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Djokovic gegen Australien: So eskalierte der Streit

  • David Digili
Von David Digili

Aktualisiert am 16.01.2022Lesedauer: 8 Min.
Entscheidung gefallen: Tennisstar Novak Djokovic verliert vor australischem Gericht im Visum-Streit. (Quelle: Reuters)
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Nun steht endgĂŒltig fest: Der Weltranglistenerste darf nicht an den Australian Open teilnehmen und muss Australien verlassen. Die Posse war reich an skurrilen Momenten – und es bleiben Fragen offen. Die Chronik.

Novak Djokovic muss Australien endgĂŒltig verlassen. Der Einspruch des Tennis-Superstars gegen seine verweigerte Einreise ist am Sonntag vom Bundesgericht des Landes abgelehnt worden. Zuvor hatte der australische Einwanderungsminister Alex Hawke dem Weltranglistenersten erneut das Visum entzogen. Damit kann Djokovic bei den Australian Open nicht antreten und seinen Titel verteidigen.

Es ist das Ende einer zeitweise skurrilen Posse um die Einreise des 34-JĂ€hrigen nach "Down Under", die sich an Djokovics Impfstatus entzĂŒndete – der Serbe verweigert sich einer Impfung gegen das Coronavirus. Seit Beginn des Jahres hielt der Streit nicht nur die Sportwelt in Atem – und hatte einige kuriose Momente.

t-online hat die Chronik zur Einreise-Posse um Novak Djokovic

â–ș10. Dezember 2021: Die Bewerbungsfrist fĂŒr eine medizinische Ausnahmegenehmigung bei den australischen Behörden lĂ€uft ab. Bis zu diesem Zeitpunkt hĂ€tte Djokovic regulĂ€r eben diese Genehmigung beantragen können.

â–ș14. Dezember 2021: Djokovic besucht ein Basketballspiel in Belgrad. Nach der Partie wird bekannt, dass sich mehrere Menschen mit Covid-19 infiziert haben.

â–ș16. Dezember 2021: Djokovic macht einen Corona-Schnelltest. Dem Serben zufolge fĂ€llt dieser negativ aus. Dann macht er auch noch einen PCR-Test fĂŒr ein genaueres Ergebnis. Die Öffentlichkeit erfĂ€hrt aber nichts von Djokovics Covid-19-Erkrankung – erst spĂ€ter, am 8. Januar, wird seine Infektion bekannt (siehe weiter unten).

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â–ș17. Dezember 2021: Djokovic nimmt in Belgrad an einer Preisverleihung fĂŒr Kinder teil, auf Bildern ist zu sehen, dass der Tennis-Star weder eine Maske trĂ€gt noch AbstĂ€nde einhĂ€lt. Nach eigener Aussage erhĂ€lt Djokovic erst nach dieser Veranstaltung das positive Ergebnis des PCR-Tests. Die Frage bleibt: Wieso hat er wider besseres Wissen die Preisverleihung besucht, ohne eben dieses Ergebnis abzuwarten, wie er am 12. Januar bestĂ€tigen wird (siehe unten)?

â–ș18. Dezember 2021: Djokovic gibt der französischen Sportzeitung "L’Équipe" ein Interview in seinem Trainingszentrum in Belgrad.

â–ș25. Dezember 2021: Ein Video von Djokovic beim Tennisspielen in den verregneten Straßen Belgrads kursiert in den sozialen Medien. Auch hier trĂ€gt der Weltstar wieder keine Maske. Wichtig hierbei: Eigentlich mĂŒsste sich der positiv getestete Djokovic bereits lĂ€ngst seit Tagen in Isolation befinden.

â–ș31. Dezember 2021: Die Soto Tennis Academy im spanischen Marbella postet ein Video von Djokovic beim Training auf dem Platz. "Wir können bestĂ€tigen, dass der "Djoker" bereit ist fĂŒr die Australian Open, wenn es denn möglich ist", schreibt die Akademie auf Twitter – obwohl dieser sich eigentlich noch immer in QuarantĂ€ne in Belgrad befinden mĂŒsste.

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â–ș4. Januar 2022: In einem Instagram-Post zeigt sich ein freudestrahlender Djokovic mit GepĂ€ck auf einem Flughafen. "Ich habe eine fantastische Zeit mit meinen Liebsten ĂŒber die Feiertage verbracht und fliege heute mit einer Ausnahmegenehmigung nach 'Down Under'", schreibt er. Kein Hinweis auf eine mögliche Corona-Infektion, keine genauere Anmerkung, weshalb er denn diese "Ausnahmegenehmigung" bekommen habe.

