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Wie Telegram zur gefährlichen Propaganda-Plattform wurde

Von Laura Stresing

Aktualisiert am 05.08.2020Lesedauer: 5 Min.
Aluhut-Träger und Telegram-Logo: Der Messengerdienst hat sich zur Lieblingsplattform der Rechtsextremen und Verschwörungstheoretiker entwickelt.
Aluhut-Träger und Telegram-Logo: Der Messengerdienst hat sich zur Lieblingsplattform der Rechtsextremen und Verschwörungstheoretiker entwickelt. (Quelle: Sachelle Babbar/imago-images-bilder)
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Verschwörungstheoretiker erhalten in Zeiten des Coronavirus Zulauf.

Gesch√§tzt 20.000 Menschen haben Anfang August in Berlin gegen die Ma√ünahmen zu Bek√§mpfung der Coronavirus-Epidemie demonstriert. Das waren weniger, als von den Veranstaltern angek√ľndigt ‚Äď aber genug, um bundesweit Kopfsch√ľtteln, Unverst√§ndnis und Besorgnis auszul√∂sen. Wie konnte es so weit kommen, dass zehntausende Menschen die Gefahr, die von dem Virus ausgeht, kleinreden oder g√§nzlich leugnen?


Die Verschwörungstheorien der Stars

Xavier Naidoo: Der S√§nger verbreitet verschiedenste Corona-Verschw√∂rungstheorien vor allem in dem Messengerdienst Telegram. Besonders auff√§llig seine widerspr√ľchlichen Behauptungen. Mal soll die Regierung das Virus als Waffe gegen alte Menschen nutzen, mal zweifelt er die Existenz des Coronavirus insgesamt an. Knapp zwei Millionen Menschen folgen ihm aktuell auf Facebook, Instagram und Telegram.
Til Schweiger: Der Schauspieler outete sich inzwischen als "Team Xavier" und empfahl seinen Instagram-Followern den Arzt Bodo Schiffmann als Informationsquelle. Dieser protestiert mit der Partei "Widerstand2020" gegen die Corona-Ma√ünahmen. Schweiger selbst war zu Beginn der Pandemie noch strikt f√ľr die Einschr√§nkungen, doch mittlerweile scheint er sich vermehrt mit der Gegenseite zu besch√§ftigen. Zuletzt machte er sich mit einem Instagram-Posting √ľber das Robert Koch-Institut lustig.
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Eine gemeinsame Recherche von NDR und S√ľddeutscher Zeitung lenkt nun erneut den Blick auf den Messengerdienst Telegram. Die Chat-App gilt schon l√§nger als Sammelbecken f√ľr Rechtsextreme und Anh√§nger von Verschw√∂rungserz√§hlungen. Auch viele Teilnehmer der sogenannten "Hygiene-Demos" organisieren sich hier, und das schon seit Wochen. F√ľr viele Beobachter und Kenner der App war der Massenaufmarsch in Berlin insofern keine gro√üe √úberraschung mehr.

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Die Corona-Krise verst√§rkt einen Effekt, den Experten schon l√§nger beobachten. Anders als YouTube und Facebook straft Telegram die Verbreitung von Falschinformationen zu Covid-19 nicht ab, sondern scheint sie sogar zu beg√ľnstigen. "Die Reichweite von Telegram-Kan√§len, die Verschw√∂rungstheorien verbreiten, ist massiv gestiegen", sagt Josef Holnburger. "Sachen, die von YouTube gel√∂scht wurden, tauchen bei Telegram wieder auf."

Der Politikwissenschaftler hat untersucht, wie rechte Verschw√∂rungstheoretiker von der Corona-Krise profitieren, indem sie in √∂ffentlichen Telegram-Kan√§len Unwahrheiten √ľber Covid-19 verbreiten ‚Äď und damit Geld verdienen. Da werden "Premium-Kan√§le" gegen eine Abogeb√ľhr ins Leben gerufen, Merchandise-Artikel angeboten oder selbst verfasste B√ľcher beworben.

