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Keine Atomkraft? Eine riesengroße deutsche Dummheit


Eine riesengroße deutsche Dummheit

Von Florian Harms

Aktualisiert am 11.11.2022Lesedauer: 6 Min.
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Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung übernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Das Kernkraftwerk Emsland darf nur ein kleines bisschen länger laufen.
Das Kernkraftwerk Emsland darf nur ein kleines bisschen länger laufen. (Quelle: Sina Schuldt/dpa)
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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

es gibt eine Menge Dinge, die wir Deutschen draufhaben, aber eines können wir besonders gut: uns fürchten. Die "German Angst" hat es sogar in den englischen Sprachgebrauch geschafft und bezeichnet unseren Hang, stets das Schlimmste anzunehmen, die Welt fortwährend am Abgrund zu wähnen und dabei die Chancen zur Veränderung zu übersehen. Wer stets in Sack und Asche umherschlurft, wittert in jeder Wolke eine Vorbotin des Jüngsten Gerichts. So war es während der Corona-Pandemie, als sich viele Europäer über die Kollektivpanik der Deutschen wunderten. So war es nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, als hierzulande viele Leute mit dem unmittelbar bevorstehenden Ausbruch des Dritten Weltkriegs rechneten und schon mal die Koffer für den Umzug in die Toskana vom Dachboden holten. Und so ist es seit Jahrzehnten auch im Umgang mit der zivilen Nutzung der Atomkraft.

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Sicher, so ein Meiler mit seiner Betonkugel und dem riesigen Kühlturm ist kein schöner Anblick. Aber nur hierzulande wird er mit dem drohenden Armageddon gleichgesetzt. Eine Wahrnehmung, die nicht durch Fakten, sondern ausschließlich durch Mutmaßungen und Meinungen gedeckt wird. Sie hat viel mit der Anti-Atombewegung und deren quasireligiösen Erweckungserlebnissen in Tschernobyl, Wackersdorf und Gorleben zu tun. Die Jugendbibel dieser Menschen war Gudrun Pausewangs Bestseller "Die Wolke". Ein ganzes Milieu speist seine Identifikation aus dem jahrelangen Kampf gegen AKW und aus der Angst, ein gravierender Störfall könne alles vernichten, was hierzulande kreucht und fleucht. Dieses Milieu findet sich ebenso in gentrifizierten Quartieren von Großstädten wie Berlin, Frankfurt und Köln als auch auf dem idyllischen Land als auch in der zweitgrößten Regierungspartei: Der Einfluss des atomfeindlichen Jürgen-Trittin-Blocks bei den Grünen ist nach wie vor kaum zu überschätzen. Gegen diese Heile-Welt-Ideologen zieht auch ein Bundesminister wie Robert Habeck stets den Kürzeren.

Dabei ist die Verteufelung der zivilen Kernkraft kreuzdumm. Bei Lichte betrachtet sprechen sämtliche Fakten gegen den deutschen Alleingang beim Atomausstieg:

  • Deutsche AKW-Technologie war weltweit führend – kein Vergleich zum Unglücksmeiler in Tschernobyl.
  • Deutsche AKW standen auch nicht an tsunami-anfälligen Küsten wie in Japan.
  • Hätten die Betreiber ihre Technologie weiterentwickeln können, hätte diese sich zum Exportschlager mausern können. Afrikanische Länder müssten nicht chinesische Ruckzuck-Meiler mit Rissen im Beton kaufen.
  • Unsere Nachbarländer setzen weiter fröhlich auf Atomkraft, der deutsche Ausstieg macht die Lage hierzulande also keinen Deut sicherer.
  • Atomstrom ist – anders als Wind- und Solarenergie – konstant vorhanden und lässt sich exakt in der benötigten Menge produzieren.
  • Finnland macht uns vor, dass sich sogar das Endlagerproblem lösen lässt. Über die deutschen Befindlichkeiten schüttelt man dort den Kopf.

