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"Habe keine Lust mehr, mir Beleidigungen durchzulesen"

  • T-Online
Von Alexander Kohne

Aktualisiert am 09.02.2021Lesedauer: 7 Min.
Arnd Peiffer (l.) und Erik Lesser: Die beiden Routiniers haben in dieser Saison die einzigen Podestplatzierungen fĂŒr die deutschen Biathlon-Herren geholt. Peiffer stand in Hochfilzen sogar ganz oben auf dem Podium.
Arnd Peiffer (l.) und Erik Lesser: Die beiden Routiniers haben in dieser Saison die einzigen Podestplatzierungen fĂŒr die deutschen Biathlon-Herren geholt. Peiffer stand in Hochfilzen sogar ganz oben auf dem Podium. (Quelle: CEPix imago/Sammy Minkoff imago images/Gerhard König/imago-images-bilder)
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Arnd Peiffer und Erik Lesser sind die Routiniers im DSV-Team und bei der am Mittwoch startenden WM die HoffnungstrĂ€ger. Sie beziehen auch abseits der Loipe klar Stellung – sehen besonders in sozialen Medien schwierige Entwicklungen.

Zusammen sechs Olympia-Medaillen, sieben WM-Titel und 23 Weltcupsiege: Arnd Peiffer und Erik Lesser bilden die möglicherweise erfolgreichste Kurzzeit-WG im Biathlon-Zirkus. Seit Jahren teilen sich der 33-JĂ€hrige aus dem Harz und der 32-jĂ€hrige ThĂŒringer wĂ€hrend der Saison ein Zimmer – und haben danach sogar ihren Podcast benannt: "Das Biathlon-Doppelzimmer". Vor der am Mittwoch startenden WM im slowenischen Pokljuka gab es dort besonderen Redebedarf.

t-online: Herr Lesser, Herr Peiffer, Sie sind seit Jahren Zimmergenossen. Wer schnarcht eigentlich lauter?

Arnd Peiffer: Das Gute und ein Grund dafĂŒr, warum es zwischen uns so gut funktioniert, ist, dass keiner von uns schnarcht.

Erik Lesser: Stimmt.

Peiffer: Aber Erik schmatzt manchmal im Schlaf (lacht).

Lesser: Wie bitte?

Peiffer: Aber nur ganz kurz (beide lachen).

Wie im normalen Alltag gibt es im Biathlon-Weltcup einige Corona-EinschrÀnkungen. Wie wirken sich diese aus und verbringen Sie jetzt noch mehr Zeit zusammen auf dem Zimmer?

Peiffer: Eher im Gegenteil, weil wir jetzt hĂ€ufig in Einzelzimmern untergebracht sind. Ansonsten ist die grĂ¶ĂŸte VerĂ€nderung natĂŒrlich, dass keine Zuschauer bei den Rennen dabei sind. Dazu kommen die Hygieneregeln und stĂ€ndige Corona-Tests. Unter dem Strich hat sich fĂŒr uns aber nicht wahnsinnig viel verĂ€ndert, denn unser Alltag besteht aus Training, Essen, Schlafen und wieder Training – und das bleibt auch in Corona-Zeiten so.

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Diesen Alltag beschreiben Sie in Ihrem Podcast. Dabei nehmen Sie kein Blatt vor den Mund und haben zuletzt die Shitstorms um Marcel Reif und Bodo Ramelow kritisiert. Was stört Sie daran genau?

Lesser: Gerade in sozialen Medien herrscht zunehmend ein Schwarz-Weiß-Denken. Leute, die etwas extrem gut oder extrem schlecht finden, sind ĂŒberproportional laut. Die Mitte ist meistens eher leise. Deshalb bekommt man oft nur die Extreme mit. Viele Leute Ă€ußern sich am liebsten gar nicht mehr richtig oder vertreten nicht ihre Meinung, weil man sowieso immer irgendjemandem auf den Schlips tritt. Das wird dann in den Netzwerken hochgekocht und es kommen – wie in den FĂ€llen Reif und Ramelow – irgendwelche Moralapostel, die zu Hause sitzen und nichts anderes zu tun haben, als irgendwas vom Stapel zu lassen.

