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Drei Szenarien: Wie es in der Corona-Pandemie weitergehen könnte

Von Laura Stresing

Aktualisiert am 31.01.2021Lesedauer: 5 Min.
Animation zeigt: In den deutschen Landkreisen ist ein flächendeckender Corona-Trend erkennbar. (Quelle: t-online)
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Die gute Nachricht ist: Der Lockdown wirkt. Die Fallzahlen sinken und die Sieben-Tage-Inzidenz von unter 50 rückt in greifbare Nähe. Modellrechnungen zeigen, warum baldige Lockerungen trotzdem keine gute Idee sind.

Nach mehreren Anläufen scheint es mit dem zweiten "harten Lockdown" in Deutschland nun zu klappen. Die Fallzahlen sinken. Modellrechnungen mit dem Covid-19-Simulator der Uni Saarland zeigen: Wenn es so weiter geht, könnte eine durchschnittliche Sieben-Tage-Inzidenz von unter 50 in gut drei Wochen erreicht sein.


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Doch das ist nur ein mögliches Szenario von vielen. Andere Berechnungen zeigen, wie schnell die Lage wieder außer Kontrolle geraten könnte, wenn die britische Corona-Mutation auch hierzulande die Oberhand gewinnt.

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Mit voller Kraft auf die Bremse treten

"Wir müssen zusehen, dass wir das in den Griff kriegen", warnt Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie und Schöpfer des Covid-19-Simulators. Im Interview mit t-online spricht er von "bedrückenden Szenarien, die einen umtreiben können". Bereits Anfang Januar hat sein Team simuliert, wie sich die "UK-Variante" auf das Infektionsgeschehen in Deutschland auswirken könnte und die Berechnungen der saarländischen Landesregierung vorgelegt. t-online zeigt nun eine aktualisierte Fassung der Simulationen.

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Demnach hängt vieles davon ab, wie gut es in den nächsten Wochen gelingt, die Ausbreitung der Corona-Mutation B.1.1.7 durch Kontaktbeschränkungen auszubremsen. Am besten lässt sich das am sogenannten R-Wert festmachen. Er gibt an, wie viele Personen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Je weniger Kontakte stattfinden und je weiter R unter 1 rutscht, desto schneller wird die Pandemie eingedämmt. "Das ist wie beim Autofahren", erklärt Lehr. "Wenn Sie die Bremse nur touchieren, werden Sie zwar langsamer, aber wenn Sie mit voller Kraft drauf treten, kommen Sie schneller zum stehen."

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R-Wert als wichtiger Indikator

In den Simulationen würde ein R-Wert von 0,7 die Fallzahlen so rasch sinken lassen, dass selbst eine um 50 Prozent ansteckendere Variante wohl bis zum Frühjahr gut beherrschbar wäre – sofern man die geltenden Regeln aufrecht erhält. Bei einem R von 0,9 jedoch würde die Variante im Frühjahr auf eine immer noch viel zu hohe Inzidenz treffen – und die Fallzahlen selbst unter den geltenden Einschränkungen erneut explodieren lassen. Selbst der "Mittelweg" mit R = 0,8 birgt Risiken. Keines der hier dargestellten Szenarien sieht Lockerungen vor, wohlgemerkt.

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Dabei gehen die Forscher zu Beginn der Simulation von einer recht optimistischen Schätzung aus: nämlich, dass die Virusvariante B.1.1.7 derzeit nur etwa 0,5 Prozent aller Fälle ausmacht. Wie viele es wirklich sind? Lehr seufzt: "Wir wissen es einfach nicht." Bislang wurden in Deutschland nur wenige Proben durch spezielle PCR-Verfahren oder Genomsequenzierungen gezielt auf Mutationen hin überprüft.

Eine neue Verordnung soll das ändern. Lehr hofft, dass in zwei Wochen bessere Erkenntnisse zur Verbreitung von B.1.1.7 vorliegen. "Im Moment tappen wir noch im Dunkeln. Aber im niedrigen einstelligen Bereich wird sich der Anteil schon bewegen", schätzt der Mediziner.

Corona-Mutation gewinnt in zwölf Wochen die Oberhand

Doch selbst wenn man von deutlich unter einem Prozent ausgeht, würde die Variante – falls die bisherigen Annahmen der Wissenschaft zu Übertragungsgeschwindigkeit und Infektiosität stimmen – den bisher dominierenden "Wildtyp" innerhalb von zwölf Wochen verdrängen und die Pandemiebekämpfung zusätzlich erschweren.

Das deckt sich auch mit den Beobachtungen in anderen Ländern wie Irland, Israel, Dänemark und Portugal: "Überall, wo diese Variante vorkommt, steigt sie rasant an", so Lehr. Für Deutschland bedeutet das: Die Aussicht auf Lockerungen im Frühjahr trübt sich deutlich. "Selbst wenn wir nur leicht lockern, hätte das einen relativ starken Effekt", warnt Lehr.

Hoffnungen auf steigende Temperaturen im Frühjahr teilt der Experte nicht. "Man sieht ja auch in anderen Ländern, in denen es jetzt schon wärmer ist, dass ihnen das Wetter bei einer hohen Inzidenz nicht viel hilft", sagt er. Auch in Deutschland habe der R-Wert im vergangenen Sommer konstant bei über 1 gelegen. "Die Zahlen waren nur so niedrig, dass das exponentielle Wachstum niemanden gestört hat." Der erste Lockdown habe damals eine gute Ausgangslage geschaffen.

