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Der geduldete Mord

t-online, Ulrich Weih

Aktualisiert am 06.06.2014Lesedauer: 5 Min.
Argentinien
Freunde beschreiben sie als eine fr├Âhliche, friedfertige junge Frau: Elisabeth K├Ąsemann (Quelle: NDR)
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"Elisabeth K├Ąsemann wurde mit angelegten Handschellen und einer Kapuze ├╝ber dem Kopf in den Ort Monte Grande bei Buenos Aires transportiert und dort unter Ausnutzung ihrer Arg- und Wehrlosigkeit durch Sch├╝sse in Genick und R├╝cken aus unmittelbarer N├Ąhe get├Âtet."

So n├╝chtern schildert die Staatsanwaltschaft N├╝rnberg-F├╝rth den Mord an einer deutschen Studentin. Ein Dokumentarfilm zeigt: Ihr Tod h├Ątte ohne Weiteres verhindert werden k├Ânnen - vor allem vom damaligen Au├čenminister Hans-Dietrich Genscher. Doch dem ist K├Ąsemann egal.


Fall K├Ąsemann: Der von Deutschland geduldete Mord

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Die vergebene Chance

1977 wird eine 29-j├Ąhrige Frau von der argentinischen Milit├Ąrjunta verschleppt, vergewaltigt, gefoltert und schlie├člich get├Âtet. Der deutsche Staat r├╝hrt keine Hand f├╝r die junge Frau. "H├Ątte sich ein hochrangiger Vertreter Deutschlands an die Milit├Ąrjunta gewandt mit der Bitte, Elisabeth K├Ąsemann freizulassen, w├Ąre das mit gro├čer Wahrscheinlichkeit geschehen", sagt der argentinische Bundesrichter Daniel Eduardo Rafecas. Doch die Bundesregierung unternimmt gar nichts.

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Die Dokumentation "Das M├Ądchen - Was geschah mit Elisabeth K.?", zu sehen am Donnerstag um 22.45 Uhr in der ARD, zeigt das Versagen gleich mehrerer Entscheidungstr├Ąger: den Zynismus des damaligen deutschen Botschafters in Buenos Aires, die unertr├Ągliche Ignoranz deutscher Politiker, das opportunistische Mitwirken des Deutschen Fu├čballbunds an der Inszenierung einer m├Ârderischen Milit├Ąrdiktatur. Daf├╝r bezahlt Elisabeth K├Ąsemann mit ihrem Leben.

Im Folterlager der Junta

K├Ąsemann geht aus idealistischen Gr├╝nden nach S├╝damerika: Neben ihrem Studium in Buenos Aires leistet sie Sozialarbeit in den Slums. Als sich 1976 das Milit├Ąr an die Macht putscht, engagiert sie sich, verteilt Flugbl├Ątter und f├Ąlscht Dokumente. F├╝r die Schergen des Milit├Ąrs ist sie somit eine Terroristin. Am 8. M├Ąrz 1977 wird sie abgeholt und in das ber├╝chtigte Folterlager "El Vesubio" am Stadtrand gesteckt.

"Es gibt keine Worte f├╝r das, was an diesem Ort geschehen ist", erl├Ąutert der Aufseher Roberto Zeolitti. "Es gibt nichts Schlimmeres als das, was man den Menschen dort angetan hat. Es war grausam. Es war pervers."

Die argentinischen Folterer pr├╝geln und vergewaltigen ihre Opfer ohne Unterlass. Besonders h├Ąufig m├╝ssen die Gefangenen auf den "Grill", um dann mit der Picana, einem stromf├╝hrenden Metallstab, gequ├Ąlt zu werden. "Man legte die Gefangenen auf einen Metalltisch, band sie dort fest an H├Ąnden und F├╝ssen. Man gab ihnen mit der Picana Stromschl├Ąge. Am ganzen K├Ârper; bei den M├Ąnnern an den Hoden, bei den Frauen in der Vagina", schildert Zeolitti die g├Ąngige Praxis.

Au├čenministerium wei├č schon fr├╝h Bescheid

Zwei Tage sp├Ąter wird auch ihre Freundin Diana Austin in das Folterlager gebracht, um Informationen ├╝ber K├Ąsemann zu erpressen. Doch sie kann "El Vesubio" schnell wieder verlassen: "Am n├Ąchsten Morgen brachten sie mich zur├╝ck in meine Wohnung. Sie vergewaltigten mich abwechselnd. Ich bin nur ein Mensch... - und dennoch musste ich immer denken: Ich lebe noch, aber was ist mit Elisabeth?"

Nach ihrer Freilassung informiert Diana Austin sofort die Eltern der deutschen Studentin. Und ├╝ber die Familie ist sp├Ątestens am 22. M├Ąrz auch das deutsche Au├čenministerium ├╝ber die Verschleppung und Folter der deutschen Staatsb├╝rgerin informiert.

"Ach, das M├Ądchen K├Ąsemann"

Doch der deutsche Staat sieht keinen Anlass, sich f├╝r Elisabeth K├Ąsemann einzusetzen. Klaus Th├╝sing, damals als SPD-Mann im Bundestag, kann das nicht nachvollziehen: "Diana Austin kommt frei - aufgrund einer energischen Intervention der Botschaft sowie der Regierung Gro├čbritanniens. Sp├Ątestens dann h├Ątte doch die ├ťberlegung im Ausw├Ąrtigen Amt sein m├╝ssen: Wenn die frei kommt, dann m├╝ssen wir nat├╝rlich das Gleiche machen wie die Briten und ebenfalls versuchen, unsere Staatsb├╝rgerin frei zu bekommen. Das wurde nicht gemacht!"

