Sie sind hier: Home > Nachhaltigkeit > Klima & Umwelt >

Ex-ZDF-Meteorologe: "Das ist eine Jahrhundertflut"

INTERVIEWEx-ZDF-Meteorologe  

"Das ist eine Jahrhundertflut – und nicht die letzte"

15.07.2021, 20:50 Uhr
Videos zeigen: So verwüstet Tief "Bernd" den Westen Deutschlands

Tote in überfluteten Kellern, eingestürzte Häuser, Wassermassen in den Straßen: Starkregen und Unwetter haben besonders NRW und Rheinland-Pfalz hart getroffen. Videos zeigen das Ausmaß der Verwüstung. (Quelle: t-online)

Eingestürzte Häuser, Wassermassen in den Straßen: Diese Videoaufnahmen zeigen das Ausmaß der Verwüstung im Westen Deutschlands durch Tief "Bernd". (Quelle: t-online)


Eine lange nicht dagewesene Katastrophe erschüttert Deutschland – eine Jahrhundertflut. Wie konnte es dazu kommen? Der ehemalige ZDF-Meteorologe Gunther Tiersch erklärt das Phänomen.

Wenn Wetter-Experte Dr. Gunther Tiersch an die Zukunft denkt, bekommt er Gänsehaut. In wenigen Jahren wird sich das Klima noch weiter verändern, sagt er. Eine Flutkatastrophe wie die, mit der Deutschland seit zwei Tagen kämpft, sei erst der Anfang. Der 67-Jährige beschäftigt sich seit mehr als 50 Jahren mit dem Wetter. Für das ZDF stand er Jahrzehnte als Meteorologe vor der Kamera.

Mit t-online sprach er nun über die Klimakrise, wie die "Jahrhundertflut" durch Sturmtief Bernd entstand und was die Menschheit jetzt daraus lernen muss. 

t-online: In Deutschland hat es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder extreme Wetterlagen gegeben. 1997 das Oderhochwasser, 2002 stiegen die Pegel von Elbe und Donau enorm an. Wie hat sich die Lage jetzt zugespitzt?

Gunther Tiersch: Die extremen Wetterlagen sind ja vor allem Dürre, Hitze und Starkniederschläge. Sie entstehen bei uns meist, wenn sich Tiefdruckgebiete über den Alpen oder am Mittelmeer bilden und dann Richtung Nordosten ziehen. Da hat man über Osteuropa enorme Hitze, die dann auf kühlere Luft in Mitteleuropa trifft. Das ist eine Explosion von Wolken und Feuchtigkeit, die sich dann ausregnet.

Ist die derzeitige Groß-Wetterlage in Deutschland so entstanden?

So ist es. Ich kann mich auch noch gut erinnern – vor einigen Jahren im Hitzesommer hatten wir auch enorme Niederschläge im Südwesten, in Hunsrück und in der Eifel. Das war sehr extrem, danach begann die große Trockenheit. Das ist immer ein Muster. 

Gunther Tiersch (Meteorologe) bei der Aufzeichnung der ZDF Talkshow Markus Lanz in den Fernsehmacherstudios in Hamburg. (Quelle: imago images/Michael Wigglesworth)Gunther Tiersch (Meteorologe) bei der Aufzeichnung der ZDF Talkshow Markus Lanz in den Fernsehmacherstudios in Hamburg. (Quelle: Michael Wigglesworth/imago images)

Wie meinen Sie das?

Norddeutschlandist bei diesen extremen Wetterlagen immer sehr trocken, wenn es nicht so kommt wie etwa 2002 an der Oder. Bei so einer Trockenheit hat man enorme Niederschläge im Südwesten. Das zentrale Tief ist folglich über Mitteleuropa. Daraus entstehen solche extremen Lagen wie jetzt auch. 

Gibt es Regionen, in denen solche Wetterlagen gefährlicher werden?

Ja, die gibt es. In Nordrhein-Westfalen ist es besonders schlimm. Da gibt es viel mehr Wasser, was zusammenläuft. Weil es bergig ist, läuft das Wasser die Hänge hinunter, in die kleineren Bäche. Das werden dann reißende Flüsse. Das macht das Ganze so gefährlich. Bei katastrophalen Lagen, wie etwa auch in den Westalpen in Frankreich und der Schweiz – immer da, wo Wasser zusammenlaufen kann – entstehen diese verheerenden Gewalten, die auch Häuser zerstören.

Überschwemmung: Bei einer Überschwemmung erhöhen sich die Wasserstände von Flüssen und Seen der betroffenen Region derart, dass Dämme und Ufer überspült werden. Dabei ergießen sich die Wassermassen über die tiefer liegenden Gebiete in der Nähe der Gewässer. Meistens wird eine Überschwemmung durch länger anhaltende intensive Regenfälle oder plötzliche Starkregenunwetter ausgelöst. Sobald der Boden gesättigt ist und kein Wasser mehr aufnehmen kann, gelangt das Regenwasser in Bäche und Flüsse, welche die Wassermassen nicht rasch genug abfließen lassen können. (DWD)

Kann man bei dieser Katastrophe von einer Jahrhundertflut sprechen?

