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Deutsche Fußballprofis berichten von Pillenmissbrauch

Von Jonathan Sachse und Arne Steinberg, Correctiv

Aktualisiert am 09.06.2020Lesedauer: 17 Min.
Union-Profi Neven Subotic: Der Ex-BVB-Verteidiger spricht offen ĂŒber den Umgang mit Schmerzmittel in der Bundesliga. Ibuprofen werde "wie Smarties verteilt".
Union-Profi Neven Subotic: Der Ex-BVB-Verteidiger spricht offen ĂŒber den Umgang mit Schmerzmittel in der Bundesliga. Ibuprofen werde "wie Smarties verteilt". (Quelle: /imago-images-bilder)
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Sie wollten spielen, um jeden Preis. Sie sollten ĂŒber ihr Limit gehen. Heute mĂŒssen die Fußballer allein mit den Konsequenzen leben. "Correctiv" und ARD decken die schwerwiegenden Folgen auf.

Ich bin bereit. Es ist ein warmer Hochsommertag im österreichischen Wintersportort Seefeld, der Duft der Tannen schwebt wĂŒrzig durch die Luft. Die Reifen meines Mountainbikes sind aufgepumpt, eine erste Testfahrt liegt hinter mir. Vor mir erstreckt sich die kieselige weiße Schotterpiste, die vom kleinen Bergdorf Mösern in den österreichischen Alpen durch einen Tannenwald und an Viehweiden vorbei bis hinunter zum Sportplatz fĂŒhrt. Dort trainieren gerade die Fußballer des Bundesligisten RB Leipzig. Wenn sie fertig sind, mĂŒssen sie an mir vorbei.

Vereine schirmen die Spieler ab

Seit drei Monaten recherchieren wir, insgesamt zehn Kolleginnen und Kollegen, nun schon. Als Journalist muss man zuweilen ungewöhnliche Wege gehen. 73 Telefonate haben wir zu diesem Zeitpunkt im Sommer 2019 schon gefĂŒhrt, unzĂ€hlige E-Mails geschrieben. Wir haben Fußballprofis, Ärzte und FunktionĂ€re kontaktiert, damit sie uns von ihren Erfahrungen erzĂ€hlen.

Manche wollen ihren Namen nicht veröffentlicht sehen. Einige haben offen gesprochen. Über Voltaren, Opioide und Infusionen. Manche sprechen ĂŒber leistungssteigernde Substanzen und Schmerzmittel, die wie Schokolinsen in der Umkleide verteilt werden. Andere wollen gar nichts sagen. Besonders schwer ist es, an die noch aktiven Bundesligaspieler heranzukommen. Ihre Vereine schirmen sie ab.

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Training des RB Leipzig in Seefeld, Österreich: Correctiv hat versucht, mit den Profis dort zu sprechen.
Training des RB Leipzig in Seefeld, Österreich: Correctiv hat versucht, mit den Profis dort zu sprechen. (Quelle: /imago-images-bilder)

Ich schaue, ob weiter unten am Hang bereits jemand zu sehen ist. Auf der einen Seite des Berges liegt der Trainingsplatz, den der Verein fĂŒr zwei Wochen reserviert hat. Auf der anderen Seite das Luxushotel der Spieler. Anders als Radrennfahrer, die bis zu acht Stunden am Tag trainieren, sind Fußball-Camps auch fĂŒr Profispieler voller Leerzeiten.

Sie vertrödeln dann die Zeit, zocken Playstation oder pokern. Zweimal pro Tag kommen die Leipziger Spieler auf den Sportplatz, jeweils fĂŒr eineinhalb Stunden. Danach, so habe ich es am Vortag beobachtet, fahren die meisten Spieler mit RĂ€dern ĂŒber die Schotterpiste die knapp drei Kilometer zum Hotel. Ohne Mitarbeiter der Medienabteilung ihres Vereins.

Verletzungen, Druck, Regeneration

Das könnte meine Chance sein. Mein Plan ist, mit dem Fahrrad zu ihnen aufzuschließen, kurz grĂŒĂŸen, freundlich ein GesprĂ€ch beginnen. "Ach, ihr seid Fußballprofis?" Dann gekonnt ĂŒberleiten. Man selbst, Journalist, sei auf der Suche nach Spielern, die aus dem Alltag erzĂ€hlen. Verletzungen, Druck, Regeneration. Wie weit man so gehe. Wie es mit Schmerzmitteln aussehe. Denn genau darum geht es in unserer Recherche.

Fast fĂŒnf Milliarden Euro setzten die deutschen Profivereine in der Saison 2018/2019 um. Eine prosperierende Fußballindustrie, deren Produkt funktioniert, solange die Spieler fit sind. Und auch die Spieler selbst haben ein Interesse daran, hĂ€ufig zu spielen. Etwa 1,4 Milliarden Euro an GehĂ€ltern und PrĂ€mien wurden in der vergangenen Saison an die Spieler und ihre Trainer ausgeschĂŒttet. Mit etwa 35 Jahren ist die Karriere aber bei den meisten Fußballern vorbei, spĂ€testens.

