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Sie werden vernachlässigt – doch wie lange noch?

Von Benjamin Zurmühl

Aktualisiert am 25.03.2022Lesedauer: 6 Min.
Jamal Musiala: Der Jungstar begeistert die Fans der deutschen Nationalmannschaft.
Jamal Musiala: Der Jungstar begeistert die Fans der deutschen Nationalmannschaft. (Quelle: Hartenfelser/imago-images-bilder)
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Der DFB hat für das Jahr 2022 große Ziele, will bei der WM in Katar weit kommen. Dafür setzt der Verband auf einen Spielertyp, der zuletzt außen vor war.

Die Knie bluten, die Ellenbogen brennen, der Kopf dröhnt. Auf hartem Asphalt wird in der prallen Sonne stundenlang gespielt. Die Schuhe sind kaputt und dreckig vom Staub, die Klamotten nassgeschwitzt, die Wasserflasche längst leer. An Aufhören ist aber kaum zu denken. Es wird gespielt, bis es dunkel wird.

Tage wie diese waren Fußballprofis älterer Generationen aus den Großstädten Deutschlands bekannt. Sie verbrachten viele Stunden, Tage und Wochen ihrer Kindheit und Jugend in den "Käfigen" ihrer Gegend. Doch der aktuellen Generation sind diese Szenen kaum geläufig. Denn die Bolzplatzkultur ist hierzulande im vergangenen Jahrzehnt in den Hintergrund gerückt.

Auch wenn sich Fachleute jedes Jahr über "fehlende Straßenfußballer" beschwerten, passierte wenig. Immer früher ging es für die Talente des Sports ins Nachwuchsleistungszentrum (kurz: NLZ), wo Athletik, Taktik und Laufstärke im Vordergrund standen und auch noch stehen. Die Attribute des Straßenfußballs rückten in den Hintergrund. Technik, Kreativität und Durchsetzungsvermögen sind Dinge, die Kinder und Jugendliche dort automatisch lernen.

Wenn Trainer, Experten oder Kommentatoren bei Spielern von "fehlender Mentalität" reden, ist oft eben jenes Durchsetzungsvermögen, jener unbändige Wille gemeint. Denn wer auf der Straße spielt, muss sich gegen Freunde und Fremde behaupten. Besonders in den Gegenden sozial benachteiligter Kinder haben Bolzplätze einen hohen Stellenwert. Gerade in England und Frankreich war dies in den vergangenen Jahren zu sehen.

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DFB-Nachwuchscheftrainer Meikel Schönweitz sagte bereits 2019 im t-online-Interview: "Viele der Topspieler aus England und Frankreich kommen beispielsweise aus den Vororten von London und Paris. Dort wachsen sie in sozial schwachen Gegenden auf und sehen den Fußball als eine der wenigen Chancen, um später ein möglichst sorgenfreies Leben führen zu können. Diese Jungs haben eine ganz andere intrinsische Motivation als unsere Jungs, die zum Teil aus einer 'Wohlfühlgesellschaft' kommen."

Genau deshalb stehen Straßenfußballer für die genannten Attribute: Technik, Kreativität, Durchsetzungsvermögen.

All das fehlte vielen deutschen Jugendspielern in den vergangenen Jahren, die den Sprung zu den Profis schafften. Auch an diesen Aspekten machte DFB-Direktor Oliver Bierhoff das Ausscheiden bei der WM 2018 fest. Im Februar 2019 verkündete er: "Es braucht wieder mehr Gefühl. Bei aller Systematik müssen wir Raum schaffen für die Entwicklung von Individualisten. Wir brauchen wieder mehr Bolzplatzmentalität."

"Das ist peinlich"

Die Frage nach der Umsetzung bleibt aber bis heute offen. Auch Željko Ristić zweifelt daran, dass der DFB die Lage wirklich erkannt hat. Der langjährige Jugendtrainer von Hertha BSC (2000 bis 2013) arbeitet seit vielen Jahren als Streetworker in Berlin und steht parallel bei Regionalligist Lichtenberg 47 unter Vertrag. Ristić kennt den Straßenfußball wie kein Zweiter, bildete die legendäre Hertha-Generation um Kevin-Prince Boateng, Änis Ben-Hatira und Patrick Ebert aus und organisiert Turniere für Kinder und Jugendliche in ganz Berlin.

