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John McAfee (✝75) | Waffen, Drogen, Mordvorwürfe: Sein krasser Absturz

Waffen, Drogen und Mordvorwürfe  

Der krasse Absturz des Software-Pioniers John McAfee

Von Jan Mölleken

24.06.2021, 16:58 Uhr
McAfee-Gründer tot in spanischer Zelle aufgefunden

Der Gründer des Sicherheitssoftware-Herstellers McAfee, John McAfee, ist tot in seiner Gefängniszelle in Barcelona aufgefunden worden. Offenbar hat er sich selbst erhängt. (Quelle: Reuters)

Barcelona: Der McAfee-Gründer John McAfee wurde tot in spanischer Zelle aufgefunden. (Quelle: Reuters)


Der Antivirensoftware-Pionier John McAfee ist tot. Er starb in einer spanischen Gefängniszelle. Die Jahre davor waren für den Millionär ein schillernder Taumel voller Drogen, Waffen und Mordvorwürfen.

Am Mittwochnachmittag starb der britisch-amerikanische Entwickler und Antivirensoftware-Pionier John McAfee – als Häftling eines spanischen Gefängnisses. Laut Medienberichten gehen die Behörden von einem Suizid aus.

Erst kurz zuvor hatte die Justiz dort grünes Licht für eine Auslieferung an die USA gegeben, wo McAfee ein Prozess wegen Steuerhinterziehung, Betrugs mit Kryptowährungen sowie Verschwörung zur Geldwäsche drohte – und damit ein Lebensabend im Gefängnis. 

So endet das Leben eines Mannes, der seit Jahren als eine der schillerndsten und düstersten Figuren der Techszene galt. Doch wie kam es zu diesem Absturz? Wann wurde aus dem Softwaregenie und Mitbegründer der Antivirenindustrie, dessen Vermögen zeitweise auf mehr als 100 Millionen Dollar geschätzt wurde, ein Krimineller? Ein Protokoll seiner wichtigsten Lebensstationen.


Schwierige Kindheit und früher Erfolg

Die dunkle Seite in McAfees Leben wird schon seit früher Kindheit in ihm angelegt. Als Sohn einer britischen Mutter und eines amerikanischen Vaters besitzt er beide Staatsbürgerschaften, wächst aber im US-Staat Virginia in einfachen Verhältnissen auf. Sein Vater, so berichtet er in einem Interview mit dem Magazin "Wired", ist ein schwerer Alkoholiker "und ein sehr unglücklicher Mann", der ihn und seine Mutter regelmäßig und heftig schlägt.

John McAfee ist 15 Jahre alt, als sein Vater sich erschießt – diese Erfahrung begleitet ihn von da an täglich und vergiftet jede seiner Beziehungen. "Mein Leben ist also im Arsch", fasst er diese Last gegenüber "Wired" zusammen.

Bereits im College beginnt er heftig zu trinken, schafft 1967 aber dennoch seinen Abschluss in Mathematik. In seinen ersten Jobs mit grundlegender Programmiertätigkeit ist er durchaus erfolgreich – zeitgleich experimentiert der junge McAfee mit LSD und anderen Drogen, trinkt weiter oft und viel.

Als er 1983 vollends zusammenbricht, hat er bereits eine gescheiterte Ehe hinter sich und beginnt seine Arbeitstage mit Kokain und Whiskey, erzählt er. Eine Therapeutin rät ihm, zu den Anonymen Alkoholikern zu gehen. Der Besuch wird für ihn zur einschneidenden Erfahrung, seitdem sei er nüchtern, schwört McAfee 2012 im Interview: "Das war der Zeitpunkt, als mein Leben für mich wirklich begann."

Der große Erfolg mit der Antivirenlösung

Tatsächlich wendet sich John McAfees Leben von da an deutlich zum Besseren: Als 1986 der erste Computervirus weltweit für Schlagzeilen sorgt, ist der mittlerweile 40-Jährige beim US-Rüstungskonzern Lockheed Martin angestellt und arbeitet an einer geheimen Spracherkennungssoftware.

