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Tagesanbruch: Ein Bruch geht durch Deutschland

MEINUNGTagesanbruch  

Was heute Morgen wichtig ist

Von Florian Harms

30.08.2018, 05:30 Uhr

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

Seit vier Tagen berichten wir ununterbrochen über das Geschehen in Chemnitz, auch heute wird es wohl wieder die Schlagzeilen dominieren. Ein Ereignis, das uns vor dem Gewaltausbruch in Sachsen intensiv beschäftigte, ist mittlerweile aus dem Fokus geraten. Das ist verständlich, denn die Lage an der Waldbrandfront östlich von Berlin hat sich beruhigt. Immer mehr Einsatzkräfte ziehen ab, noch rund 200 Feuerwehrleute waren gestern mit dem Löschen der letzten Glutnester beschäftigt. Bis zum Wochenende dürfte ihr Einsatz abgeschlossen sein.

Was bleibt zurück? Das bleibt zurück: Eine Landschaft, die einem impressionistischen Gemälde gleicht. Mit dem Unterschied, dass uns diese Formen nicht erfreuen oder inspirieren, sondern erschrecken. Erst recht, wenn wir uns bewusst machen: Forscher halten den Klimawandel für wochenlange Dürren, wie sie den Bränden in Brandenburg vorausgingen, für mitverantwortlich. Aber sehen Sie selbst:

Nach den Wandbränden in Brandenburg (Quelle: dpa/Ralf Hirschberger)Nach den Wandbränden in Brandenburg (Quelle: Ralf Hirschberger/dpa)

 (Quelle: dpa/Ralf Hirschberger) (Quelle: Ralf Hirschberger/dpa)

 (Quelle: dpa/Ralf Hirschberger) (Quelle: Ralf Hirschberger/dpa)

 (Quelle: dpa/Ralf Hirschberger) (Quelle: Ralf Hirschberger/dpa)

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WAS STEHT AN?

Germany Chemnitz (Quelle: AP/dpa/Jens Meyer)Proteste in Chemnitz (Quelle: Jens Meyer/AP/dpa)

Ein Bruch geht durch Deutschland. Auf der einen Seite des Grabens stehen erzürnte, zum Teil auch hasserfüllte Menschen. Manche zeigen offen ihre rechtsradikale Gesinnung, andere halten sich weder für rechts noch für radikal, hegen aber einen tief sitzenden Groll gegen Flüchtlinge, gegen die Bundeskanzlerin, auch gegen die Medien, und manche von ihnen haben offenbar nichts dagegen, Seite an Seite mit Extremisten auf die Straße zu gehen, wilde Parolen zu verbreiten. Sie sind nicht wenige, aber sie sind eine Minderheit.

Auf der anderen Seite steht die Mehrheit aufrechter Demokraten. Auch unter ihnen gibt es viele, die sich über die Bundesregierung ärgern, die die Flüchtlingspolitik kritisieren, die es nicht verstehen können, wenn Politiker das eine sagen und zu oft das andere tun. Aber sie stehen mit beiden Beinen auf dem Boden unserer rechtsstaatlichen, freiheitlichen Grundordnung. Sie halten sich an Gesetze, sie verabscheuen Hass, Diffamierungen und natürlich auch Gewalt. Das ist die Mehrheit, und das ist gut so. Diese Mehrheit ist entsetzt über die fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Chemnitz und sieht darin eine Bedrohung für unsere Demokratie, wie eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für t-online.de zeigt. Auch ich zähle mich dazu. Und bin überzeugt, dass wir über dieses Problem sprechen müssen. Nicht nur heute, sondern auch dann, wenn Chemnitz aus den Schlagzeilen verschwunden ist.

Deshalb werden wir weiter berichten. Wir forschen nach, wie der Haftbefehl gegen die mutmaßlichen Messerstecher in Chemnitz an die Öffentlichkeit gelangen konnte. Wir berichten, wie AfD-Anhänger sich in Gewaltfantasien gegen Journalisten ergehen und lassen uns von einem Chemnitzer Bürger erklären, wie die Hetze gegen Ausländer auf WhatsApp verbreitet wird. Wir klären Sie über die Organisation "Der dritte Weg" auf, die still und leise neue Neonazistrukturen in Deutschland aufbaut. Wir berichten und analysieren, wir ordnen ein und wir kommentieren – wobei alle Meinungsartikel auf t-online.de klar gekennzeichnet sind.

Dabei ist es uns wichtig, zu differenzieren. Nicht alle Menschen, die in Chemnitz auf die Straße gingen, waren Rechtsradikale. Die Motive waren unterschiedlich. Alle diese Menschen unterschiedslos als "Nazis" zu verunglimpfen, wäre ebenso unredlich, wie pauschal alle Ausländer als Kriminelle zu beschimpfen.