â–ș5. Januar 2022: Djokovic tritt die Reise nach Melbourne an und fliegt, mit Zwischenstopp in Dubai, ein. Bei der Einreisekontrolle kommen Zweifel an den Angaben in seinem Visumsantrag auf. Daraufhin wird das Visum entzogen – er habe nicht die nötigen Voraussetzungen fĂŒr die ominöse Ausnahmegenehmigung. Die "Australian Border Force" setzt ihn fest, ein Verfahren wird eingeleitet, Djokovic abzuweisen.

Plötzlich steht die ersehnte Teilnahme an den Australian Open infrage. Seine AnwĂ€lte legen direkt Berufung gegen die VerfĂŒgung ein, Djokovic wird ins "Park Hotel" in Melbourne gebracht, das seit Beginn der Pandemie als Isolations- und Abschiebeeinrichtung genutzt wird – ein umstrittenes "Hotel", in dem auch zahlreiche FlĂŒchtlinge untergebracht sind.

Umstrittene Einrichtung: Das "Park Hotel" in Melbourne, in das Djokovic gebracht wurde.
Umstrittene Einrichtung: Das "Park Hotel" in Melbourne, in das Djokovic gebracht wurde. (Quelle: AAP/imago-images-bilder)

â–ș6. Januar 2022: Bizarre Wortmeldung aus Belgrad: Auf einer Pressekonferenz in seinem Restaurant "Novak 1" Ă€ußert sich Srdjan Djokovic zur Situation rund um seinen weltbekannten Sohn. Djokovic senior ruft zu Protesten auf – und versteigt sich zu einem verrĂŒckten Vergleich: "Jesus wurde gekreuzigt, ihm wurde alles angetan, und er ertrug es und lebt immer noch unter uns. Jetzt versuchen sie Novak auf die gleiche Weise zu kreuzigen und ihm alles anzutun." Und weiter: In Australien sei Djokovic "im GefĂ€ngnis" Er streite nicht nur fĂŒr sich und Serbien, sondern fĂŒhre "den Kampf von sieben Milliarden Menschen auf der Welt fĂŒr Rede- und Meinungsfreiheit".

Bruder Djordje wĂŒtet: "Er wurde wie ein Krimineller behandelt, obwohl er ein gesunder und anstĂ€ndiger Mann und Sportler ist, der niemanden in Gefahr gebracht und keine Straftat begangen hat."

â–ș7. Januar 2022: Australiens Innenministerin Karen Andrews sieht sich genötigt, auf die kruden Töne aus Belgrad zu reagieren: "Herr Djokovic wird nicht in Australien gefangen gehalten“, betont sie in Richtung von Djokovics Famile, "er kann jederzeit gehen" und der Grenzschutz wĂ€re dabei behilflich.

Klartext – Australiens Innenministerin Karen Andrews.
Klartext – Australiens Innenministerin Karen Andrews. (Quelle: AAP/imago-images-bilder)

In einem Telefonat mit Serbiens PrĂ€sident Aleksandar Vucic verlangt Djokovic seinen Umzug aus dem Melbourner Hotel. Stattdessen will er die Zeit bis zur Entscheidung in einem Stadthaus verbringen, das er eigens fĂŒr die Dauer der Australian Open angemietet hatte. Vor dem "Park Hotel" versammeln sich indes immer mehr serbischstĂ€mmige Australier, die fĂŒr ihr Idol demonstrieren. Nur ganz vereinzelt wird im wĂŒtenden Mob auf das Tragen von Masken oder das Einhalten von AbstĂ€nden geachtet.

Am Abend meldet sich Djokovic erstmals selbst in der Öffentlichkeit zu Wort, teilt via Instagram mit: "Ich danke meiner Familie, Serbien und allen guten Menschen in der ganzen Welt, die mir ihre UnterstĂŒtzung schicken. Danke lieber Gott fĂŒr die Gesundheit."

â–ș8. Januar 2022: Djokovics AnwĂ€lte erklĂ€ren in einer gerichtlichen Anhörung, ihr Mandant sei im Dezember mit dem Coronavirus infiziert gewesen – am 16. Dezember habe er ein positives Ergebnis durch einen PCR-Test erhalten. Dies qualifiziere ihn fĂŒr die erhoffte Ausnahmegenehmigung.

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Kurz darauf aber meldet sich der renommierte Tennisreporter Ben Rothenberg zu Wort – und zerlegt auf Twitter die Argumentation der AnwĂ€lte. Denn Rothenberg verweist auf offizielle Dokumente des australischen Tennisverbands, die einen Antrag auf Genehmigung einer Ausnahmeregelung zur Teilnahme am Grand Slam in Melbourne nur bis 10. Dezember vorsehen – Djokovics Gesuch kam also allem Anschein nach zu spĂ€t!