Bis dahin wollen sie so viel wie möglich verdienen. Der Druck zu funktionieren ist hoch. Wenn der eigene Körper nicht mitspielt, wird nachgebessert. Mit Schmerz- und vielleicht auch anderen Mitteln. Denn Verletzungen und Schmerzen will sich in diesem Business kaum jemand leisten.

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Die ersten Fußballer nĂ€hern sich. Drei, sieben, dann zĂ€hle ich elf RĂ€der. Das Training ist vorbei. Mittelfeldspieler Kevin Kampl fĂ€hrt da, gut zu erkennen an seinen hell gefĂ€rbten Haaren, daneben erkenne ich Timo Werner und Marcel Sabitzer. Ich biege jetzt auch auf den Schotterweg und lasse mich ĂŒberholen. Zwei Leipziger Spieler schließen auf, ĂŒberholen, dann drei weitere. Sie sind ziemlich schnell, zĂ€hlt die RĂŒckfahrt etwa zum Training?

Ich beschleunige, versuche, wenigstens bei der nĂ€chsten Gruppe dranzubleiben, kĂ€mpfe mich den Hang hinauf – und verliere trotzdem den Anschluss. Der Fahrtwind zweier Mittelfeldspieler trĂ€gt mein zaghaftes "Hallo" weg und damit auch die Hoffnung auf Insider-Infos. Nach zwei Minuten verschwindet auch der Letzte vor mir im Tannenwald. Bundesliga-Profis. Auf E-Bikes. Schneller als ein neugieriger Journalist.

2006: Jeder dritte deutsche WM-Sieger nahm Mittel

Der Fußball-Weltverband Fifa begann 2002, zu Schmerzmitteln im Fußball zu forschen. Die Fifa-Experten konnten bald belegen, dass Schmerzmittel bei Weltmeisterschaften zum Alltag gehören. 2018 nahm in Russland jeder vierte Spieler schmerzstillende Medikamente vor jedem Spiel, dabei griff ein Spieler sogar zu drei verschiedenen Schmerzmitteln. Auch die Erkenntnisse zu den U17-Weltmeisterschaften in den Jahren 2005 und 2007 schockierten.

Knapp die HĂ€lfte der Spieler nahm im Laufe des Turniers Schmerzmittel. Bei der deutschen Nationalmannschaft konsumierte wĂ€hrend der WM 2006 vor dem Achtelfinale gegen Schweden immerhin fast ein Drittel der Spieler Schmerzmittel. Das zeigt eine "Correctiv" und der ARD-Dopingredaktion vorliegende Abschrift eines Dokumentes, das fĂŒr jeden Spieler die eingenommenen Medikamente ausweist.

Seitdem werden immer mehr Spiele und Wettbewerbe ausgetragen, stellen die Spieler vor zusÀtzliche Herausforderungen. Das Problem verschÀrft sich.

Es gibt Menschen aus dem Fußballbusiness, die die Verwendung von Schmerzmitteln reguliert sehen wollen. Jiri Dvorak, ĂŒber zwei Jahrzehnte Medizin-Chef des Weltfußballverbandes Fifa, ist einer von ihnen. Er fordert heute uns gegenĂŒber: "Schmerzmittel sollten verboten werden, wenn sie nicht medizinisch indiziert sind."

"Stark gesundheitsschÀdigend"

Anders als Dopingmittel sind Medikamente gegen Schmerzen und EntzĂŒndungen im Leistungssport in der Regel legal. Was mancher Insider fĂŒr falsch hĂ€lt. "Man kann mit Schmerzmitteln einfach eine bessere Leistung bringen", sagt etwa der Kölner Dopingforscher Hans Geyer. Der Wissenschaftler fordert, Schmerzmittel als Dopingmittel einzustufen. "Schmerzmittel", sagt Geyer, "sind stark gesundheitsschĂ€digend." Laut der Definition der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) muss eine Substanz in die Verbotsliste aufgenommen werden, wenn sie zwei von insgesamt drei Doping-Kriterien erfĂŒllt – bei Schmerzmitteln wĂ€re dies durch die Leistungssteigerung und GesundheitsschĂ€digung gegeben. So sieht es Dopingforscher Geyer.

Unsere Recherche begann mit dem Ziel, Medikamentenmissbrauch im Fußball zu finden. DafĂŒr schlossen sich "Correctiv" und die ARD-Dopingredaktion zusammen. Schon bald war klar: Neben Doping ist der Missbrauch von Schmerzmitteln ebenso ein Problem. Wahrscheinlich ist es sogar das grĂ¶ĂŸere.

In einer Umfrage haben uns 1.142 Amateurfußballer von ihren Erfahrungen mit Schmerzmitteln und Doping berichtet. Über hundert Profifußballer haben wir zudem interviewt, die meisten aus der Bundesliga. Sie haben in den Neunziger- und Nullerjahren oder auch erst vor Kurzem ihre Karrieren beendet. Drei von ihnen stehen aktuell noch auf dem Platz. All diese Profis berichteten uns von ihren Erfahrungen. Einer von ihnen ist Jonas Hummels, der jĂŒngere Bruder des Nationalspielers Mats Hummels.