Auch unser Gastautor Wolfgang Bosbach thematisiert diesen Gedanken und fordert die Bundesregierung auf: "Hört endlich auf, die unübersehbaren Probleme infolge der Flüchtlingspolitik zu ignorieren oder gar zu tabuisieren!" Die allermeisten Bürger gehören nicht in die rechte Ecke, schreibt der CDU-Politiker. Aber sie wollen besser geschützt werden – ganz gleich, aus welcher Richtung sie von Gewalt bedroht werden." Auch darüber berichten wir.

Und wir werden selbstverständlich heute Abend vor Ort sein, wenn sich Ministerpräsident Michael Kretschmer mit den Chemnitzern zum "Sachsengespräch" im Fußballstadion trifft. Es steht zu befürchten, dass dort nicht nur friedliche Demonstranten auftauchen, sondern auch wieder Rechtsradikale. Unsere Reporter werden berichten – ebenso wie am kommenden Montagabend, wenn die Toten Hosen, Feine Sahne Fischfilet, Kraftklub und weitere Bands in Chemnitz auftreten und ein Zeichen gegen Hass setzen wollen. Schon jetzt haben mehr als 8.000 Menschen ihr Kommen angekündigt, stündlich werden es mehr. Ein starkes Signal.

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Thilo Sarrazin (Quelle: Reuters)Thilo Sarrazin (Quelle: Reuters)

Knapp 500 Seiten. 800 Anmerkungen. Ein Register. Anhang mit Tabellen. Kein Zweifel: Thilo Sarrazin will nicht nur viel loswerden, sondern auch seinen Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen. Als er vor acht Jahren sein Buch "Deutschland schafft sich ab" veröffentlichte, fielen schnell die zahlreichen Fehler und Ungereimtheiten in seinen Tiraden gegen den Islam und muslimische Einwanderer auf. Sein neues Werk soll nun offenbar den Eindruck von Wissenschaftlichkeit erwecken. "Feindliche Übernahme" lautet der Titel, und er ist Programm. Auch diesmal kennt Sarrazin nur ein Thema: den Islam und die Gefahren, die vermeintlich von ihm ausgehen. Und wieder richtet er seine Kritik nicht nur gegen konkrete gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen, sondern stellt gleich die ganze Religion an den Pranger. Mit Wissenschaftlichkeit hat das nicht mehr viel zu tun.

Selbstverständlich kann und muss man über Migration und kritische Entwicklungen im Islam diskutieren, auch über die vielen Probleme in muslimischen Gemeinschaften, etwa das diskriminierende Frauenbild konservativer Muslime oder die demokratiefeindliche Haltung islamischer Fundamentalisten. Aber wenn sich ein Autor eine ganze Weltreligion als Sujet vornimmt, dann sollte er differenzieren können. Mein Kollege Stefan Rook, der "Feindliche Übernahme" gelesen hat, ist zu dem Fazit gelangt: Sarrazin tut das nicht. Er verkürzt gesellschaftliche Entwicklungen, versammelt Pauschalurteile, transportiert Klischees. Er verquickt Fakten, schiefe Interpretationen und plakative Meinungen zu einem wilden Konglomerat. So trägt sein Buch in keiner Weise zu einer besseren Verständigung mit Muslimen bei, sondern skizziert ein Feindbild. Das ist gefährlich, weil so pauschal Animositäten gegen Muslime geschürt werden. Die Rezension lesen Sie hier.

Aber wir wollen Ihnen nicht nur berichten, wie wir Sarrazins Buch finden. Wir möchten gern auch Ihre Meinung hören: Sie sind herzlich eingeladen, im Forum unter dem Artikel mit unserem Autor Stefan Rook zu diskutieren. Um neun Uhr geht es los.

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Redakteurin Janna Specken mit Sido  (Quelle: t-online.de)Redakteurin Janna Specken mit Sido (Quelle: t-online.de)

Wer altert, wird in der Regel ruhiger, gesetzter, besonnener. Da geht es Rap-Musikern nicht anders als mir und vielleicht auch Ihnen. Zum Beispiel dem Herrn Sido. Früher rappte er mit einer gruseligen Maske auf dem Kopf allerhand wilde Sachen. Heute hat er vier Kinder und, ja, wirklich, eine Hüpfburg und sitzt in einer Castingshow neben, ja, wirklich, Thomas Anders. Und nun kommt’s: Das ist genau das Leben, das er sich immer erträumt hat. Warum der Rapper kein Rüpel mehr sein mag und warum seiner Meinung nach eine gute Beziehung vor allem vom Mann abhängig ist, das hat er meiner Kollegin Janna Specken verraten. Hier ist das Interview.

