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Vergesslichkeit und Multitasking: Besteht ein Zusammenhang?

INTERVIEWExpertin erklärt Zusammenhänge  

Multitasking und Vergesslichkeit: Was im Gehirn passiert

Ann-Kathrin Landzettel

14.04.2021, 10:45 Uhr
Vergesslichkeit und Multitasking: Besteht ein Zusammenhang?. Reifere Frau: Wer viele Aufgaben gleichzeitig bewältigen muss, gerät in Stress. (Quelle: imago images/Panthermedia)

Reifere Frau: Wer viele Aufgaben gleichzeitig bewältigen muss, gerät in Stress. (Quelle: Panthermedia/imago images)

Schlüssel verlegt, Termin vergessen, Präsentation nicht abgeschickt: Vergesslichkeit im Alltag kennen viele, ebenso Konzentrationsschwäche. Vor allem in stressigen Situationen scheint das Gehirn an Merkfähigkeit einzubüßen.

Zwar ist unser Gehirn ein wahrer Meister im Multitasking, doch Stress und vor allem negative Emotionen können ihm erheblich zusetzen. Wie  Stress das Denkvermögen beeinflusst und ob Multitasking vergesslich macht, erklärt Dr. Sabine Köhler, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in Jena sowie Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Nervenärzte (BVDN), im Gespräch mit t-online.

t-online: Frau Dr. Köhler, was macht unser Gehirn mit den vielen Informationen, die ständig auf es einströmen?

Frau Dr. Sabine Köhler: Das Gehirn hat gelernt, mit der Informationsflut umzugehen. Es ist in der Lage aus der Fülle an Informationen Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und die Informationen zu strukturieren. Das passiert unbewusst und schnell. Abhängig von der Brisanz der Information, wird sie oberflächlicher abgespeichert oder tiefer ins Arbeitsgedächtnis geleitet. Unser Gehirn ist quasi ein Multitasking-Meister.

 (Quelle: privat) (Quelle: privat)Dr. Sabine Köhler ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in Jena sowie Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Nervenärzte (BVDN).

Woher weiß das Gehirn, was wichtig ist und was nicht?

Das Gehirn arbeitet mit Erfahrungen und mit Instinkten. Besonders stark bleiben Situationen in Erinnerung, die emotional aufgeladen sind und uns berühren – kurzzeitig, aber auch langfristig. Dazu gehören Emotionen wie Liebe und Freude ebenso wie Angst und Schrecken.

Für eine Mutter beispielsweise dürfte das Versenden einer E-Mail weniger Priorität haben als das Abholen des Kindes vom Kindergarten. An den ersten Kuss dürften sich die meisten erinnern. Auch was sie am 11. September 2001 gemacht haben, als die Nachricht der Terroranschläge kam, wissen viele Menschen noch. Alles, was uns emotional berührt, also eine große Wertigkeit für uns hat, bleibt lange im Gedächtnis. Was für deinen einen bedeutsam ist, muss es aber nicht zwangsläufig für einen anderen sein.

Was passiert, wenn zu viel Informationen auf das Gehirn einströmen, etwa am Arbeitsplatz?

Auch im beruflichen Alltag filtert das Gehirn unablässig, welche Informationen wichtig sind und welche weniger. Das Gehirn organisiert und strukturiert Informationen blitzschnell, so dass sie zur gegebenen Zeit wieder abgerufen werden können. Das funktioniert bei den meisten Menschen gut, bei einigen sogar sehr gut. Nur so können wir unseren Alltag bewältigen.

Macht Multitasking vergesslich?

Das kann man pauschal nicht sagen. Multitasking ist eine große Stärke des Menschen. Das Gehirn ist darauf trainiert. Allerdings gibt es Menschen, die sich mit Multitasking schwertun und die besser und effizienter arbeiten, wenn sie die Dinge nacheinander erledigen.

Ein Grund ist negativer Stress. Wer sich gestresst und überfordert fühlt, wird eher etwas vergessen. Es ist also nicht allein eine Überforderung des Gehirns an sich, sondern eine emotionale Überforderung, die sich negativ auf die Gehirnleistung auswirkt.

Unsere Emotionen sind also ein größerer Einflussfaktor als eine zu große Informationsflut?

