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Dombaumeisterin: "Ich kann das Feuer von Notre-Dame kaum begreifen"

  • Lars Wienand
Von Lars Wienand

Aktualisiert am 16.04.2019Lesedauer: 4 Min.
Der Brand von Notre-Dame und Dombaumeisterin Regine Hartkopf: "Ich musste direkt daran denken, wie es meinen Domen geht."
Der Brand von Notre-Dame und Dombaumeisterin Regine Hartkopf: "Ich musste direkt daran denken, wie es meinen Domen geht." (Quelle: Reuters/privat)
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Die Bilder von der brennenden Kathedrale in Paris haben die Dombaumeisterin Regine Hartkopf entsetzt ÔÇô und verwundert: "Holz entz├╝ndet sich nicht so schnell."

Die Architektin Regine Hartkopf ist Dombaumeisterin in Merseburg und Naumburg sowie Schriftf├╝hrerin der Europ├Ąischen Vereinigung der Dombaumeister, M├╝nsterbaumeister und H├╝ttenmeister. "Alle in unserem Verein leiden mit", sagt sie t-online.de. Im Interview spricht sie ├╝ber Brandschutz, die Tragweite des Feuers von Notre-Dame und ├╝ber Wiederaufbau.

t-online.de: Frau Hartkopf, was haben Sie bei den Bildern gedacht?

Eine Katastrophe. Man wei├č gar nicht, was man dazu sagen soll, au├čer, dass einen das blanke Entsetzen erfasst. Man sieht, wie fragil pl├Âtzlich Dinge werden, die so selbstverst├Ąndlich erscheinen. Ich bin ersch├╝ttert.

Kann das denn an jeder Kirche passieren? Der K├Âlner Dom zum Beispiel hat einen Dachstuhl aus Eisen* aus dem 19. Jahrhundert?

Wenn es richtig brennt, dann verformt sich auch ein Eisendachstuhl und kann einst├╝rzen, aber dort brennt es nat├╝rlich schwerer. Ein alter Dachstuhl in einer Kirche mit jahrhundertealtem Holz brennt jedoch auch nicht so schnell. Das Holz ist nat├╝rlich sehr trocken, aber mit der Zeit entwickelt es auch einen Schutz. Holz ist nicht leicht entz├╝ndlich, es braucht eine gewisse Zeit. Viele D├Ąmmstoffe brennen da sehr viel schneller. Aber wenn Holz brennt, ist kaum etwas zu machen.

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Wie meinen sie das?

Ich will damit keinesfalls sagen, dass es Brandstiftung gewesen sein k├Ânnte. Man muss aber davon ausgehen, dass es eine andere Z├╝ndquelle gegeben hat. Einfach so entsteht im Holzdachstuhl nicht so ein Brand. Ich kann es aber auch deshalb kaum begreifen, weil ich daran denke, was dieses Geb├Ąude alles ├╝berstanden hat.

Der Brand von Notre-Dame und Dombaumeisterin Regine Hartkopf: "Ich musste direkt daran denken, wie es meinen Domen geht."
Der Brand von Notre-Dame und Dombaumeisterin Regine Hartkopf: "Ich musste direkt daran denken, wie es meinen Domen geht." (Quelle: Reuters/privat)

Es war ersch├╝tternd zu sehen, dass die Feuerwehr zun├Ąchst so wenig ausrichten konnte.

Wir Menschen sind Ameisen im Verh├Ąltnis zu solchen Bauten. Im Falle eines Brandes kommen wir an unsere Grenzen. Es gibt nat├╝rlich Begehungen und ├ťbungen, die Feuerwehr ist nicht unvorbereitet. Die wissen, wo die Wege sind.

Notre-Dame gilt als einzige Schatztruhe. Was ist der gr├Â├čte Verlust?