Und: Rothenberg verweist auf Fotos von Djokovics Auftritten am 17. Dezember und danach – die bis dahin nicht im Fokus der Öffentlichkeit waren. Plötzlich steht Djokovics Verhalten infrage, die Argumentation seines Lagers bekommt nicht nur schwere Risse, sie bröckelt weg.

â–ș9. Januar 2022: Australiens Regierung rĂŒffelt Djokovic. In einem 13-seitigen Dokument reagieren die Behörden auf die Berufung – und wĂ€hlen deutliche Worte in Richtung des "Djokers“: "So etwas wie eine Einreise-Garantie nach Australien gibt es fĂŒr Nicht-Australier nicht." Und weiter: "Stattdessen gibt es Kriterien und Bedingungen fĂŒr die Einreise und GrĂŒnde, ein Visum zu verweigern oder abzuerkennen."

Abschließend noch mal ein dickes Pfund: Selbst wenn Djokovic vor Gericht recht bekommen sollte, bedeute das noch lange nicht, dass er auch im Land bleiben dĂŒrfe! "Die Anordnung einer sofortigen Freilassung schließt nicht eine erneute Festsetzung aus, wenn dafĂŒr eine Grundlage gesehen wird."

â–ș10. Januar 2022: Nach einer stundenlangen Anhörung – die ganze Welt kann per Livestream zuschauen – der Hammer: ein Teilerfolg fĂŒr Djokovic! Ein Gericht in Melbourne entscheidet zu seinen Gunsten und ordnet Djokovics Freilassung aus der Unterbringungseinrichtung fĂŒr Ausreisepflichtige an.

Allerdings: Es geht nur um einen Verfahrensfehler. Richter Anthony Kelly stimmte der Verteidigung zu, dass die australischen Behörden dem 34-JĂ€hrigen am Flughafen nicht genug Zeit zur Beantwortung der Fragen einrĂ€umt und ihm auch die Kontaktaufnahme mit seinen AnwĂ€lten verwehrt hatten. Um die RechtmĂ€ĂŸigkeit seines Visums und die angezweifelte Ausnahmegenehmigung aber geht es bei der Entscheidung nicht.

Wir gegen alle: Serbische Djokovic-Fans in Melbourne feiern das Urteil "fĂŒr" Djokovic.
Wir gegen alle: Serbische Djokovic-Fans in Melbourne feiern das Urteil "fĂŒr" Djokovic. (Quelle: AAP/imago-images-bilder)

In einer denkwĂŒrdigen wie skurrillen Pressekonferenz meldet sich erneut Djokovics Familie in Belgrad zu Wort. Mutter Dijana bezeichnet den Erfolg ihres Sohnes vor Gericht als "grĂ¶ĂŸten Erfolg seiner Karriere". Als eine Reporterin nachhakt, warum Djokovic sich nach seiner angeblichen Corona-Infektion am 16. Dezember scheinbar kerngesund bei mehreren PR-Terminen zeigte und dabei ohne Maske Selfies mit seinen Fans machte, bricht Dijana die Pressekonferenz kurzerhand ab.

Und Djokovic selbst? Der meldet sich erneut auf Instagram – direkt vom Trainingsplatz in der Rod-Laver-Arena: "Ich bin froh und dankbar, dass der Richter die Annullierung meines Visums aufgehoben hat. Trotz allem, was in der vergangenen Woche passiert ist, möchte ich bleiben und versuchen, bei den Australian Open anzutreten. Darauf konzentriere ich mich weiterhin."

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RealitÀtsverlust: die Familie von Novak Djokovic bei der Pressekonferenz in Belgrad.
RealitÀtsverlust: die Familie von Novak Djokovic bei der Pressekonferenz in Belgrad. (Quelle: Darko Vojinovic/dpa-bilder)

Immigrationsminister Alex Hawke kĂŒndigt an zu prĂŒfen, ob er Djokovic mit seiner persönlichen Entscheidungsgewalt erneut die Aufenthaltsberechtigung entziehen wird.

â–ș11. Januar 2022: Djokovic trainiert erneut auf der Anlage in Melbourne, will den Anschein erwecken, nun gehe alles den – seiner verqueren Auffassung nach – richtigen Gang. Doch die Zweifel rund um den Einreiseantrag Djokovics und seine angebliche Corona-Infektion erhĂ€rten sich: Australische Behörden prĂŒfen nun, ob die Angaben des neunmaligen Turniersiegers auf den Einreiseformularen denn ĂŒberhaupt korrekt waren.