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Jonas Hummels (r.) mit seinem Bruder Mats Hummels: Der Ex-Fußballer berichtet von seinem eigenen Leidensweg.
Jonas Hummels (r.) mit seinem Bruder Mats Hummels: Der Ex-Fußballer berichtet von seinem eigenen Leidensweg. (Quelle: /imago-images-bilder)

Im Dezember 2015, neun Tage vor Weihnachten, kĂ€mpft Jonas Hummels mit starken Schmerzen. Seit Monaten plagt ihn sein Knie. Bevor er trainiert, nimmt er das Schmerzmittel Arcoxia. Als er lossprintet und dann plötzlich abstoppt, schreit er auf. Die Kniescheibe drĂŒckt auf den Nerv. Aufspringen und Landen nach einem Kopfball sind zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr möglich.

"Du konntest mir neunmal sagen, du nimmst zu viel Schmerzmittel. Ich habe neunmal weggehört", sagt Hummels heute. Die Folgen des Missbrauchs habe er damals ausgeblendet, erzÀhlt er uns, als er sich weiter erinnert.

Das Spiel gegen Leverkusen

Mit seinem Verein, der Spielvereinigung Unterhaching, trifft Hummels im DFB-Pokal-Achtelfinale auf den Bundesligisten Bayer Leverkusen. Der Höhepunkt seiner Karriere. Hummels ist KapitĂ€n des Drittligisten, eigentlich wĂŒrde er seine Mannschaft aufs Feld fĂŒhren. Diesen Plan hat er bereits aufgeben mĂŒssen. Doch wenigstens im Kader möchte er stehen, irgendwie dabei sein, vielleicht eingewechselt werden. FĂŒr den Tag nach dem Pokalspiel hat er um sieben Uhr morgens einen Termin beim Radiologen, um sein Knie nach der Belastung untersuchen zu lassen.

Doch vor dem Spiel wirken die Pillen, die Hummels in den Wochen zuvor oft genommen hat, nicht. Zu stark sind die Schmerzen. Zu sehr hat sich sein Körper an die Medikamente gewöhnt. Hummels will unbedingt im Kader stehen, sein Mannschaftsarzt will ihm helfen vor diesem einen, fĂŒr den KapitĂ€n so wichtigen Spiel. Der OrthopĂ€de schlĂ€gt Hummels deshalb eine örtliche BetĂ€ubung vor. Es ist die einzige Chance.

Hummels stimmt zu. Eine Stunde vor dem Spiel sticht der Arzt vier Mal in Hummels’ Knie, drĂŒckt ihm das Serum in die Adern. Drei Stunden spĂ€ter hat sein Team das Pokalspiel gegen den Erstligisten Leverkusen 1:3 verloren. Hummels hat keine Minute gespielt, doch er war dabei. Den Abend beschreibt er spĂ€ter als "maximales Highlight".

Spieler wissen oft nichts von SpÀtfolgen

Danach allerdings ist fĂŒr Jonas Hummels Schluss. Kreuzbandrisse und KnorpelschĂ€den, in beiden Knien, im Alter von erst 25 Jahren – Hummels kann kaum mehr schmerzfrei eine Treppe hochlaufen.

Die Folgen, das können Muskelverletzungen sein, SchĂ€den an Nieren und Leber und an Gelenken. Arthrose im jungen Alter, aber auch ein höheres Risiko fĂŒr Herzprobleme. Die Spieler setzen auf die kurzfristige Wirkung von Schmerzmitteln. Von möglichen langfristigen Folgen wissen sie manchmal gar nichts.

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Neben der direkten Wirkung auf Organe und Knochen verĂ€ndern die Mittel auch langfristig die Körperchemie. Die Amateurfußballerin Kim Kampmann erfĂ€hrt das, als der Fernseher durch den Raum auf sie zufliegt. Es ist die erste Nacht ihres kalten Entzugs 2012. Seit einem Tag nimmt sie keine Schmerzmittel mehr. Erst bekommt sie SchweißausbrĂŒche, dann rasen GegenstĂ€nde auf sie zu, die Wanduhr auch und ihr Handy. Sie versucht, sie zu greifen, fasst in die leere Luft.

Hobbyfußball wird zur Opioid-Sucht

Ihre Schmerzmittel-Geschichte, die mit der Sucht nach den Pillen endete, begann mit Ibuprofen. Leichtathletik, Klettern, Fußball, Kim Kampmann trieb begeistert Sport. Sie war hĂ€ufig draußen und entsprechend braun gebrannt. "Ich komme aus einer sportverrĂŒckten Familie", sagt sie heute.

Gemeldet hatte sie sich ĂŒber den CrowdNewsroom, mit dem "Correctiv" herausfinden wollte, wie groß das Schmerzmittel-Problem im deutschen Amateurfußball ist. Immer wieder nimmt sie fĂŒr den Sport Schmerzmittel, schrieb sie uns und erzĂ€hlt uns spĂ€ter am Telefon mehr ĂŒber ihre Geschichte.

Ende der Nullerjahre zieht sie fĂŒr ein paar Jahre nach Norwegen. Es ist kalt dort, sie erkĂ€ltet sich regelmĂ€ĂŸig und steht dennoch mit Paracetamol auf dem Fußballplatz. Sie will kein Spiel, auch kein Training verpassen. An solchen Tagen steigt sie abends nach dem Training zum AufwĂ€rmen in den Whirlpool und nimmt noch eine Ibuprofen. Der Griff zur Tablette wird NormalitĂ€t. Und irgendwann zur Sucht.

