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Sachsen: Wählt Pirna den ersten AfD-Oberbürgermeister? Bewohner alarmiert


"Wir befürchten, dass Übergriffe massiv zunehmen"


Aktualisiert am 11.12.2023Lesedauer: 4 Min.
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Die Stimmung vor der Wahl ist aufgeheizt: Vor dem Besuch der AfD-Spitzenkandidaten zur Unterstützung von Tim Lochner sind viele Plakate beschmiert worden.Vergrößern des Bildes
Die Stimmung vor der Wahl ist aufgeheizt: Vor dem Besuch der AfD-Spitzenkandidaten zur Unterstützung von Tim Lochner sind viele Plakate beschmiert worden. (Quelle: Marvin Graewert)

Viele Menschen in Pirna sehnen den Wahlsieg von Tim Lochner herbei, andere fürchten ihn. Doch wie viel würde ein AfD-Oberbürgermeister überhaupt ändern? Ein Ortsbesuch.

Die Wahl am Sonntag markiert einen Wendepunkt. Nicht zuletzt, weil Pirnas Oberbürgermeister Klaus-Peter Hanke (parteilos) nach 13 Jahren sein Amt abgibt. Stattdessen könnte Tim Lochner zum ersten deutschen AfD-Oberbürgermeister gewählt werden. "In Pirna halte ich es nicht einmal für ausgeschlossen, dass Tim Lochner gleich im ersten Wahlgang mehr als 50 Prozent der Stimmen holen wird", sagt Cornelius Epperlein, Pfarrer der evangelischen Kirchgemeinde.

Epperlein, der zeitgleich mit Oberbürgermeister Hanke im Jahr 2010 sein Amt antrat, befürchtet, dass die Wahl eines AfD-Oberbürgermeisters gerade für eine Tourismusregion wie Pirna "verheerend" sein könnte: "Schon jetzt fragen mich Touristen nach dem Gottesdienst, was dies hier für eine Gegend sei. Bisher konnte ich stets entgegnen, dass der erste Eindruck täuscht: Unsere Bürgerschaft ist viel weltoffener und aufgeschlossener – das könnte ich dann nicht mehr behaupten."

"Schwule Paare, die öffentlich Händchen halten, findest du hier nicht"

Beispielsweise gibt es in Pirna die einzige Anlaufstelle explizit für queere Menschen im gesamten Landkreis. Dort finden etwa Lesungen oder Beratungen für Transmenschen statt. Doch kurz vor der Wahl zieht der Verein einen Shitstorm auf sich.

Obwohl die Fassade des QueerTreffs mit vielen Regenbogenflaggen geschmückt ist, lässt sich der Eingang nur schwer finden – der Verein hat extra eine Schutzwand errichtet. "Gerade wenn es draußen dunkel war und drinnen das Licht brannte, haben uns alle angestarrt", sagt Christian Hesse, der den Christopher-Street-Day-Verein (CSD) in Pirna gegründet hat und ehrenamtlich im QueerTreff arbeitet.

"Sobald der AfD-Kandidat im Rathaus sitzt, wird es für alle Vereine schwieriger werden, die nicht ins Weltbild der AfD passen." Sie müssten sich auch auf finanzielle Rückschläge einstellen.

Dabei ist queere Vereinsarbeit schon jetzt alles andere als einfach und das öffentliche Ausleben der sexuellen Orientierung heikel. "Homosexuelle Paare wirst du in Pirna nie händchenhaltend durch die Gassen laufen sehen, weil man feindlichen Menschen einfach keinen Angriffspunkt bieten möchte – dafür gibt es noch zu viele engstirnige Menschen."

Zum CSD im Juli wurde etwa eine Regenbogenflagge vor dem Rathaus abgerissen und die Tür des QueerTreffs "vollgerotzt". Derweil zogen vier Jugendliche mit Hitlergruß über den Marktplatz. "Wir befürchten, dass diese Übergriffe jetzt zunehmen könnten: Ich könnte mir vorstellen, dass der CSD im nächsten Jahr durch rechtspopulistische Fanatiker massiv gestört werden könnte", sagt Hesse, der deshalb nicht bis zur Wahl warten und ein Wahlforum mit allen fünf Kandidaten organisieren wollte.