Jeder hat seine eigene Verbindung mit dem Geb├Ąude. Der Punkt ist wohl, dass die Kathedrale ein Symbol ├╝ber die Zeiten hinweg war. Nach den Anschl├Ągen in Paris war es ein Zufluchtsort, die Monumentalit├Ąt und die Gr├Â├če haben eine derartige mentale Ruhe verbreitet. Es ist die Verletzlichkeit, die hier deutlich wird.

Auch wenn man die Kirche wieder aufbauen wird?

An der Grundstruktur ist sehr viel erhalten, das ist keine Frage. Und bei einem solchen Bau ist sicher auch jedes Detail hervorragend dokumentiert, alles wird genau so wieder aufgebaut werden k├Ânnen. Aber es ist etwas anderes, ob man unter einem jahrhundertealten Dachstuhl steht oder einem rekonstruierten. Es ist die Frage, wie viel Originalit├Ąt zu retten ist.

├ťber die Ursache wird spekuliert. Es soll wom├Âglich etwas mit Bauarbeiten zu tun gehabt haben.

Ich kann dazu nat├╝rlich nichts sagen, aber in einer Kirche gibt es viele M├Âglichkeiten, wie ein Brand entstehen kann. Staubauflagen und Hitze, Chemikalien, die zu hochentz├╝ndlichen Prozessen f├╝hren k├Ânnen ÔÇô auch wenn solche Stoffe bei Bauten dieser Bedeutung mit ganz besonderer Vorsicht eingesetzt werden. Auch Elektroleitungen und alte Kabel sind ein Problem. Technik bringt uns aber nicht nur Brandmeldeanlagen, sie bringt auch neue Gefahren. Fr├╝her lagen nur Axt und S├Ąge auf dem Ger├╝st. Davon ging keine Feuergefahr aus.

Zur├╝ck zu den Bauarbeiten am Dachstuhl, die die Ursache gewesen sein k├Ânnten. Bekommt man ein ungutes Gef├╝hl, wenn am Dach gearbeitet wird?

Kein ungutes Gef├╝hl. Es ist eine sch├Âne Sache, mit Holz zu arbeiten, und es gelten auch besondere Vorschriftsma├čnahmen. Da sind nur hochspezialisierte Fachfirmen am Werk mit einem Ger├Ąt, das immer wieder ├╝berpr├╝ft wird.

Und Brandschutz wird ernst genug genommen?

Ja, auf jeden Fall. Aber es ist schwierig umzusetzen in Geb├Ąuden, die zum Teil vor Jahrhunderten gebaut wurden und unter ganz anderen Umst├Ąnden, die mit heutigen Brandschutzvorkehrungen wenig zu tun haben. Elektroinstallationen in Kirchengeb├Ąuden sind auch gerne mal 56, 60 oder noch mehr Jahre alt. Man geht auch nicht alle 20 Jahre hin und erneuert die komplette Elektrik, das ist nicht zu schaffen. Finanzen f├╝r Unterhalt flie├čen auch sp├Ąrlicher als f├╝r neue Projekte. Man muss genau hinschauen, ob f├╝r unsere Kirchengeb├Ąude genug getan wird.

Das f├╝hrt der Brand von Notre Dame auch vor Augen?

F├╝r mich war jetzt schon die Frage, wie es meinen Domen geht, ob ich auch an alles denke. Wo sind Z├╝ndquellen, wo muss man genauer hinsehen? Das wird bei uns im Verein jetzt jeder denken, wir Dombaumeister kennen uns ja und haben die gleichen Probleme.


Was wird vorbeugend getan?

Es gibt regelm├Ą├čig Revisionen, bei bedeutenden Bauten mit Weltkulturerbe-Status h├Ąufiger. Die Faustformel ist einmal im Jahr. Aber man muss sich nichts vormachen: Man kommt nicht in jeden Winkel und kann nicht alles bedenken.

*Wir hatten in einer fr├╝heren Fassung von Stahl geschrieben. Der Dachstuhl ist aber aus Eisen.

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