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Was Wieler ĂŒber Moscheen und Rede-"Tabus" verbreitet, ist Unsinn

  • Lamya Kaddor
Eine Kolumne von Lamya Kaddor

Aktualisiert am 05.03.2021Lesedauer: 8 Min.
RKI-Chef Wieler: Geplapper ĂŒber den Zusammenhang von Migrationshintergrund und Corona.
RKI-Chef Wieler: Geplapper ĂŒber den Zusammenhang von Migrationshintergrund und Corona. (Quelle: /getty-images-bilder)
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In einer Schaltkonferenz schlingert RKI-Chef Wieler vom Migrationshintergrund zu Corona und kommt irgendwie bei den Moscheen an. Seine Argumentation ist dĂŒnn, der Aufschrei zu Recht groß.

Auf welchen abgrĂŒndigen Pfaden ist der Chef des Robert Koch-Instituts da bloß unterwegs. Er erfĂ€hrt, dass womöglich vor allem sogenannte "Menschen mit Migrationshintergrund" unter den Todesopfern und Schwerstkranken der Coronavirus-Pandemie sind, und schlussfolgert daraus laut einem Bericht der "Bild", nun mĂŒsse in Moscheen "beinharte Sozialarbeit" geleistet werden. Wie bitte?


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Migranten = Muslime = vulnerable Gruppe? Wenn es nicht der RKI-Chef wĂ€re, der auf solch eine haarstrĂ€ubende Gleichung kommt, wĂŒrde man meinen: Das ist Satire. So kann sie einen allerdings an der Eignung von Lothar Wieler zweifeln lassen.

Massiv verzerrte Sichtweise

Diese Gleichung sagt sowohl etwas ĂŒber ihn als auch ĂŒber unsere Gesellschaft aus. Der unsĂ€gliche Diskurs ĂŒber Muslime im vielfach feindseligen Sarrazin-Stil ĂŒber die vergangenen zwei Jahrzehnte hat die Sichtweise auf das Thema gesellschaftliche Vielfalt massiv verzerrt und viele nachhaltig geprĂ€gt. So war es laut "Bild" fĂŒr Lothar Wieler ausreichend, von der "Mutter eines Clanchefs" in Berlin zu erfahren, die an Corona gestorben ist, um sich in seinen Thesen bestĂ€tigt zu fĂŒhlen.

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Es mag fĂŒr ihn ĂŒberraschend sein, aber in Berlin sind nicht alle Menschen mit Migrationshintergrund Muslime. Nicht mal alle TĂŒrkinnen und TĂŒrken oder Araberinnen und Araber sind Muslime. Es soll unter ihnen sogar welche geben, die mit Religion nichts zu tun haben – oder gar Christinnen und Christen sind. Aber mit solchen Details muss man Herrn Wieler und die anderen ChefĂ€rzte, mit denen er sich in einer informellen Schaltkonferenz offenbar auf diesem Niveau ausgetauscht hatte, nicht belĂ€stigen, denn sie sind lĂ€ngst mit der Sorge ĂŒber etwaige RassismusvorwĂŒrfe befasst, sollten ihre "Erkenntnisse" offen angesprochen werden. "Ogottogottogott".

Ja, es ist wirklich unheimlich problematisch, dass man fĂŒr das Hinausposaunen von Klischees statt von allen Seiten Zuspruch so etwas unfaires wie Kritik erntet. Echt Ă€rgerlich. (Ironie aus)

Klassisch rechte Narrative bedient

Die von der "Bild" zitierten Äußerungen der Herren und ihre befĂŒrchteten RassimusvorwĂŒrfe legen nahe, dass sie ihre Feststellungen zu Menschen mit Migrationshintergrund in der Corona-Krise fĂŒr irgendwie bundesweit ĂŒbertragbar halten. Dabei bedienen sie munter klassisch rechte Narrative: von vorurteilsbehafteten Ansichten zu "Parallelgesellschaften“ ĂŒber die pauschalisierte Zuschreibung an Zuwandererinnen und Zuwanderern, kein Deutsch zu können. Was vermutlich die gleichen Herren bei anderen Gelegenheiten zu dem legendĂ€ren Lob an gebĂŒrtige Deutsche mit Zuwanderungsgeschichte anschwellen lĂ€sst: "Sie können aber gut Deutsch sprechen". Bis hin zum angeblichen Tabu, "AuslĂ€nder" zu kritisieren. Dabei hat das nicht mal nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland aufgehört und ist heute sogar im Bundestag zu hören.


