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Der letzte Dandy geht

Von dpa, lc

Aktualisiert am 20.02.2019Lesedauer: 5 Min.
Gro├čer Auftritt: Karl Lagerfeld mit Schauspielerin Lily-Rose Depp.
Gro├čer Auftritt: Karl Lagerfeld mit Schauspielerin Lily-Rose Depp. (Quelle: /getty-images-bilder)
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Karl Lagerfeld hat mehr als 50 Jahre lang die Welt der Mode beherrscht. Der Nachwelt hinterl├Ąsst er Traumkreationen, legend├Ąre Zitate und das Bild einer Stilikone, die ihresgleichen sucht.

Er war der Marathonl├Ąufer der Modewelt, ihr Tausendsassa und ihr wohl popul├Ąrstes Gesicht. Karl Otto Lagerfeld, Urgestein des Pariser Chic, ist tot. Mehr als 50 Jahre lang entwarf Deutschlands wichtigster Mode-Export Kleider f├╝r die gr├Â├čten Modeh├Ąuser, darunter auch den Italiener Fendi. Seit 1983 leitete er die kreativen Geschicke von Chanel. Daneben verfolgte der Wahlfranzose stets weitere Projekte, zeichnete Karikaturen, fotografierte, designte Inneneinrichtungen und gab sogar eine Zeitung "Karl Daily" heraus. Lagerfeld war nicht nur ein Stardesigner, er war der letzte Pariser Modezar.


Karl Lagerfeld: Sein Leben in Bildern

Der Modezar und seine Muse: Karl Lagerfeld und Claudia Schiffer in den fr├╝hen 90ern.
Ein Interview mit Karl Lagerfeld: Hape Kerkeling durfte die Fragen stellen.
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Lagerfelds Geburtsjahr war unklar

Wann Lagerfeld geboren wurde, war zeit seines Lebens unklar. Der Meister selbst, den die Zeitschrift "L'Express" als "letzten Dandy von Paris" bezeichnete, schwankte immer wieder zwischen 1935 und 1938. Der "Munzinger" z├Ąhlt auch 1933 auf. Irgendwann bestand er auf dem Jahr 1935 ÔÇô die anderen Zahlen seien Angaben seiner Mutter. Als sicher gilt der Geburtstag am 10. September.

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Die Ideen gingen ihm nie aus. Sein gr├Â├čter Coup jedoch war die Umgestaltung der eigenen Person zu einer Art Gesamtkunstwerk. Mit Sonnenbrille, wei├č gepudertem Zopf, dunkler Krawatte und dem typischen hohen "Vaterm├Ârderkragen" erkannte ihn gleichsam jedes Kind. Diese Montur bot zugleich eine undurchdringliche Fassade, hinter der er sich verstecken konnte. Er selbst spottete gerne ├╝ber die eigene Erscheinung. ├ťberhaupt liebte Lagerfeld Ironie.

Viele Bonmots und Spitzen

"Ich kenne Strass, aber keinen Stress." Viele Bonmots und Spitzen beweisen Lagerfelds Schlagfertigkeit. ├ťber Freizeitkleidung: "Wer eine Jogginghose tr├Ągt, hat die Kontrolle ├╝ber sein Leben verloren." ├ťber G├╝nter Grass (1927ÔÇô2015): "Er sollte sich mal Schlips und Kragen zulegen." Auch Heidi Klum bekam ihr Fett weg: "Die war nie in Paris, die kennen wir nicht." Selbst vor ihrem damaligen Mann, S├Ąnger Seal, machte Lagerfeld nicht halt. "Ich bin kein Dermatologe, aber seine Haut m├Âchte ich auch nicht haben. Da hat meine besser ├╝berlebt. Der hat so eine Kraterlandschaft."

Gro├čen Wirbel l├Âste 2017 Lagerfelds Kritik an Angela Merkel aus. Die deutsche Kanzlerin habe eine Million zus├Ątzliche Fl├╝chtlinge aufgenommen, "um sich ein charmantes Image zu geben". Merkel habe mit der Fl├╝chtlingspolitik einen gro├čen Fehler gemacht. "Man kann nicht, selbst wenn Jahrzehnte dazwischen liegen, Millionen Juden t├Âten, um danach Millionen ihrer schlimmsten Feinde kommen zu lassen."

Lagerfelds extravagante Auftritte

Auch wenn Lagerfeld immer wieder ├Âffentlich im Mittelpunkt stand und sich als "egoistisch" bezeichnete ÔÇô egozentrisch wirkte er trotz des extravaganten Auftretens nie. Wer ihm pers├Ânlich begegnete, erlebte einen aufgeschlossenen Menschen, der Tageszeitungen konsumierte wie andere Zigaretten und stets ausgezeichnet ├╝ber das aktuelle Geschehen unterrichtet war.

Zudem besa├č er etwa 300.000 B├╝cher und konnte trotz der Menge aus dem Kopf sagen, ob er einen bestimmten Titel schon besa├č oder nicht. "Stets dem Leben zugewandt" schien seine Devise zu sein.

Seine Abneigung, nostalgisch nach hinten zu schauen, verrieten auch im Alter den geb├╝rtigen Hanseaten, der zupackt und jede Art von Jammern verabscheut. Eine gute Umgebung von Leuten, die nicht ├╝ber Krankheit und ├╝ber das Altern sprechen, sei wichtig, wie er in einem Interview mit dem "Zeit Magazin" sagte. Er kenne niemanden aus seiner Generation und finde diese Leute entsetzlich.

