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"Stolzmonat": Rechtsextreme Gegenkampagne zum "Pride Month" wird schwuler


"Stolzmonat" trendet im Netz
Influencer sichert sich rechten Slogan – und kehrt ihn um


01.06.2024Lesedauer: 4 Min.
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"Stolzmonat": Jetzt werden der homophoben Kampagne T-Shirts mit queeren Motiven entgegengesetzt.Vergrößern des Bildes
Stolzmonat: Jetzt werden der homophoben Kampagne T-Shirts mit queeren Motiven entgegengesetzt.

Mit dem "Stolzmonat" wollen Rechtsextreme im Netz mobilisieren gegen Solidarität mit queeren Menschen. Das könnte schwieriger werden, nachdem ein bisexueller Influencer mit der Marke T-Shirts herausbringt.

In den kommenden Wochen wehen wieder viele Deutschland-Fähnchen auf den Straßen und durchs Netz: Es ist Fußball-EM, Fans zeigen ihre Unterstützung für die deutsche Nationalmannschaft. Allerdings gibt es noch eine weitere Bewegung mit ganz anderen Gründen, die im Juni Flagge zeigt: Deutschland-Profilbilder im Kampf gegen Regenbogensymbolik.

Der "Stolzmonat" mit schwarz-rot-gelben Profilen ist im vergangenen Jahr als Antwort von Rechts auf den "Pride Month" der LGBTQ-Bewegung entstanden. Zu Beginn des Monats gegen Diskriminierung von Angehörigen dieser Community machte sich plötzlich eine Gegenbewegung im Netz breit.

Regenbogen "Dominanzsignal einer kleinen ideologischen Gruppierung"

Fabian Grischkat war da ein wenig erstaunt und erschrocken. Der Webvideoproduzent und Moderator tritt im Netz und auf Vorträgen für die Rechte queerer Menschen auf. Für dieses Anliegen und zur Solidarität ist der Juni international zum "Pride Month" geworden, Unternehmen demonstrieren vorübergehend mit Regenbogenfarben Solidarität, an öffentlichen Gebäuden wird auch die Regenbogenfahne gehisst.

Das stößt allerdings auch auf Ablehnung: Deshalb wollte Shlomo Finkelstein, so das Pseudonym eines rechtsextremen Influencers, den Kampf aufnehmen: "Patrioten" gegen das "Dominanzsignal einer zahlenmäßig kleinen, aber in Presse und Politik sehr mächtigen ideologischen Gruppierung", wie er es nannte.

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Er war mit seinem Netzwerk mit Scharen von Trollen Initiator, als zum 1. Juni 2023 der "Stolzmonat" auftauchte: Erstmals zeigten massenhaft Profile im Netz mit der Meinung, Schwarz-Rot-Gelb sei "bunt genug". Björn Höcke war einer der Ersten von vielen AfD-Politikern, die zum Hashtag #Stolzmonat das Profilbild wechselten. Massenweise wurden Meme-Bildchen produziert.

Beim Marken- und Patentamt "Stolzmonat" angemeldet

Jetzt hat Fabian Grischkat Häme bei den einen und Verunsicherung bei den anderen ausgelöst, noch bevor in diesem Jahr der "Pride Month" angebrochen war und die rechte "Stolzmonat"-Kampagne beginnen konnte. Am Donnerstag hatte ein Nutzer auf X von seiner Entdeckung beim Deutschen Marken- und Patentamt geschrieben, dass "Stolzmonat" angemeldet ist – mit Grischkat als Anmelder.

Der 23-Jährige hat sich die Marke gesichert, mit der bislang das AfD-Umfeld Mobilisierungserfolge feiert und Geschäfte macht: Es gab einen "Stolzmonat"-Shop eines Mitorganisators aus der Kölner AfD, und es gibt einen "Patrioten"-Store, der aus dem Umfeld der Identitären Bewegung betrieben wird. Neben dem "offiziellen Materialversand der Jungen Alternative" ist dieses Geschäft mit Adresse in Rostock Anbieter für "Stolzmonat"-Artikel: Taschen, Aufkleber, Kissen, Textilien.

Doch Grischkat ist jetzt auch Anbieter: Zum "Pride Month" werden "Stolzmonat"-T-Shirts mit Aufdrucken wie "Queer & Proud" und Fotos von Ikonen der Schwulen- und Lesbenbewegung vertrieben. Grischkat zu t-online: "'Stolzmonat' ist doch nur die Übersetzung von 'Pride Month', wieso sollten wir das nicht auch nutzen." Mit den Motiven im Shop und einem Film wird der Begriff wieder mit den ursprünglichen Ideen und Idealen verknüpft. Der "Stolzmonat" soll damit nicht mehr Domäne derjenigen sein, die sich gegen den "Pride Month" richten. Die Adresse stolzmaus.de lieferte allerdings zum Start eine Fehlermeldung.

"Um Abmahnung geht es nicht"

Bei den Strippenziehern der rechten "Stolzmonat"-Bewegung ist die Anmeldung am Donnerstag aufgefallen. Vermutet wird dort und vielfach auch von linken Accounts bislang, dass nun die rechten Anbieter für die Nutzung abgemahnt werden sollen. "Darum geht es uns nicht", sagt Grischkat.