Željko Ristić kennt die Berliner Bolzplätze bestens.
Željko Ristić kennt die Berliner Bolzplätze bestens. (Quelle: T-Online-bilder)

Über die Aussagen von Bierhoff und Co. wundert er sich auch heute noch: "Das ist doch ein Hohn, dass der DFB nun die 'Bolzplatzmentalität' wieder fördern will, die er abgeschafft hat. Das ist peinlich."

Doch er nimmt auch die Vereine in die Pflicht: "Hertha BSC zum Beispiel ist vor einigen Monaten mit einer Jugendmannschaft hier auf dem Sparrplatz im Wedding (Stadtteil Berlins, Anm. d. Red.) gewesen. Alle komplett eingekleidet in Vereinsuniform. Auf der Straße gibt es keine Uniform. Straße bedeutet selbstständig zu sein, individuell zu sein und doch Teil eines Kollektivs zu werden. Der DFB und die NLZs der Klubs brauchen mehr Leute, die den Fußball anders denken und nicht die immer selben Trainingsabläufe haben."

Denn das fördere Kreativität, so Ristić: "Nehmen wir mal das Eins-gegen-Eins. Da geht es nicht nur um das Austricksen, sondern auch darum, welche Ballbeherrschung ich habe, wie ich zum Ball stehe und ob es ein Automatismus oder eine Bauchentscheidung ist. Bei den Straßenfußballern ist es eine Bauchentscheidung, ein Impuls. Bei Vereinsspielern ein roboterhafter Automatismus. Der Fußball wird sich immer mehr neutralisieren, immer strategischer wie beim American Football. Da braucht es Anarchisten wie Zlatan Ibrahimovic, die mit ihrer Kreativität für einen Bruch sorgen und das Spiel verändern." Sein Fazit: Diese Spieler habe Deutschland kaum noch.

Der Sparrplatz im Berliner Stadtteil Wedding.
Der Sparrplatz im Berliner Stadtteil Wedding. (Quelle: T-Online-bilder)

Eine Ausnahme ist Jamal Musiala, Nationalspieler vom FC Bayern. "Bambi", wie der 18-Jährige aufgrund seiner langen dünnen Beine von Teamkollegen genannt wird, begeisterte bei der EM 2021 mit seinen Dribblings die deutschen Fans. Er war ein seltener Lichtblick in der DFB-Auswahl.

Doch ausgebildet wurde er in erster Linie in England, nicht in Deutschland. Denn von 2010 bis 2019 lebte Musiala auf der Insel. Ein erstes Ergebnis der neu beschworenen Bolzplatzmentalität ist er nicht. Ristić: "In England ist die Vereinsdichte kleiner, der Schulsport präsenter. Ein Bereich, der weniger beobachtet und einfach freier ist. Da gibt es nicht verschiedene Trainingsgruppen. Die Kinder bis 13, 14 Jahre müssen selbstbestimmt handeln können und dann auch die Konsequenzen tragen."

Dribblings wie dieses von Jamal Musiala werden in Deutschland gern gesehen, aber nur selten trainiert.
Dribblings wie dieses von Jamal Musiala werden in Deutschland gern gesehen, aber nur selten trainiert. (Quelle: Passion2Press/imago-images-bilder)

Ristićs Lösungsansatz für das Dilemma in Deutschland: weniger Training, mehr Freizeit. "Ich habe mir bei einigen ambitionierteren Kindern die Wege angeschaut, die sie für Schule und Vereinstraining zurücklegen. Die sind teilweise zehn bis elf Stunden am Tag unterwegs. Da bleibt keine Zeit für Straßenfußball in der Freizeit. Die Freizeit besteht für viele aus Netflix am Abend im Bett auf dem Handy, das war’s. Es ist doch kein Wunder, dass so viele von ihren Smartphones und Social Media abhängig geworden sind, wenn sie keinen Raum für ihre Interessen bekommen." Sie verbringen zwar viel Zeit mit Fußball, doch das Training stehe im Vordergrund, nicht das Spiel, bemängelt der Berliner Streetworker.