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Bed√ľrfnis nach einfachen Antworten

"Die zum Teil widerspr√ľchlichen Aussagen aus der Wissenschaft und die Unsicherheit in der Corona-Krise haben ein Bed√ľrfnis nach einfachen Antworten geweckt", erkl√§rt Holnburger. "Verschw√∂rungstheorien sind gut darin, einen Schuldigen zu pr√§sentieren. Das macht sie so effektiv und das ist auch ein Grund, warum sie gerade einen starken Zulauf bekommen."

Seit Beginn der Corona-Krise haben einige der prominentesten deutschen Rechts-Influencer mehrere tausend Abonnenten dazu gewonnen, zeigt Holnburgers Analyse. Die beliebtesten Beiträge werden allein auf Telegram weit mehr als 100.000 Mal angesehen. Oft finden sie anschließend ihren Weg zu weitaus populäreren Diensten wie WhatsApp.

Von Facebook und YouTube enttäuscht

Laut dem Social Media-Experten Martin Fehrensen spielen Messengerdienste eine zunehmend wichtige Rolle bei der Verbreitung von Falschinformationen. "Die Menschen ziehen sich aus der Pseudo-√Ėffentlichkeit √† la Facebook zur√ľck in vermeintlich privatere R√§ume", sagt der Gr√ľnder des Social Media Watchblog.

In geschlossenen Chatgruppen f√ľhlen sich die Nutzer nicht nur ungest√∂rter, sondern √ľbernehmen auch die volle Kontrolle √ľber Inhalte und Empf√§nger. Denn anders als bei Facebook, YouTube und Co. gibt es keine Filteralgorithmen und auch keine L√∂schteams, die problematische Inhalte aussortieren k√∂nnten. "Auf den gro√üen Plattformen haben die Algorithmen einen enormen Einfluss auf die angezeigten Inhalte", so Fehrensen. "Wenn ich etwas teile, kann ich mir nie sicher sein, dass es auch bei den Menschen ankommt, f√ľr die ich es teile."

Wer an die Verschwörung glaubt, findet auch "Belege"

Gerade in der Corona-Krise gehen Facebook, YouTube und Twitter so rigoros gegen irref√ľhrende Beitr√§ge vor, wie nie zuvor. Allerdings haben die Ma√ünahmen nicht immer die gew√ľnschte Wirkung, sagt Fehrensen. "Wenn Beitr√§ge als falsch markiert werden, f√ľhrt das oft dazu, dass sich die Menschen, die so was posten, best√§tigt f√ľhlen. Es passt zu ihrer Theorie, dass Facebook und YouTube die Wahrheit unterdr√ľcken wollen."

Telegram hingegen verspricht gr√∂√ütm√∂gliche Freiheit. Daf√ľr werden auch schon mal lokale Gesetze ignoriert. In mehreren L√§ndern ist die App verboten, einschlie√ülich dem Herkunftsland Russland. Die einen feiern die Erfinder der App, die Gebr√ľder Nikolai und Pavel Durov, deshalb als Vork√§mpfer f√ľr die Meinungsfreiheit. Die anderen halten sie f√ľr zumindest dubios. Die Firma selbst ist schwer zu fassen. Mehrmals hat sie ihren Sitz gewechselt und sich so der Justiz entzogen. Mehr zum Hintergrund der App hier.

Telegram verspricht große Reichweite und absolute Freiheit

Trotzdem oder deshalb vertrauen sch√§tzungsweise 400 Millionen Nutzer weltweit der Telegram-App. In Deutschland gilt sie sp√§testens seit 2019 als sicherer Hafen f√ľr Inhalte, die andere Netzwerke als zu problematisch einstufen, um sie stehen zu lassen. Vor allem Rechtsextreme fanden eine neue Heimat, nachdem sie auf Facebook und YouTube zunehmend mit L√∂schungen und Kontosperren zu k√§mpfen hatten. "Telegram hat sich gezielt als alternative Plattform f√ľr diese Menschen positioniert, die sich von Facebook und YouTube geg√§ngelt f√ľhlten", sagt Fehrensen.

