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Corona-Krise: Warum gibt es jetzt auch in Ostdeutschland Corona-Hotspots?

"Dann hat es das Virus leicht"  

Warum gibt es jetzt auch in Ostdeutschland Corona-Hotspots?

Von Sonja Eichert

01.12.2020, 10:47 Uhr
Corona in den Landkreisen: Neuer Schwellenwert liefert drastischen Befund

Der Lockdown in Deutschland wird verlängert, zudem gilt ein zusätzlicher Schwellenwert für Kreise und Städte. Das Risiko-Radar von t-online zeigt weitere alarmierende Entwicklungen. (Quelle: t-online)

Corona in Deutschland: Welchen alarmierenden Befund der neue Schwellenwert liefert und wo die Corona-Fallzahlen sprunghaft in die Höhe schießen. (Quelle: t-online)


Im Frühjahr schien die Pandemie in den ostdeutschen Bundesländern nur halb so schlimm. Mit Spitzenreiter Hildburghausen und anderen Hotspots kann davon jetzt keine Rede mehr sein. Woher kommt die Trendwende?

Kein einziges Intensivbett mehr frei, 853 aktive Corona-Fälle, eine Inzidenz von 629,8. Hildburghausen in Thüringen führt die Corona-Liste der deutschen Landkreise an. Auffällig: Es sind viele Regionen in Ostdeutschland unter den Hotspots. Bautzen, Zwickau und der Erzgebirgskreis liegen derzeit (Stand: 27.11.2020, 14.30 Uhr) auf Rang vier, fünf und sieben. 

Woran liegt das? Eine wissenschaftlich präzise Antwort darauf gibt es, wie so oft in der Pandemie, nicht – aber einige Erklärungsversuche.

In der ersten Welle verschont geblieben

Während der ersten Corona-Welle im Frühjahr sind die ostdeutschen Bundesländer überwiegend glimpflich davongekommen. In Sachsen gab es bis Ende April nur 4.666 Fälle, in Thüringen nur 2.321. Zum Vergleich: Deutschlandweit waren es am 30. April 163.035 Corona-Fälle.

Das sieht nun deutlich anders aus: In Sachsen gab es allein in den letzten sieben Tagen 8.896 Neuansteckungen, in Thüringen sind 2.988 Fälle hinzugekommen.

"Die Zeit, bei der wir gedacht haben, wie werden ein schönes Vorweihnachten haben, weicht jetzt der nüchternen Erkenntnis, dass wir ein sehr stilles Weihnachten haben werden", sagte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow zuletzt.

"Leichtfertig in den Herbst gegangen"

Diese lange Zeit, in der die Menschen wenig von der ersten Pandemiewelle betroffen waren, könnte einer der Gründe für die jetzige Explosion der Fallzahlen sein. Das vermutet der Bürgermeister der Kreisstadt Hildburghausen, Tilo Kummer (Linke): Die Menschen seien "offensichtlich relativ leichtfertig in den Herbst gegangen", sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. Im Interview mit dem "Spiegel" führte er aus: "Viele Leute kannten niemanden, der Corona hatte." Deswegen sind die Maßnahmen damals infrage gestellt worden – und das ist bis in den Herbst hinein so geblieben, so Kummer weiter.

Zunächst steckten sich die Menschen dann im privaten Raum an, und trugen so das Virus in alle Bereiche des öffentlichen Lebens: "Jetzt haben wir auch eine massive Betroffenheit in Pflegeheimen (…). Wir haben Fälle bei der Feuerwehr, der Polizei und im Maßregelvollzug." Auch die Kindergärten seiner Stadt seien stark betroffen, sagte Kummer. Der Landrat des Kreises, Thomas Müller (CDU), bestätigt dieses breite Infektionsgeschehen: "Das geht querbeet durch alle Altersschichten."

Hotspot Bautzen: "Dann hat es das Virus leicht"

Der Landkreis Hildburghausen ist zwar einsamer Spitzenreiter, scheint mit der Verteilung des Infektionsgeschehens aber kein Einzelfall. Aus dem Landkreis Bautzen in Sachsen kommen ähnliche Berichte. Es seien Einrichtungen wie Pflegeheime betroffen, "ansonsten haben wir aber eine sehr flächige Verbreitung", sagt Mandy Noack, Sprecherin des Kreises, zu t-online. "Hier kann man unter anderem die Ursachen in den für den ländlichen Raum typischen engeren Familienstrukturen sehen. Abstand und Maske werden dann weniger beachtet, wenn man sich in einer gewohnten Situation und im vermeintlich sicheren Kreise von Angehörigen oder Arbeitskollegen befindet. Dann hat es das Virus leicht."
 

 
Auch im Nachbarkreis Görlitz gibt es viele Infektionen in Pflegeheimen und Krankenhäusern. Sprecherin Franziska Glaubitz sagte zu t-online: "Demografisch gesehen ist der Landkreis ein sehr alter Kreis. Momentan sind viele Einrichtungen in der Pflege besonders heftig von Corona-Fällen und Quarantänen betroffen. Die Infektionen werden über Pfleger und Bewohner dort sehr verstärkt weitergegeben".

