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Deutschland und Islam: Antonio Rüdigers Finger ist entlarvend


Tagesanbruch
Was sein Finger entlarvt

MeinungVon Heike Vowinkel

Aktualisiert am 03.04.2024Lesedauer: 6 Min.
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Antonio Rüdiger: Der deutsche Nationalspieler ist gläubiger Muslim. Darüber ist nun eine Debatte entbrannt. (Quelle: Joaquim Ferreira/imago-images-bilder)

Guten Morgen, liebe Leserinnen, liebe Leser,

ein einziger Finger hat eine Riesendebatte ausgelöst. Und es war kein ausgestreckter Mittelfinger. Seit Tagen beschäftigt uns nun schon der rechte Zeigefinger des deutschen Fußballnationalspielers Antonio Rüdiger. Wir konnten dabei durchaus einiges lernen: zum Beispiel, dass Muslime den Zeigefinger beim Glaubensbekenntnis in den Himmel recken, dass sie so an die Einheit und Einzigartigkeit Gottes erinnern, dass er "Tauhid-Finger" genannt wird. Und dass ihn nicht nur rechtschaffene Muslime erheben, sondern auch Islamisten.

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Positiv betrachtet könnte man sagen: Das alles wüssten wir ohne einen ehemaligen "Bild"-Chef jetzt nicht. Der hatte ein von Rüdiger selbst ins Netz gestelltes Foto zum Anlass genommen, um ihm eine Nähe zum Islamismus zu unterzustellen. Positiv ist an dieser Sache allerdings nichts. Dafür entlarvend. Nicht nur für den ehemaligen "Bild"-Chef, der damit durchschaubar eine Internetmeute füttert, auf die er mit zunehmendem Bedeutungsverlust zunehmend angewiesen ist. Sondern für uns alle.

Der Finger-Fall des Antonio Rüdiger entlarvt nämlich, wie Deutschland es mit dem Islam und seinen muslimischen Bürgern hält. Das Verhältnis zwischen der christlich geprägten Mehrheitsgesellschaft zum Islam ist im mildesten Fall von Unkenntnis, im schlechtesten von Angst und Ablehnung geprägt. Die Fronten auf beiden Seiten – die der Mehrheit wie der Minderheit – verhärten sich in erschreckender Weise.

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In Deutschland leben fast sechs Millionen Muslime, etwa die Hälfte von ihnen sind deutsche Staatsbürger. Sie behandeln als Ärzte, verkaufen in Kiosken, sitzen in Amtsstuben, fahren Taxi, spielen in der Nationalmannschaft. Sie sind Kolleginnen und Nachbarn. Die allermeisten führen ein unauffälliges Leben. Etliche von ihnen fasten gerade – so wie auch einige Christen noch bis zum Wochenende. Auch das führt erstaunlicherweise immer wieder zu großem Unverständnis und Kritik. Während Fasten einerseits ein Lifestyle-Trend ist, wird es andererseits bei Muslimen immer wieder argwöhnisch kommentiert: "Ist das nicht ungesund? Kann man dann überhaupt noch arbeiten?", werden sie regelmäßig gefragt.

"Der Islam gehört auch zu Deutschland", hat einmal ein Bundespräsident gesagt. Christian Wulff wurde für ihn nicht nur in seiner Partei, der Union, viel gescholten. Es war einst ein mutiger Satz – den im Übrigen vier Jahre zuvor schon ein anderer Christdemokrat gesagt hatte, der inzwischen verstorbene Wolfgang Schäuble. Wulff sprach ihn am Tag der Deutschen Einheit mitten hinein in die Debatte um Thilo Sarrazin und sein Buch "Deutschland schafft sich ab". Sarrazin hatte darin vor einer angeblichen Überfremdung gewarnt. Natürlich wusste auch Wulff damals, dass er mit dem Satz nicht den Ist-Zustand, sondern den Soll-Zustand beschrieb: Der Islam sollte auch zu Deutschland gehören. In den Köpfen zu vieler tat er das nicht.