Bodo Ramelow: Der thĂŒringische MinisterprĂ€sident geriet in die Kritik, weil er erklĂ€rte, sich bei den oft stundenlangen Corona-Beratungen mit dem Smartphone-Spiel "Candy Crush" zu entspannen.
Bodo Ramelow: Der thĂŒringische MinisterprĂ€sident geriet in die Kritik, weil er erklĂ€rte, sich bei den oft stundenlangen Corona-Beratungen mit dem Smartphone-Spiel "Candy Crush" zu entspannen. (Quelle: Karina Hessland/imago-images-bilder)

Hat das im Zuge der Corona-Pandemie zugenommen?

Lesser: Das ist schwer zu sagen und letztendlich wohl erst wirklich zu bewerten, wenn man den Vergleich zur Zeit nach Corona hat. Aber die sozialen Medien sind natĂŒrlich ein Katalysator 


Peiffer: 
 Moment (kurze Pause). Ich habe ein wunderbares Zitat von Marc-Uwe Kling dazu, der sagt: "Das Internet und die sozialen Medien sind nicht der Samen des Übels, aber das GewĂ€chshaus."

Lesser: Das ist gut. Viele Leute Ă€ußern sich in den Netzwerken, weil das einfach und schnell geht – natĂŒrlich auch in Form der AnonymitĂ€t. Dabei wĂŒrden sie uns die Sachen, die sie bei Facebook schreiben, sicher niemals ins Gesicht sagen. Das wĂŒrden sie sich einerseits wohl nicht trauen und andererseits dann sicher selbst als respektlos ansehen – aber in sozialen Medien ist das alles kein Problem.

Haben Sie selbst damit negative Erfahrungen gemacht?

Peiffer: Das hĂ€lt sich in Grenzen. Nach meinem Eindruck hĂ€ngt es auch ein bisschen von der Plattform ab: Facebook ist sehr viel negativer als Instagram, wĂŒrde ich vom GefĂŒhl her sagen – auch wenn ich nicht auf Instagram bin.

Lesser: Ja, das sehe ich auch so.

Peiffer: In der Regel bekommt man hundert nette Kommentare und einen richtig blöden. Deswegen darf man das nicht ĂŒberbewerten. Wir stehen als Biathleten nur hin und wieder in der Öffentlichkeit, aber dann bekommt man schon etwas davon mit, wie es wohl richtigen Prominenten gehen muss. Zumal man ja teilweise zur ProjektionsflĂ€che wird: Einige Leute machen einen zum Helden, andere zum Deppen der Nation. Damit umzugehen, ist nicht ganz einfach. Mir kann man deshalb beispielsweise keine E-Mails oder persönliche Nachrichten mehr schicken, weil ich einfach keine Lust darauf habe, mir Beleidigungen durchzulesen. Das muss ich mir nicht geben.

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Sie lesen sich entsprechende Kommentare offenbar noch durch, Herr Lesser. Nach der Staffel in Oberhof haben Sie ihren Kollegen Philipp Horn deshalb live im TV verteidigt und die "Bundestrainer auf der Couch" kritisiert. Sind Sie dĂŒnnhĂ€utiger geworden oder beeinflusst Sie das gar im Wettkampf?

Nein, ĂŒberhaupt nicht. Aber am Abend schaue ich schon mal auf der Facebook-Seite "DSV Biathlon" rein – das ist quasi meine abendliche Portion Humor, weil da – neben vielen sehr konstruktiven Sachen – auch Quatsch kommentiert wird. Dabei ist mir diese Schwarz-Weiß-Sichtweise zuletzt immer mehr aufgefallen. Die Kommentare unter dem Bericht zu unserem Staffelrennen in Oberhof waren dann nur der letzte Tropfen und das wollte ich einfach loswerden. Das Statement bezog sich gar nicht nur auf diese Staffel oder auf Philipps Leistungen, sondern eher auf das Gesamtbild. Seit etwa vier Jahren wird immer wieder gestĂ€nkert: "Wann kommt endlich der bessere Schießtrainer? Warum kriegen die das einfach nicht hin? Da muss man doch die Trainer austauschen!" Und offenbar meinen einige Leute wirklich, dass es mit einem Trainertausch gegessen ist – oder dass wir nach einem 50. Platz fröhlich ins Hotel fahren und Ringelpiez machen. Dabei sind wir nach so einer Leistung unsere Ă€rgsten Kritiker und die Allerersten, die sagen: "Das war heute gar nichts. Da lĂ€uft etwas schlecht."

