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Gr├╝belzwang ÔÇô "Wie ein gedanklicher Tinnitus"

Henning Seelmeyer

Aktualisiert am 04.12.2017Lesedauer: 3 Min.
Gr├╝belzwang ist qu├Ąlend und kann nicht willentlich gestoppt werden.
Gr├╝belzwang ist qu├Ąlend und kann nicht willentlich gestoppt werden (Quelle: kieferpix/Thinkstock by Getty-Images-bilder)
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In Deutschland leiden etwa 1,6 Millionen Menschen unter Zwangserkrankungen. ├ťber den Gr├╝belzwang und Zwangsgedanken hat t-online.de mit dem Psychologischen Psychotherapeuten Thomas Hillebrand gesprochen. Er praktiziert in M├╝nster und ist Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V. (DGZ e.V.).

t-online.de: Herr Hillebrand, woran erkenne ich, ob ich an Gr├╝belzwang leide?

Thomas Hillebrand: Betroffene berichten, dass sie immer wieder ├╝ber Themen nachdenken m├╝ssen, die oftmals gar keinen Bezug zu konkreten Lebensthemen haben. Eine Betroffene musste immer wieder dar├╝ber nachdenken, wie genau die Milch von der Kuh bis in den K├╝hlschrank kommt und alle Stationen immer wieder gedanklich nachvollziehen.

Das eigentlich Qu├Ąlende ist die penetrante Art dieser Gedanken und die Unf├Ąhigkeit, sie willentlich zu stoppen. Eine Betroffene hat das mal beschrieben: "Wie ein gedanklicher Tinnitus". Diese spezielle Form des Gr├╝belzwangs ist vergleichsweise selten und geht h├Ąufig mit anderen Formen einer Zwangsst├Ârung einher. Wesentlich h├Ąufiger ist das langanhaltende Gr├╝beln, das oft mit Krankheitsbildern wie Angst oder Depression in Verbindung steht. Das muss man vom Gr├╝belzwang abgrenzen.

Wie unterscheidet sich Zwangsgedanken vom Gr├╝belzwang?

Es gibt unterschiedliche Formen von Zwangsgedanken: Pl├Âtzlich und ohne Vorwarnung einschie├čende Gedanken, mit aggressiven oder sexuellen Inhalten. Sie stehen dem Wertesystem des Betroffenen diametral entgegen. Ein Beispiel: "Ich k├Ânnte meinen Partner im Schlaf erstechen".

Bei Zwangspatienten l├Âsen diese Gedanken unmittelbar ein intensives Angst- und Schuldempfinden aus und verst├Ąrken f├╝r den Betroffenen den Eindruck ein "ganz furchtbarer Mensch zu sein", weil man doch so etwas Schlimmes gedacht hat.

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Und diese Gedanken hat der Betroffene dann immer wieder?

Richtig, der Gr├╝belzwang ist also eher ein andauerndes und sich immer weiterspinnendes Nachdenken ├╝ber ein Thema, ohne jemals zu einer L├Âsung zu gelangen. Zwangsgedanken sind pl├Âtzlich einschie├čende Gedanken mit als bedrohlich empfundenen Inhalten, die den Betroffenen unmittelbar in Angst versetzen.

Wie stark belastet der Gr├╝belzwang die Betroffenen?

Der Gr├╝belzwang bei einer Zwangserkrankung und auch das andauernde Gr├╝beln sind f├╝r die Betroffenen sehr belastend. Die Gedanken begleiten sie durch den ganzen Tag, rauben Lebensfreude und die F├Ąhigkeit, dem Leben mit Zuversicht zu begegnen. Auch wenn vielen die Alltagsbew├Ąltigung oft besser gelingt als sie selbst glauben, beeinflusst das Gr├╝beln die Lebensqualit├Ąt in erheblichem Ma├če.

Kommt der Gr├╝belzwang h├Ąufig vor und wen betrifft er?

Der Gr├╝belzwang bildet eine Untergruppe der Zwangserkrankungen, dessen H├Ąufigkeit noch nicht genau bestimmt ist. Das andauernde Gr├╝beln von Patienten mit Angstst├Ârungen oder Depressionen ist dagegen weit verbreitet. Es betrifft Menschen, die eher eine pessimistische Sichtweise der Welt verinnerlicht haben und so den ungl├╝cklichen Ausgang bevorstehender Aufgaben immer wieder durchdenken. Durch eine selbstkritische und selbstzweifelnde Grundhaltung wird es wahrscheinlicher, Aspekte der eigenen Lebenswirklichkeit immer wieder in Frage zu stellen.

Bei welchen Symptomen muss ich mir professionelle Hilfe suchen?

St├Ąndiges und intensives Gr├╝beln kann zu einer permanenten Belastung werden. Wenn der Betroffene das Gr├╝beln mit eigenen Kr├Ąften nicht bew├Ąltigen kann, dann ist eine psychotherapeutische Behandlung erforderlich.

Wie sieht eine Therapie aus?

Bei einer psychotherapeutischen Behandlung werden die Symptome genau erfragt und eingeordnet. Dabei wird geschaut, ob es sich um einen Gr├╝belzwang im engeren Sinne oder ein andauerndes Gr├╝beln handelt, wie es bei einer Angstst├Ârung oder einer depressiven Erkrankung auftritt. Dann werden konflikthafte und problematische Lebensereignisse aufgearbeitet. Au├čerdem haben sich sogenannte metakognitive Verfahren als sehr hilfreich erwiesen.

Bei diesen ist es nicht das Ziel, das Auftreten der Gedanken zu verhindern, sondern einen anderen Umgang damit zu etablieren. Der Patient lernt, sich zunehmend vom Inhalt seiner Gr├╝belgedanken zu distanzieren und sich emotional nicht immer wieder von diesen Gedanken in den Bann ziehen zu lassen. Diese F├Ąhigkeit wird mit Hilfe von ├ťbungen aufgebaut.

Wie stehen die Heilungschancen?

Betroffene von Gr├╝belzwang haben bei einer umfassenden Behandlung gute Aussichten auf eine andauernde Besserung.

Werden die Kosten f├╝r eine Therapie von den Krankenkassen ├╝bernommen?

Die Kosten f├╝r eine regul├Ąre Psychotherapie werden von den Krankenkassen ├╝bernommen, wenn das Gr├╝beln zusammen mit einer Zwangsst├Ârung, einer Angstst├Ârung oder bei einer Depression auftritt.

Herr Hillebrand, vielen Dank f├╝r das Gespr├Ąch.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte ├ärzte. Die Inhalte von t-online k├Ânnen und d├╝rfen nicht verwendet werden, um eigenst├Ąndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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Von Wiebke Posmyk
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