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Virologe Kekulé warnt: Wir haben eine unsichtbare Welle der Geimpften


"Es gibt eine unsichtbare Welle der Geimpften"

Von Christiane Braunsdorf

Aktualisiert am 08.09.2021Lesedauer: 6 Min.
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Virologe Alexander Kekulé: "Herdenimmunität wird es nicht geben."
Virologe Alexander Kekulé: "Herdenimmunität wird es nicht geben." (Quelle: IMAGO / Horst Galuschka)
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Etwa 62 Prozent der Deutschen sind vollständig geimpft – nicht genug, um die vierte Corona-Welle abzuwehren. Jetzt warnt Alexander Kekulé eindringlich auch vor Geimpften als Virusüberträgern.

Als die Corona-Impfstoffe entwickelt wurden, sollten sie vor allem vor schweren Krankheitsverläufen und Todesfällen nach der Infektion mit dem Coronavirus schützen. Dieses Versprechen lösen sie ein, die Wirksamkeit in Bezug auf die Verhinderung von Hospitalisierungen liegt bei den meisten der vier zugelassenen Vakzine bei über 90 Prozent. Bekannt ist, dass die Impfungen weniger gut vor einer Infektion schützen, vor allem bei der derzeit dominierenden ansteckenderen Delta-Variante des Virus. Das könnte sich jetzt im Herbst zu einem großen Problem in der Pandemie-Bekämpfung entwickeln, erklärt der Virologe Alexander Kekulé von der Universität Halle im Gespräch mit t-online.


Coronavirus: An diesen Orten lauert das größte Risiko

In der Bahn, im Restaurant und auch zu Hause – wo sich Menschen auf engem Raum befinden, kann sich das Coronavirus leicht ausbreiten. Unsere Fotoshow zeigt, welche Situationen besonders riskant sind.
Bahn: Öffentliche Verkehrsmittel wie Busse oder Bahnen sind ebenfalls mögliche Infektionsquellen. Hier treffen viele Menschen auf engem Raum aufeinander. Schutzmaßnahmen wie Abstand halten und das Tragen einer Gesichtsmaske können das Ansteckungsrisiko minimieren – sofern sich alle daran halten.
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t-online: Herr Kekulé, wie beurteilen Sie die vierte Welle, die jetzt im Herbst auf uns zukommen wird?

Alexander Kekulé: Was die Belastung des Gesundheitssystems angeht, können wir in diesem Herbst in den gelben bis grünen Bereich kommen. Durch die Impfungen haben wir die Erkrankungen von Risikopersonen schon recht gut im Griff. Bei den Älteren sind mehr als 85 Prozent mindestens einmal geimpft, sie sind vor schweren Verläufen und vor allem vor dem Sterben weitgehend geschützt.

Damit wird es eine Überlastung der Intensivstationen in diesem Herbst aller Voraussicht nach nicht geben. Auch bei denjenigen Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren, die aufgrund bestehender Vorerkrankungen ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe haben, ist die Impfquote gut.

Die Impfquote steigt derzeit aber nur noch langsam. Woran liegt das und was könnte man dagegen tun?

Damit die Inzidenz im Herbst nicht unkontrolliert in die Höhe schießt, müssen sich noch mehr Erwachsene impfen lassen. Leider ist gar nicht genau bekannt, welche Bevölkerungsteile man mit dem Impfangebot nicht erreicht hat. Das müsste man genauer untersuchen und dann gezielt Überzeugungsarbeit leisten. Das ist aufwendig, aber dringend notwendig.

Hier gilt die bekannte 80-20-Regel: Der Aufwand für die ersten 80 Prozent ist genauso hoch wie der für 80 Prozent der verbleibenden Gruppe und so weiter. Statt wie der Gesundheitsminister es nun plant, 80 Millionen Impfdosen einzulagern, sollten Konzepte entwickelt werden, um auch bisher Unentschlossene oder Unbedarfte anzusprechen und zu überzeugen. Vor allem in Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern, Schulen und Kitas sollte das Personal möglichst vollständig geimpft sein.

(Quelle: Future Image)



Alexander Kekulé ist Professor für Medizinische Mikrobiologie und Virologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. In der Corona-Pandemie machten ihn zahlreiche TV-Auftritte so wie sein MDR-Podcast "Kekulés Corona-Kompass" bekannt.