Denn Djokovic hatte die Frage, ob er in den 14 Tagen vor dem Flug nach Australien bereits anderweitig gereist war, mit einem Nein beantwortet – ganz offensichtlich eine Falschinformation. Jetzt richtet sich die Aufmerksamkeit auf seinen Aufenthalt in Spanien zu Jahresbeginn (siehe 31. Dezember).

Schwerer noch: Der "Spiegel" und die IT-Experten von "Zerforschung" zeigen Ungereimtheiten beim positiven PCR-Test auf – nun ist auch die GlaubwĂŒrdigkeit von Djokovics angeblicher Corona-Infektion beschĂ€digt.

NormalitÀt? Djokovic (li.) auf dem Trainingsplatz in Melbourne.
NormalitÀt? Djokovic (li.) auf dem Trainingsplatz in Melbourne. (Quelle: Paul Zimmer/imago-images-bilder)

â–ș12. Januar 2022: Erneut meldet sich Djokovic zu Wort – und gibt zum ersten Mal eigene Fehler zu: "Wir leben in schwierigen Zeiten einer globalen Pandemie und manchmal können solche Fehler passieren." Allerdings: Mit seinen EingestĂ€ndnissen sorgt er nur fĂŒr weiteres KopfschĂŒtteln: Den positiven Corona-Befund habe er erst am 17. Dezember erhalten, also einen Tag nach seinem Test, erklĂ€rt er. Mit keinem Wort aber Ă€ußert er sich dazu, warum er dann am selben Tag an einer Veranstaltung teilnahm, ohne das Ergebnis seines PCR-Tests zu kennen – das er nach eigenen Angaben erst danach erhielt. Warum riskierte er, möglicherweise Dutzende Menschen anzustecken?

Und: Der Klick auf "Nein" im Formular auf die Frage nach seinen ReiseaktivitĂ€ten sei ja gar nicht er gewesen – sein Management sei fĂŒr diesen Fehler verantwortlich. Djokovic, der 20-malige Grand-Slam-Sieger, der seit Jahrzehnten qua Beruf um die Welt jettet, inszeniert sich als in der Reiseorganisation und im Umgang mit Behörden unbedarft und naiv.

â–ș13. Januar 2022: Es ist ein ruhigerer Tag in der Causa Novak Djokovic, denn entgegen aller Vermutungen fĂ€llt an diesem Donnerstag keine Entscheidung. Djokovic absolviert sein Training auf der Margaret Court Arena, bricht dieses aber am Nachmittag (Ortszeit Melbourne) nach einer halben Stunde ab.

Ebenfalls am Donnerstag findet die Auslosung der ersten Runde des am kommenden Montag startenden Turniers statt – mit Djokovic. Sollte der Serbe starten dĂŒrfen, trifft er auf seinen Landsmann Miomir Kecmanovic.

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â–ș14. Januar 2022: Die australischen Behörden entziehen Djokovic erneut das Visum, dies gibt Einwanderungsminister Hawke bekannt. Sollte der serbische Tennisstar keinen erfolgreichen Einspruch einlegen, muss er das Land verlassen und kann seinen Titel bei den am Montag beginnenden Australian Open nicht verteidigen. Zudem droht Djokovic auch ein dreijĂ€hriges Einreiseverbot nach Australien. Premierminister Scott Morrison verteidigt die Entscheidung. "Die Australier haben wĂ€hrend dieser Pandemie viele Opfer gebracht und sie erwarten zu Recht, dass das Ergebnis dieser Opfer geschĂŒtzt wird", sagt er.

â–ș16. Januar 2022: Die Einreise-Posse hat endgĂŒltig ein Ende. Das australische Bundesgericht entscheidet kurz vor 18 Uhr: Novak Djokovic muss Australien verlassen.

Der Einspruch des Serben gegen die verweigerte Einreise und die Annullierung seines Visums wird abgewiesen. Damit steht auch endgĂŒltig fest: Die Australian Open 2022 werden ohne den Serben stattfinden. Gegen das Urteil können beide Seiten vor dem Bundesgericht keine Rechtsmittel einlegen. Mehr zum Urteil lesen Sie hier.

Djokovic selbst Ă€ußerte sich "extrem enttĂ€uscht" ĂŒber die Entscheidung. Er werde aber "mit den zustĂ€ndigen Behörden bezĂŒglich meiner Ausreise kooperieren". Mehr zur Reaktion von Novak Djokovic lesen Sie hier.

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