Doch der damalige Au├čenminister Hans-Dietrich Genscher interessiert sich nicht f├╝r das Schicksal der jungen Frau. Auf eine Nachfrage seines damaligen Staatsministers im Ausw├Ąrtigen Amt, Klaus von Dohnanyi, soll Genscher blo├č geantwortet haben "Ach, das M├Ądchen K├Ąsemann". Deutschland richtet keinen Krisenstab ein, es gibt weder Nachfragen noch Proteste.

Der damalige deutsche Botschafter in Buenos Aires, J├Ârg Kastl, unterstellt der Studentin sogar eine terroristische Gesinnung: "Ich glaube, sie w├Ąre auch bereit gewesen, Bomben zu werfen", so Kastl. Ist das eine Legitimation, ├╝berhaupt nichts zu tun und die junge Frau im Stich zu lassen?

Attraktive Gesch├Ąftsbeziehungen mit der Junta

Die Gr├╝nde f├╝r diese fahrl├Ąssige Unt├Ątigkeit angesichts eines Menschen in unmittelbarer Lebensgefahr deutet der Film blo├č an. Die USA hatten Argentinien gerade wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen mit einem Waffenembargo belegt. Die Bundesrepublik ist da weniger zimperlich: Deutschland wird zum wichtigsten Waffenlieferanten der Milit├Ąrdiktatur. Lukrative Gesch├Ąfte f├╝r die R├╝stungsindustrie, die sogar durch Hermes-B├╝rgschaften abgesichert sind.

"Wenn man die damaligen Verhandlungen ├╝ber die Hermes-B├╝rgschaften und Lieferungen von R├╝stungsg├╝tern benutzt h├Ątte, um zu sagen: 'Wenn ihr das haben wollt, dann m├╝sst ihr Frau K├Ąsemann freigeben', dann w├Ąre das sicher ein Weg gewesen, um im Fall K├Ąsemann zu helfen", sagt von Dohnanyi heute r├╝ckblickend.

DFB verschlie├čt die Augen

Ein weiteres Druckmittel h├Ątte wohl der Sport geboten. Die argentinische Milit├Ąrregierung will mit einer perfekten Weltmeisterschaft 1978 im eigenen Land ihr Image aufpolieren. Als eine Art Generalprobe soll am 5. Juni 1977 ein Freundschaftsspiel gegen Deutschland stattfinden. Eine Absage des Spiels mit Hinweis auf die Verschleppung von Elisabeth K├Ąsemann w├Ąre f├╝r die Machthaber ein Desaster gewesen.

Doch DFB-Pr├Ąsident Hermann Neuberger schweigt. Selbst als er noch vor dem Spiel erf├Ąhrt, dass die junge Deutsche mittlerweile von den Folterern ermordet wurde, macht er gute Mine zum b├Âsen Spiel. "Das ist mehr als eine Unterlassung und Anbiederung. Das ist Kollaboration mit dem Verbrechen", sagt der damalige Korrespondent des "Spiegel" in Argentinien, Helmuth Karasek.

Die damaligen Nationalspieler wissen beim Anpfiff noch nichts von K├Ąsemanns Tod. Die Verantwortlichen sitzen eine Etage h├Âher. Und die "haben nicht einmal ausgelotet, ob es ├╝berhaupt f├╝r den DFB eine M├Âglichkeit gegeben h├Ątte, mit irgendjemandem zu verhandeln, mit irgendjemandem zu reden", sagt Paul Breitner, einer der aktiven Kicker von damals. "Es kann keiner sagen 'Ja, ich hab's versucht.' Ja verdammt: Wenn man da nicht emp├Ârt sein soll, wann dann?"

Freikaufsangebot ausgeschlagen

Am 20. Mai 1977 gibt es f├╝r die deutsche Diplomatie die allerletzte Chance, das Leben von Elisabeth K├Ąsemann zu retten. ├ťber den deutschen Pfarrer in Buenos Aires, Armin Ihle, bietet die Junta einen Freikauf der Gefangenen an. "Doch diese letzte Chance hat man nicht einmal in Erw├Ągung gezogen", berichtet Pastor Ihle fassungslos.

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"Wenn man ein Freikaufsangebot ausschl├Ągt, und wei├č, dass man es mit einer Milit├Ąrdiktatur zu tun hat, dann bedeutet das, dass man das Risiko der Ermordung eingeht. Oder: dass man sich sogar mitschuldig macht an der Ermordung", sagt Karsten Voigt (SPD), der als Mitglied des Bundestages die Geschehnisse damals noch genau vor Augen hat.

"Politisch einwandfrei verhalten"

In der Nacht vom 24. Mai wird Elisabeth K├Ąsemann, zusammen mit 15 weiteren Gefangenen, von den Handlangern der Junta erschossen. "Ich denke, es ist nun h├Âchste Zeit, dass Deutschland und all jene, die ihr Leben nicht retten konnten, Rechenschaft ablegen, f├╝r das, was sie getan - oder eben nicht getan haben", hofft ihre ehemalige Freundin Diana Austin.

Der hauptverantwortliche deutsche Politiker im Fall K├Ąsemann, der Ex-Au├čenminister Hans-Dietrich Genscher, hat dem Filmemacher der ├Ąu├čerst sehenswerten Dokumentation ├╝brigens kein Interview gegeben. Das Ausw├Ąrtige Amt legt Wert auf die Behauptung, sich im Fall K├Ąsemann politisch einwandfrei verhalten zu haben. Auch der Deutsche Fu├čballbund weist jegliche Verantwortung von sich.

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