Mit der bisherigen Impfquote erreichen wir im Herbst nicht die viel beschworene Herdenimmunität…

Eine Herdenimmunität wird es sowieso nicht geben. Das war von Anfang an eine Illusion, weil sich diese Coronaviren ständig verändern. Aus diesem Grund sehen wir ja schon seit einiger Zeit, dass die Impfstoffe zwar gut vor schweren Krankheitsverläufen und Tod, aber insbesondere bei den neuen Varianten nur ungenügend vor der Infektion schützen. Hier liegt die Wirksamkeit der Vakzine bei 50 bis 70 Prozent, das heißt von zehn Geimpften können sich drei bis vier oder vielleicht sogar fünf mit dem Coronavirus infizieren und das Virus auch weitertragen. Einige von ihnen sind wahrscheinlich zumindest für eine kurze Zeit genauso ansteckend wie Ungeimpfte. Doch diese Infektionen sind unsichtbar wie Tarnkappenbomber.

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Was meinen Sie damit?

Geimpfte sind von der Testpflicht weitgehend befreit. Damit fällt es schwer, diese oft asymptomatisch Infizierten herauszufiltern. Ihnen hat man ja versprochen, die Impfungen würden das normale Leben zurückbringen. Der Fernsehspot des Bundesgesundheitsministeriums wirbt ja sogar mit Bildern voller Musikkonzerte und Fußballstadien für die Impfung. Das vermittelt das falsche Versprechen, mit der Impfung wären wir nicht mehr ansteckend und die Pandemie wäre dann vorbei.

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Die Konsequenz: Infizieren sich Geimpfte, dann tippen sie bei Krankheitssymptomen eher auf eine Erkältung als auf eine Corona-Infektion. Denn die können sie ja nicht haben, sie sind ja geimpft. Also lassen sie sich auch nicht testen. Und damit bleiben die Infektionen unerkannt.

Neben der vielbeschworenen Welle der Ungeimpften gibt es auch eine unsichtbare Welle der Geimpften. Die Bundesregierung und ihre Berater sollten klar kommunizieren: Ohne Maske und Abstand können sich auch Geimpfte mit dem Coronavirus anstecken. Die amerikanische Seuchenschutzbehörde hat das erkannt und empfiehlt jetzt auch eine Maskenpflicht für Geimpfte. Zu behaupten, Geimpfte spielten für die Entwicklung der Pandemie keine Rolle mehr, wie dies vom Robert Koch-Institut verbreitet wird, ist einfach falsch.

Das würde aber auch bedeuten, dass wir die Testpflicht für alle aufrechterhalten müssten?

Das kommt auf die Situation an. Medizinisches Personal, Lehrer und Kita-Betreuer müssen regelmäßig getestet werden, wenn sie sich partout nicht impfen lassen wollen. In den meisten anderen Lebensbereichen geht es ja um den Zutritt zu freiwilligen Veranstaltungen, etwa im Restaurant oder beim Frisör. Hier ist die 3G-Regel sinnvoll, wenn zugleich durch entsprechende Registrierung die Nachverfolgung im Falle eines Ausbruchs sichergestellt wird.

Schnelltests gegen Corona: Kekulé fordert, sie weiter kostenlos anzubieten.
Schnelltests gegen Corona: Kekulé fordert, sie weiter kostenlos anzubieten. (Quelle: picture-alliance / ANP/dpa/dpa-bilder)

Die Tests sollten meines Erachtens auch kostenlos bleiben. Menschen mit einem intensiven Sozialleben wird es ohnehin früher oder später auf die Nerven gehen, sich täglich testen zu lassen. Diejenigen, die trotz allem keine Impfung wollen, müssen jederzeit und gratis Zugang zu den Tests haben, sonst erkennen wir die Infektionen nicht mehr. Dies ist übrigens auch einer der Gründe, warum ich die in Hamburg eingeführte 2G-Regel nicht für sinnvoll halte.

Sie sind dann auch gegen eine Impfpflicht?

Ja, weil hartnäckige Impfgegner immer einen Weg finden, sich der Impfpflicht zu entziehen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass dieses Thema hinter den Kulissen bereits diskutiert wird und nach der Bundestagswahl auf den Tisch kommt, wenn die Inzidenz wieder massiv ansteigt. Wir würden damit eine Spaltung der Gesellschaft riskieren, und die können wir in der Pandemie am wenigsten gebrauchen.

Wenn Geimpfte sich zwar infizieren können, selbst aber nicht schwer erkranken, dann sind ja diejenigen gefährdet, die ungeimpft sind…

Ja und vor allem die, die sich nicht impfen lassen können. Und das sind derzeit insbesondere die Kinder. Wir werden wieder Ausbrüche an Schulen sehen und ich gehe auch davon aus, dass es wieder zu Schulschließungen kommen wird.

