Sie sind hier: Home > Panorama > Wissen > Geschichte >

Gorbatschow: "Gegenseitige Entfremdung nimmt zu" – neues Buch vor Mauerfall-Jubiläum

Neues Buch vor Mauerfall-Jubiläum  

Gorbatschow: "Gegenseitige Entfremdung nimmt zu"

23.09.2019, 17:09 Uhr | Ulf Mauder, dpa

Gorbatschow: "Gegenseitige Entfremdung nimmt zu" – neues Buch vor Mauerfall-Jubiläum. Michail Gorbatschow: Dem ehemaligen Präsidenten der Sowjetunion geht es gesundhetlich nicht gut. (Quelle: dpa/kyodo)

Michail Gorbatschow: Dem ehemaligen Präsidenten der Sowjetunion geht es gesundhetlich nicht gut. (Quelle: kyodo/dpa)

Als einer der "Väter der Deutschen Einheit" meldet sich Michail Gorbatschow vor dem Mauerfall-Jubiläum mit einem Buch zu Wort. Der 88-Jährige sieht in der Welt eine "ganze Lawine von Problemen".

Bei den Feiern zum 30. Jahrestag des Mauerfalls wird der Friedensnobelpreisträger und Ex-Sowjetpräsident Michail Gorbatschow fehlen. Dem 88-Jährigen geht es gesundheitlich schon seit längerem nicht so gut. Trotzdem meldet er sich aus seiner Moskauer Heimat zu Wort. In seinem neuen Buch "Was jetzt auf dem Spiel steht", das am Montag erschien, widmet er sich den neuen Gefahren in der Welt – und auch den deutsch-russischen Beziehungen. Viele Hoffnungen von einst sieht "Gorbi", wie die Deutschen den sowjetischen Staats- und Parteichef vertraut nennen, enttäuscht.

Zum Jubiläum der friedlichen Revolution in der DDR und zum Fall der Berliner Mauer blickt der Politiker in dem Buch (Siedler Verlag) beunruhigt auf den Zustand der Welt: "Politiker und Medien erzeugen eine Atmosphäre der Feindseligkeit und Feindschaft." Die alten Feindbilder des Kalten Krieges kehrten zurück. "Russland und den Russen wird erneut die Rolle des Schreckgespenstes zugewiesen."

Gegenseitige Entfremdung nimmt zu

Enttäuscht äußert Gorbatschow sich über das "Triumphgehabe" des Westens. Darüber etwa, dass die Deutschen mit der EU und den USA im Ukrainekonflikt weiter eine Politik der Sanktionen gegen Russland fahren. "Das erklärte Ziel ist es, Russland zu bestrafen." Die Strafmaßnahmen für die Annexion der Krim von 2014 will "Gorbi" ebenso wenig einfach hinnehmen wie der Kreml. "Denn die Sanktionen haben nur eine einzige Wirkung: Die gegenseitige Entfremdung nimmt zu."

Dabei unterstützt der Ex-Präsident die aktuelle Kremllinie, dass die Schwarzmeer-Halbinsel Krim 1954 gegen den Willen der Menschen der ukrainischen Sowjetrepublik übertragen worden sei. Als sich 1991 das sowjetische Imperium auflöste, sei die Krim-Frage vergessen worden, meint er als Zeitzeuge. In Russland sieht sich Gorbatschow, der einst mit seiner Politik von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) Reformen anstieß, bis heute als Totengräber der Sowjetunion in der Kritik.

Kritik an Nato und EU

Wie sein Buch "Das neue Russland" von 2015 ist auch dieses eine Art Versuch, seinen Frieden mit der Heimat zu machen. Und es schwingt deutlich mit, dass er von den Deutschen angesichts der gemeinsamen Geschichte – die positive Rolle Moskau bei der deutschen Vereinigung und die Befreiung vom Hitlerfaschismus – anderes erwartet hätte, als in den antirussischen Chor des Westens einzustimmen. Und einmal mehr kritisiert er, dass die Nato und die EU seit Jahrzehnten zunehmend in die Interessensphäre Russlands vordrängen.

Dank und Verständnis für Russland wünscht sich "Gorbi" von den Deutschen. Doch Kritiker dürften ihm entgegen halten, dass auch das ukrainische Volk als Teil der Sowjetunion im Kampf gegen Hitler für die Befreiung Deutschlands geblutet hat. Aus deutscher Sicht hat die Ukraine, die weiter Anspruch auf die Krim erhebt, daher den gleichen Dank und Respekt verdient.

Neue Stärkung linker Ideen

Gorbatschow geht es aber um mehr als um diesen Konflikt. Er sieht vor allem die Demokratie in einer Krise. Er warnt vor den Populisten, die einfache Lösungen versprächen, obwohl es die in der Politik nicht gebe. Er schreibt über Globalisierung und Klimapolitik. Und er wünscht sich eine neue Stärkung linker Ideen für eine solide Sozialdemokratie, die für ihn bis heute "Leitstern" geblieben ist.

Treu bleibt er sich nicht zuletzt auch in seinen Appellen für die Freiheit in seiner Heimat. Einerseits fordert er mit Blick auf die jüngste Polizeigewalt in Russland gegen demonstrierende Andersdenkende die Regierenden auf, nicht immer alles im Keim zu ersticken. Er kritisiert Wahlen ohne echte Wahl, bei denen das Ergebnis im Vorfeld feststehe. Andererseits belehrt er den Westen – allen voran die USA –, dass Demokratie nicht verordnet oder mit Panzern und Gewalt eingeführt werden könne.
 

 
"Es ist an der Zeit, den Zwang zur Demokratie aufzugeben, den Menschen Freiheit zu gewähren, eine eigene Wahl zu treffen, die ihrer Kultur, Mentalität und Tradition entspricht", fordert Gorbatschow. Dabei lobt er auch die Entwicklung in seinem Land unter Präsident Wladimir Putin. Angesichts der laut Verfassung letzten möglichen Amtszeit rät er dem Kremlchef aber auch, über die Zukunft nachzudenken. Die Stabilität eines Staates hänge auch davon ab, "dass immer wieder neue Kräfte die Politik beleben", betont Gorbatschow. "Sonst drohen Trägheit, Stagnation und politische Apathie."

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

Liebe Leserinnen und Leser,

Leider können wir Ihnen nicht zu  allen Artikeln einen Kommentarbereich zur Verfügung stellen. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Eine Übersicht der aktuellen Leserdebatten finden Sie hier.

Gerne können Sie auch auf Facebook und Twitter zu unseren Artikeln diskutieren.

Ihr Community-Team

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Anzeige
Mäntel-Highlights und schöne Jacken shoppen
bei MADELEINE
myToysbonprix.deOTTOhappy-size.detchibo.deLIDLBabistadouglas.deBAUR

shopping-portal