Der "Brain"-Virus infiziert 5,25-Zoll-Disketten und ist eigentlich harmlos. Zwei pakistanische Brüder hatten ihn programmiert, weil sie genervt davon waren, dass Kunden ihres Computerladens ihre Software einfach kopierten. Schaden richtete der Virus zwar keinen an, allerdings verbreitete er sich weit über die pakistanischen Grenzen hinaus.

John McAfee ist dennoch alarmiert und gründet McAfee Associates, um sich der Virenbekämpfung zu widmen. Ein echtes Problem sind Computerviren zu dieser Zeit zwar nicht. Doch der Gründer schafft es, große Unternehmen und später auch die US-Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass man sich dringend vor solchen Angriffen schützen müsse – mit McAfee-Software. Bereits 1990 soll er damit fünf Millionen US-Dollar im Jahr verdienen.

Als das Sicherheitsunternehmen 1992 an die Börse geht, wird McAfee schlagartig zum reichen Mann: 80 Millionen Dollar sollen seine Anteile Wert sein. Doch das Leben als IT-Sicherheitsunternehmer ist offenbar nichts für den umtriebigen Entwickler. 1994 zieht er sich aus seinem Unternehmen zurück, 1997 verkauft er seine Aktienanteile – 100 Millionen US-Dollar soll sein Vermögen zu diesem Zeitpunkt betragen.

Ein früher Ruhestand mit jähem Ende

Die folgenden Jahre um die Jahrtausendwende lesen sich wie die eines reichen Aussteigers: Der einstige Antivirensoftware-Pionier wird zum Berater für Start-ups, hält Vorträge und erhält einen Ehrendoktortitel seiner Universität. Im Jahr 2000 gründet McAfee ein Yoga-Institut und schreibt daraufhin vier Bücher zum Thema Spiritualität. 

Als sich die Yoga-Einheiten zu sehr nach Arbeit anzufühlen beginnen, widmet er sich einem neuen Hobby, dem sogenannten Aerotrekking, einer Art bodennahem Ultraleichtflug, wie der "Spiegel" berichtet. Zu diesem Zweck soll sich der Softwaremillionär offenbar mehrere abgelegene Anwesen gekauft haben.

Mit Beginn der Immobilienkrise im Jahr 2008 schrumpft der Wert seiner teuren Immobilien jedoch auf einen Bruchteil. Und während McAfee, bereits deutlich über 60 Jahre alt, eigentlich über seinen Ruhestand nachdenken könnte, wird er zunehmend unzufrieden mit seinem Leben, berichtet seine damalige Freundin dem Magazin "Wired".

Der geschwundene Reichtum, der Wunsch, noch etwas Großes zu erreichen, und womöglich auch zwei drohende Gerichtsverfahren (er soll mutmaßlich für den Absturz und Tod zweier Männer beim Aerotrekking verantwortlich sein) führen schließlich dazu, dass der Millionär sich nach einer dauerhaften Bleibe im Ausland umsieht: Schöne Strände, englischsprachig und nicht zu weit von den USA entfernt – seine Wahl fällt auf den karibischen Staat Belize.

Das neue Leben in Mittelamerika

McAfee kauft dort ein Anwesen und zieht im April 2008 ein, seine US-Immobilien sind zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend verkauft. Ein Jahr später berichtet die "New York Times", dass sein letztes US-Anwesen auf einer Auktion für gut eine Million US-Dollar veräußert . Das Vermögen von ehemals 100 Millionen US-Dollar sei zu diesem Zeitpunkt auf gerade einmal 4 Millionen Dollar geschrumpft.

In Belize erwacht der Tatendrang des Unternehmers erneut, wie er "Wired" berichtet. Er kauft ein großes Sumpflandgrundstück und erschließt es Stück für Stück, gründet eine Zigarrenmanufaktur, einen Kaffeevertrieb und ein Wassertaxi-Unternehmen.

2010 trifft er eine junge Mikrobiologin, Allison Adonizio, die an der Harvard-Universität daran forscht, wie aus Pflanzen völlig neuartige Antibiotika hergestellt werden können. McAfee ist elektrisiert und schlägt ihr auf der Stelle vor, gemeinsam ein Unternehmen zu gründen, um mit ihrer Forschung die Pharmaindustrie umzukrempeln. McAfee verspricht ihr ein eigenes Labor, Mitarbeiter, kommerziellen Erfolg.

