Sie sind hier: Home > Gesundheit > Coronavirus >

Tübingens Corona-Konzept: "Wir können nicht ständig einen massiven Lockdown durchführen"

Corona-Konzept in Tübingen  

"Wir können nicht ständig einen Lockdown durchführen"

Von Ann-Kathrin Landzettel

15.12.2020, 17:27 Uhr
Tübingens Corona-Konzept: "Wir können nicht ständig einen massiven Lockdown durchführen". Tübingen: Menschen stehen in einer Warteschlange vor der mobilen Corona-Teststation auf dem Rathausplatz. (Quelle: dpa/Tom Weller)

Tübingen: Menschen stehen in einer Warteschlange vor der mobilen Corona-Teststation auf dem Rathausplatz. (Quelle: Tom Weller/dpa)

Mobile Teststationen für kostenlose Corona-Schnelltests und gratis verteilte FFP2-Masken: Die Notärztin Lisa Federle hat in Tübingen eine viel beachtete Aktion initiiert. Hier spricht sie über wirkungsvolle Maßnahmen bis zum Start der Impfungen und die Herausforderungen zu Weihnachten.

Der harte Lockdown, die Kontaktbeschränkungen, Angst vor SARS-CoV-2: Dieses Weihnachtsfest wird anders sein. Dass die Feiertage trotz Corona-Pandemie im Kreis der Familie stattfinden können, dafür kämpft die Tübinger Notärztin Dr. Lisa Federle: mit einem Arztmobil und kostenlosen Corona-Schnelltests für die Bürger. Im Gespräch mit t-online erklärt die Medizinerin und ehrenamtliche Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes in Tübingen, warum Isolation in der Pandemie gerade für ältere Menschen schlimm ist, wie sicher die Schnelltests sind und was sie von FFP-Masken hält.

Mobile Arztpraxis für kostenlose Corona-Schnelltests 

In der baden-württembergischen Universitätsstadt Tübingen ist Dr. Lisa Federle bekannt: Bereits beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 setzte sich die Notärztin für vermehrte Corona-Tests ein: Sie testete neben Reiserückkehrern aus Skigebieten auch verstärkt in Altenpflegeheimen, um der Isolation der Bewohner entgegenzuwirken und das Risiko für eine Ansteckung mit dem neuartigen Corona-Virus durch Besucher zu senken.

Ihre neue Initiative ist die jetzige kostenlose Corona-Schnelltestaktion für Bürger mit 25.000 Tests um die Weihnachtszeit. "Mein Team und ich stehen an fünf Tagen in der Woche mit unserem Arztmobil in der Tübinger Innenstadt und testen Bürgerinnen und Bürger", sagt die ehrenamtliche Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes in Tübingen.

"Damit möchten wir es ermöglichen, dass sich Familien im kleinen Kreis treffen können. Und wir möchten verhindern, dass infizierte Personen unerkannt bleiben und andere anstecken." Für die Hilfsaktion ist das Deutsche Rote Kreuz finanziell in Vorleistung getreten, Federle ist für die Rückzahlung auf Spenden angewiesen.

 (Quelle: imago/Eibner) (Quelle: imago/Eibner)
Dr. Lisa Federle: Die Notärztin ist Präsidentin des DRK Kreisverbandes Tübingen.

Fast 200 Corona-Schnelltests täglich

Die Nachfrage ist immens. Am 26. November haben Federle und ihr Team begonnen. An manchen Tagen stehen fast 200 Menschen vor dem Arztmobil und möchten getestet werden. Bis zu sechs von 200 Getesteten waren bislang positiv. Zusätzlich verteilt das Team kostenfrei FFP2-Masken.

"Ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer und die Spenden wäre das Projekt gar nicht möglich. Diese Unterstützung ist wirklich toll", sagt Federle. Die Corona-Schnelltestaktion soll mit Hilfe des Sozialministeriums und der Blaulichtfamilie – dem Team von DRK, ASB, Johannitern und Maltesern – am 23. und 24. in mehr als 25 weiteren Städten in Baden-Württemberg ausgeweitet werden.

Weihnachtsspendenaktion für gemeinsame Weihnachten

Für Federle sind die Schnelltests in Kombination mit den AHA-Regeln die wirkungsvollste Maßnahme im Kampf gegen eine Covid-19-Infektion. Von Beginn an informiert sie sich über die Entwicklung der Tests, steht mit Virologen in Kontakt.

Als am 15. Oktober die Schnelltests offiziell freigegeben wurden, begann die Pandemie-Beauftragte des Landkreises in Altenpflegeheimen Schnelltests zu verteilen und das Personal zu schulen. "Viele ältere Menschen sprachen mit mir über ihre Angst, an Weihnachten – möglicherweise ihr letztes Weihnachtsfest – alleine zu sein. Das hat mich sehr berührt."

Durch die kostenlose Corona-Schnelltestaktion hofft Federle, möglichst vielen Menschen ein Weihnachtsfest im engsten Kreis ihrer Lieben zu ermöglichen. "Isolation ist schlimm. Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen an Weihnachten alleine sind."

Besonders ältere Menschen sind von Einsamkeit bedroht", sagt Federle. "Die psychischen Folgen sind gravierend. Nicht nur, dass viele das Essen einstellen. Viele erkranken an einer Depression. Auch das Selbstmordrisiko steigt mit zunehmender Kontaktlosigkeit und Einsamkeit – das betrifft ältere Menschen genauso wie jüngere."