Die RĂŒckenschmerzen, mit denen ihr Körper auf das extreme Sportprogramm reagiert, bekĂ€mpft sie mit klassischen Schmerztabletten. So muss sie nicht auf den Fußball verzichten. Als Mittel wie Ibuprofen nicht mehr anschlagen, verschreibt ein Arzt ihr das synthetische Opioid Tilidin. SpĂ€ter nimmt sie auch das Opioid Tramal, am Ende sogar das stark wirksame Morphium.

Tagelanger Entzug voller Qual

Die Schmerzen am RĂŒcken sind letztlich stĂ€rker als die Kraft der Schmerzmittel, Kim Kampmann muss deshalb mit dem Fußball aufhören. Ein Neurochirurg sagt, sie mĂŒsse an der Bandscheibe operiert werden. Die Voraussetzung fĂŒr den Eingriff: Sie mĂŒsse nĂŒchtern sein, dĂŒrfte keine Medikamente mehr schlucken. Kim Kampmann entschließt sich zum kalten Entzug.

Es werden Tage voller Qual, an denen die GegenstĂ€nde auf sie zufliegen. Sie schwitzt. Ihr ist heiß, kalt, beides gleichzeitig. Sie zittert, weint, schreit, verflucht alles und jeden und selbst ihre Haustiere. Dann beginnt der nĂ€chste SchĂŒttelfrost.

Sie hĂ€lt durch, schafft es zur OP, die gelingt, auch wenn es noch Jahre dauert, bis sie wieder Sport treiben kann. Heute spielt Kampmann in einer Betriebsmannschaft beim Technischen Hilfswerk sogar wieder Fußball – ohne Schmerzmittel, sagt sie.

Viele Profis wollen nicht sprechen

Nach unser gescheiterten Recherche bei RB Leipzig in Seefeld ergeben sich in Österreich immerhin noch GesprĂ€che mit Teambetreuern anderer Bundesligisten, die sich in den Alpen ebenfalls auf die Saison 2019/2020 vorbereiten. Wir fĂŒhren dort immerhin ein HintergrundgesprĂ€ch mit einem Bundesliga-Arzt und erhalten Telefonnummern fĂŒr die weitere Recherche. Am Ende der Reise durch sechs Trainingslager ist zumindest klar, dass wir mit noch mehr Leuten aus dem System Profifußball reden mĂŒssen, wenn wir mehr ĂŒber Substanzen und Methoden erfahren wollen.

Anders als Hummels möchten die meisten ehemaligen Profis nicht, dass ihre Leidensgeschichte bekannt wird. Sie wollen nicht einmal anonymisiert zitiert werden. Eine Art "Harte-Jungs-MentalitĂ€t" zieht sich durch den Sport. Über SchwĂ€chen zu reden, das trauen sich auch nach der Karriere nur wenige. Ihre Geschichten zeigen, wie durch den Schmerzmittelmissbrauch seit Jahrzehnten Fußballer krank werden. Versteifte FĂŒĂŸe, frĂŒhe Arthrose, lebensbedrohliches Vorhofflimmern, mit diesen körperlichen Schicksalen mĂŒssen sie nun leben.

In Hoffenheim treffen wir Thomas Frölich, Mannschaftsarzt bei der TSG Hoffenheim. In seiner Zeit im bezahlten Fußball hat er mit zahlreichen erfolgreichen Trainern zusammengearbeitet, Joachim Löw etwa, Felix Magath und Ralf Rangnick, zuletzt auch Julian Nagelsmann. Er sei oft bei der Mannschaft, sagt Frölich, und könne den Zugang zu den Medikamenten dadurch steuern. Tabletten gebe er nur "in begrenzter Menge" heraus.

Arzt Tomas Frölich im Einsatz bei der TSG Hoffenheim: Er berichtet von einem dramatischem Erlebnis beim VfB Stuttgart.
Arzt Tomas Frölich im Einsatz bei der TSG Hoffenheim: Er berichtet von einem dramatischem Erlebnis beim VfB Stuttgart. (Quelle: /imago-images-bilder)

Allerdings lockert auch der Hoffenheimer Mannschaftsarzt den Zugang, je nĂ€her der Anpfiff kommt. "Wenn jemand eine Dreiviertelstunde vor dem Spiel kommt, dann kann ich nicht eine halbe Stunde mit ihm diskutieren, da ist man dann etwas großzĂŒgiger", sagt der Mannschaftsarzt. Frölich macht immer wieder die Erfahrung, dass Spieler, die neu im Verein sind, zu ihm kommen und nach Schmerzmitteln fragen, oft aus Routine. "Dann muss man versuchen, ihm das abzugewöhnen", sagt Frölich. "Weil der hat oft gar keine Schmerzen."

Zudem könnten die Vereine die Spieler nicht stÀndig kontrollieren. Von manchen Medikamente erfÀhrt er erst, wenn diese vor Dopingkontrollen auf Liste angegeben werden, meint Frölich. Die gÀngigen Schmerzmittel sind in geringer Dosierung in jeder Apotheke rezeptfrei erhÀltlich, die Handelsmarke Ibuprofen etwa wird bis zur Dosierung von 400 Milligramm frei verkauft.