Kein Wunder also, dass die "Bild" darauf anspringt, das Thema zum Aufmacher macht und die Tabu-Unterstellung zur Schlagzeile erhebt. Inzwischen hat das RKI einige der zitierten Aussagen Lothar Wielers in der Zeitung prÀzisiert, den Grundtenor der Schaltkonferenz bestreitet es jedoch nicht.

Was ist dran an den Äußerungen?

Nun zum eigentlichen Thema. Ist der Anteil von "Migranten" an den Covid-19-Opfern wirklich so hoch? Das ist durchaus möglich oder sogar wahrscheinlich, statistisch erhoben wird das bundesweit allerdings nicht. Der RKI-Chef spricht von "deutlich ĂŒber 50 Prozent", ein anderer Chefarzt von "immer ĂŒber 90 Prozent". Worauf das genau bezogen ist, bleibt unklar. Sollten die Herren die Zahlen irgendwie reprĂ€sentativ gemeint haben, wĂ€ren sie zunĂ€chst grundsĂ€tzlich in Zweifel zu ziehen.

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Wenn ein paar ChefĂ€rzte und der oberste Robert Koch-Mann ein paar Feststellungen Ă€ußern, die sie aus Telefonaten mit anderen ChefĂ€rzten gewonnen haben, hat das mit Empirie herzlich wenig zu tun; erschreckend, dass Vertreter der medizinischen Elite, die alle eine akademische Ausbildung haben, meist promoviert sind und nicht selten Professorentitel tragen, mit solchen "Feststellungen“ ernsthaft hausieren gehen – nicht nur in dieser informellen Runde mit Lothar Wieler. Ihre "Warnungen" wurden selbst an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn herangetragen, der offenbar so klug war, sie nicht in diesem Licht zu betrachten.

Die Situation in den Heimen

Eine wahllos herausgegriffene Schlagzeile im Januar beim RBB lautete: "Fast zwei Drittel der Corona-Toten in Berlin sterben im Pflegeheim". Ohne weitere Recherche weiß man inzwischen, die Aussage trifft den Kern dessen, was wir ĂŒber die Pandemie wissen. Zugleich ist bekannt, dass der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund an Bewohnerinnen und Bewohnern von Pflegeeinrichtungen deutlich geringer ist als der ohne. Einer BAMF-Untersuchung zufolge gaben 27 Prozent der Heimleitungen 2010 an, in ihrem Haus lebe niemand (!) mit Migrationshintergrund, 53 Prozent gaben den Anteil mit 0 bis 9 Prozent an. In zehn Jahren kann ihr Anteil unmöglich auf fast zwei Drittel gestiegen sein.


Zudem lassen sich die spezifischen VerhĂ€ltnisse bestimmter Regionen nicht einfach auf alle Landesteile ĂŒbertragen. Wegen der deutlich höheren AuslĂ€nder- und Migrantenquoten erhĂ€lt man in Berlin einen anderen Eindruck beim Blick in die Intensivstationen als etwa im sĂ€chsischen Zittau. Einer der ChefĂ€rzte aus der Schaltkonferenz ist seit fast 30 Jahren in einem Krankenhaus in Moers tĂ€tig. Auch Moers ist nicht Zittau. Nach seiner "Erhebung" durch eine private telefonische Umfrage hatten angeblich "immer ĂŒber 90 Prozent der intubierten, schwerstkranken Patienten einen Migrationshintergrund".

Sein Arbeitsplatz liegt in unmittelbarer Nachbarschaft der ehemaligen Bergarbeitersiedlung Moers-Meerbeck. Dort lag der Anteil allein an Doppelstaatern und Nichtdeutschen bereits bei fast 38 Prozent, bevor ab 2015 zahlreiche GeflĂŒchtete ins Land kamen. Nur einen Steinwurf entfernt grenzt Duisburg an. Da kommt ein altgedienter Akademiker nicht auf die Idee, seine "Erhebungen" erst einmal gehörig zu relativieren, bevor er darin auch nur eine allgemeine Tendenz wĂ€hnt?