Adonizio willigt ein, kündigt ihre Forschungsstelle, verkauft ihr Haus und zieht nach Belize. Eine Entscheidung, die sie bald bereut haben dürfte. Wie "Wired" schreibt, baut McAfee ihr zwar das Labor, verliert aber schnell das Interesse an der Forschung und sich im Rotlichtmilieu eines nahe gelegenen Orts und verstößt seine langjährige Freundin, um eine toxische Beziehung mit einer 16-Jährigen zu beginnen. Ein Wundermedikament wurde nie gefunden. In einer 2016 erschienenen Dokumentation berichtet Allison Adonizio, dass McAfee sie nach einem Streit unter Drogen gesetzt und vergewaltigt haben soll.

2012 wird McAfees Anwesen schließlich von einer Spezialeinheit der Polizei gestürmt. Angeblich soll er Drogen auf seinem Grundstück herstellen. Bei der Hausdurchsuchung finden die Polizisten acht Schrotflinten, zwei Pistolen und fünf Luftgewehre, berichtet "heise online" damals, Drogen finden sie jedoch keine. Nach nur 14 Stunden Haft wird McAfee wieder freigelassen, er kann für alle Waffen bis auf eine die notwendigen Besitzdokumente vorweisen.

Die trügerische Ruhe ist vorbei

Von da an ist die trügerische Ruhe allerdings vorbei. Wenige Monate später betritt die Polizei erneut McAfees Grundstück: Sein Nachbar wurde erschossen, zuvor soll es immer wieder zu Streit zwischen den beiden Männern gekommen sein, McAfee gilt als verdächtig. Doch die Polizei kann ihn nicht finden. Offenbar, weil er sich im Sand auf seinem Grundstück verbuddelt und einen Karton über den Kopf gestülpt hatte, wie er gegenüber "Wired" später erzählt.

McAfee taucht mehrere Wochen unter, weist in einem Blog aber die Anschuldigung von sich. In Blogeinträgen und Interviews erzählt er die Geschichte weiter, die sich immer mehr wie ein Groschenroman liest. Klar scheint, dass er nach Guatemala-Stadt flüchtet und dort politisches Asyl beantragt, schließlich jedoch in sein Heimatland USA ausgewiesen wird.

Ein halbes Jahre später berichtet er selbst, dass sein Anwesen in Belize niedergebrannt sei, kurz darauf veröffentlicht er ein satirisches Video, das ihn inmitten von Frauen, Drogen und Waffen zeigt.

McAfee will Präsident werden

Anschließend wird es erneut still um die schillernde Figur, allerdings schafft er es auch in den folgenden Jahren immer mal wieder in die Schlagzeilen. Etwa als er 2015 verkündet, dass er als Kandidat für die US-Präsidentschaftswahl 2016 kandidieren wolle. Auf dem Parteitag der libertären Partei landete er jedoch nur auf dem dritten Platz, die Kandidatur scheitert. 

2017 gibt er ein kurzes Intermezzo mit einem angeblich nicht hackbaren Smartphone, 2018 macht er den Umstand öffentlich, dass er für jeden Tweet, in dem er eine Kryptowährung oder deren Start (ICO) bewerbe, 105.000 US-Dollar kassiere. Kurz zuvor war ein Artikel erschienen, der mutmaßte, dass McAfee in diesem Zusammenhang eine lukrative Betrugsmasche betreibe.

Bei all seinen Unternehmungen vergisst er offenbar, Steuern zu zahlen. In einem Video prahlt McAfee 2019 offen, dass er seit acht Jahren keinen Cent mehr an den Fiskus überwiesen habe. Gut ein Jahr später wird er in Spanien schließlich festgenommen und wartete dort seitdem auf Auslieferung – unter anderem wegen Steuerhinterziehung und Betrugs im Zusammenhang mit Kryptowährungen. Bei einer Verurteilung hätte ihm eine lange Haftstrafe gedroht. Eine Aussicht, mit der John McAfee möglicherweise nicht leben konnte.


Hinweis: Hier finden Sie sofort und anonym Hilfe, falls Sie viel über den eigenen Tod nachdenken oder sich um einen Mitmenschen sorgen.  

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