen hinter Wielers Geplapper

Zudem können die Altersstrukturen Zweifel an den Aussagen wecken: Menschen mit Migrationshintergrund im weiteren Sinne haben in Deutschland einen Altersdurchschnitt von 35,6 Jahren. Menschen ohne Migrationshintergrund sind 47,3 Jahre und somit im Schnitt deutlich älter, weswegen sie sich häufiger in den vulnerableren Alterskohorten befinden.

Das sind nur einige Zahlen und Statistiken, die ein dickes Fragezeichen hinter das kolportierte Geplapper von "Bild", Wieler & Co. rechtfertigen.
Das eigentlich Problem an ihren "Warnungen" ist jedoch nicht der Hinweis auf einen höheren Anteil sogenannter Menschen mit Migrationshintergrund an den Covid-Patienten an sich, sondern ihre Begründungen dafür. Die Ärzte behaupten explizit, die Ansteckungszahlen seien eine Folge sprachlicher Barrieren.

Das mag teilweise auf Geflüchtete zutreffen. Ich selbst habe dies gerade vergangenen Woche in einem Gastbeitrag für die Seenotretter von "Mission Lifeline" thematisiert. Auf wen soll das, außer auf Geflüchtete, sonst zutreffen? Oder meinen die Chefärzte wirklich, die erste Einwanderergeneration wie etwa meine Eltern hätten keine Söhne oder Töchter wie mich, die in der Lage wären, mit ihnen über Infektionsschutzmaßnahmen zu sprechen?

Es geht nicht primär um Sprachbarrieren

Hier hätte wiederum bloßes Nachdenken genügt, und die Mediziner hätten von alleine auf die Idee kommen können, dass in ihren Schlussfolgerungen womöglich der Wurm steckt, und ein erhöhter Anteil möglicherweise, vermutlich und vielleicht unter gewissen Umständen wichtigere Gründe hat als Sprachbarrieren.

Natürlich gibt es diese in Krankenhäusern. Ich habe selbst bisweilen Mühe, zugewanderte Ärzte oder zugewanderte Ärztinnen zu verstehen; aber ich weiß eben, wegen schlechter Gesundheitspolitik und schlechter Krankenhausführung mangelt es uns an medizinischem Personal. Aber, liebe Chefärzte, schon an Grundschulen sind Lehrkräfte mit Sprachbarrieren konfrontiert, und sie müssen ebenso lernen, damit umzugehen. So ist das eben in einer Einwanderungsgesellschaft.

Es geht um strukturelle Benachteiligung

Die Hauptgründe für einen möglicherweise erhöhten Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund an Covid-19-Patienten sind ebenso wenig in religiösen Überzeugungen oder kulturellen Prägungen zu suchen – Partys und christliche Gottesdienste feiern schließlich auch andere.

Zuwandererinnen und Zuwanderer ab den 1960er-Jahren und ihre Nachkommen sind in Deutschland vielfach benachteiligt. Das ist Allgemeinwissen, sodass ich mir weitere Ausführungen sparen kann. In den USA deuten erste Datenauswertungen darauf hin, dass schwarze Bürgerinnen und Bürger häufiger an Corona sterben und schlechter versorgt sind als weiße. In Großbritannien verstarben viermal so viele Schwarze wie Weiße im Zusammenhang mit dem Coronavirus, zwei Drittel der Patienten auf Intensivstationen gehören ethnischen Minderheiten an.

Sucht sich das Coronavirus seine Opfer etwa nach Hautfarbe aus oder fragt es seinen potenziellen Wirt vorher, ob er eine Zuwanderungsgeschichte hat? Oder sind es vielleicht doch eher sozio-ökonomische Faktoren wie schlechtere Wohnbedingungen, niedrigere Bildungsgrade oder miesere Arbeitsumfelder zum Beispiel in Großschlachtereien, die es dem Coronavirus leichter machen? Die Coronakrise macht soziale Ungleichheiten sichtbarer – noch so ein Allgemeinplatz nach einem Jahr Corona. Sollte man jedenfalls meinen. Wie verschlossen können Chefärzte sein, wenn ihnen all das nicht in den Sinn kommt?

Die Klarstellung war nicht überzeugend

Im Nachhinein fühlte sich das Robert Koch-Institut zwar bemüßigt, die wiedergegebenen Äußerungen Lothar Wielers in der "Bild" richtigzustellen. Aber überzeugend ist das in keiner Weise. Die Klarstellung konzentrierte sich auf die Präzisierung seiner Zahlenangabe von 50 Prozent. Die sei bloß auf die Intensivstationen von drei Kliniken in Großstädten bezogen gewesen. Dass Lothar Wieler diese Zahl konkret ins Verhältnis zum bundesweiten Bevölkerungsanteil von Muslimen gesetzt hat, spielte fürs RKI keine Rolle (Dass er dabei veraltete Zahlen benutzt hat? Geschenkt!)

Wenn das für die Corona-Krise maßgebliche Institut und sein Chef solchen Unsinn von sich geben und leitenden Medizinern, die Unsinn verbreiten, nicht vehement widersprechen, kann einem Angst und Bange werden. Wir leben in einer Einwanderungsgesellschaft. Mehr als 20 Millionen Menschen haben diesen sogenannten Migrationshintergrund. Damit hat sich auch eine Institution wie das RKI auseinanderzusetzen, ob es will oder nicht.

Überzeugend wäre gewesen, wenn Lothar Wieler während der Schaltkonferenz unmittelbar und deutlich Widerspruch eingelegt hätte, anstatt plump auf Moscheen zu verweisen, damit etwaige Äußerungen anderer implizit zu bekräftigen und die Opfer noch einmal zu Opfern zu machen. Als würde man einen Großteil der Musliminnen und Muslime über Moscheen erreichen.

Der ehemalige Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Uwe Janssens, hat im Deutschlandfunk gezeigt, wie das geht, indem er klipp und klar sagte, es sei eine "absolut unqualifizierte, diskriminierende und nahezu rassistische Aussage gegen viele Mitmenschen in unserer Gesellschaft, die ich in allen Punkten als verwerflich betrachte".

Wo blieb die Empörung?

Überzeugend wäre zudem gewesen, wenn der RKI-Chef (oder wenigstens einer der anderen Ärzte) nach der Schaltkonferenz seiner Empörung Ausdruck verliehen hätte, wie ungerecht unsere Einwanderungsgesellschaft in Deutschland ist. Diese Empörung hätte er mit einem Appell an Staat und Politik verknüpfen können, endlich mehr gegen diese sozialen Verwerfungen zu unternehmen.

Es tut mir leid, meine Herren, wenn Sie sich durch diese Kolumne falsch verstanden fühlen sollten. Vielleicht denken Sie künftig einfach vorher darüber nach, was Sie sich gegenseitig erzählen, und informieren sich, bevor Sie in ihrer privilegierten Position angebliche Rede-"Tabus" unterstellen und irrwitzige Zusammenhänge bei Themen skizzieren, mit denen Sie sich zuvor scheinbar noch nie befasst haben.

Am Ende muss man der "Bild" fast dankbar sein, dass sie diese Abgründe beleuchtet hat; auch wenn das Boulevardblatt damit gewiss anderes bezweckt hat.

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Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin, Publizistin und Gründerin des Liberal Islamischen Bunds e.V. (LIB). Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der Universität Duisburg-Essen. Ihr aktuelles Buch heißt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie können unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen. 

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