Was heißt das für den Jugendfußball? "Eigentlich müsste man die F- und die G-Jugend abschaffen, aus Schutz vor den Erwachsenen. Das Wort 'trainieren' ist für mich unsäglich geworden. Die Spanier spielen Fußball, sie trainieren nicht. Deshalb sind die auch so stark. Die Portugiesen genauso. Beim FC Porto zum Beispiel werden die Trainingsplätze früher aufgemacht, die Kinder treffen sich schon vor dem Training und spielen miteinander. Bei uns ist alles klar kalkuliert und getaktet."

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Das Missverständnis Kunstrasen

Das Thema Bolzplätze ist kein neues Thema beim DFB. Schon 2007 kündigte der damalige Präsident Theo Zwanziger an, 1.000 "Mini-Spielfelder" zu bauen. Rechteckige Kästen mit Kunstrasen standen kurze Zeit später in vielen Städten Deutschlands. Mit Bolzplätzen hatten die aber wenig zu tun, meint Ristić: "Jeder weiß, ein echter Bolzplatz ist nicht aus Kunstrasen oder Tartan, sondern aus Beton. Am besten bunt und cool angemalt. Dann wird immer auf denen gespielt. Die sind sicher vor Vandalismus und unzerstörbar. Kunstrasen und Tartan brauchen irgendwann Pflege und gehen kaputt."

Eins der Mini-Spielfelder des DFB steht in der Knesebeckstraße in Berlin.
Eins der Mini-Spielfelder des DFB steht in der Knesebeckstraße in Berlin. (Quelle: Norbert Schmidt/imago-images-bilder)

Ristić sieht diese Kunstrasenplätze als ein Sinnbild für den Blick der DFB-Bosse auf die Bolzplatzkultur. Denn wirklich verstanden habe er sie nicht. Er verweist auch auf die neu gebaute DFB-Akademie, auf der kein einziger echter Bolzplatz mit Betonboden steht. "Nicht nur die Plätze sehen gleich aus, die NLZs tun es genauso. Die Personen, die dort arbeiten, sind alle gleich und die Denkweisen sind es auch. Das ist doch das Problem im deutschen Fußball. Es ist alles gleich. Uns fehlt die Vielfalt. Hier wird jetzt ein Florian Wirtz für seine Technik gefeiert, Spanien hat 200, die so mit dem Ball umgehen können."

Damit meint der 48-Jährige nicht nur die immer gleichen Attribute der Spieler, sondern auch die Diversität hinter den Kulissen. "Der DFB hat ein unbewusstes Rassismus-Problem. In der A-Nationalmannschaft und in den U-Teams haben ein Drittel einen Migrationshintergrund. Und jetzt schauen Sie sich mal das DFB-Team hinter dem DFB-Team an. Wie viele davon haben einen Migrationshintergrund? Da heißen alle Kalle, Uwe und Klaus. Da ist kein Hamudi dabei, kein Željko dabei. Es ist der gleiche Schlag von Menschen mit ähnlichen Erfahrungen. Keiner von denen feiert die Musik der Jugendlichen oder kennt die Themen, mit denen die sich beschäftigen."

Sein Fazit: Die "wahre" Bolzplatzmentalität wolle man beim DFB nicht sehen. "Die bedeutet, dass der eine dem anderen auch mal eine Schelle verpasst. Dass Konfliktlösungen anders gemacht werden. Dass einer wild spielt." Doch für "wilde" Fußballer sei beim DFB aktuell kein Platz. Noch nicht. Mit Spielern wie Musiala und Wirtz hat der deutsche Fußball zumindest zwei Vorbilder für viele Kinder auf den Bolzplätzen des Landes. Entscheidend ist, was der Verband daraus macht.

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