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Neue Corona-Regeln: Was kann ein strenger Teil-Lockdown wirklich bewirken?

Experten zu Corona-Lockdown  

Was können die strengen Maßnahmen wirklich bewirken?

29.10.2020, 07:56 Uhr
Neue Corona-Regeln: Was kann ein strenger Teil-Lockdown wirklich bewirken?. Maskenpflicht U-Bahn Berlin: Die bisherigen Maßnahmen reichen offenbar nicht aus – die Corona-Zahlen steigen weiter an.  (Quelle: imago images/Jochen Eckel)

Maskenpflicht U-Bahn Berlin: Die bisherigen Maßnahmen reichen offenbar nicht aus – die Corona-Zahlen steigen weiter an. (Quelle: Jochen Eckel/imago images)

Deutschland steht angesichts dramatisch steigender Corona-Infektionszahlen ein bundesweiter Teil-Lockdown bevor. Doch handelt die Politik auf Basis verlässlicher Daten? Das meinen Forscher und Mediziner.

Teil-Lockdown: Dieser seit einiger Zeit diskutierte Schritt ist laut Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten in der aktuellen Corona-Lage notwendig. Das erklärte Ziel sei es, "zügig die Infektionsdynamik zu unterbrechen, damit in der Weihnachtszeit keine weitreichenden Beschränkungen" erforderlich seien, heißt es in der Beschlussvorlage zu der Videokonferenz von Kanzlerin und Länderchefs am Mittwoch.

Doch was würde ein Teil-Lockdown konkret bedeuten? Und wie groß wäre der Effekt eines "Lockdown light" auf die Infektionszahlen und die Belegung der Krankenhäuser wirklich? Handelt die Politik bei ihren Entscheidungen auf der Basis verlässlicher Daten? Klar ist: Auch Wissenschaftler und Mediziner sind dazu unterschiedlicher Meinung. t-online fasst die unterschiedlichen Positionen zusammen.

Was wurde bei Merkels Konferenz mit den Länderchefs beschlossen? 

Kern der Entscheidungen sind drastische Kontaktbeschränkungen. Konkret bedeutet das: Bundesweit sollen ab dem 2. November und bis Monatsende zwar Schulen, Kindergärten sowie Groß- und Einzelhandelsgeschäfte geöffnet bleiben. Freizeiteinrichtungen wie Kinos und Theater, Hotels und Gastronomie würden aber geschlossen, Unterhaltungsveranstaltungen verboten, auch Profisport inklusive der Fußballbundesliga ist im November nur noch ohne Zuschauer zugelassen.

Zudem sollen Kontakte in der Öffentlichkeit sowie Feiern auf Plätzen und in Wohnungen eingeschränkt werden. Der gemeinsame Aufenthalt in der Öffentlichkeit ist demnach nur noch Angehörigen des eigenen und eines weiteren Hausstandes mit maximal zehn Personen gestattet. 

Inwiefern ein solches drastisches Vorgehen tatsächlich helfen würde, die Corona-Zahlen in den Griff zu bekommen, ist aber auch unter Experten umstritten. Während manche Forscher einem Lockdown einen relevanten und wichtigen Effekt zutrauen, sehen andere Wissenschaftler sowie Mediziner solche Maßnahmen äußerst kritisch.

Deutsche Forschungsorganisationen für drastische Reduktion der Kontakte 

Für rasche und drastische Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung hatten sich am Dienstag auch die Präsidenten der wichtigsten deutschen Forschungsorganisationen ausgesprochen. In einer gemeinsamen Stellungnahme mit dem Titel "Es ist ernst" mahnen sie zwar nicht explizit einen Lockdown an. Sie schreiben aber, "dass es gegenwärtig ein Hauptinstrument gibt, um die Kontrolle über die Pandemie  zurückzugewinnen: Die Anzahl der Kontakte zwischen Personen ohne adäquate Vorsichtsmaßnahmen muss konsequent reduziert werden."

Dazu bieten die Autoren des Papiers eine klare Kennziffer: Um die Ausbreitung von SARS-CoV-2 einzudämmen, müssten die Menschen ihre Kontakte durchschnittlich auf ein Viertel reduzieren, fordern die Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft, Max-Planck-Gesellschaft und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Eine Halbierung der Kontakte ohne Vorsichtsmaßnahmen würde hingegen laut wissenschaftlichen Simulationen aktuell nicht ausreichen, um die Zahl von Neuinfizierten pro Woche zu senken.

Die Autoren gehen davon aus, dass strengere Maßnahmen – die ein Teil-Lockdown mit sich bringen würde – die Fallzahlen so weit senken könnten, "dass die Gesundheitsämter die Kontaktnachverfolgung wieder vollständig durchführen können". Sobald dies, nach geschätzt drei Wochen, wieder möglich sei, könnten die Beschränkungen vorsichtig gelockert werden, ohne dass unmittelbar eine erneute Infektionswelle drohe.

