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Anschlag auf Swissair: FBI-Papier deutet Spur nach Westdeutschland an

Bombenanschlag auf Passagierjet  

FBI-Papier deutet Spur nach Westdeutschland an

Von Dietmar Seher

18.11.2018, 15:41 Uhr
Anschlag auf Swissair: FBI-Papier deutet Spur nach Westdeutschland an. Flugzeugtrümmer im Wald: Bei dem Anschlag auf den Flug 330 der Swiss Air starben 47 Menschen. (Quelle: ullstein bild/RDB/Blick)

Flugzeugtrümmer im Wald: Bei dem Anschlag auf den Flug 330 der Swiss Air starben 47 Menschen. (Quelle: RDB/Blick/ullstein bild)

Über der Schweiz explodiert 1970 eine Bombe im Frachtraum einer Swissair-Maschine. Alle Insassen sterben. Die mutmaßlich arabischen Terroristen handelten möglicherweise nicht allein. 

Es ist ein Verdacht. Er hat etwas Ungeheuerliches. Irgendwo in Deutschland könnten noch zwei ältere Herren leben. Vielleicht sind sie 70 oder 80. Vielleicht kämpfen sie mit Gewissensnöten. Einer von beiden ist wahrscheinlich Elektroingenieur. Als junge Männer haben sie eine Bombe in ein Passagierflugzeug geschleust und 47 Menschen getötet. Sie hätten weit mehr anrichten können, denn es war Zufall, dass der abstürzende Jet zwei Kernreaktoren um wenige hundert Meter verfehlte.

Der Tag des Anschlags und die Folgen

Kein Staatsanwalt hat die Männer je behelligt. Nicht einmal ihre Namen sind bekannt. Doch die Anschuldigung steht in einer Akte, die jenseits des Atlantiks angelegt wurde. Die US-Bundespolizei FBI hat sie darin überraschend detailliert aufgeschrieben.

Der Absturz. Der 21. Februar 1970, ein Samstag, ist verregnet. Flugkapitän Karl Berlinger, einer der erfahrensten Piloten der Swissair, rollt nach einer kleinen Reparatur des Wetterradars leicht verspätet zur Startbahn. Um 13.14 Uhr hebt Flug 330 der nationalen Schweizer Airline vom Zürcher Flughafen Kloten ab. Das Ziel ist Israel, dort Tel Aviv. Berlinger zieht die Maschine vor den schneebedeckten Dreitausendern der Alpen hoch. An Bord sind neun Besatzungsmitglieder und 38 Passagiere, 20 israelische Bürger darunter.

Im Süden des Vierwaldstättersees – die vierstrahlige Convair Coronado ist seit sieben Minuten in der Luft und fliegt über 4000 Meter hoch – stellt der Kommandant einen Druckabfall fest. Er ruft den Kontrollturm: "Wir müssen nach Zürich zurückkehren." Es habe eine Explosion im Frachtraum gegeben. Die Coronado geht auf Gegenkurs. Die nächsten Viertelstunde wird für die Insassen zur Hölle. 13.26 Uhr meldet das Flugzeug: "Feuer an Bord". 13.27 Uhr: Die Navigationsgeräte fallen aus. 13.31 Uhr: Der Jet weicht vom Kurs ab und verpasst Zürich. Um 13.33 Uhr dringt Rauch ins Cockpit. "Ich kann nichts mehr sehen", hören die Fluglotsen. Nahe der deutschen Grenze rast das Flugzeug mit 700 km/h dem Erdboden zu. "330 is crashing, goodbye everybody", ruft Copilot Armand Etienne. Es ist der Abschied.

Der Ort des Absturzes: Im Sinkflug schneidet die Maschine eine Schneise in den Wald bei Würenlingen. (Quelle: ullstein bild/RDB/Blick)Der Ort des Absturzes: Im Sinkflug schneidet die Maschine eine Schneise in den Wald bei Würenlingen. (Quelle: RDB/Blick/ullstein bild)

Die Maschine kracht steil in den Wald bei Würenlingen. Der volle Tank explodiert. Kein menschliches Körperteil, das sie später finden, wiegt mehr als ein Kilo. Und so tragisch das Desaster ist, es hätte viel tragischer sein können. 300 Meter entfernt liegt ein Forschungsreaktor und in 2000 Meter Distanz das Kernkraftwerk Beznau. Noch lange im Nachhinein erschreckt die Vorstellung: Ist Mitteleuropa in diesem Moment knapp der atomaren Katastrophe entkommen?

