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Corona-Impfstrategie: Forscher warnen vor Generation chronischer Kranker

Debatte um Impfstrategie  

Forscher warnen vor einer Generation chronisch Kranker

Von Christiane Braunsdorf

12.07.2021, 15:02 Uhr
Corona-Impfstrategie: Forscher warnen vor Generation chronischer Kranker. Corona-Impfung: Sollten auch Kinder den Piks bekommen? (Quelle: dpa/Robin Utrecht/picture alliance)

Corona-Impfung: Sollten auch Kinder den Piks bekommen? (Quelle: Robin Utrecht/picture alliance/dpa)

Die Debatte über die Impfung von Kindern und Jugendlichen reißt nicht ab. Experten warnen vor der Durchseuchungsstrategie in der jungen Generation. Die Langzeitschäden könnten gravierend sein.

Über 42 Prozent der Deutschen sind vollständig gegen das Coronavirus geimpft. Doch in der Altersgruppe der unter 18-Jährigen sind es nur 1,5 Prozent. Zwar ist das Biontech-Vakzin auch für 12- bis 17-Jährige EU-weit zugelassen, doch die deutsche Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die Impfung in dieser Altersklasse nur bei Kindern mit Vorerkrankungen. In den USA und Kanada zum Beispiel werden Kinder ab zwölf Jahren bereits regulär geimpft.

Ohne Impfschutz droht vor allem die ansteckendere Delta-Variante nach den Sommerferien in den Schulen ein Problem zu werden. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnt vor einer Durchseuchung der Kinder, wenn sie nach den Ferien in die Klassen zurückkehren. 

Was ist über Corona-Infektionen bei Kindern bekannt?

Dazu teilt das Robert Koch-Institut (RKI) mit: "Im Gegensatz zu Erwachsenen, insbesondere älteren Erwachsenen, verlaufen die SARS-CoV-2-Infektionen bei 12- bis 17-Jährigen überwiegend mild bis moderat, häufig sogar asymptomatisch. Etwa 1 % der Kinder und Jugendlichen, die an Covid-19 erkranken, muss ins Krankenhaus, etwa 0,001 % verstirbt. Bisher kam es in Deutschland nur zu sehr wenigen Todesfällen und diese traten auch nur bei Kindern mit sehr schweren Vorerkrankungen auf."

Heißt: Die akute Infektion verläuft bei Kindern in der Regel harmlos oder mild.

Knackpunkt Long-Covid

Von Long-Covid sprechen Mediziner, wenn noch lange nach einer Infektion mit dem Coronavirus teils erhebliche Beschwerden bei den Patienten zu beobachten sind. Die Symptome sind vielfältig: Erschöpfung und geringe Belastbarkeit ("Fatigue-Syndrom"), Muskelschmerzen, Atemnot, Depressionen und Angstzustände zählen dazu.

Aber auch neurologische Probleme (wie Gedächtnis- und Wortfindungsstörungen), Geschmacks- und Geruchsveränderungen, Seh- und Höreinschränkungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Beeinträchtigungen des Magen-Darm-Trakts sind möglich.

In schweren Fällen tritt das sogenannte PIMS auf (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome), eine Multi-Entzündungserkrankung bei Kindern. Vermutet wird eine Überreaktion des Immunsystems gegen das Coronavirus. Zwei bis vier Wochen nach der Corona-Infektion setzt Fieber ein, es kommt unter anderem zu Hautausschlag, entzündeten Schleimhäuten, Übelkeit und Erbrechen sowie starken Bauchschmerzen. Diese Spätfolge ist allerdings sehr selten. Laut RKI betrifft PIMS in der Altersgruppe der 12- bis 17-Jährigen schätzungsweise 0,04 % der Kinder mit einer Corona-Infektion.

Kaum verlässliche Daten

Über die Verbreitung anderer Spät- und Langzeitfolgen bei Kindern ist nur wenig bekannt. Eine Studie des britischen Office for National Statistics weist den Anteil der Kinder, die fünf Wochen nach einer Infektion noch mindestens ein Symptom zeigen (zum Beispiel Fieber oder Husten), in der Altersgruppe der Zwei- bis Elfjährigen mit knapp 13 Prozent aus. Bei den 12- bis 16-Jährigen sind es 14,5 Prozent.

Eine aktuelle Studie aus Russland ergab, dass sogar über 24 Prozent der Kinder im mittleren Alter von zehn Jahren auch noch acht Monate nach ihrer Infektion unter Beschwerden wie Müdigkeit, Schlafstörungen, Geruchs- oder Geschmacksverlust litten.

Der Leiter der Long-Covid-Ambulanz für Kinder an der Universität Jena, Daniel Vilser, erklärte in den ARD-Tagesthemen: "Die Gefahr für Kinder wird unterschätzt." Und: "Je mehr Kinder sich infizieren, desto mehr Langzeitfolgen werden wir sehen."

"Wir müssen unsere jungen Menschen schützen"

Noch drastischer drücken es britische Wissenschaftler aus. Im Fachmagazin "The Lancet" fordern sie, die britischen Pläne, ab 19. Juli alle Anti-Corona-Maßnahmen aufzuheben, aufzuschieben. Die Publikation trägt den Titel "Masseninfektion ist keine Option: Wir müssen mehr tun, um unsere jungen Menschen zu schützen".

Darin warnen sie eindringlich vor einer Generation chronisch Kranker, sollte die Strategie der Durchseuchung angewandt werden. Denn die meisten der in Großbritannien bislang Ungeimpften sind Kinder. Dass eine Corona-Infektion auch für sie schlimme Folgen haben kann, hat die Regierung bereits verstanden: Auf der Insel entstehen 15 neue Kliniken, um Kinder und Jugendliche mit Long-Covid behandeln zu können. Etwa 30.000 Kinder sollen dort von den Corona-Spätfolgen betroffen sein.   

Maskentragen und Tests beibehalten

Droht das auch in Deutschland? Michael Meyer-Hermann, Leiter der Abteilung für System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, warnte in der ZDF-Sendung "heute": "Eine Durchseuchung der Jugend in Kauf zu nehmen, darf keine Option sein. Ich frage mich, ob unsere Jugend, nachdem sie uns Erwachsene und die ältere Bevölkerung durch ihr rücksichtsvolles Verhalten geschützt hat, es wirklich verdient hat, dass man sie jetzt mit Corona durchseucht. Haben wir nicht eine Verantwortung für unsere Jugend?"

Und auch seine Kollegin Melanie Brinkmann vom Braunschweiger Helmholtz-Institut für Infektionsforschung prognostiziert: "Die Delta-Variante wird nach den Sommerferien sehr schnell durch die Schulen rauschen, wenn wir keine Vorsorge treffen." Sie plädiert für weiteres Maskentragen und den vermehrten Einsatz von Schnell- bzw. gepoolten PCR-Tests ("Lollitests"). 

Karl Lauterbach twitterte: "Die Kinder haben über ein Jahr Erwachsene geschützt und viel aufgegeben. Jetzt überlässt man sie der Delta-Durchseuchung. Das ist nicht fair." 

Verwendete Quellen:

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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