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Kipp-Punkt ist schon bei 2.000 Neuinfektionen pro Tag erreicht

Da will man nun wieder hinkommen. Doch in der Politik, Öffentlichkeit und Fachwelt gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wie das gelingen soll. Den häufig genannten "Zielwert" von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen hält Lehr für "politisch gesetzt" – und für zu hoch. "Es gibt hier eine Verschiebung der Wahrnehmung, die ich für gefährlich halte", kritisiert er.

Ursprünglich galt die Obergrenze von 35, beziehungsweise 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner und Woche schließlich mal als höchste Alarmstufe. Sie markiert den Moment, in dem ein wichtiger Schutzwall in der Pandemiebekämpfung wegbricht: Die Kontaktverfolgung in den Gesundheitsämtern. Den Zustand der permanenten Überforderung hinzunehmen, bedeute einen "Tanz auf Messers Schneide", sagt Lehr. "Das wird garantiert schief gehen."

Lehrs Modelle deuten sogar darauf hin, dass der eigentliche Kipppunkt schon bei einer Wocheninzidenz von 20 Fällen je 100.000 Einwohner erreicht ist – anders gesagt: bei 2.000 Neuinfektionen pro Tag. Aktuell verzeichnet das RKI gut 12.000 neue Meldungen pro Tag.

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Die letzten Wochen sind die schwersten

Auch andere Corona-Experten wie der SPD-Politiker Karl Lauterbach und die Physikerin Viola Priesemann sprechen sich für Inzidenzwerte deutlich unter 20 aus. Lehr hat wenig Hoffnung, dass sich solche Forderungen politisch durchsetzen lassen. Zwar liegt zwischen 50 und 25 nur ein weiterer Halbierungsschritt. Doch der kann sich hinziehen. "Das sind wie die letzten zwei Kilometer beim Marathon", erklärt Lehr. "Es ist nicht mehr weit, aber es tut sehr weh." Ob die Bürger da wohl mitgehen? – Lehr hat Zweifel.

Offiziell gelten die Beschränkungen bis zum 14. Februar. Der Druck, den Lockdown endlich aufzuheben, wird bis dahin zunehmen – auch weil sich die Zahlen derzeit in allen Bundesländern positiv entwickeln. Wenn nichts schiefläuft, könnten mehrere Bundesländer die Inzidenzschwelle von 50 schon in der ersten Februarhälfte unterschritten haben.

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Der bundesweite R-Wert liegt laut Lehrs Berechnungen bei deutlich unter 1. Das sei erfreulich. Aber: "Wir haben eine zum Teil sehr unterschiedliche Ausgangslage", sagt Lehr. So wird Sachsen-Anhalt wohl erst später über Lockerungen nachdenken können als beispielsweise Bremen. Das könnte noch für Streit sorgen. "Wie geht man damit um, wenn einzelne Länder die Zielwerte früher erreichen als andere?", fragt sich Lehr. "Darüber ist in meinen Augen noch nicht ausreichend gesprochen worden in den Bund-Länder-Konferenzen."

Langer Weg in die Normalität

Selbst wo Lockerungen aufgrund niedriger Inzidenzen möglich scheinen, wäre wohl Zurückhaltung geboten. Denn jeder Öffnungsschritt gibt auch den Corona-Mutationen Raum. Wenn die Fallzahlen dann wieder steigen, müsse die Politik bereit sein, früh zu intervenieren und Lockerungen zurückzunehmen. "Das kann sonst sehr schnell aus dem Ruder laufen", warnt Lehr. "Es ist wie bei einer Diät. Es geht sehr leicht hoch und schwer wieder runter."

Wie kann sich Deutschland aus dieser Zwickmühle aus notwendigen Lockerungen und einer drohenden dritten Welle befreien? "Ich sehe nur einen Ausweg und das ist die Impfung", sagt Lehr. Bis genug Menschen geimpft seien, müsse man sich eben "durchhangeln".

Es sind keine schöne Aussichten – doch angesichts der aktuellen Schwierigkeiten bei der Impfstoffbeschaffung sieht es ganz danach aus, dass Deutschland noch ein paar Monate bleiben, um genau das zu üben.

Erläuterungen zur Methodik

Bei den Grafiken handelt es sich nicht um Zukunftsprognosen, sondern um Modellrechnungen, die verschiedene Szenarien unter bestimmten Annahmen simulieren. Der R-Wert schwankt in der Realität stärker als in den Modellen dargestellt. Zukünftige Veränderungen im System – beispielsweise Verhaltensänderungen in der Bevölkerung oder eine veränderte Altersstruktur in Folge neuer Maßnahmen (Schulöffnungen, Schutz der Risikogruppen) – können nicht berücksichtigt werden. Hinzu kommen Unsicherheiten durch Schwankungen in der Datenqualität (Meldeverzug) und dem Testgeschehen.

Für die Simulationen zur Verbreitung der Corona-Mutation B.1.1.7 wird angenommen, dass sie
-
derzeit 0,5 Prozent aller Fälle in Deutschland ausmacht
- etwa 50 Prozent ansteckender ist als der "Wildtyp"
-
eine Generationszeit von 6 Tagen aufweist
- und daher in 85 Tagen zur dominanten Variante aufsteigt


Eine höhere oder niedrigere Infektiosität oder Verbreitung zu Beginn würden den Kurvenverlauf deutlich verstärken oder abschwächen. Bei neuen Erkenntnissen über die Mutation können die Simulationen entsprechend angepasst werden.

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