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Aber Kinder erkranken doch in der Regel nicht schwer …

Das ist richtig, Covid ist für Kinder und Jugendliche in aller Regel harmlos. Trotzdem kann der Staat von Eltern nicht verlangen, dass sie ihre Kinder bei einem Ausbruch weiter in die Schule schicken und die Infektion als allgemeines Lebensrisiko in Kauf nehmen. Dafür kennen wir das Virus noch nicht gut genug, wir wissen zu wenig über seine langfristigen Folgen.

Deshalb wird es wieder Schulschließungen geben, wenn wir die Inzidenz einfach laufen lassen: Nicht die Krankheit selbst, sondern die indirekten Folgen der Gegenmaßnahmen sind die größte Gefahr für die Kinder. Diese sekundären, psychischen und sozialen Kollateralschäden hatte übrigens auch die Stiko im Blick, als sie die Impfung für zwölf- bis 17-Jährige empfahl.

Die neuen Konzepte, die vorsehen, dass nach einem positiven Corona-Test nur das betroffene Kind oder der Lehrer in Quarantäne geht und nicht die ganze Klasse, halte ich deshalb für gefährlich. Die Delta-Variante ist so infektiös, dass wahrscheinlich häufig bereits weitere Kinder angesteckt sind. So kommt es zu Ausbrüchen, die nicht oder zu spät erkannt werden und nicht mehr kontrollierbar sind. Wir müssen verhindern, dass im Herbst ein viraler Sturm die Schulen lahmlegt.

Welche Inzidenzen können wir uns erlauben ohne striktere Gegenmaßnahmen, bevor die Krankenhäuser dann vielleicht doch wieder an ihre Belastbarkeitsgrenze stoßen?

Das wissen wir recht gut von der Entwicklung in Großbritannien, wo man im Juli fast alle Maßnahmen aufgehoben hat. Die Impfungen bewirken bei gleicher Inzidenz etwa eine zehnfache Verringerung der schweren Erkrankungen. Wir könnten uns also theoretisch zehnmal so viele Infektionen wie früher erlauben, ohne die Krankenhäuser zu überlasten. Bei der Inzidenz gilt dann: 500 ist die neue 50. Das ist aber natürlich nur eine grobe Schätzung, diese Grenze sollten wir nicht absichtlich austesten.

Aber da stößt doch die Kontaktnachverfolgung an ihre Grenzen …

Ja, auch deshalb wäre es ein Fehler, einfach die Schleusen zu öffnen und es darauf ankommen zu lassen.

Corona-Impfstoffe: Welcher Hersteller bringt die zweite Generation an den Start?
Corona-Impfstoffe: Welcher Hersteller bringt die zweite Generation an den Start? (Quelle: picture alliance/dpa | Marcus Brandt/dpa-bilder)

Haben wir vielleicht einfach die falschen Impfstoffe? Wäre es nicht besser, Vakzine zu haben, die auch vor der Infektion schützen?

Wir haben nicht die falschen Impfstoffe, aber es gäbe vielleicht bessere. Wichtig wäre es, das Virus bereits in den oberen Atemwegen zu stoppen, bevor es tiefer in den Körper eindringen kann. In der Entwicklung sind Impfungen per Nasenspray, die eine Schleimhautimmunität erzeugen und dadurch das Einfallstor des Virus verschließen. Aber auch mit solchen Impfstoffen ist es fraglich, ob eine sogenannte sterile Immunität erreicht werden kann, bei der jede Infektion zuverlässig verhindert wird. Dafür verändert sich das Coronavirus einfach zu schnell und die Immunabwehr auf den Schleimhäuten ist nie perfekt.

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Die mRNA-Impfstoffe wurden besonders gelobt, weil sie so schnell modellierbar auf Virusvarianten wären. Wann kommt denn der Delta-Impfstoff?

Bei Biontech ist man jetzt erst mal einen anderen Weg gegangen und testet eine dritte Impfung mit der gleichen Vakzine, insbesondere für Ältere und Personen mit einer schwachen Immunantwort. Meines Erachtens wäre es wichtig, zunächst genauer zu untersuchen, für wen sich der dritte Piks wirklich lohnt und wie lange die dann verbesserte Immunität anhält. Früher oder später werden wir um den Covid-Impfstoff 2.0 jedoch nicht herumkommen. Das Virus entwickelt seine Waffen ständig weiter, da stehen wir sonst eines Tages mit veraltetem Arsenal auf dem Schlachtfeld.

Herr Kekulé, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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Verwendete Quellen
  • Interview mit Alexander Kekulé
  • Eigene Recherche
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