Tübingen: Ein Mann wird von einer Mitarbeiterin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) an der Corona-Schnellteststation abgestrichen. (Quelle: dpa/ Tom Weller)Tübingen: Ein Mann wird von einer Mitarbeiterin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) an der Corona-Schnellteststation abgestrichen. (Quelle: Tom Weller/dpa)

Was die Stadt Tübingen anders macht

Um ältere Menschen vor Covid-19 zu schützen, setzt die Stadt Tübingen auf verschiedene Schutzmaßnahmen. So dürfen Menschen über 60 Jahre Taxis zum Preis von Busfahrkarten nutzen. Bürger über 65 Jahre bekommen kostenlos FFP2-Masken zur Verfügung gestellt. Die Zeit zwischen 9 und 11 Uhr soll besonders Senioren für ihren Einkauf zur Verfügung stehen.

"Dennoch wären wir um einen weiteren Lockdown nicht herumgekommen. Umso wichtiger ist es, dass wenigstens die Weihnachtstage in kleinstem Kreise gemeinsam verbracht werden können", so Federle. "Neunzig Prozent der alten Menschen leben zu Hause. Machen die Angehörigen einen Schnelltest und fällt dieser negativ aus, ist ein Besuch möglich – natürlich unter Einhaltung der AHA-Regeln."

Zuletzt erlebte Tübingen mit seiner Anti-Corona-Strategie allerdings Rückschläge. Nachdem bis Mittwoch vergangener Woche kein einziger Infektionsfall in den Pflegeeinrichtungen registriert worden war, sind nun mehrere Tübinger Pflegeeinrichtungen betroffen, wie Oberbürgermeister Boris Palmer am Montag mitteilte. "Obwohl es mehrfach Infektionen bei den Pflegekräften gab, hat die Barriere, die wir durch die regelmäßigen Schnelltests errichtet haben, in den meisten Fällen gehalten. Leider war das Netz nicht engmaschig genug, denn wir konnten die Tests nicht verpflichtend anordnen", sagte Palmer.

Wie sicher sind die Corona-Schnelltests?

Die Corona-Schnelltests sind laut Hersteller zu 95 Prozent zuverlässig. Die Schnelltests in Kombination mit Einhaltung der AHA-Regeln und dem richtigen Tragen der Masken senken laut Federle, die 2020 für ihre Idee der mobilen Arztpraxis mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, das Risiko für eine Ansteckung deutlich.

"Zwar sind die Schnelltests nicht zu 100 Prozent sicher", meint auch sie. "Aber 95 Prozent sind besser als nichts." Und die Fälle, die die Tests nicht anzeigen, hätten entweder eine zu geringe Virenlast oder seien schon am Abklingen. "Das heißt, die Infektiosität ist sehr gering und das Risiko, dass der Test falsch-negativ ausfällt, ist entsprechend auch nicht so hoch. Die Schutzmaßnahmen müssen natürlich dennoch eingehalten werden."

Masken richtig tragen: Angehörige schützen

Die Notärztin betont, wie wichtig es ist, Masken richtig zu tragen, um das Infektionsrisiko zu senken. Nase und Kinn müssten bedeckt sein. Auch müssten Masken regelmäßig gewechselt werden. Viele würden zu lange eine einzelne Maske verwenden. Ebenso wichtig sei es, sich mit den Fingern nicht unter die Maske zu greifen. "Die FFP2- und FFP3-Masken bieten den besten Schutz. Ich arbeite die gesamte Pandemie über mit diesen Masken und habe mich bislang nicht infiziert. Die FFP-Masken scheinen das Risiko zu senken", so Federle.

Schnelltests für alle in der Zukunft?

Federle hofft, dass irgendwann genügend Corona-Schnelltests auf dem Markt sind, sodass sich jeder testen lassen kann. Der Anwendung von Schnelltests in privater Anwendung steht die Notärztin skeptisch gegenüber: "Damit die Tests ein zuverlässiges Ergebnis anzeigen, müssen sie richtig angewendet werden. Es braucht zum einen eine entspreche Einführung und zum anderen eine mutige Durchführung. Nicht jeder schafft es, sich das Teststäbchen so tief in die Nase einzuführen – zumal es nicht ganz angenehm ist.“

Federle wünscht sich, dass es zukünftig Anlaufstellen gibt, beispielsweise Apotheken, ambulante Pflegedienste und Physiotherapien sowie ehrenamtliche DRK-Teams und Teams von anderen Hilfsorganisationen, bei denen die Menschen Schnelltests durchführen lassen können.

Eine flächendeckende Testung sei unverzichtbar, um die Zeit bis zur Einführung der Corona-Impfung zu überbrücken, damit die Menschen besser geschützt sind, sagt sie. "Wir können nicht ständig einen derart massiven Lockdown durchführen. Das ist dauerhaft nicht stemmbar." Es brauche vernünftige Konzepte für die Zukunft, um das Infektionsrisiko zu senken, damit die Fallzahlen nicht immer wieder erneut steigen. "Die Schnelltests sind ein bedeutender Bestandteil."

Verwendete Quellen:
  • Gespräch mit Lisa Federle
  • Ärzteblatt
  • DRK Tübingen
  • Nachrichtenagentur dpa
  • Eigene Recherche
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Ulla Popkentchibo.deOTTOmyToysbonprix.deLIDLBabistadouglas.deXXXLutz

shopping-portal