Rechtsextremer fotografierte sich im Blümchenkleid

Auf der anderen "Stolzmonat"-Seite stehen Netzaktivisten, die sich dem "Vorfeld" der AfD zurechnen und dort zum radikalen Lager gehören. Initiator "Shlomo Finkelstein", der vor Jahren als Musiker "Die Pi-Elke" ein Foto von sich im Blümchenkleid veröffentlicht hatte, ist 2020 zu einer einjährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Dabei ging es unter anderem um Volksverhetzung und Verbreiten von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. In einem hatte er einen Koran auf einem Grill verbrannt. Ein Co-Organisator aus Köln nennt sich "Wuppi" und war zumindest für die Wuppertaler AfD-Fraktion tätig. Er kassierte im vergangenen Jahr eine Geldstrafe wegen fahrlässiger Körperverletzung, Sachbeschädigung, Nötigung und Störung einer Versammlung. Er hatte eine Gegendemonstrantin der "Omas gegen Rechts" angegangen. Ebenfalls zu den Köpfen des rechten "Stolzmonats" gezählt wird der Webvideoproduzent "Unblogd", der auch AfD-Gliederungen und Organisationen aus dem Umfeld der Identitären Bewegung Schulungen für soziale Netzwerke anbietet.

Das lässt der Status der Marke auch bisher überhaupt nicht zu. Die Widerspruchsfrist gegen die Anmeldung läuft noch. Der Erfurter Anwalt Sascha Schlösser, Kandidat der AfD bei der Europawahl, ist bereits beauftragt, "gegen die Anmeldung der Wortmarke 'Stolzmonat' mit allen rechtlichen Mitteln" vorzugehen. Schlösser teilte t-online mit, die Anmeldung der Marke sei "gleich aufgrund einer Vielzahl von Kriterien bedenklich. Ich kann den Anmeldern nur empfehlen, den Antrag auf Markeneintragung zurückzunehmen."

Grischkat sagt, als er zu Jahresanfang die Idee gehabt habe, sei er auch unsicher gewesen. Er habe sich aber mit verschiedenen Juristen ausgetauscht und Zuspruch bekommen. "Klar war aber, dass ich mit der Marke auch etwas tun muss. Ich fände es auch nicht richtig, eine Marke nur anzumelden, um anderen in die Parade zu fahren."

Das schwarz-rot-goldene "Stolzmonat"-Lager dürfte es auch überraschen, dass er nicht mal das Deutschland-Fähnchen schlecht redet: "Es ist doch kein Widerspruch, wenn jemand samstags mit Deutschland-Fahne zum Deutschland-Spiel geht und sonntags mit Regenbogenfahne zum CSD." Der Regenbogen als Gegensatz zu den deutschen Fahnen – für Grischkat nicht.

Agentur unterstützt Fabian Grischkat

In der Datenbank des Patentamts finden sich sogar zwei Anmeldungen, weil die Marke zunächst nur für Deutschland geschützt werden sollte – nun ist sie auch als EU-Marke angemeldet. Die Daten der zweiten Registrierung führen auf die Spur einer Agentur Media Force. Die unterstütze ihn unentgeltlich. Sie erhält Mittel von dem Philanthropen Kai Viehof, der auch die Rechercheorganisation Correctiv und HateAid fördert, ein Projekt gegen Hass im Internet. Doch verantwortlich für die "Stolzmonat"-Aktion ist Grischkat. Entsprechend wird auch sein Foto aus dem homophoben "Stolzmonat"-Netzwerk verbreitet, mit Informationen zu seiner Person.

"Mit Attacken einiger Nutzer auf X kann und muss ich leben, aber einiges, was über mich behauptet wird, stimmt nicht". Er ist etwa kein Moderator bei "Funk", dem jungen öffentlich-rechtlichen Kanal. "Ich war aber mal Gastgeber eines Formats, ich habe auch schon für das Familienministerium Veranstaltungen moderiert." Kontakt mit Politik oder Parteien habe es aber wegen des Projekts "Stolzmonat" nicht gegeben – "anders als bei der AfD".

Geschäfte machen will er mit dem "Stolzmonat" nicht – anders als bei den rechten "Stolzmonat"-Verkäufen sollen alle Gewinne gespendet werden. Bei den Shirts sei das fast die Hälfte des Verkaufspreises, die komplett an die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld gehen soll. Sie erinnert an den schwulen jüdischen Arzt und Sexualforscher Hirschfeld und fördert Initiativen gegen Diskriminierung von sexuellen Minderheiten und Trans-Personen. Hirschfeld verließ Deutschland, seine Werke wurden von den Nazis als "volks- und rassezerstörende" Schriften aus den Bibliotheken entfernt. Er ist auch einer der Köpfe auf den T-Shirts. Grischkat betont: "Ich finde es wichtig, daran zu erinnern, wie queere Menschen von Nationalsozialisten erniedrigt und verfolgt wurden."

Verwendete Quellen
  • Eigene Recherchen
  • Deutsches Marken- und Patentamt
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