Anders als bei WhatsApp, wo Gruppen auf maximal 256 Teilnehmer begrenzt sind, k√∂nnen Telegram-Influencer in den √∂ffentlichen Kan√§len ein nahezu unbegrenztes Publikum um sich scharen. Die Links dazu werden auf allen anderen Plattformen geteilt und die Leute zum Umzug aufgefordert ‚Äď oft mit dem Hinweis, dass man die "interessanten" Beitr√§ge nur bei Telegram ver√∂ffentlichen k√∂nne, wo sie vor der "Zensur" sicher seien.

Stafrechtlich relevante Beiträge werden selten gelöscht

Zwar gibt es auch bei Telegram eine Meldefunktion f√ľr unangebrachte Beitr√§ge. Doch ob und wie die Plattform dazu verpflichtet werden kann, strafrechtlich relevante Beitr√§ge wie Volksverhetzung und Morddrohungen zu l√∂schen, ist unklar. F√ľr die gro√üen sozialen Netzwerke gilt das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG). Telegram hingegen kann sich als Messengerdienst mit einer vergleichsweise geringen Nutzerschaft in Deutschland den gleichen Anforderungen entziehen.

Kritiker des NetzDG hatten schon 2018 davor gewarnt, dass so etwas passieren w√ľrde: Hass und Hetze h√∂ren nicht auf, wenn man Facebook-Beitr√§ge und YouTube-Videos l√∂scht. Im schlimmsten Fall findet die Radikalisierung stattdessen fortan im Verborgenen statt ‚Äď zum Beispiel in geschlossenen Messenger-Gruppen, die sich jeder gesellschaftlichen Kontrolle entziehen.

Grundrecht auf private Kommunikation

"Es wird zunehmend schwierig zu sehen, wie viele Leute, wie in diesen Gruppen kommunizieren", sagt Social-Media-Experte Fehrensen. "Aber wir als Gesellschaft m√ľssen das aushalten und solche R√§ume f√ľr den ungest√∂rten, freien Austausch unbedingt erm√∂glichen." Das Grundrecht auf private Kommunikation gilt schlie√ülich f√ľr alle. Im digitalen Raum spielen dabei verschl√ľsselte Dienste wie Telegram eine zentrale Rolle.

Um ein "Auseinanderdriften der Gesellschaft" zu verhindern, sind andere Strategien als Verbote gefragt. Anderswo klappt das schon ganz gut: Wer Fragw√ľrdiges auf Facebook postet, muss mit Widerspruch rechnen. Auf Telegram ist das noch die Ausnahme, beobachten Fehrensen und Holnburger. Zum Teil liegt das an den eingeschr√§nkten Funktionen, aber auch am Verhalten der Nutzer und Kanalbetreiber, die ein Hausrecht aus√ľben und Andersdenkende ausschlie√üen k√∂nnen. So bauen sich Verschw√∂rungstheoretiker ihre eigene Echokammern, in denen sich ihr Weltbild immer weiter festigt.

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Fakten statt "alternative Wahrheiten"

Der Politikwissenschaftler Holnburger empfiehlt, diesen Teufelskreis durch gezielte Gegenangebote zu durchbrechen. Das Bundesgesundheitsministerium sei hier bereits mit gutem Beispiel vorangegangen, indem es einen eigenen Telegram-Kanal f√ľr Corona-Infos eingerichtet habe. "Dieser Kanal wurde allen deutschen Telegram-Nutzern vorgeschlagen und dient der Gegenaufkl√§rung", lobt Holnburger.

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Insgesamt gibt es davon aber noch viel zu wenig auf Telegram, kritisiert Fehrensen. So sei beispielsweise kein einziges deutsches Nachrichtenmedium auf der Plattform vertreten. Dabei muss es nicht bleiben. Das Beispiel YouTube habe bereits gezeigt, dass es sich lohnt, den Verschw√∂rungstheorien und "alternativen Wahrheiten" nicht das Feld zu √ľberlassen, sondern mit eigenen Inhalten auf Augenh√∂he zu begegnen.

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