Dickes Fragezeichen hinter Wielers Geplapper

Zudem können die Altersstrukturen Zweifel an den Aussagen wecken: Menschen mit Migrationshintergrund im weiteren Sinne haben in Deutschland einen Altersdurchschnitt von 35,6 Jahren. Menschen ohne Migrationshintergrund sind 47,3 Jahre und somit im Schnitt deutlich Àlter, weswegen sie sich hÀufiger in den vulnerableren Alterskohorten befinden.

Das sind nur einige Zahlen und Statistiken, die ein dickes Fragezeichen hinter das kolportierte Geplapper von "Bild", Wieler & Co. rechtfertigen.
Das eigentlich Problem an ihren "Warnungen" ist jedoch nicht der Hinweis auf einen höheren Anteil sogenannter Menschen mit Migrationshintergrund an den Covid-Patienten an sich, sondern ihre BegrĂŒndungen dafĂŒr. Die Ärzte behaupten explizit, die Ansteckungszahlen seien eine Folge sprachlicher Barrieren.

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Das mag teilweise auf GeflĂŒchtete zutreffen. Ich selbst habe dies gerade vergangenen Woche in einem Gastbeitrag fĂŒr die Seenotretter von "Mission Lifeline" thematisiert. Auf wen soll das, außer auf GeflĂŒchtete, sonst zutreffen? Oder meinen die ChefĂ€rzte wirklich, die erste Einwanderergeneration wie etwa meine Eltern hĂ€tten keine Söhne oder Töchter wie mich, die in der Lage wĂ€ren, mit ihnen ĂŒber Infektionsschutzmaßnahmen zu sprechen?

Es geht nicht primÀr um Sprachbarrieren

Hier hĂ€tte wiederum bloßes Nachdenken genĂŒgt, und die Mediziner hĂ€tten von alleine auf die Idee kommen können, dass in ihren Schlussfolgerungen womöglich der Wurm steckt, und ein erhöhter Anteil möglicherweise, vermutlich und vielleicht unter gewissen UmstĂ€nden wichtigere GrĂŒnde hat als Sprachbarrieren.

NatĂŒrlich gibt es diese in KrankenhĂ€usern. Ich habe selbst bisweilen MĂŒhe, zugewanderte Ärzte oder zugewanderte Ärztinnen zu verstehen; aber ich weiß eben, wegen schlechter Gesundheitspolitik und schlechter KrankenhausfĂŒhrung mangelt es uns an medizinischem Personal. Aber, liebe ChefĂ€rzte, schon an Grundschulen sind LehrkrĂ€fte mit Sprachbarrieren konfrontiert, und sie mĂŒssen ebenso lernen, damit umzugehen. So ist das eben in einer Einwanderungsgesellschaft.

Es geht um strukturelle Benachteiligung

Die HauptgrĂŒnde fĂŒr einen möglicherweise erhöhten Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund an Covid-19-Patienten sind ebenso wenig in religiösen Überzeugungen oder kulturellen PrĂ€gungen zu suchen – Partys und christliche Gottesdienste feiern schließlich auch andere.

Zuwandererinnen und Zuwanderer ab den 1960er-Jahren und ihre Nachkommen sind in Deutschland vielfach benachteiligt. Das ist Allgemeinwissen, sodass ich mir weitere AusfĂŒhrungen sparen kann. In den USA deuten erste Datenauswertungen darauf hin, dass schwarze BĂŒrgerinnen und BĂŒrger hĂ€ufiger an Corona sterben und schlechter versorgt sind als weiße. In Großbritannien verstarben viermal so viele Schwarze wie Weiße im Zusammenhang mit dem Coronavirus, zwei Drittel der Patienten auf Intensivstationen gehören ethnischen Minderheiten an.

Sucht sich das Coronavirus seine Opfer etwa nach Hautfarbe aus oder fragt es seinen potenziellen Wirt vorher, ob er eine Zuwanderungsgeschichte hat? Oder sind es vielleicht doch eher sozio-ökonomische Faktoren wie schlechtere Wohnbedingungen, niedrigere Bildungsgrade oder miesere Arbeitsumfelder zum Beispiel in Großschlachtereien, die es dem Coronavirus leichter machen? Die Coronakrise macht soziale Ungleichheiten sichtbarer – noch so ein Allgemeinplatz nach einem Jahr Corona. Sollte man jedenfalls meinen. Wie verschlossen können ChefĂ€rzte sein, wenn ihnen all das nicht in den Sinn kommt?