Auch Jonas Hummels erinnert sich an MedizinschrĂ€nke, die gut gefĂŒllt mit Schmerzmitteln waren. Wer eine Ibuprofen gewĂŒnscht habe, habe sie in der Regel auch bekommen. Ein ehemaliger Bundesligaspieler, der anonym bleiben möchte, erzĂ€hlt, dass noch vor ein paar Jahren ein Physiotherapeut am Eingang zum Mannschaftsbus stand und einen Beutel mit Schmerzmitteln aufhielt: Jeder habe sich vor der Abfahrt zum Spiel frei bedienen können.

Auch er selbst habe die prophylaktische Gabe von Schmerzmitteln anfangs nicht hinterfragt, gesteht Teamarzt Frölich – bis er erlebt habe, welche Folgen Schmerzmittel ohne medizinische Kontrolle haben können.

Jogi Löw im Kreise seiner Mannschaft, 1998: Nach dem Spiel wird einer seiner Spieler mit schweren Blutungen ins Krankenhaus gebracht.
Jogi Löw im Kreise seiner Mannschaft, 1998: Nach dem Spiel wird einer seiner Spieler mit schweren Blutungen ins Krankenhaus gebracht. (Quelle: Pressefoto Baumann/imago-images-bilder)

Es ist 1998, der VfB Stuttgart, fĂŒr den Frölich damals tĂ€tig ist, steht im Europapokal-Finale der Pokalsieger, der spĂ€tere Bundestrainer Joachim Löw coacht das Team. Ein Höhepunkt in der Vereinsgeschichte und fĂŒr die Spieler, der mit einer 0:1-Niederlage gegen den FC Chelsea endet. FĂŒr einen Stuttgarter Spieler nimmt der Abend nach Abpfiff noch einen dramatischen Verlauf.

VfB-Spieler erbrach Blut

Dieser Profi, sagt Frölich im RĂŒckblick, habe vom medizinischen Stab "aufgrund von Beschwerden" Diclofenac, bekommen, den Wirkstoff in Voltaren. Seine weitere Erinnerung: Nach Ende des Endspiels spuckt der Spieler Blut. Frölich setzt ihn und sich selbst in ein Taxi, wĂ€hrend das restliche Team zu einer Party auf ein Schiff fĂ€hrt. Auf dem Weg zum Hotel musst der Fahrer anhalten, weil der Spieler Blut erbricht. Frölich gibt dem Spieler Infusionen und wacht an seinem Bett.

Der Spieler habe, erinnert sich Frölich, neben der verordneten Tablette noch Aspirin genommen, in Eigenregie. Doch Aspirin erhöht das Risiko von Magen-Darm-Blutungen. Der Spieler ĂŒberstand die Nacht. Irgendwann hörte sein Magen auf zu bluten.

Neven Subotic ist der einzige noch aktive Profi, der im Rahmen unserer Recherchen auch öffentlich ĂŒber Schmerzmittel sprechen wollte. Wir treffen ihn Ende Februar im "Correctiv"-BĂŒro in Berlin. Mit 18 Jahren begann er seine Profilaufbahn unter JĂŒrgen Klopp beim 1. FSV Mainz 05. SpĂ€ter holte ihn Klopp nach Dortmund, zweimal wurde Subotic mit dem Klub Deutscher Meister. Heute spielt er bei Union Berlin. Subotic hat mehr als 200 Bundesligaspiele bestritten. Dazu stand er mit der serbischen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2010 auf dem Platz.

Neven Subotic auf dem Feld: "Am Ende ist es der Spieler, der den meisten Druck bekommt."
Neven Subotic auf dem Feld: "Am Ende ist es der Spieler, der den meisten Druck bekommt." (Quelle: BEAUTIFUL SPORTS/G. Hubbs/imago-images-bilder)

"Mir fehlt in diesem ganzen System ein Schiedsrichter, der sicherstellt, dass das auch rechtens ablĂ€uft", sagt Subotic. Momentan sei das System eine Weitergabe von Druck. Es gehe um immer mehr Geld. Der Verein brauche den Erfolg, und so habe der Trainer Druck. Diesen Druck gebe er weiter an seinen Co-Trainer oder die Ärzte. "Und am Ende ist es der Spieler, der den meisten Druck bekommt. Der nicht spielen kann, außer er nimmt Schmerzmittel."

Subotic warnt jĂŒngere Profis

Er selbst greife kaum zu Schmerzmitteln, sagt Subotic, setze lieber ein Spiel aus. Gleichzeitig beobachte er, wie fĂŒr "jedes kleine Aua" eine Ibuprofen verteilt werde. Er rate jĂŒngeren Spielern, eigenverantwortlicher zu handeln und regelmĂ€ĂŸig von externen Ärzten eine Meinung einzuholen, die nicht in Interessenkonflikten mit dem Verein stĂŒnden.

"Und am Ende ist es der Spieler, der am meisten Druck hat, der am meisten zu verlieren hat", sagt Subotic. Wenn ein Spieler bleibende SchÀden davontrage, sei er schnell auf sich allein gestellt.