Dem Ist-Zustand sind wir seitdem nicht nähergekommen. Im Gegenteil. Wulff selbst sagte erst kürzlich zu dem Satz: Damals habe ihn "eine leichte Mehrheit bejaht. Heute bejaht ihn eine Minderheit." Auch seine Partei bestätigt das gerade sehr anschaulich, wenn sie in ihrem Entwurf für ein neues Grundsatzprogramm schreibt: "Muslime, die unsere Werte teilen, gehören zu Deutschland."

Da frage ich mich: Wer ist mit "uns" gemeint? Muslime offenbar nicht per se. Warum werden hier Gläubige einer Religion herausgehoben? Gilt für Christen, Juden oder Buddhisten etwa nicht, dass sie "unsere" Werte teilen sollten? Also Werte, auf denen unsere Verfassung beruht – und nicht jene undefinierbaren, die die Union ebenfalls in ihrem Programmentwurf mit einer schwammigen "Leitkultur" beschwört.

Was die Union, aber auch Antonio Rüdigers rechter Zeigefinger zeigen: Muslime, die ihren Glauben öffentlich praktizieren, stehen erst einmal unter Generalverdacht: dem des Islamismus. Das liegt auch daran, dass der Islam in der Gegenwart viel mehr noch als andere Weltreligionen für politische und extremistische Zwecke missbraucht wird. Terrorstaaten wie der Iran und Afghanistan nutzen ihn, um ihre Bevölkerung zu unterdrücken. Islamistische Organisationen und Netzwerke wie die Hamas oder der "Islamische Staat" verüben in seinem Namen Terrorakte und schlimmste Verbrechen. Und große muslimische Organisationen grenzen sich auch in Deutschland davon oft nicht oder nicht genug ab. Das zeigte sich wieder nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober.

All das liefert jenen Nahrung, die ohnehin davon überzeugt sind, dass vom Islam und den Muslimen nichts Gutes kommt, die nur zu gern Ängste schüren und mit ihnen Vorurteile bedienen. Und die damit zugleich einige derjenigen, die sich ohnehin schon ausgegrenzt fühlen, erst recht in die Arme von Islamisten treiben.

Natürlich kann man es angesichts der Aufregung nun so wie mein Kollege Philipp Michaelis wünschenswert finden, dass Rüdiger einmal klar und deutlich sagt, wie er dieses Foto und den erhobenen Zeigefinger gemeint hat: als Glaubensbekenntnis. Damit hatte er zunächst auf sich warten lassen, gestern Abend bezog er Stellung und grenzte sich klar von islamistischen und extremistischen Ansichten ab.

Seine Stellungnahme ist wichtig, vor allem, um jenen Islamisten etwas entgegenzuhalten, die im Netz mit Rüdigers Bild jetzt um junge Muslime werben. Allerdings: Islamhasser wird er damit nicht überzeugen. Auch wenn er das schärfste Schwert gezogen hat, um sich vom Vorwurf des Islamismus zu distanzieren: eine Anzeige gegen den früheren "Bild"-Chef wegen Verleumdung und Volksverhetzung.


Schlechte Noten für die Ampel

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Setzen, Fünf. So lässt sich zusammenfassen, wie fünf führende Wirtschaftsinstitute die Ampel am Mittwoch in die Osterferien entließen. Ihr gemeinsames Frühjahrsgutachten für die deutsche Wirtschaft fiel nicht nur verheerend aus. Es gibt der Regierung auch eine Mitschuld an der Konjunkturschwäche.

Gerade einmal um 0,1 Prozent wird das Bruttoinlandsprodukt aller Voraussicht nach in diesem Jahr wachsen – also im Grunde stagnieren. Die Ökonomen machten dafür zwar auch die geringe Nachfrage nach deutschen Industriegütern im Ausland verantwortlich, die schwache Bauwirtschaft, die hohen Gas- und Strompreise, die manchen Branchen schwer zu schaffen machen und etwa den hohen Krankenstand.

Schlechte Noten gab es vor allem auch für die Politik der Ampel. Die verunsichere Unternehmen und Verbraucher mit einer widersprüchlichen Wirtschafts- und Finanzpolitik. Kleinteilige Subventionen einerseits, milliardenschwere Staatshilfen andererseits ließen keinen klaren Kurs erkennen, kritisierten die Experten. Sie empfahlen stattdessen, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für alle zu verbessern. Eine "behutsame" Reform der Schuldenbremse schrieben sie ihr ebenso ins Hausaufgabenheft wie radikale Veränderungen in den Finanzbeziehungen von Bund, Ländern und Gemeinden.