Das stichhaltigste Argument: Atomstrom ist im Vergleich zu Kohle und Gas viel klimaschonender. Kein Wunder, dass Wissenschaftler quasi einhellig beteuern: Atomkraft ist angesichts der Katastrophe, in die wir gerade schlittern, die sehr viel sinnvollere Lösung. Mit Betonung auf dem sehr. Vielseitige Studien, die dieser Tage auch auf der Weltklimakonferenz in Ägypten herumgereicht werden, belegen zwei nüchterne Erkenntnisse:

Es ist erstens vollkommen illusorisch, dass die Staaten der Welt mit ihren derzeitigen Klimaschutzbemühungen das 1,5-Grad-Ziel erreichen werden. Stattdessen wird sich die Atmosphäre vermutlich um mindestens drei Grad erhitzen – mit brutalen Folgen für Abermillionen Menschen.

Es ist zweitens ausgeschlossen, dass erneuerbare Energie so schnell in so ausreichender Menge verfügbar sein wird, dass sie den benötigten Verbrauch in Industrieländern wie Deutschland rechtzeitig decken kann. Man muss das so deutlich hinschreiben, weil das grüne Talkshow-Geschwätz dieses Faktum fortwährend verschleiert: Die Erneuerbaren allein werden uns nicht vor dem Klimakollaps retten. Bis Windräder, Solaranlagen und vor allem Netze in ausreichender Zahl und Anbindung errichtet sind, werden eher 20 als 5 Jahre vergehen. Dann ist zwar Olaf Scholz vermutlich nicht mehr Kanzler und muss sich nicht mehr von Wählern zur Rechenschaft ziehen lassen. Aber dann ist es eben auch zu spät. Bis uns die ersten Kipppunkte des Weltklimas ereilen, dauert es den akribischen Berechnungen der globalen Forschergemeinde zufolge im optimistischen Fall wohl noch acht Jahre. Eher aber geht es schneller.

Deshalb ist es eine historische Dummheit, dass die deutsche Regierung stur am Atomausstieg-Irrglauben festhält und den letzten drei verbliebenen Meilern nur eine winzige Laufzeitverlängerung bis zum 15. April gestattet. So werden es die Ampelparteien SPD, Grüne und FDP heute im Bundestag beschließen. Das heißt, die FDP will es eigentlich nicht, weil man da weniger religiös unterwegs ist, aber sie beugt sich halt dem grünen Dogma, weil sonst die Koalition auseinanderfliegt. 70 Minuten sind für die Debatte angesetzt, in der die Opposition ein bisschen schimpfen und die Ampelleute ein bisschen zurückgiften dürfen, dann werden die Parlamentarier der Regierungsparteien Ja und Amen sagen, und anschließend geht das Business as usual weiter. Aber vermutlich wird niemand die Frage stellen, warum wir nicht endlich alles daransetzen, mit dem deutschen Erfindergeist die modernste und sicherste Kernenergietechnologie weltweit zu entwickeln. Sondern stattdessen Kohlekraftwerke wieder hochfahren, Erdgasterminals im Senegal bauen und dem Anti-AKW-Götzen huldigen.

Manchmal hat man den Eindruck: Wir haben den Schuss echt nicht gehört. Es geht uns wohl immer noch zu gut.


Zahlen des Tages

39 von 46 strategischen Rohstoffen muss Deutschland mittlerweile importieren. Damit ist die Abhängigkeit unserer Wirtschaft von Diktaturen wie China und Russland weitaus größer als bislang bekannt, berichtet der "Tagesspiegel" unter Berufung auf eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums.

60.000 Soldaten umfasst das deutsche Heer – aber ihre Einsatzbereitschaft ist heute nicht besser als am Tag des russischen Angriffs auf die Ukraine. Trotz Milliardenversprechen der Regierung sieht Heeres-Inspekteur Alfons Mais laut "Süddeutscher Zeitung" nach acht Monaten "Zeitenwende-Politik" bislang kaum Fortschritte bei der Modernisierung der Truppe.