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Noch vor dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie in Deutschland befasst sich auch eine Fortbildung des Deutschen Fußball-Bundes in Frankfurt am Main mit dem Thema. Auf einer Tagung der DFB-Akademie tauschen sich dabei Fußballmediziner aus. Die Veranstaltung ist nicht öffentlich, doch ĂŒber einen Audiomitschnitt erfahren wir von einer Umfrage der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft, an der 37 Ärzte aus Profivereinen teilgenommen haben.

Darin geht es auch um die Frage, wie lange Spieler nach Verletzungen pausieren mĂŒssten. MannschaftsĂ€rzte hĂ€tten sich beklagt, dass Trainer nach Spielerverletzungen den "Prozess verkĂŒrzen" wĂŒrden und medizinische Standards missachteten, berichtet der Referent der Berufsgenossenschaft auf der Konferenz. Die Trainer lachten auch mal ĂŒber ihre Vorschriften, so hĂ€tten es die MannschaftsĂ€rzte bei der Befragung angegeben. Diese fĂŒhlten sich dann ohnmĂ€chtig.

Subotic: "Ibuprofen wird wie Smarties verteilt"

Neven Subotic fordert, dass auch die Spieler mehr ĂŒber die Mittel erfahren, die oftmals zu ihrem Arbeitsalltag gehören. "Was ich in den letzten 14 Jahren mitbekommen habe, ist, dass Ibuprofen wie Smarties verteilt wird, fĂŒr jedes kleine Aua gibt es quasi pauschal Ibuprofen", sagt Subotic. Er wĂŒnsche sich, dass die Folgen von Schmerzmitteln bei ehemaligen Fußballern untersucht wĂŒrden. "Wir brauchen Informationen, was nach der Karriere alles passiert, und sollten diese FĂ€lle anonymisiert auch publik machen – als Warnung."

Die Folgen können lebensbedrohlich sein. Drei Studien der vergangenen Jahre zeigen das. Sie bestĂ€tigen, dass ein regelmĂ€ĂŸiger Schmerzmittelkonsum die Wahrscheinlichkeit erhöht, erhebliche Herzprobleme zu bekommen. So erhöhen das unter Fußballern beliebte Diclofenac (Handelsname: Voltaren) und Etoricoxib (Arcoxia) das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben, fĂŒhren Schweizer Forscher in einer Studie von 2011 vor. Auch dĂ€nische Wissenschaftler zeigten, dass bei Diclofenac das Risiko deutlich steigt. Das Gleiche gilt fĂŒr Ibuprofen. Und vor zwei Jahren besagte eine weitere dĂ€nische Studie, dass Diclofenac in den ersten 30 Tagen nach Einnahme zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit von Herzproblemen fĂŒhrt.

"Es gibt eine klare Verbindung zwischen dem Tod durch Herzattacke und dem Gebrauch nichtsteroidaler, entzĂŒndungshemmender Mittel", sagt Gunnar Gislason. Er ist einer der dĂ€nischen Forscher, die sich mit den Risiken fĂŒr das Herz beschĂ€ftigen. "Solche Mittel wirken sich auf das Herz-Kreislauf-System aus. Wir wissen, dass sie den Blutdruck beeinflussen, dass sie sich auf die Nieren auswirken." Schmerzmittel können demnach töten.

Herzstillstand auf dem Fußballplatz

Im Jahr 2011 kĂ€mpft Konstantinos David um sein Überleben. Es ist ein herbstlicher Spieltag in der Mittelrheinliga, der fĂŒnfthöchsten Klasse im deutschen Fußball. David steht fĂŒr den FC HĂŒrth als KapitĂ€n auf dem Rasen. Nach einer Viertelstunde erobert er den Ball, spielt ihn nach vorn und rennt in Richtung Tor. Dann sackt er auf die Knie und kippt bĂ€uchlings auf den Rasen. Es dauert ein paar Sekunden, bis die Mitspieler begreifen, dass David nicht einfach nur verletzt ist. Jemand ruft nach einem Arzt.

An diesem Tag sitzt auch Natascha HĂŒdepohl etwa 50 Meter entfernt auf der TribĂŒne, auf ihrem Schoß ihr fĂŒnf Monate alter Sohn. Als sie den Ruf hört, drĂŒckt sie ihrem Mann das Baby in die Hand und rennt los. Sie ist ausgebildete OP-Schwester.

Als sie das Feld erreicht, drĂ€ngt sie die Spieler zur Seite, misst den Puls. Nichts. Kein Herzschlag. Sie beginnt, David zu reanimieren. Jemand will sie ablösen, fasst sie an die Schulter, doch sie drĂŒckt weiter. Mindestens 20 Minuten massiert sie das Herz von David. Dann treffen die RettungssanitĂ€ter ein. HĂŒdepohl massiert weiter. Erster Stromstoß mit dem Defibrillator. Nichts. Zweiter Stoß. HĂŒdepohl spĂŒrt, wie das Herz wieder zu schlagen beginnt. UnregelmĂ€ĂŸig, dann krĂ€ftiger. Konstantinos David lebt wieder.

Heute kann sich David nicht mehr an seine Herzattacke erinnern. Wie "Correctiv" und die ARD-Dopingredaktion hat auch er von seiner Lebensretterin Natascha HĂŒdepohl und weiteren damals Anwesenden die Geschehnisse rekonstruieren lassen. Es bleibt ungeklĂ€rt, warum sein Herz an diesem Tag aussetzte. Wir treffen ihn in Köln, wo er zwei Restaurants betreibt.

