Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Neue Ratzinger-Biografie mit brisanten Aussagen

Von dpa
Aktualisiert am 04.05.2020Lesedauer: 4 Min.
Joseph Ratzinger, der emeritierte Papst Benedikt XVI.
Joseph Ratzinger, der emeritierte Papst Benedikt XVI., in den Vatikanischen G├Ąrten. (Quelle: Lena Klimkeit/dpa./dpa)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo

M├╝nchen (dpa) - Der Journalist Peter Seewald hat sein Opus Magnum vorgelegt: Eine mehr als 1000 Seiten starke Biografie ├╝ber den emeritierten Papst Benedikt XVI., den fr├╝heren Kardinal Joseph Ratzinger. Die Biografie wird wom├Âglich Schlagzeilen machen - und zwar nicht nur, weil sie aufwendig und detailreich recherchiert und streckenweise durchaus spannend erz├Ąhlt ist.

Und auch nicht, weil Ratzinger Seewald darin von der Liebe zu einer Frau berichtet ("Waren Sie verliebt in ein M├Ądchen?" - "Vielleicht." - "Also ja?" - "K├Ânnte man so interpretieren." - "Wie lange hat diese leidvolle Zeit gedauert? Einige Wochen? Ein paar Monate?" - "L├Ąnger.").

Und noch nicht einmal, weil auch der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche thematisiert wird, in dessen Rahmen Ratzinger sich nach Ansicht Seewalds als Chef der Glaubenskongregation und vor allem nach seiner Wahl zum Papst im Jahr 2005 als gro├čer Aufkl├Ąrer hervortat und nicht - wie das Kritiker meinen - eher als Vertuscher.

Was Schlagzeilen machen d├╝rfte, ist das letzte Kapitel des Buches, in dem Seewald Ratzinger Fragen stellt. Darin sagt Ratzinger, die moderne Gesellschaft sei dabei, "ein antichristliches Credo zu formulieren". Wer sich dem widersetze, dem drohe gesellschaftlicher Ausschluss.

Er nennt drei Beispiele: "Vor hundert Jahren h├Ątte es noch jedermann f├╝r absurd gehalten, von homosexueller Ehe zu sprechen. Heute ist gesellschaftlich exkommuniziert, wer sich dem entgegenstellt. ├ähnliches gilt bei Abtreibung und f├╝r die Herstellung von Menschen im Labor." Es sei "nur allzu nat├╝rlich", darum "Furcht vor der geistigen Macht des Antichrist" zu haben.

ANZEIGEN
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Meistgelesen
Putins Plan geht auf
Olaf Scholz besichtigt das ehemalige Gef├Ąngnis "Number Four", in dem w├Ąhrend der Apartheid in S├╝dafrika auch zahlreiche politische Gefangene einsitzen mussten: W├Ąhrend der Afrika-Reise des Kanzlers wird in Deutschland hitzig ├╝ber Waffenlieferungen f├╝r die Ukraine gestritten.


Die (offizielle) Einstellung der katholischen Kirche zur Homosexualit├Ąt ist zwar hinreichend bekannt, dennoch d├╝rfte die Deutlichkeit der Formulierung und die Verbindung von Homosexualit├Ąt und dem Antichristen f├╝r Aufmerksamkeit sorgen.

Noch eine zweite Aussage des Emeritus ist bemerkenswert: Man wolle "einfach meine Stimme ausschalten". Benedikt sieht sich als Opfer einer "b├Âsartigen Verzerrung der Wirklichkeit", spricht von "Stimmungsmache". "Der Spektakel an Reaktionen, der hernach von der deutschen Theologie kam, ist so t├Âricht und so b├Âsartig, dass man lieber nicht davon spricht. Die eigentlichen Gr├╝nde daf├╝r, dass man einfach meine Stimme ausschalten will, m├Âchte ich nicht analysieren", sagt er ├╝ber Reaktionen auf seinen Beitrag in einer theologischen Zeitschrift im Jahr 2018.

Kritiker werfen Benedikt vor, sich seit seinem R├╝cktritt im Jahr 2013 wie eine Art "Schattenpapst" zu verhalten, als konservativer Gegenpapst. Besonders laut wurde diese Kritik, als im vergangenen Jahr ein Beitrag von ihm in einem Buch von Kardinal Robert Sarah ├╝ber den Z├Âlibat erschien. "Die Behauptung, dass ich mich regelm├Ą├čig in ├Âffentliche Debatten einmische, ist eine b├Âsartige Verzerrung der Wirklichkeit", betont der 93-J├Ąhrige. Benedikt hat nach eigenen Angaben eine sehr gute Beziehung zu seinem Nachfolger Franziskus. "Wie Sie wissen, ist die pers├Ânliche Freundschaft mit Papst Franziskus nicht nur geblieben, sondern gewachsen."