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Apropos Alter: Wenn Sie mindestens so viele Jahre wie ich auf dem Buckel haben, dann erinnern Sie sich bestimmt noch an das legendäre "Werner"-Rennen auf dem Flugplatz Hartenholm in Schleswig-Holstein: Comiczeichner Rötger Feldmann (Brösel) gegen seinen Kumpel Holger Henze (Holgi). "Red-Porsche-Killer"-Horex-Feuerstuhl gegen Porsche. So sahen die beiden damals, weiland 1988, aus:

Holger Henze, Rötger Feldmann 1988 (Quelle: Wulf Pfeiffer/ dpa)Holger Henze, Rötger Feldmann 1988 (Quelle: Wulf Pfeiffer/ dpa)

30 Jahre später sehen Sie so aus …

30 Jahre später - Holger Henze, Rötger Feldmann  (Quelle: Quelle Carsten Rehder/dpa)30 Jahre später - Holger Henze, Rötger Feldmann (Quelle: Quelle Carsten Rehder/dpa)

… und wollen es noch mal wissen: Heute beginnt das Festivalspektakel rund um das Rennen, das am Sonntag ausgetragen wird. Damals gewann übrigens … ach Sorry, das wissen Sie als alter Hase ja schon.

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WAS LESEN?

Was sind das für Leute, die bei Pegida-Märschen in Dresden ihren Hass herausschreien und gegen Ausländer hetzen? Sind das alles Rechtsradikale oder Mitläufer mit Wut im Bauch? Was geschieht da in Teilen des Bürgertums, was denken diese Leute? Vor Pauschalurteilen sollte man sich hüten, aber beim Namen nennen sollte man schon, was da mitten in unserem Land geschieht. "Zivilisationsbruch" nennt es Harald Lamprecht von der Evangelischen Kirche. So hat er seinen kurzen Text über ein Erlebnis auf einer Zugfahrt in Sachsen betitelt. Schockierend.

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Was ist zu halten von Löws und Bierhoffs WM-Analyse? Falls Sie sich noch keine abschließende Meinung gebildet haben, empfehle ich Ihnen den Kommentar meines Kollegen Luis Reiß. Sehr klar, sehr deutlich: "Bierhoffs Auftritt war eine Farce."

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Der Sommer neigt sich. In ganz Deutschland fängt allmählich die Schule wieder an – und wie immer tut sie das zum völlig falschen Zeitpunkt. Nein, nicht die Jahreszeit. Die Uhrzeit ist das Problem. Seit Jahr und Tag weiß die Wissenschaft, dass sich die frühmorgendliche erste Stunde lerntechnisch wenig vom Wachkoma unterscheidet. Bei den Kleinen mag es noch angehen, bei Jugendlichen aber, deren morgendliche Dynamik von manch aufgeweckter Topfpflanze übertroffen wird, herrscht um diese Uhrzeit zerebraler Frieden. Dennoch hat es natürlich gute Gründe, dass die Schule spätestens um acht beginnt.

Genauer gesagt, zwei Gründe. Erstens: Das haben wir schon immer so gemacht. Zweitens: Das haben wir noch nie so gemacht. Es türmt sich Studie auf Studie, aber der Gong geht um acht, sonst gute Nacht. Ja, die Eltern müssen zur Arbeit, doch eine Frühbetreuung ist kein Hexenwerk, und die kostbare, von Lehrermangel ausgedünnte Unterrichtszeit müsste nicht zur Beschallung von Hohlräumen verschleudert werden. Selbst ein Thinktank wie die RAND Corporation – von den notorischen Frühaufstehern des US-Militärs gegründet – gibt in einer umfassenden Kosten-Nutzen-Analyse dem späten Schulstart den Vorzug. Deutsche Kritiker kontern: Schwierig, man müsste ja den Busfahrplan anpassen.

So trifft immer noch Argument auf Experiment. Zum Beispiel das Argument, die Zeit zum Lernen würde zu knapp, weil den Jugendlichen nachmittags nichts mehr beizubringen sei. Experimente ergaben, dass sie trotzdem mehr lernen – der längere Schlaf bewirkt Wunder. "Dann sollen sie eben früher ins Bett gehen!", tönt es aus der empiriefreien Zone, dabei weiß man längst, dass sich in der Pubertät der Biorhythmus nach hinten verlagert. Aber alles in allem, es stimmt schon, darf die Schule nicht nach acht beginnen. Geht nicht. Kann nicht. Das haben wir noch nie so gemacht.

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WAS AMÜSIERT MICH?

Sie treten gern im Rudel auf und sehen aus, als seien sie nicht ganz von dieser Welt: Ostasien ist die Heimat der Girlgroups und Boybands. Hemmungslos künstlich, schonungslos knallig, aalglatt mit nur wenigen, sorgfältig austarierten Eckchen und Käntchen. Scharen von Teenies himmeln sie an – und tatsächlich ist das auch verdient, denn das Geschäft ist knallhart, und den Bands wird Extremes abverlangt. Dafür räumen die Stars des K-Pop gerade mal wieder Rekorde ab. Noch nie haben binnen 24 Stunden so viele Menschen auf YouTube ein Video angesehen wie das der Band BTS. Es ist, sagen wir mal: farbenfroh. Authentisch? Eher nicht. Also aufrufen. Einatmen. Und ab!

Ich wünsche Ihnen einen frohen Tag.

Ihr Florian Harms
Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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