Peiffer: Gerade in sozialen Medien werden oft einfache Wahrheiten verbreitet. Aber vieles ist eben komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheint. Es ist natĂŒrlich einfach, zu fordern: "Wenn die nicht treffen, sollen sie halt einfach mehr Schießen trainieren!" Oder: "Lass sie einfach mehr Trainingskilometer abspulen, dann können die beim Laufen auch mit den Norwegern mithalten!" Aber das Ganze ist komplexer. Viele Leute wissen gar nicht, was wir außerhalb der Rennen ĂŒberhaupt machen. Die meisten sind ĂŒberrascht, wie viel wir trainieren und was wir alles tun, um da mitzulaufen 


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Lesser: 
 und dann trotzdem keine Chance gegen die Norweger zu haben (lacht).

Peiffer: Naja, punktuell ja schon, aber im Schnitt sind die Norweger aktuell schon besser. Das nervt uns auch und das wollen wir Ă€ndern. Aber um noch mal zum Ausgangspunkt zu kommen: Wir haben ĂŒberhaupt kein Problem mit Kritik, aber wenn es ins Beleidigende geht, so Ă  la "Der soll doch aufhören" und "Die können doch eh alle nichts", ist das fĂŒr mich eben keine Kritik mehr, sondern einfach ausfĂ€llig werden. Pöbelei.

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Das beherrschende Thema ist in Deutschland aktuell die Corona-Impfung. Wissen Sie als Profisportler schon, wann Sie geimpft werden?

Lesser: Nein.

Peiffer: Da haben wir auch keine Privilegien.

Lesser: Vom Deutschen Olympischen Sportbund wird gerade eruiert, ob fĂŒr Tokio 2021 Impfungen fĂŒr Sportler infrage kommen. Richtung Peking 2022 gibt es noch keine Überlegungen. Aber das ist noch ein StĂŒck hin und laut der Kanzlerin sollte bis dahin ja sowieso jeder in Deutschland ein Impfangebot erhalten haben.

Erik Lesser (r.) ĂŒbergibt an Arnd Peiffer: Mit der deutschen Herren-Staffel holten die beiden bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang Bronze.
Erik Lesser (r.) ĂŒbergibt an Arnd Peiffer: Mit der deutschen Herren-Staffel holten die beiden bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang Bronze. (Quelle: GEPA pictures/Andreas Pranter)

Und wie sehen Sie das persönlich – sollte es bereits in diesem Sommer Impfbevorzugungen fĂŒr Olympia-Athleten geben?

Peiffer: Das ist eine Frage fĂŒr den Ethikrat 



 der ja bisher den Standpunkt vertritt, dass es so etwas nicht geben soll. Aber wie sehen Sie das persönlich?

Peiffer: Ich halte das fĂŒr schwierig. Denn es ist einfach niemandem zu vermitteln, wenn ĂŒber 80-JĂ€hrige oder PflegekrĂ€fte spĂ€ter drankommen, damit die deutsche Olympiadelegation mit 600 Personen geimpft nach Tokio fliegen kann.

