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Star-Komponist Ralph Siegel: "Helene Fischer brauchte Jahre, um erfolgreich zu werden"


"Helene Fischer brauchte zehn Jahre, um erfolgreich zu werden"

Von Reinhard Franke

Aktualisiert am 30.09.2022Lesedauer: 9 Min.
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Ralph Siegel: Die Musiklegende hat Geburtstag und feiert ihn mit einem neuen Musical. (Quelle: MiS/imago images)
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Mit 77 Jahren veröffentlicht Star-Komponist Ralph Siegel noch einmal ein neues Werk. Der Münchner hat seinen eigenen Blick auf Musik und Schlager.

Keine Frage, wenn der Musikfan an Schlager denkt, kommt er an Ralph Siegel nicht vorbei. Der gebürtige Münchner zählt zu den prägenden Persönlichkeiten des Eurovision Song Contest, nahm 25 Mal teil und gewann vor 40 Jahren mit seinem Lied "Ein bisschen Frieden", gesungen von Nicole.

Jetzt hat er nach "Zeppelin" mit "'N bisschen Frieden – Rock 'n' Roll Summer" ein neues Musical am Start, das von einer Ost-West-Liebe handelt und am 20. Oktober im Theater am Marientor in Duisburg Weltpremiere feiert. Am heutigen Freitag wird Siegel 77. Vor seinem Geburtstag hat t-online ihn zu Hause in Pullach besucht und mit ihm über sein Leben, München und das neue Musical gesprochen.

t-online: Herr Siegel, wie geht es Ihnen?

Ralph Siegel: Ich freue mich, 77 zu werden. Da muss ich dankbar sein. Ich habe ein sehr angenehmes, aber schwieriges Leben gelebt und in dem Alter kommen natürlich die Wehwehchen dazu. Manch lieber Kollege lebt leider nicht mehr. Ich habe einen dreifachen Bandscheiben-Schaden, eine kaputte Schulter und diese Polyneuropathie (Nervenkrankheit, d. Red.), die auch mein guter Freund Jürgen Drews hat. Das alles macht mich nicht mehr so beweglich wie früher. Ich sitze jeden Tag zehn bis zwölf Stunden am Schreibtisch, im Studio, am Flügel oder am Keyboard. Ich sage immer: Ein gesunder Geist macht einen Körper wieder lebendig. Mein Kopf funktioniert aber noch mehr als gut.

Seit über 50 Jahren haben Sie die Geschichte der Unterhaltungsmusik entscheidend mitgeprägt. Woher kam immer wieder dieses Gespür für Hits?

Ein Gespür für Hits? Wenn man das am Anfang nicht Vollzeit-mäßig macht, weiß man gar nicht, was das ist. Du kannst als Komponist und Texter auch ein freier Anbieter sein, aber dann ist das ein Unterschied dazu, wenn du die Verantwortung für Künstler übernimmst. Ich habe für einige meiner Künstler – sei es Nicole, Dschinghis Khan, Katja Ebstein oder, als ich Peter Alexander und Udo Jürgens wieder nach oben gebracht habe – eine Aufgabe übernommen, und das ist sehr schwer. Sie sind davon abhängig, dass du Erfolg hast. Da spielt das Thema Hit eine ganz andere Rolle: Es ist eine Zwangslage, Erfolge zu schreiben. Das ist harte Arbeit. Ich habe mir immer die Textidee gesucht, dazu dann eine für den Künstler passende Musik erarbeitet und es ihm sozusagen auf den Leib oder in den Mund geschrieben. Ich mochte die Persönlichkeiten, die bei mir waren. Ich habe auch deren Publikum studiert. Nicole hatte ein anderes Publikum als Katja Ebstein. Als Profi bist du verantwortlich für den Erfolg deiner Künstler. Ich bin in meinem Leben viele musikalische Wege gegangen.

Wie war Ihr Verhältnis zu Dieter Bohlen?