War "Lebensstil im Fußball" der Auslöser?

Vorerkrankungen habe er keine gehabt, die Werte seien in Ordnung gewesen. Selbst eine Leistungsdiagnostik wenige Wochen vorher ergab keine AuffĂ€lligkeiten. Die Ärzte diagnostizierten eine HerzmuskelentzĂŒndung, konnten aber nur vermuten, woher diese kam. Ein möglicher Grund könnte sein "Lebensstil im Fußball" gewesen sein, erinnert sich David an Aussagen der Ärzte damals.

Er habe schon auch "mal mit einer Grippe gespielt", sagt David, oder sei eine Trainingseinheit frĂŒher eingestiegen, bei der es "vielleicht klĂŒger gewesen wĂ€re, noch auszusetzen". Dann zĂ€hlt er auf, was er genommen hat: "Ibuprofen, Arcoxia, Voltaren." Es habe Zeiten gegeben, in denen er wegen Verletzungen nur mit Schmerzmitteln spielen konnte, teilweise habe er vor dem Training oder sogar zur Halbzeit eine Tablette eingeworfen. Er kann sich heute nicht mehr erinnern, in den Tagen vor dem Kammerflimmern Schmerzmedikamente genommen zu haben. Allerdings fehlen seinem GedĂ€chtnis durch die Herzattacke einige Tage seines Lebens.

Es gibt viele GrĂŒnde fĂŒr plötzlichen Herztod. So können Herzkrankheiten, nicht erkannte Herzfehler oder ein scheinbar harmloses Virus unter extremen Belastungen Rhythmusstörungen auslösen. Ob ein Spieler nur wegen eingenommener Medikamente oder doch an einer unerkannten Krankheit stirbt, wird kaum untersucht. Bis heute gibt es keine fundierten Belege, wie viele Spieler jedes Jahr an Aspirin und Ibuprofen sterben. Allein in den letzten sechs Jahren starben weltweit Hunderte Fußballer am plötzlichen Herztod, die Ursachen sind in der Regel nicht bekannt. Nur in EinzelfĂ€llen wurde Schmerzmittel als Todesursache nachgewiesen.

Klasnic zieht gegen Werder Bremen vor Gericht

Bei Ivan Klasnic ist der Fall klar. Der frĂŒhere Fußballprofi gewann 2004 mit Werder Bremen die Meisterschaft und den DFB-Pokal, spielte lange Zeit auch fĂŒr die kroatische Fußball-Nationalmannschaft. WĂ€hrend seiner aktiven Zeit erlitt er einen Nierenschaden, weil er zu viele Schmerzmittel genommen hatte. Mittlerweile hĂ€lt ihn die dritte Spenderniere am Leben.

Ex-Profi Ivan Klasnic am Oberlandesgericht Bremen: Er fordert Schmerzensgeld von seinem ehemaligen Club, dem SV Werder Bremen.
Ex-Profi Ivan Klasnic am Oberlandesgericht Bremen: Er fordert Schmerzensgeld von seinem ehemaligen Club, dem SV Werder Bremen. (Quelle: nordphoto/Ewert/imago-images-bilder)

Klasnic hat seinen ehemaligen Mannschaftsarzt, eine Internistin und den Verein Werder Bremen auf Schmerzensgeld verklagt. Der Prozess soll in letzter Instanz im Juni vor dem Oberlandesgericht in Bremen fortgesetzt werden, wenn sich beide Parteien nicht vorher einigen. Zuvor urteilten die Richter des Landgerichts Bremen zugunsten von Klasnic. Sie folgten dem Gutachter, der feststellte, dass Klasnics Nierenerkrankung wahrscheinlich nicht fortgeschritten wĂ€re, wenn er nicht weiter Diclofenac erhalten und genommen hĂ€tte. Der behandelnde Arzt habe mehrere Behandlungsfehler begangen, die als ursĂ€chlich fĂŒr einen Gesundheitsschaden bei Klasnic anzusehen seien.

Wie Klasnic geht es vielen Fußballern – Profis wie Amateuren. Um die Verbreitung des Missbrauchs im Amateursport zu untersuchen, befragten "Correctiv" und die ARD-Dopingredaktion 1.142 Amateurfußballer. Auch wenn die Ergebnisse nicht reprĂ€sentativ sind: Mehr als die HĂ€lfte griff fĂŒr den Fußball mehrmals pro Saison zu Schmerzmitteln. Mehr als 40 Prozent nahmen Schmerzmittel nicht aus therapeutischen GrĂŒnden ein, sondern um ihre LeistungsfĂ€higkeit zu steigern.

Die wenigsten beschĂ€ftigen sich mit den gesundheitlichen Folgen. Gleichzeitig berichten Hunderte von ihnen ĂŒber Negativfolgen. Magenprobleme, SchĂ€den an Leber und Niere. Mehrere berichten, sie seien abhĂ€ngig geworden und hĂ€tten, als die klassischen Schmerzmittel keine Wirkung mehr zeigten, zu Opioiden gegriffen.

