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Explosion in Beirut: Kann sowas auch in deutschen Häfen passieren?

Explosion in Beirut  

Kann das in deutschen Häfen auch passieren?

Von David Ruch

05.08.2020, 19:28 Uhr
Explosion in Beirut: Aufnahmen zeigen Ausmaß der Druckwelle

Nachdem zwei Explosionen die libanesische Hauptstadt erschütterten, zeigt sich ein Bild der Zerstörung. Grund dafür war auch eine heftige Druckwelle, die durch die größere der beiden Explosionen ausgelöst wurde. Aufnahmen aus dem Umkreis zeigen die verzögerte Wucht der Explosion. (Quelle: t-online.de/Reuters)

Ausmaß der Ammoniumnitrat-Explosion: Aufnahmen aus verschiedenen Perspektiven zeigen die enorme Wucht, mit der die Druckwelle in Teilen Beiruts ankommt. (Quelle: t-online.de)


Die schwere Explosion in Beirut könnte auf ein Feuer in einem Gefahrgutlager zurückgehen. Auch in deutschen Häfen werden explosive Stoffe verschifft, doch die Sicherheitsvorkehrungen sind hoch.

Die Bilder aus Beirut am Tag nach der furchtbaren Katastrophe sprechen Bände. Das Hafengelände, auf dem die verheerende Explosion am frühen Dienstagabend geschah, liegt in Schutt und Asche. Aus der Verwüstung heraus ragen die Reste eines Silos, daneben ein gewaltiger Krater, vielleicht 100 Meter im Durchmesser, gefüllt mit Meerwasser. Mehrere Hundert Tonnen TNT, so schätzen Militärexperten, war die Detonation stark, die bisher mehr als 130 Menschenleben forderte und in halb Beirut Zerstörungen anrichtete.

Es verdichten sich Hinweise, dass es eine große Menge Ammoniumnitrat war, die am Dienstag in die Luft geflogen war. Schätzungsweise 2.750 Tonnen der gefährlichen Substanz, die für die Produktion von Dünger wie auch von Sprengstoff verwendet wird, lagerten nach Angaben der libanesischen Regierung offenbar seit Jahren ohne Sicherheitsvorkehrungen im Hafen von Beirut. Ein Brand in einem benachbarten Lagerhaus für Feuerwerkskörper könnte dann den Stoff entzündet und die gewaltige Detonation ausgelöst haben.

Auch deutsche Häfen haben mit gefährlichen Stoffen zu tun, die auf Schiffe verladen oder zwischengelagert werden. Aber ein Unglück wie in Beirut kann sich Thomas Hüser von der Duisburger Hafen AG beim besten Willen nicht vorstellen. "In Deutschland ist der Umgang mit gefährlichen Substanzen klar geregelt", erklärt er auf Anfrage von t-online.de. "Nach menschlichem Ermessen ist ein ähnlicher Vorfall praktisch nicht vorstellbar."

So werden Gefahrgüter klassifiziert

Gefahrgüter werden entsprechend internationaler Standards in neun Klassen und weitere Untergruppen eingeteilt. Das können chemische Stoffe wie Nitroglycerin, Gemische wie Schwarzpulver oder Endprodukte wie Munition sein. Ammoniumnitrat etwa wird nach dem "Global harmonisierten System zur Einstufung und Kennzeichnung von Chemikalien", kurz GHS, als brandfördernd und schwer reizend für die Augen klassifiziert. Für den Umgang mit Ammoniumnitrat wird deshalb empfohlen, Hitze und jegliche Zündquellen zu meiden und es von brennbaren Materialien fernzuhalten.

Blick über einen Teil des Hafens in Duisburg: Alle Anlagen an Rhein und Ruhr um die Stadt zusammengenommen, gilt Duisburg als größter Binnenhafen der Welt. (Quelle: imago images/Hans Blossey)Blick über einen Teil des Hafens in Duisburg: Alle Anlagen an Rhein und Ruhr um die Stadt zusammengenommen, gilt Duisburg als größter Binnenhafen der Welt. (Quelle: Hans Blossey/imago images)

Hüser verweist darauf, dass Behälter mit Gefahrgütern entsprechende Zahlencodes tragen, die auf die Gefährlichkeit und erforderliche Maßnahmen im Umgang mit der Substanz hinweisen. Je nachdem, wie viel Vorsicht dabei nötig ist, gelten unterschiedliche Lagervorschriften. "Das geht von Kontaktverboten mit entsprechenden Stoffen bis hin zu Absperrungen." Das Einhalten der Regeln werde engmaschig überprüft.

In Beirut wurden wohl Warnungen ignoriert

In Beirut wurden diese Sicherheitsregeln offenbar nicht befolgt. Das Ammoniumnitrat lagerte dort seit knapp sieben Jahren in einem Hafendepot, nachdem es auf einem Frachter unter moldauischer Flagge beschlagnahmt und dem Schiff die Weiterfahrt verwehrt wurde. Jahrelang fühlte sich niemand zuständig für die Fracht. Der Zoll bemühte sich um eine Lösung. Doch seine mehrfachen Warnungen vor der Gefahr, die von dem gelagerten Stoff ausging, blieben Medienberichten zufolge ungehört. Und so nahm das Unglück seinen Lauf.


Käme es in einem deutschen Hafen zu einem gefährlichen Vorfall mit explosiven Gütern, würden mit den Behörden abgestimmte Pläne zur Anwendung kommen, erläutert Thomas Hüser am Beispiel des Duisburger Hafens. "Nicht das Unternehmen, dem das Gefahrgut gehört, hat dann den Hut auf, sondern die Feuerwehr. Sie ist im Bilde, wo gefährliche Stoffe gelagert sind, und gibt vor, welche Maßnahmen ergriffen werden." Für solche Fälle sei das Vorgehen zwischen dem Sicherheitsbeauftragten des Hafens und der Stadt genau abgestimmt.

Die Frage nach den Versäumnissen in Beirut und die Suche nach möglichen Schuldigen trieb am Mittwoch den Libanon um. Ministerpräsident Hassan Diab versprach der Bevölkerung, die Verantwortlichen würden "zur Rechenschaft" gezogen. Staatschef Michel Aoun sagte, eine Ermittlungskommission werde die Hintergründe der Explosion so schnell wie möglich transparent aufklären.

Verwendete Quellen:
  • Gespräch mit Thomas Hüser, Duisburger Hafen AG
  • mit Nachrichtenagenturen dpa, AFP
  • Eigene Recherchen
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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