Er war Komponist und das lief anfangs ganz nett, bis Modern Talking kam. Das war ein sehr großer Erfolg. Später hatte Bohlen 18 Jahre lang das Sprungbrett RTL. Da hatte er eine unglaubliche Plattform für seine Künstler. Ich ziehe den Hut vor seiner Leistung. Ich saß 2003, als ich zum Beispiel Andreas Bourani entdeckte, auch mal in einer Jury beim ZDF. Das war eine sehr anstrengende Zeit. Nein zu Kandidaten sagen, die dich mit leuchtenden Augen anflehen, sie zu nehmen, ist nicht schön. Ich habe nichts gegen Bohlen und er hat nichts gegen mich. Wir haben uns auch nie Künstler weggenommen. Ich habe den großen deutschen Katalog. Und er hat – bis auf wenige Ausnahmen – viele erfolgreiche englische Songs gemacht. Ich hatte andere Aufgaben, als mich mit Dieter Bohlen auseinanderzusetzen, finde seine Leistung aber grandios.

Hören Sie privat eigentlich auch Schlager? Viele Sänger hören ja privat genau das Gegenteil von ihrer Musik.

Das ist bei mir ganz anders. Ich setze mich von früh bis spät damit auseinander und habe überhaupt keine Zeit, andere Musik zu hören. Wenn ich an Weihnachten etwas höre, dann freue ich mich auch mal über Klassik oder Lieder von meinem Idol George Gershwin. Ich schaue mir übrigens jede Musikshow im Fernsehen an – von DSDS bis zu "Voice of Germany". So weiß ich, was auf dem Markt passiert. Aber seit acht Jahren habe ich mein Leben umgestellt und arbeite nur an meinen Musicals. Die neue Generation schläft schließlich nicht.

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Wie sehen Sie die aktuelle Schlagerszene?

Absolut positiv. Vor einigen Jahren gab es Tick, Trick und Track oder so ähnlich …

Sie meinen Tic Tac Toe.

(lacht) Ja, genau. Die fingen mit "Ich find’ dich scheiße" an und auch Fanta 4 hatten mit deutscher Musik ihren Durchbruch. Als meine Kinder zur Schule gingen, war Deutsch noch verpönt. Inzwischen ist die deutsche Sprache wieder auf dem Schulhof eingezogen – das freut mich. Der Schlager hat durch Helene Fischer sehr viel an Ansehen gewonnen. Die Leute sind froh, dass sie die Lieder mitsingen können. Eigentlich versteht keiner englische Texte von Eminem oder anderen US-Rappern.

Florian Silbereisen ist der neue Schlager-Onkel der Nation. Wie beurteilen Sie diesen neuen Schlager-Hype?

Schwierig. In der Szene klingt vieles gleich. Es gibt oft denselben Beat und dieselben Harmonien. Früher waren die Songs meines Erachtens origineller und differenzierter. Es gibt leider zu wenig richtig gute Textdichter, weil man von diesem Beruf kaum noch leben kann. Die alten Recken machen noch etwas mit. Und einige haben genug, die sind satt. Es gibt noch einige neue gute Leute. Aber die Masse ist sehr durchschnittlich.

Wer gefällt Ihnen denn von den neuen Schlagerstars um Helene Fischer?

Helene Fischer hat zehn Jahre gebraucht, um überhaupt erfolgreich zu werden. Der MDR mochte sie sehr, und so kam sie ins Fernsehen. Helenes Erfolg kam mit "Atemlos". Da sind die Umsätze um 300 Prozent und mehr gestiegen. Dieser Erfolg machte sie zum Star, und ihre Berater machten alles richtig. Helene ist sehr professionell, macht alles selber und kommt aus dem Musical-Bereich. Es gibt noch circa fünf weitere Stars, die großen Erfolg haben, wie Frau Egli oder Ben Zucker. Die anderen dümpeln leider in den Verkäufen vor sich hin. Früher verkauften wir CDs oder Schallplatten, heute kann man diese Erfolge nicht mehr vergleichen, denn das Internet, mit allen Folgen, hat der Branche unendlich geschadet. In Frankreich und England gibt es mehr Stars, eben, weil sie in ihrer Landessprache singen und an den Radios oder Sendern nicht fast 80 Prozent fremdländische Lieder gespielt werden.

Was halten Sie von Giovanni Zarrella?

Ich finde ihn mehr als ehrlich, eben glaubwürdig, mit italienischem Charme geboren und ein absolut guter Sänger. Sein Lachen ist ansteckend und überzeugend – darauf kommt es im Showbusiness an.