Lesser: Dabei wĂ€re es aus meiner Sicht durchaus machbar, Olympische Spiele auch ohne Impfungen durchzufĂŒhren – natĂŒrlich mit vielen PCR-Tests, Maskenpflicht und strengen Hygieneregeln. Die Hygienekonzepte aus dem Wintersport könnten dafĂŒr als Vorbild dienen. Denn unsere Blase funktioniert gut. GrĂ¶ĂŸte Schwierigkeit ist die Anreise, weil immer die Frage ist, mit wem die Athleten zu Hause Kontakt hatten. Aber dafĂŒr gibt es vorweg ja – wie aktuell bei unserer WM in Pokljuka – mehrere Corona-Tests: einen vor der Anreise, einen ganz kurz danach und dann alle vier Tage einen weiteren.


Sie sprechen die WM an: Wie lauten Ihre persönlichen WM-Ziele?

Lesser: Mein Ziel ist, in den Einzelrennen am Ende zu wissen, dass ich mein Optimum rausgeholt habe und mir nichts vorwerfen kann – unabhĂ€ngig davon, fĂŒr welche PlĂ€tze es gereicht hat. Im Gesamtweltcup will ich in die Top 10. Und um dem gerecht zu werden, mĂŒssen bei der WM schon Ergebnisse unter den Top 10 oder Top 6 rauskommen.

Peiffer: In den Einzelrennen gehören wir zu einer Gruppe von etwa 20 Leuten, die alle aufs Podium laufen können. Aber das ist nicht an jedem Tag möglich, weil die Form oder das Material nicht immer passen. Es gibt Tage, da macht man fĂŒr sich ein optimales Rennen und wird Zwölfter. Und es gibt Tage, da schafft man es selbst mit mehreren Fehlern aufs Podium. Deshalb mache ich das nicht so sehr an Platzierungen fest. NatĂŒrlich möchte ich mit einer WM-Medaille nach Hause fahren – und dafĂŒr sind die Chancen in der Staffel am grĂ¶ĂŸten. Das wird alles andere als ein SelbstlĂ€ufer, aber eine Medaille ist natĂŒrlich unser Ziel.

Johannes Thingnes Bö: Der Norweger gewann in dieser Saison vier Weltcup-Einzelrennen und liegt in der Gesamtwertung vor seinen LandsmÀnnern Sturla Holm Laegreid, Tarjei Bö und Johannes Dale auf Platz eins.
Johannes Thingnes Bö: Der Norweger gewann in dieser Saison vier Weltcup-Einzelrennen und liegt in der Gesamtwertung vor seinen LandsmÀnnern Sturla Holm Laegreid, Tarjei Bö und Johannes Dale auf Platz eins. (Quelle: GEPA pictures/Jasmin Walter/imago-images-bilder)

Als große Favoriten gelten die Norweger, die im Gesamtweltcup die ersten vier PlĂ€tze belegen und den amtierenden Gesamtweltcupsieger Johannes Thingnes Bö in ihren Reihen haben. Sind die ĂŒberhaupt schlagbar?

Lesser: Naja, sie haben trotzdem bisher nur eine Staffel gewonnen. Von daher sind die natĂŒrlich schlagbar.

Peiffer: Und sie sind in dieser Saison schon von Teams geschlagen worden, die im Schnitt schlechter sind als wir.

Welche Teams sehen Sie bei der WM ganz vorne?

Lesser: NatĂŒrlich ist Norwegen der Topfavorit. Und dann kommen geballt Frankreich, wir natĂŒrlich, Russland, 


Peiffer: 
 Schweden 


Lesser: 
 und als Geheimfavorit könnte man die Italiener handeln.

Und wer wird am Ende der große Star der WM?

Lesser: Johannes Thinges Bö.

Peiffer: Vermutlich, ja.

Lesser: Weil er machen kann, was er möchte: Der landet immer auf dem Podest.

Peiffer: Mein Geheimfavorit ist allerdings Quentin Fillon Maillet. Der wird auch einige Medaillen einsammeln – nur insgesamt vielleicht nicht ganz so viele wie Bö, weil der einfach in allen Wettbewerben starten wird.

Und wie viele Medaillen trauen Sie Bö zu?

Peiffer: Puh, das ist ganz schwer.

Lesser: Vier.

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Peiffer: Na gut, dann sage ich fĂŒnf.

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