Mit blauem Auge auf Reisen

Joe Biden zeigt sich erleichtert vom Wahlverlauf.
Joe Biden zeigt sich erleichtert vom Wahlverlauf. (Quelle: Susan Walsh/dpa)

In den USA hält die Spannung an: Zwar steht das Endergebnis der Zwischenwahlen immer noch nicht fest, und eine Entscheidung über die hart umkämpfte Senatsmehrheit fällt wohl erst in einigen Wochen mit der Stichwahl in Georgia. Doch der befürchtete Erdrutschsieg der Republikaner ist ausgeblieben, und die Demokraten haben stärker abgeschnitten als in Umfragen prognostiziert. Präsident Joe Biden ist mit einem blauen Auge davongekommen. Entsprechend gelöst präsentierte er sich bei seiner ersten Pressekonferenz nach der Wahlnacht.

Anschließend ist der 79-Jährige zu einer seiner längsten Auslandsreisen aufgebrochen: Heute Nachmittag wird er auf der Weltklimakonferenz in Ägypten erwartet, morgen geht es weiter nach Kambodscha zum Treffen der südostasiatischen ASEAN-Staaten, wo er versuchen will, den Einfluss Chinas zurückzudrängen, kommende Woche folgt der G20-Gipfel auf Bali, wo er zwar nicht auf Wladimir Putin, aber auf dessen Außenminister Sergej Lawrow trifft – und erstmals seit seinem Amtsantritt auf Chinas Diktator Xi Jinping.

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Tagesanbruch - Was heute wichtig istWas heute wichtig ist

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Feldmanns Abgang

Der Korruptionsprozess gegen ihn läuft noch, aber das Votum der Frankfurter Wähler war eindeutig: 95,1 Prozent stimmten für die Abwahl ihres skandalumwitterten Oberbürgermeisters Peter Feldmann. Heute endet die zehnjährige Ära des SPD-Politikers; bis zur Neuwahl im März übernimmt Stellvertreterin Nargess Eskandari-Grünberg von den Grünen die Amtsgeschäfte. Unterdessen kommen im Prozess gegen Feldmann brisante Details zutage, berichtet unsere Korrespondentin Roxana Frey.


Jecken-Ansturm in Köln

Tätärätäää! Um 11.11 Uhr starten in den Karnevalshochburgen die Jecken in die fünfte Jahreszeit. Besonders in Köln wird mit einem Ansturm Zehntausender Feierwütiger in Altstadt und Studentenviertel gerechnet. Die Polizei versucht die Lage mit einem neuen "Sicherheitskonzept" im Griff zu behalten, doch dieses macht einen gefährlich undurchdachten Eindruck. Unsere Reporter Laura Schameitat und Florian Eßer werden aus dem Getümmel berichten.


Was lesen?

Ex-Botschafter Andrij Melnyk und Reporter Daniel Mützel in Kiew.
Ex-Botschafter Andrij Melnyk und Reporter Daniel Mützel in Kiew. (Quelle: Byron Smith)

Er legte sich mit SPD-Kanzler Scholz an und erhitzte die Gemüter der Deutschen: Nun ist der frühere ukrainische Botschafter Andrij Melnyk in seine Heimat zurückgekehrt. Unser Reporter Daniel Mützel hat ihn auf einem Spaziergang durch Kiew begleitet.


Wenn nun das Bürgergeld kommt, lohnt sich Arbeiten dann überhaupt noch? Meine Kollegin Lisa Becke hat die Antwort.


Die Klimakonferenz stellt den ägyptischen Badeort Scharm el-Scheich auf den Kopf. Unsere Reporterin Theresa Crysmann berichtet über eine seltsame Atmosphäre.


Was amüsiert mich?

Bundestrainer Hansi Flick hat einen tollen Kader nominiert.

(Quelle: Mario Lars)

Ich wünsche Ihnen einen tollen Tag.

Herzliche Grüße

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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