Die Nahost-Spur. Die Siebziger Jahre gelten als Jahrzehnt des Terrors. Dieser Februar-Samstag wurde zu einem Höhepunkt. Schon am Morgen war nach dem Start in Frankfurt im Gepäck einer österreichischen Caravelle in 3000 Meter Höhe eine Bombe explodiert. Zeitungspakete dämpften die Detonation. AUA-Flug 402 nach Tel Aviv schaffte, was Swissair 330 Stunden später misslingen sollte: die Notlandung.

Ermittler in der Schweiz und in Deutschland sahen schnell den Zusammenhang: Zwei Sprengsatz-Pakete mit dem Ziel Tel Aviv, beide mit baugleichen Höhenzündern. Das eine in Frankfurt aufgegeben, das andere, tödliche, offenbar in München in einen Zubringerflug nach Zürich. So steht es bis heute in den Ermittlungsakten. Die Spur führte zur radikalsten palästinensischen Terrorgruppe, zum PFLP-Generalkommando, das sich seit dem Sechstagekrieg 1967 einen blutigen Untergrundkampf mit dem Staat Israel lieferte. Zwei seiner Funktionäre wurden als Täter enttarnt: Sufian Kaddumi und Musan Jawher.


Kaddumi und Jawher waren Tage vorher nach Deutschland gereist. Sie hatten sich in Frankfurt und München aufgehalten, dort die Höllenmaschinen zusammengebaut und nach der Aufgabe der Bombenpakete bei der Post wieder nach Nahost abgesetzt. Zwei weitere Palästinenser, die in Deutschland wohnenden Yasah Qasem und Issa Abu Tobul, konnten als Helfer festgenommen werden. Sie hätten von den Bomben-Plänen nichts gewusst, beteuerten sie in der Vernehmung beim Bundeskriminalamt. Eine Anweisung der Bundesregierung bewirkte, dass sie ausreisen konnten.

Das Papier. Seit fast einem halben Jahrhundert steht diese Version von Tat und Tätern so in den Unterlagen und in den Geschichtsbüchern. Doch: Ist es die ganze Wahrheit? Oder lief die Operation anders ab? Gab es noch andere zentrale Figuren?

42 Jahre nach der Tat, 2012, nimmt die George Washington University ein sieben Seiten langes Papier in ihr Archiv auf. Es ist ein Dokument der amerikanischen Bundespolizei – die Echtheit ist verbürgt. FBI-Agenten haben es im Juni 1970 aufgeschrieben. Es ging als interner Lagebericht an Dienststellen der US-Sicherheitsbehörden. Entstanden auf der Basis von Geheimdienstinformationen blieb es fast vier Jahrzehnte strikte Verschlusssache. Schweizer Behörden und deutsche Fahnder behaupten, es nicht zu kennen. Die Seite 7 ist den Anschlägen vom 21. Februar 1970 gewidmet. Die Kapitelüberschrift hat Brisanz: "Two unidentified West Germans". Zwei nicht identifizierte Westdeutsche.

Ein Auszug aus dem FBI-Papier: Die angeblichen Westdeutschen halfen beim Bau der Bombe – dann verschwanden sie.Ein Auszug aus dem FBI-Papier: Die angeblichen Westdeutschen halfen beim Bau der Bombe – dann verschwanden sie.

Das Papier der Amerikaner hat sein eigenes Drehbuch. Danach haben im September oder Oktober 1969 zwei junge Männer das Hauptquartier des PFLP-Generalkommandos in der jordanischen Hauptstadt Amman besucht. Sie identifizierten sich als Westdeutsche und Sympathisanten der Palästinenser und boten Mitarbeit an. Einer wies sich als Elektroingenieur aus. Gleich vor Ort half er seinen Gastgebern bei elektrischen Problemen des Bombenbaus. Man hielt Kontakt.

Am 10. Februar 1970 suchten zwei Palästinenser-Funktionäre, wohl Kaddumi und Jawher, die neuen Freunde in Frankfurt am Main auf und baten um Hilfe beim Bau der Höhenzünder. Diese machten einen Vorschlag. "Die Westdeutschen halfen den Terroristen, die Höhenmeter mit dem Sprengsatz zu verkabeln", schreibt das FBI. Die Bomben seien mit israelischer Empfängeradresse verpackt worden. Laut einer Aussage habe der erste Deutsche ein Paket in Zürich auf den Flug gegeben, der zweite Deutsche tat dies in Frankfurt.