Bernd Lange, Landrat des Kreises, rechnet hier mit einem Anteil von etwa 40 Prozent an den Gesamt-Infektionen. "Wir müssen davon ausgehen, dass die anderen 60 Prozent der Ansteckungen in der Fläche passieren." 

Nur noch ein freies Intensivbett in Görlitz

Der Landrat hatte am Mittwoch für den Kreis Görlitz Alarm geschlagen: Obwohl die Inzidenz in dem Landkreis mit 193,3 Fällen pro 100.000 Einwohnern in den letzten sieben Tagen nicht einmal die von Bund und Ländern festgelegte Grenze für Hotspots von 200 überschreitet, kämen derzeit 30 bis 40 neue Covid-Patienten pro Woche hinzu.

Das bringe das Gesundheitssystem an die Kapazitätsgrenze: Auf 29 Intensivbetten habe der Kreis Zugriff – alle bis auf eines seien mit Corona-Patienten belegt. Er fordert private Krankenhausträger auf, durch die Verschiebung von Routineeingriffen Kapazitäten zu schaffen – und bittet um mehr Hilfe vom Freistaat.

Ministerpräsident Michael Kretschmer will die sächsischen Hotspot-Regionen ab nächster Woche in einen härteren Lockdown schicken. Von weiteren Verschärfungen in seinem Landkreis hält Landrat Lange jedoch nicht viel: "Wenn ein Landkreis Regeln selbst festlegt, wie sollte er das an den Landkreisgrenzen kontrollieren? Ich kann dort keine Kontrollen aufstellen und die Ein- und Ausreise kontrollieren", sagte er dem MDR. 

Strenger Lockdown ab Donnerstag

In Thüringen ist man schon weiter. Der Kreis Hildburghausen führte am Donnerstag einen strengen Lockdown ein. Bis zum 13. Dezember dürfen die Einwohner ihre Wohnung oder ihr Grundstück nur mit "triftigem Grund" verlassen, dazu zählen zum Beispiel der Weg zur Arbeit oder zum Arzt und notwendige Einkäufe. Schulen und Kitas sind geschlossen. 

Bürgermeister Kummer kritisiert die Kommunikation der Maßnahmen – er sei erst am Montag durch die Medien auf die Anordnung, die Kitas ab Mittwoch zu schließen, aufmerksam geworden. "Vorher habe ich das nicht gewusst und hätte die Bürger auch nicht früher informieren können", sagte er dem "Spiegel". Das stelle die Bürger vor Probleme – und es fehle das Verständnis für die Maßnahmen.

Fokus auf die Schulen

In der nächsten Woche sollen in dem Landkreis alle Kinder auf freiwilliger Basis auf das Coronavirus getestet werden. Dafür werden vom Thüringer Gesundheitsministerium 11.000 Antigen-Schnelltests bereitgestellt, außerdem soll die Bundeswehr personell aushelfen. Man erhofft sich Erkenntnisse über die Ausbreitung an Schulen – es ist die erste großangelegte Testaktion dieser Art in Deutschland.

Kinder mit negativem Ergebnis sollen dann schnell zurück in die Klassenzimmer und Kitas. Längere Weihnachtsferien soll es, anders als am Mittwoch von Bund und Ländern beschlossen, in Thüringen nicht geben. Darauf einigten sich die Landräte – man wolle die Eltern nicht vor noch mehr Herausforderungen stellen, schreibt der MDR.

Die Probleme der Hotspot-Landkreise scheinen ähnlich – im Umgang mit ihnen sucht jeder für sich nach passenden Lösungen. Eine allgemeingültige Erklärung für den Anstieg der Fallzahlen gibt es nicht. Auch das Robert Koch-Institut spricht von einem "diffusen Geschehen". Die wohl einzige sichere Erkenntnis bringt der Görlitzer Landrat Lange auf den Punkt: "Wir wären ein ganzes Stück weiter, wenn wir die jetzt schon bestehenden Hygieneschutzmaßnahmen alle einhalten und kontrollieren würden." 

Anmerkung der Redaktion: Im deutschen Intensivregister werden im Landkreis Görlitz 66 Intensivbetten aufgeführt, der Landrat sprach im MDR von 29. Auf Nachfrage von t-online erklärte Kreissprecherin Franziska Glaubitz: "Diese Zahl bezieht sich auf die Intensivbetten-Kapazität insgesamt. Dazu gehören also auch ITS-Betten, die für andere Intensivpatienten (Neonatologie, Schlaganfall-, Unfall-Patienten etc.) vorgehalten werden müssen. Es steht daher nur rund die Hälfte der Betten für Corona-Patienten zur Verfügung, um weiterhin auch eine Regelversorgung der Bevölkerung gewährleisten zu können. Hier ist die Belegung der ITS-Plätze am Ende seiner Kapazität angekommen."

Verwendete Quellen:

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