Und auch Autor Seewald h├Ąlt die Beurteilung Ratzingers als "Schattenpapst" f├╝r v├Âllig falsch. Sie gehe - wie schon der Begriff des "Panzerkardinals" - in erster Linie auf seinen Rivalen, den T├╝binger Theologen Hans K├╝ng zur├╝ck, der nichts ausgelassen habe, um Ratzinger ├Âffentlich zu diskreditieren. "Kein anderer Theologe hatte sich der b├╝rgerlich-liberalen bis kirchenfeindlichen Presse st├Ąrker angedient als der Schweizer", schreibt Seewald. "Es war ein Geben und Nehmen: K├╝ng lieferte die Statements ÔÇô und kassierte ein Wohlwollen, das schon an Heiligenverehrung grenzte."

Dass Ratzinger sich von einem fortschrittlichen zu einem reaktion├Ąren Theologen gewandelt habe, stimme nicht. Das "Trauma" von T├╝bingen, wonach Ratzinger - geschockt von den 68er Revolten - seine Progressivit├Ąt aufgegeben habe, sei eine Legende. So lautet eine der Kernthesen des Buches.

Seewald zeichnet Ratzinger, der unter anderem in T├╝bingen und Regensburg Theologie lehrte und von 1977 bis 1982 Erzbischof von M├╝nchen und Freising war, bevor er in den Vatikan ging, als einen geradlinigen Mann, dessen theologische Ansichten Jahrzehnte ├╝berdauerten - und als das komplette Gegenteil des "Panzerkardinals". Er betont menschliche Z├╝ge und Selbstzweifel des jahrzehntelangen Glaubenspr├Ąfekten, der als "H├Âhepunkt meines Lebens" nicht etwa die Wahl zum Papst im Jahr 2005 nennt, sondern seine Priesterweihe im Freisinger Dom am 29. Juni 1951.

Es sind kleine Szenen, die der Autor dazu nutzt, den immer etwas unnahbar wirkenden Theologen menschlich und nahbar erscheinen zu lassen. Seewald schreibt zum Beispiel, dass Ratzinger selbst ├╝berrascht war, dass er sich w├Ąhrend einer Tauf├╝bung mit einer Puppe "nicht einmal so ungeschickt wie sonst immer" anstellte. In seiner Zeit als Kaplan in M├╝nchen-Bogenhausen sei er als Nikolaus eingesprungen und als Dozent im Freisinger Priesterseminar kurz Chef der Hausfeuerwehr gewesen, der eine ├ťberschwemmung bei einer L├Âsch├╝bung trocken mit "Sintflut" kommentierte. Ratzinger habe darunter gelitten, seine Arbeit als Dogmatik-Professor und sein Haus in Regensburg erst f├╝r M├╝nchen und dann f├╝r Rom aufgeben zu m├╝ssen, habe nie Papst werden wollen.

Seewalds Biografie enth├Ąlt viele neue Details zum Leben des "deutschen Papstes". Fraglich ist allerdings, ob sie sein Bild in der ├ľffentlichkeit und in der Geschichtsschreibung nachhaltig ver├Ąndern wird. Daf├╝r steht der Autor seinem Protagonisten vielleicht doch zu nahe.

"Er war nie so progressiv, wie ihm das nachgesagt wurde, aber auch nie so konservativ", sagt Seewald im Interview der Deutschen Presse-Agentur in M├╝nchen. M├Âglich aber, dass die Debatte darum mit diesem Buch jetzt wieder neu aufflackert. Seewald sagt auch: "Vielleicht wird man die Bedeutung seines Werkes erst nach seinem Tod ganz zu sch├Ątzen lernen. Jemanden wie ihn wird es jedenfalls nicht mehr geben."

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Neueste Artikel
Von Charlotte Koep
  • Rahel Zahlmann
  • Arno W├Âlk
Von Rahel Zahlmann, Arno W├Âlk
Benedikt XVI.Katholische KirchePapst FranziskusT├╝bingenVatikan
Musik




t-online - Nachrichten f├╝r Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Str├Âer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverl├Ąngerung FestnetzVertragsverl├Ąngerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website