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Sie haben ein neues Musical mit dem Titel "'N bisschen Frieden – Rock 'n' Roll Summer 2022". Worum geht's?

Ich habe mit höchster Anstrengung mein Musical "Zeppelin" zu einem großen Erfolg gemacht. Leider wegen der Pandemie nicht finanziell. Aber alle Leute, die da waren, sind mit Standing Ovations aufgestanden. Das war der schönste Moment meines Lebens, auch, wenn ich bei der Premiere im Rollstuhl saß. Jetzt gab es eine neue Möglichkeit. Der Intendant des Theaters am Marientor in Duisburg sah "Zeppelin" und fragte mich, ob ich noch etwas anderes hätte. Und ich habe das neue Musical "'N bisschen Frieden" genannt, damit man es nicht mit dem Grand-Prix-Hit von Nicole verwechselt. Und es passt in diese Zeit.

Es ist eine Pop-Rock-Geschichte, die von zwei Familien über drei Generationen erzählt. Es ist eine wunderbare Story, die einer der Hauptdarsteller, Dan Lukas, selbst erlebt hat. Sie handelt von der Flucht des Musikers Ricky Stone aus der früheren DDR. Er will seine Freundin finden, aber sie ist inzwischen verheiratet. Er geht nach Brighton in England und wird dort ein regionaler Rockstar. Irgendwann gibt es einen Bericht über diesen Musiker in einer Zeitung, seine Ex liest das und will Ricky finden. Sie fährt zu ihrer Oma und beide beschließen, Ricky zu suchen. Es ist eine bezaubernde Liebesgeschichte. Es gibt sehr viel Musik, die ich in den 1960er-, 70er- und 1980er-Jahren geschrieben habe, dadurch ist das sehr authentisch. Das Musical ist absolut ehrlich.

Gibt es einen Star, der mitspielt? Bei "Zeppelin" war Sandy von den No Angels dabei.

Wir haben sieben Hauptrollen, die diese drei Generationen verkörpern. Ich freue mich, dass Heinz Hoenig eine gewisse Zeit dabei ist. Dann ist es großartig, dass Tim Wilhelm, der Sänger der Münchner Freiheit, dabei ist. Auch Jennifer Siemann, die früher bei "Sturm der Liebe" die Hauptrolle spielte, Sonja Farke und "Ich will Spaß"-Sänger Markus Mörl sind dabei, was mich glücklich macht. Es ist eine Top-Besetzung. Der Glaube an das Stück ist sehr groß. Und wir hoffen, dass es dem Publikum gefallen wird. Meine Hits werden in Duisburg nebenbei angespielt oder als Zitat erklingen, aber nicht zu sehr Teil des Musicals sein. Ein paar Betrunkene singen in einer Szene "Fiesta Mexicana" und Feierabend.

Ralph Siegel (links) zu Hause an seinem Klavier (Archivbild): Autor Reinhard Franke hatte ihn erst im September besucht.
Ralph Siegel (links) zu Hause an seinem Klavier: Autor Reinhard Franke hat ihn zum Interview besucht. (Quelle: t-online/t-online)

Sie sind gebürtiger Münchner. Was ist Ihr Lieblingsplatz in der Stadt?

Da, wo meine Frau ist. (lacht) Ich liebe München, lebe seit 57 Jahren hier, bin ein alter Schwabinger und bin quasi im Englischen Garten geboren, in der Geißendorfer Klinik, so hieß sie damals. Ich habe wilde Schwabinger Zeit erlebt, und es war toll. Ich liebe auch den Viktualienmarkt sehr, mochte auch die Gegend um "Kai's Bistro". Mein Lieblingsrestaurant ist immer noch das "Trader Vic's" im "Bayerischen Hof" – und "Käfer". Früher war es noch der "Königshof" am Stachus, der wird ja gerade neu gebaut. Ich mag die Münchner, denn die Stadt ist durch die verschiedenen Nationen sehr poliglott.

Gab es einen besonderen München-Moment für Sie?