Es gab also einiges zu besprechen, als sich der Kanzler am Abend mit seinem Wirtschafts- und Finanzminister im Kanzleramt traf. Dabei sollte es auch um den Haushalt für das nächste Jahr gehen. Um ihn dürfte angesichts der schlechten Wirtschaftsprognose nun noch heftiger gerungen werden.


Was steht an?

Die Karwoche startet ins Finale: Am Gründonnerstag, dem Tag, an dem Jesus mit seinen zwölf Aposteln das letzte Abendmahl beging, besucht Papst Franziskus wieder ein Gefängnis. Diesmal das römische Frauengefängnis Rebibbia. Schon in den Jahren zuvor hatte er in Gefängnissen, aber auch sozialen Einrichtungen das Abendmahl gefeiert und den Insassen zuvor die Füße gewaschen – so wie Jesus einst seinen Jüngern.


Keine Streiks zu Ostern: Nicht nur Zug-, sondern auch Flugreisende können aufatmen. Erst hatten sich die Lokführer am Montag mit der Deutschen Bahn auf einen Tarifvertrag geeinigt. Nun folgten am Mittwochabend die Lufthansa und Verdi. Die Details der Einigung wollen die Tarifpartner heute bekannt geben. Bislang wurde nur verraten: Der Tarifvertrag für die 25.000 Lufthansa-Beschäftigten soll für zwei Jahre gelten.


Tod auf der A9: Ein Flixbus ist am Mittwoch auf der A9 bei Leipzig von der Fahrbahn abgekommen und auf die Seite gekippt. Vier Menschen starben, mehr als 20 wurden verletzt. Der Doppelstockbus befand sich auf dem Weg von Berlin nach Zürich. Wie es zu dem Unfall kam, ist bislang noch unklar. Die Bergungsarbeiten werden auch am Donnerstag andauern.


Das historische Bild

Die Atomkraft birgt Gefahren, 1979 wäre es in den USA beinahe zum Desaster gekommen. Lesen Sie hier mehr.


Lesetipps

Russische Desinformation: Seit Frühjahr 2022 versuchen Unbekannte, mit Fake-Seiten und Bot-Armeen die Stimmung auch in Deutschland zu manipulieren. Investigativ-Reporter Lars Wienand hat erstmals Russen identifiziert, die daran mitwirken.


Ein heikles Treffen: Die Bundesregierung will die Rüstungsindustrie hochfahren. Mit einem Treffen in seinem Ministerium macht Robert Habeck nun Tempo. Und betont selbst, wie sensibel das Thema ist, schreibt Politik-Reporter Johannes Bebermeier.


Die Wahrheit der Zeitenwende: Robert Habeck hat vom DFB "Standortpatriotismus" gefordert. Diese Forderung geht weit über den Fußball hinaus – und Kanzler und Bundespräsident müssten der Bevölkerung sagen, was das bedeutet, findet unser Politik-Chef und Kolumnist Christoph Schwennicke.


Die Passion als Trash-Spektakel: Jesus als Popstar, die Jünger auf dem E-Scooter, Pizzabrot für das letzte Abendmahl. Klingt nicht nach der Passionsgeschichte? Für RTL schon. Der Privatsender hat sie so gestern Abend als Livemusical in der Innenstadt von Kassel inszeniert. Meine Kollegin Melanie Habeck hofft, dass das nicht zur Ostertradition wird.


Zu guter Letzt

Alles eine Frage der Perspektive ...

Ich wünsche Ihnen einen schönen Donnerstag und einen guten Start in die Ostertage. Am Karfreitag schreibt Florian Harms hier für Sie den Tagesanbruch zum Podcast fürs Osterwochenende. Darin geht es dieses Mal um Sie, liebe Leserinnen und Hörer: um Ihre Fragen und Meinungen zu Themen wie die Cannabis-Legalisierung, den Ukraine-Krieg und populistische Parteien wie BSW und AfD.

Herzliche Grüße

Ihre Heike Vowinkel
Textchefin t-online
Twitter: @HVowinkel

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Mit Material von dpa.

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