Emotionen wirken auf das Gehirn immer stärker als reine Sachinformationen. Nehmen wir die beiden sehr starken Emotionen Angst und Schreck. Das Gehirn ist dann in einem Alarmzustand. Es fokussiert sich auf die als bedrohlich empfundene Situation. In diesem Moment ist nicht mehr viel Speicherkapazität übrig für andere Einflussgrößen.

Nach sehr schlimmen Erfahrungen, sogenannten Traumata, ist das Gehirn sogar in der Lage, die verstörende Situation für eine gewisse Zeit komplett zu verdrängen – als Selbstschutz. Das ist ein eigener großer Themenbereich. Als positives Beispiel ist Verliebtsein zu nennen. Die sogenannte rosarote Brille kann ebenfalls dazu führen, dass wir vergesslicher sind als sonst.  

Was macht Stress mit dem Gehirn?

Stress ist eine emotionale Einflussgröße. Besonders negativ empfundener Stress erzeugt einen Cocktail verschiedener Stresshormone, darunter Adrenalin und Cortisol. In einer solchen Belastungssituation kommt es häufiger vor, dass Dinge vergessen gehen. Wann der Punkt der Überforderung erreicht ist, ist bei jedem Menschen anders.

Stress kann nicht nur akut sein, sondern auch über längere Phasen hinweg bestehen. Ein Mensch, der einen Angehörigen verloren hat, mitten in der Scheidung steckt oder eine andere Lebenskrise durchlebt, wird weniger Merkfähigkeit aufweisen als in Zeiten, in denen es ihm gut geht.

Woran liegt das?

Der emotionale Fokus liegt auf der belastenden Situation. Auch bestimmte psychische Erkrankungen wie Depressionen, Schizophrenie und Angststörungen können mit Vergesslichkeit sowie einer Verlangsamung des Denkens verbunden sein. Sie bedeuten für die Betroffenen nicht nur emotionalen Stress, sondern wirken auch auf den Hirnstoffwechsel ein.

Kann Stress im Alltag, sei es akuter Stress auf der Arbeit oder emotionaler Stress aufgrund belastender Lebenssituationen, das Risiko für eine spätere Demenz erhöhen?

Nein. Die durch Alltagsstress verursachte Vergesslichkeit steht nicht in Verbindung mit einer Demenz wie Alzheimer. Das Gehirn wird nicht aufgrund einer Reizüberflutung eine Demenz entwickeln. Da spielen andere Faktoren eine Rolle, etwa Eiweißablagerungen im Gehirn.

Es ist sogar so, dass Menschen, die gut mit Stress und Multitasking zurechtkommen, eine Demenz länger kaschieren können. Eben weil das Gehirn recht lange ausgleichen kann. Allerdings gibt es auch Hinweise auf einen Zusammenhang von krankheitsbedingter Veränderung des Hirn-Stoffwechsels, wie zum Beispiel bei depressiven Erkrankungen, und dem Entstehen einer Demenzerkrankung.

Wie können wir unsere Merkfähigkeit trainieren?

Das Gehirn ist aufnahmefähiger, wenn in uns Ausgeglichenheit und Ruhe vorherrschen. Wer seinem Gehirn Pausen gönnt, etwa im Rahmen einer Meditation oder beim Yoga, unterstützt seine Merkfähigkeit. Das Gehirn ist dabei nur auf eine Sache konzentriert. Diese "Reizpause" entlastet die Arbeitsspeicher im Kopf, räumt auf und schafft Platz für Neues.

Können Kreuzworträtsel und Sudokus unsere Merkfähigkeit stärken?

Die Merkfähigkeit des Gehirns wird vor allem dann trainiert, wenn wir Neues lernen. Wer eine neue Sprache lernt, trainiert sein Gehirn gut. Wer beim Kreuzworträtsellösen nachschaut, wenn er etwas nicht weiß, trainiert sein Gehirn ebenfalls. Auch Sudokus sind ein gutes Gehirntraining. Was dem Gehirn nichts bringt, sind Routinen. Wer beim Kreuzworträtsel immer nur die Felder ausfüllt, die er schon kennt, hat keinen Lerneffekt. 

Frau Dr. Köhler, vielen Dank für das Gespräch.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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