Nach Shitstorm: CSD sucht Gespräch mit AfD-Kandidat

"Egal, wer die Wahl gewinnt, wir müssen in Zukunft zusammenarbeiten und uns, wenn wir uns auf den Straßen und Gassen treffen, noch in die Augen schauen können", meint Hesse, der innerhalb weniger Tage Zusagen der vier "demokratischen Kandidaten" erhielt: Kathrin Dollinger-Knuth (CDU), Ralf Wätzig (SPD), Ralf Thiele (Freie Wähler) und André Liebscher (Einzelkandidat). Eine Reaktion von Lochner blieb jedoch aus. Daher fand die queere Gesprächsrunde ohne den AfD-Kandidaten statt, und der Verein erntete auf Facebook einen Shitstorm von AfD-Anhängern.

"Lange haben wir innerhalb des Vorstands überlegt, wie wir am besten damit umgehen", berichtet Hesse. Letztlich entschied sich der Verein für ein Treffen mit Lochner. "Ich bereue das Gespräch auch nicht", betont der Vorsitzende des CSD Pirna. Dafür sei es viel zu wichtig gewesen. "Tim Lochner war sich nicht bewusst, welche Leistungen wir in unseren Vereinsräumen erbringen." Dennoch stellte der AfD-Kandidat klar, dass mit ihm als Oberbürgermeister beim nächsten CSD keine Regenbogenflagge vor dem Rathaus wehen würde.

Ein Zugeständnis machte Lochner dennoch: Wenn er OB werden sollte, würde sich an der Situation der Langen Straße 43 in Pirna – wo sich auch die Aktion Zivilcourage und das Begegnungszentrum Pirna eingemietet haben – nichts ändern: alles Mieter der städtischen Wohnungsgesellschaft Pirna. "Das Gerücht, dass wir die Räumlichkeiten kostenfrei nutzen dürften, hatte sich auch bei Tim Lochner festgesetzt – das konnten wir im Gespräch ausräumen. Wir erhalten aus der Stadtkasse Pirna keinen einzigen Cent", stellt Hesse klar, der von diesem Gerücht selbst erst im Gespräch mit dem AfD-Kandidaten erfuhr.

Die mögliche Wahl eines AfD-Oberbürgermeisters würde nach Meinung eines Vertreters des Bündnisses SOE gegen Rechts nicht nur die Arbeit von ausdrücklich linke Vereine beeinflussen. "Es könnte sämtliche politisch aktiven Vereine treffen – abgesehen von den Sportvereinen trifft das auf alle Vereine in Pirna zu", so ein Vertreter des Bündnisses, das Demokratie-Workshops für Schulen organisiert. An einen Wahlsieg von Lochner glaubt er nicht.

"Ein zweiter Wahlgang scheint sehr wahrscheinlich, aber ich bin nicht sehr optimistisch", schließt Pfarrer Cornelius Epperlein, der angesichts des Stammwählerpotenzials der AfD in der 40.000-Einwohner-Stadt Pirna zunehmend besorgt auf die Wahl blickt. Bei der Bundestagswahl 2021 wählten mehr als 31 Prozent der Pirnaer die AfD, die CDU lag mit 17 Prozent deutlich zurück. Seither hat die AfD ordentlich zugelegt.

Transparenzhinweis:

In einer früheren Version des Artikels, bezog sich ein Gesprächspartner auf einen Vorfall auf einer Schulexkursion. Wir haben uns dazu entschieden, den Absatz zu entfernen – solange keine inhaltliche Stellungnahme der Schule zum Sachverhalt vorliegt.

Verwendete Quellen
  • Reporter vor Ort
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