Ein letzter Absatz des FBI-Papiers gibt die interne Debatte des PFLP-Generalkommandos wieder. Er erwähnt, dass die vom Anschlag zurückgekehrten Palästinenser Israels Geheimdienst Mossad verdächtigten, die Deutschen geschickt zu haben. Aber das könnte auch der Selbstrechtfertigung gegenüber der eigenen Führung gedient haben. Schließlich hatten die Attentäter den Auftrag verfehlt und kein israelisches Flugzeug zerbombt.

Die Reise nach Amman. Das FBI-Papier stellt die Ermittlungsergebnisse von Deutschen und Schweizern auf den Kopf. Dass Zürich statt München als Absendeort genannt ist, könnte erklären, dass die Bombe nicht im Zubringerflug explodierte. Und stimmt es, dass die nicht identifizierten Westdeutschen die Sprengsätze zur Post gegeben haben, wären sie die Haupttäter. Am brisantesten: Im Sommer und Herbst des Jahres 1969 waren tatsächlich zwei westdeutsche Gruppen zu Gast bei den Palästinenserführern in Amman. Es waren Vertreter der 68er-Studentenbewegung.

Dieter Kunzelmann (M.) mit seinem Anwalt Hans-Christian Ströbele (r.): Der Terrorist war mehrmals in Haft – mit dem Swiss-Air-Anschlag wurde er nie in Verbindung gebracht. (Quelle: ullstein bild)Dieter Kunzelmann (M.) mit seinem Anwalt Hans-Christian Ströbele (r.): Der Terrorist war mehrmals in Haft – mit dem Swiss-Air-Anschlag wurde er nie in Verbindung gebracht. (Quelle: ullstein bild)

Elf Angehörige des SDS, des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, kamen als Besucher eines internationalen Treffens im August, unter ihnen Absolventen technischer Fachrichtungen. Einige sollen länger geblieben sein. Fünf Aktivisten der "Tupamaros West-Berlin" reisten im September mit einem Ford Transit an. Mit dabei: Szenegrößen wie Dieter Kunzelmann, der nach der Rückkehr nach Deutschland den Auftrag gab, die Synagoge in Berlin in die Luft zu jagen. Kunzelmann traf in Amman laut seinem Tagebuch auch "Abu Lutoff". Das war der Kampfname von Faruk Kaddumi, dem Bruder des mutmaßlichen späteren Swissair-Attentäters.

Eine frühe RAF? Sind die Täter in diesen linksextremen Reihen zu finden? Gab es eine frühe RAF – eine, die keine Rücksicht auf mögliche zivile Opfer nahm? Schon im Zusammenhang mit dem fast zeitgleichen Anschlag auf ein jüdisches Altersheim in München haben sich solche Fragen gestellt. Ein damals bei Anhängern der Außerparlamentarischen Opposition verbreiteter Antisemitismus spricht dafür und Kampfaufrufe, die sich in "Solidarität zu Palästina" gezielt gegen Israel richteten. Kunzelmann war ihr Vordenker.

Allerdings ist auch nicht ausgeschlossen, dass ganz andere Antisemiten zuschlugen. Deutsche Neonazis suchten damals Kontakte zu arabischen Gruppen. Nicht viel später durften sie zur Kampfausbildung in den Libanon fahren.


Es ist unwahrscheinlich, dass die wahren Hintergründe des Anschlags von Würenlingen je aufgedeckt werden. Das FBI hat sich nie zu den Quellen des Papiers geäußert. Sufian Kaddumi ist in den Neunziger Jahren gestorben, Dieter Kunzelmann im Frühjahr 2018. Jawher tauchte nach der Flucht aus Frankfurt 1970 nie wieder auf. Schweizer Bundesanwälte haben 2017 noch einmal eine Ermittlung eröffnet. Die Angehörigen der Opfer hatten Druck gemacht. Das Verfahren wurde im August 2018 aber endgültig eingestellt. Wegen Verjährung. Sollten die "nicht identifizierten Westdeutschen" nicht reine FBI-Phantome gewesen sein und auch heute noch leben: Sie werden ihren Anteil am Massenmord nur mit dem eigenen Gewissen ausmachen.

Verwendete Quellen:

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