Die Klarstellung war nicht ĂŒberzeugend

Im Nachhinein fĂŒhlte sich das Robert Koch-Institut zwar bemĂŒĂŸigt, die wiedergegebenen Äußerungen Lothar Wielers in der "Bild" richtigzustellen. Aber ĂŒberzeugend ist das in keiner Weise. Die Klarstellung konzentrierte sich auf die PrĂ€zisierung seiner Zahlenangabe von 50 Prozent. Die sei bloß auf die Intensivstationen von drei Kliniken in GroßstĂ€dten bezogen gewesen. Dass Lothar Wieler diese Zahl konkret ins VerhĂ€ltnis zum bundesweiten Bevölkerungsanteil von Muslimen gesetzt hat, spielte fĂŒrs RKI keine Rolle (Dass er dabei veraltete Zahlen benutzt hat? Geschenkt!)

Wenn das fĂŒr die Corona-Krise maßgebliche Institut und sein Chef solchen Unsinn von sich geben und leitenden Medizinern, die Unsinn verbreiten, nicht vehement widersprechen, kann einem Angst und Bange werden. Wir leben in einer Einwanderungsgesellschaft. Mehr als 20 Millionen Menschen haben diesen sogenannten Migrationshintergrund. Damit hat sich auch eine Institution wie das RKI auseinanderzusetzen, ob es will oder nicht.

Überzeugend wĂ€re gewesen, wenn Lothar Wieler wĂ€hrend der Schaltkonferenz unmittelbar und deutlich Widerspruch eingelegt hĂ€tte, anstatt plump auf Moscheen zu verweisen, damit etwaige Äußerungen anderer implizit zu bekrĂ€ftigen und die Opfer noch einmal zu Opfern zu machen. Als wĂŒrde man einen Großteil der Musliminnen und Muslime ĂŒber Moscheen erreichen.

Der ehemalige PrĂ€sident der Deutschen InterdisziplinĂ€ren Vereinigung fĂŒr Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Uwe Janssens, hat im Deutschlandfunk gezeigt, wie das geht, indem er klipp und klar sagte, es sei eine "absolut unqualifizierte, diskriminierende und nahezu rassistische Aussage gegen viele Mitmenschen in unserer Gesellschaft, die ich in allen Punkten als verwerflich betrachte".

Wo blieb die Empörung?

Überzeugend wĂ€re zudem gewesen, wenn der RKI-Chef (oder wenigstens einer der anderen Ärzte) nach der Schaltkonferenz seiner Empörung Ausdruck verliehen hĂ€tte, wie ungerecht unsere Einwanderungsgesellschaft in Deutschland ist. Diese Empörung hĂ€tte er mit einem Appell an Staat und Politik verknĂŒpfen können, endlich mehr gegen diese sozialen Verwerfungen zu unternehmen.

Es tut mir leid, meine Herren, wenn Sie sich durch diese Kolumne falsch verstanden fĂŒhlen sollten. Vielleicht denken Sie kĂŒnftig einfach vorher darĂŒber nach, was Sie sich gegenseitig erzĂ€hlen, und informieren sich, bevor Sie in ihrer privilegierten Position angebliche Rede-"Tabus" unterstellen und irrwitzige ZusammenhĂ€nge bei Themen skizzieren, mit denen Sie sich zuvor scheinbar noch nie befasst haben.

Am Ende muss man der "Bild" fast dankbar sein, dass sie diese AbgrĂŒnde beleuchtet hat; auch wenn das Boulevardblatt damit gewiss anderes bezweckt hat.

Mehr Kolumnen von Lamya Kaddor lesen Sie hier.

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Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, ReligionspĂ€dagogin, Publizistin und GrĂŒnderin des Liberal Islamischen Bunds e.V. (LIB). Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der UniversitĂ€t Duisburg-Essen. Ihr aktuelles Buch heißt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie können unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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