Ärzteverbände, Streeck und Schmidt-Chanasit gegen pauschalen Lockdown 

Eine andere Position vertreten die Virologen Hendrik Streeck von der Universität Bonn und Jonas Schmidt-Chanasit von der Universität Hamburg sowie zahlreiche Mediziner. In einem gemeinsamen Positionspapier, das von den beiden Virologen sowie dem Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Andreas Gassen formuliert und nach ihren Angaben von zahlreichen ärztlichen Berufsverbänden unterzeichnet wurde, fordern die Autoren einen Verzicht auf weitere Lockdowns. 

Die Begründung: Eine einheitliche wissenschaftliche Grundlage zur Bewertung der Pandemiedynamik und die Ableitung von Maßnahmen aus den bisherigen Daten gebe es überhaupt nicht. Es fehlten konkrete Beweise, dass die Schließung der Gastronomie und ähnliche Maßnahmen überhaupt einen Einfluss auf die Infektionszahlen habe, so Streeck und Schmidt-Chanasit in der Pressekonferenz am Mittwoch. Etliche Ärzte distanzierten sich in den sozialen Medien aber von dieser Position.

Neue Strategie: Was fordern Streeck, Schmidt-Chanasit und Ärzteverbände?

Die Autoren der "Gemeinsamen Position von Ärzteschaft und Wissenschaft" schlagen statt eines erneuten Herunterfahrens des Alltagslebens eine neue Strategie mit folgenden Punkten vor:

  • Abkehr von der Strategie zur Kontaktverfolgung von Infizierten: Eine Pandemiebekämpfung ausschließlich im Rahmen einer Kontaktpersonennachverfolgung werde nicht mehr möglich sein, heißt es in dem Papier. Stattdessen sollte künftig die Priorität auf Fälle mit Bezug zu medizinischen und pflegerischen Einrichtungen oder Veranstaltungen mit vielen Infizierten liegen.
  • Behörden sollten sich auf Schutz von Risikogruppen fokussieren: Vorkehrungen und Tests in Pflegeheimen und Kliniken sollten systematischer laufen. Zudem müsse auch für Menschen der Risikogruppen, die zu Hause leben, Schutz etabliert werden. Dazu gehörten etwa FFP2-Masken und Tests, um Besuch bekommen zu können. Die Behörden könnten zudem dafür sorgen, dass der Zutritt zu Altersheimen nur nach einem Schnelltest möglich ist oder etwa Nachbarschafts- und Einkaufhilfen organisiert werden. 
  • Einführung eines Ampelsystems auf Bundes- und Kreisebene: Ein einheitliches Ampelsystem soll die aktuelle Corona-Lage schnell erkennbar machen.
  • Risikokommunikation, die mit Geboten statt Verboten arbeitet: Die Bevölkerung sollte mehr zum Mitmachen und Einhalten der bestehenden Hygieneregeln motiviert werden. Würden die AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmasken) und das Nutzen der Corona-Warn-App konsequent umgesetzt, wäre das laut Jonas Schmidt-Chanasit "vollkommen ausreichend, um die Pandemie gut zu überstehen".  Risikokontakte fänden mehr zu Hause statt, weniger etwa in Hotels.

Maßnahmen gegen Überlastung der Intensivstationen

Für die Forschungsorganisationen Leopoldina und Co. haben strenge Maßnahmen auch mit Blick auf die Lage in den Krankenhäusern und auf den Intensivstationen oberste Priorität: "Auf eine hohe Auslastung der Intensivbetten zu warten, bevor konsequente Maßnahmen gegen die Ausbreitung von SARS-CoV-2 umgesetzt werden, führt zu einer Krisensituation in der Krankenversorgung."

Auch der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Prof. Uwe Janssens, mahnte kürzlich in einem Video auf seinem eigenen YouTube-Kanal, er beobachte mit großer Sorge den überproportionalen Anstieg der Corona-Infektionen in Deutschland und Europa: "Wir Intensivmediziner befürchten, bei weiter steigenden Infektionszahlen die intensivmedizinische Versorgung in Deutschland bald nicht mehr in vollem Umfang gewährleisten zu können!"

Janssens forderte darum die Bevölkerung auf, sich jetzt strikt an die Regeln zur Minimierung des Infektionsrisikos zu halten:

  • Kontakte minimieren
  • Größeren Veranstaltungen fernbleiben
  • Teilnahme an Festen vermeiden
  • AHA+L+A Regel beachten: Abstand, Hygiene, Alltagsmaske, Lüften und App benutzen
Verwendete Quellen:

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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