Als wir 1982 mit Nicole damals in Harrogate gewonnen hatten, sind wir alle nach München geflogen. Wir haben uns wahnsinnig beeilt, weil Thomas Gottschalk mit seinem Team von "Na sowas" am Flughafen wartete. Dann kamen wir raus, Nicole war natürlich die Erste und der Bürgermeister war auch da. Ich hatte extra eine Blaskapelle bestellt, die "Ein bisschen Frieden" spielte. Ich steige also aus dem Flugzeug aus, und Gottschalk sagte nur: "Jetzt kommt Ralph Siegel und küsst den Boden." Das war mir natürlich fast peinlich, aber dennoch lustig. Ich bin 25 Mal international für den Grand Prix gestartet, acht Mal landete ich unter den ersten vier Plätzen. Das muss mir erst mal einer nachmachen. Da waren viele Momente dabei, die auch mit München zu tun haben. Ich habe den Grand Prix damals nach München geholt. Ich hatte eine Party im Lenbach-Palais veranstaltet und 1000 Leute eingeladen, alle Nationen waren anwesend, aber der BR als Veranstalter war leider nicht da – das tat mir weh!

Wie ist heute der Kontakt zu Nicole?

Wir haben immer noch einen sehr guten Kontakt. Wir haben 23 Jahre zusammengearbeitet, und dann hat ein Autorenteam von jungen Leuten sie mir abspenstig gemacht. 15 Jahre später haben wir dann noch mal ein erfolgreiches Album gemacht. Nicole ist die Taufpatin von meiner Tochter und ich bin froh über unsere enge Freundschaft. Ich schätze auch ihren Mann sehr.

Bei Ihrem Umzug von Solln nach Grünwald soll es Platten und CDs in 1.400 Kisten gegeben haben.

Oh nein. Wir haben 1.700 Kisten für alles benötigt, inklusive altem Bandmaterial.

Hören Sie überhaupt noch CDs oder Vinyl? Oder sind Sie auch ein digitaler Fan geworden?

Kassetten haben für mich immer noch eine große Bedeutung, ich arbeite gerne damit. Darauf habe ich noch sehr viele Ideen. Ich musste aber lange suchen, bis ich einen Kassettenrekorder fand. Ich höre daheim lustigerweise Alexa, schreie ihr irgendwas zu, und sie spielt es dann. Man muss gar nicht mehr ans Radio gehen. "Alexa, spiel mal Dschinghis Khan", und los geht's. All meine Ideen für Melodien oder Texte habe ich immer auf Kassetten gesammelt.

Was war Ihr größter Fehler?

Wir machen alle Fehler im Leben. Mein Fehler waren nicht, drei Mal zu heiraten – und sich dann scheiden zu lassen. Nein, ich habe alle Ehen in guter Erinnerung. Obwohl das Ende nicht immer schön war. Mein größter Fehler war, 1995 mein Studio auszubauen. Ich hatte im Keller 600 Quadratmeter gebaut. Und es war alles digital. 2010 habe ich dann festgestellt, dass man für das Digitale nicht mehr die großen Mischpulte braucht, sondern du nur noch ein kleines Tonstudio benötigst. Das war sehr teuer. Ich hatte zwei Pulte, eines kostete eine Million. Heute könnte ich mir für 30.000 Euro zwei kleine Studios einrichten. Der Verlust von Haus und Keller hat sehr weh getan.

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Letzte Frage: Wie feiern Sie Ihren Geburtstag?

Ich werde mit 25 engen Freunden zu "Käfer" gehen, aber dieses Mal nicht auf die Wies'n. Ich bin ein Nachtmensch, gehe nie vor zwei, drei ins Bett und habe immer reingefeiert. Das mache ich natürlich bei "Käfer".

Zum Werk

"Zeppelin", das erfolgreiche Musical-Debüt von Ralph Siegel, hat seit seiner Uraufführung im Oktober 2021 mehr als 50.000 Besucher ins Festspielhaus Neuschwanstein nach Füssen gelockt. Jetzt hat der Komponist, Produzent und Musikverleger bereits ein weiteres Musical-Projekt vorgestellt. Diesmal hebt sich der Vorhang im Ruhrgebiet: "'N bisschen Frieden – Rock 'n' Roll Summer", das neue Musical von Ralph Siegel, wird am 20. Oktober 2022 seine Weltpremiere im Theater am Marientor (TaM) in Duisburg feiern. 35 Vorstellungen sind dort geplant.

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Verwendete Quellen
  • Interview mit Ralph Siegel
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