Das sagt der DFB dazu

Jeder zweite der Umfrage-Teilnehmenden wusste nicht ĂŒber erhöhte Herzrisiken Bescheid. Vielmehr berichteten Amateurfußballer, dass Trainer ihnen Pillen vor dem Spiel in die Hand gedrĂŒckt hĂ€tten. Beim Schmerzmittelmissbrauch spielen Amateure und Profis in der gleichen Liga.

Als Interessenwahrer der deutschen Amateurfußballer versteht sich seit jeher der Deutsche Fußball-Bund. Sein aktueller PrĂ€sident Fritz Keller ist seit September 2019 im Amt. Mitte Mai treffen wir Keller in der DFB-Zentrale in Frankfurt am Main. Wir zeigen ihm die Ergebnisse unserer Befragung.

DFB-PrÀsident Fritz Keller: "Schmerzmittel im PrÀventivbereich, das ist einfach Blödsinn."
DFB-PrÀsident Fritz Keller: "Schmerzmittel im PrÀventivbereich, das ist einfach Blödsinn." (Quelle: /imago-images-bilder)

Keller wirkt betroffen. Und er wĂ€hlt deutliche Worte in Zeiten, in denen dem bezahlten Fußball vorgeworfen wird, vor allem aufs Geld und weniger auf die Gesundheit der Spieler zu achten. Das Problem Schmerzmittel sei ihm nicht gĂ€nzlich neu, sagt der DFB-PrĂ€sident. Aber beim Profifußballklub SC Freiburg zum Beispiel, an dessen Spitze er lange stand, habe man darauf hingewiesen, dass man die Pillen nicht vorab fĂŒr mögliche Verletzungen nehme. "Schmerzmittel im PrĂ€ventivbereich, das ist einfach Blödsinn."

Doch genau so nutzen etliche Amateurfußballer diese Medikamente. Keller sagt, das habe ihn schockiert, und er kĂŒndigt eine Reaktion auf die Recherchen von "Correctiv" und der ARD-Dopingredaktion an. "Da mĂŒssen wir unbedingt an unsere LandesverbĂ€nde gehen und ĂŒber Trainer einfach eine Sensibilisierung hinkriegen." Der DFB-PrĂ€sident bringt das Schmerzmittelproblem so auf den Punkt: "Das ist ja kontraproduktiv. Der Sport im Amateurbereich ist zur Gesunderhaltung gedacht und nicht dafĂŒr, dass man sich kaputtmacht."

Fußballverband will AufklĂ€rung verstĂ€rken

Schmerzmittelmissbrauch, fĂŒr Keller stellt es ein gesamtgesellschaftliches Problem dar. Mit Blick auf die Fußballer sagt er, er "werde das alles sofort ĂŒberprĂŒfen und auch im Sinne der Gesunderhaltung unserer Sportlerinnen und Sportler darauf aufmerksam machen". Was der DFB in dieser Sache leisten könne, wolle er auch umsetzen. Wenige Tage vor dieser Veröffentlichung wird der DFB auf Anfrage von "Correctiv" konkreter.

"Mit Blick auf die Sensibilisierung in den Amateurvereinen plant der DFB aktuell eine digitale Vereinssprechstunde mit dem Schmerzexperten Toni Graf-Baumann zum Thema Schmerzmittelkonsum", schreibt ein DFB-Sprecher. Der Schmerzmediziner tritt seit Jahrzehnten als AufklĂ€rer zu diesem Thema in Erscheinung, auch in den FußballverbĂ€nden. Aktuell sitzt er noch in der Anti-Doping-Kommission des DFB. In seiner schriftlichen Antwort kĂŒndigt der DFB zudem GesprĂ€che mit der Bundeszentrale fĂŒr gesundheitliche AufklĂ€rung an.

FĂŒr den Profibereich, so der DFB-Sprecher weiter, gebe es "keine Hinweise", dass sich der Schmerzmittelkonsum signifikant von anderen Profiligen in Europa unterscheide. Er fĂŒgt aber auch an: "Dieser leichtfertige Umgang mit Schmerzmitteln und ihren vielfĂ€ltigen Risiken verdeutlicht, dass noch viel AufklĂ€rungsarbeit nötig ist."

Aus Sicht der beiden Profifußballer Neven Subotic und Jonas Hummels ist das auch bei hoch bezahlten Spielern notwendig. "Von den Vereinen gibt es da nach meinem Wissen keine große AufklĂ€rungsarbeit, weil sie eben auch unter Druck stehen, den Spieler so schnell wie möglich auch fit zu kriegen", sagt der langjĂ€hrige Dortmunder Neven Subotic. Jonas Hummels glaubt, "so eine BewusstseinsschĂ€rfung öffentlich wĂŒrde wahnsinnig viel Sinn machen".

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Solange das nicht passiert, wird die Gesundheit weiterer Amateur- und Profifußballer aufs Spiel gesetzt. Wie die von Profi Ivan Klasnic, der seine Niere verlor. Oder die Gesundheit der Amateurfußballerin Kim Kampmann, die sĂŒchtig nach Schmerzmitteln wurde. Oder Konstantinos David, bei dem bis heute unklar ist, welche Rolle Schmerzmittel fĂŒr seine Herzerkrankung spielten.

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Von Constantin Eckner
  • Robert Hiersemann
Ein Kommentar von Robert Hiersemann
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