Vater war ein wohlhabender Dosenmilchfabrikant

Der Wahlpariser stammte aus Hamburg. Sein Vater Otto Lagerfeld war ein wohlhabender Dosenmilchfabrikant, seine Mutter Elisabeth eine Landratstochter aus dem M├╝nsterland. Zeitweise lebte die Familie in Bad Bramstedt, wo der Vater in den 1930er-Jahren das Gut Bissenmoor erworben hatte. Lagerfelds k├╝nstlerische Begabung wurde von seiner Mutter gef├Ârdert, die ihm auch riet, als junger Mann nach Paris zu gehen.

Mitte der 50er-Jahre gewann Lagerfeld in Paris einen Preis im Wettbewerb des Internationalen Wollsekretariats (IWS) f├╝r ein Mantelmodell und bekam daraufhin eine Stelle bei Pierre Balmain. Bald war er f├╝r verschiedene Modeh├Ąuser t├Ątig. Der mit ihm befreundete Yves Saint Laurent wurde in den 70er-Jahren sein gr├Â├čter Konkurrent. Doch als der geniale Saint Laurent schon den Zenit seiner Karriere ├╝berschritten hatte, begann Lagerfelds rasanter Aufstieg erst. Die Umgestaltung der Traditionsmarke Chanel zu einem modernen Luxuslabel geriet dem Deutschen zu einem Meisterst├╝ck.

Lagerfeld fehlte bei Chanel-Show

Dem Erbe Coco Chanels blieb er treu, doch ├╝bersetzte er die kragenlosen Jacken neu, brachte den typischen Tweedstoff mal zerfranst, mal mit B├Ąndern durchwirkt heraus, entwarf Motorradjacken mit Rautenmuster ├á la Chanel, f├╝gte Bikerstiefel hinzu oder kombinierte Haute-Couture-Kleider zu Sneakers. Auch bei der Wahl der Orte f├╝r seine Schauen bewies er eine gl├╝ckliche Hand. So bildete im Herbst 2017 die Hamburger Elbphilharmonie die Kulisse. Topstars wie Kristen Stewart oder Tilda Swinton waren unter den Besuchern.

Zuletzt fehlte der Stardesigner auf der Chanel-Show in Paris. Statt wie ├╝blich am Ende der Schau aufzutreten und sich f├╝r seine Kreationen feiern zu lassen, hie├č es von Chanel im Januar, Lagerfeld habe sich m├╝de gef├╝hlt. Eine Premiere. Bereits bei der Show im Herbst gab es Spekulationen: Lagerfeld blieb damals au├čergew├Âhnlich lange auf dem Laufsteg, um den Applaus entgegenzunehmen. Ausnahmsweise war auch die Wertheimer-Familie gekommen, die Eigent├╝mer von Chanel, um dem Chefdesigner zu gratulieren. Einige werteten dies als Abschied.

In einem Interview mit dem Magazin "Num├ęro", das er im vergangenen April gab, ├Ąu├čerte sich der Stardesigner auch ├╝ber das ├älterwerden. Dazu sagte er: "Im Moment leide ich nicht so schlimm. Die ├ärzte haben mich voll durchgecheckt, ich hatte jeden Test, den es unter der Sonne gibt. Sie haben nichts gefunden ÔÇô wir k├Ânnen in zehn Jahren noch einmal dr├╝ber reden."

Eiserne Disziplin war Lagerfeld wichtig

Lagerfeld arbeitete immer mit eiserner Disziplin, sah seine T├Ątigkeit jedoch nicht als Pflicht, sondern als Spa├č an. Der Fabrikantensohn wollte selbst nie ein eigenes Unternehmen besitzen. Er f├╝rchtete, dadurch in seiner Freiheit zu sehr eingeschr├Ąnkt zu werden.

Diese Freiheit nutzte er f├╝r einen wohl kaum zu ├╝berbietenden sch├Âpferischen Output. Auch im Alter behielt er sein Gesp├╝r f├╝r die kommenden Trends, die angesagteste Musik oder die neueste Technik.

Mit seinen "seismografischen" F├Ąhigkeiten entdeckte er k├╝nftige Topmodels, machte Claudia Schiffer und sp├Ąter seine m├Ąnnliche Muse Baptiste Giabiconi zu Stars. Zuletzt verhalf er sogar einem Haustier zu Weltruhm. Lagerfelds Katze Choupette warb f├╝r Autos und Kosmetik und hatte ├╝ber 49.000 Follower auf Twitter.


Man kann sicher sein, dass nach Lagerfelds Tod Choupette gut versorgt sein wird. Auch langj├Ąhrige Mitarbeiter wollte Lagerfeld in seinem Nachlass bedacht haben. Niemand, der ├╝ber Jahre f├╝r ihn t├Ątig sei, solle je wieder mit einem anderen arbeiten m├╝ssen, sagte er in einem Interview. Dieses Versprechen sollte keine gro├če Herausforderung darstellen, wird Lagerfelds Nachlass vom "Verm├Âgen Magazin" doch auf 400 Millionen Euro gesch├Ątzt. Am Ende entpuppte sich der selbst ernannte Egoist als Menschenfreund. In der Mode hinterl├Ąsst er eine kaum zu f├╝llende L├╝cke. Ein Paris ohne Karl kann und mag man sich kaum vorstellen.

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