Das kann man sicherlich. Das ist eine Jahrhundertflut und sicher nicht die letzte. Sowas kommt normalerweise nur alle 100 Jahre in diesem Maße vor. Nun muss man festhalten: Das stimmt so eigentlich nicht mehr. Das Klima hat sich in den vergangenen 20 Jahren dramatisch verändert. Solche lokalbedingten Fluten treten in diesem Zeitraum in Mitteleuropa öfter auf als zuvor. 

Was bedeutet diese Entwicklung langfristig?

Vor 15 Jahren konnte sich niemand vorstellen, dass in einer Stunde mal 100 Liter Wasser auf den Quadratmeter fallen. Das kann auch keine Kanalisation mehr aufnehmen, der Regen kann nicht mehr wegtransportiert werden. In einigen Städten sind Ausgleichsflächen bereits in Planung. Die Dachentwässerung soll nicht mehr in die Kanalisation entweichen, sondern soll auf Parks und Spielplätze umgeleitet werden, wo das Wasser versickern kann. Anders können sich die Städte den Regenmengen nicht mehr entgegenstellen. 

Wie haben sich die Extremwetterlagen in den vergangenen 15 Jahren noch verändert?

Die Regenmengen in kurzer Zeit werden nicht nur häufiger. Es kommen auch windschwache Wetterlagen hinzu. Entsteht ein Gewitter, zieht es nicht oder nur sehr langsam weiter. Es bleibt lange an einem Ort und regnet sich über Stunden aus. 

Woran liegt das?

Das ist schwer zu sagen. Ein Zentraltief über Mitteleuropa gibt es nicht oft im Sommer, aber die häufigere Entstehung dieser Wetterlage in den letzten Jahren ist mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Klimawandel geschuldet. Es ist wärmer geworden und daraus ergeben sich schnell größere Temperaturunterschiede und die bedingen dann unter Umständen diese Tiefdruckgebiete.


Wenn man das große Ganze – die weltweite Klimakrise – betrachtet, wie hängt das zusammen?

Durch den Klimawandel haben wir ein Abtauen des arktischen Eises. Das heißt die Arktis erwärmt sich viel schneller als unsere Breiten. Und dadurch haben wir eine Abschwächung der Westwindzone. Wir haben also viel häufiger Nord- und Südkomponenten in der Luftströmung. Das ist verheerend, weil man mit Nordwinden ein anderes Extrem hat – da wird es kalt. Gibt es eine Südströmung, hat man viel mehr Hitze oder auch Dürre. Die Extreme sind also schon dadurch angestiegen, dass wir eine Veränderung der Westwindzone haben. 

Welche Folgen hat das?

Mehr Extreme. Aus Süden kommt heißere Luft, über dem Mittelmeer saugt sie sich mit Wasserdampf voll. Das gab es früher seltener. Die Regengebiete zogen vom Atlantik schneller weiter nach Osten, danach wurde es besser. In diesem Jahr ziehen sie eben nicht mehr durch, hoher Luftdruck auch über Osteuropa verhindert das. Dadurch entstehen dann solche extremen Wettererscheinungen wie jetzt in NRW, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg.

Haben Sie Angst davor, wie sich das Klima weiter entwickelt?

Diese Extreme machen mir natürlich Angst und ich frage mich auch, ob ich mein Haus ausreichend gesichert habe. Was wird passieren, wenn es über meinem Ort solche Niederschläge gibt?

Ich mache mir allerdings noch mehr Gedanken über die Nachrichten aus Kanada und die dort gemessenen 50 Grad. Dass es in Finnland einen so heißen Sommer gibt, wie lange nicht mehr. Dass in Sibirien Rekordtemperaturen gemeldet werden. Die Frage ist: was wird passieren? Dieses Ereignis in Kanada ist ein tausendjähriges. Das ist eigentlich unvorstellbar.

Aus der Forschung wissen wir, dass diese Temperaturrekorde mit dem Klimawandel zusammenhängen. Aber man kann noch nicht genau sagen, wie die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und diesen Wettererscheinungen in Kanada sind. Man weiß, es ist ein Hochdruckgebiet, das wie eine Hitzeglocke funktioniert und tagelang liegenbleibt. Aber wie kommt es zu dieser enormen Hitzeentwicklung? Das sind noch gewisse Unsicherheiten, die die Forschung unbedingt noch klären muss.

Sie beobachten das weltweite Wetter seit Jahrzehnten. Macht Sie die langsame Entwicklung im Kampf gegen die Krise manchmal wütend?

Manchmal denke ich: Mein Gott, es wird immer wärmer und wir machen viel zu wenig dagegen. Unsere Gesellschaft bemüht sich, aber die politischen Rahmenbedingungen für die Umstellung auf eine nachhaltige, mit erneuerbaren Energien funktionierende Wirtschaft sind immer noch viel zu zaghaft. Das reicht noch nicht! Wir werden bis 2030 viel mehr Strom aus erneuerbaren Energien brauchen. Wie wollen wir das alles schaffen, wenn wir schon bei einem Preis von 20 Euro pro Tonne CO2 über die hohen Spritpreise klagen?

Ohne gewisse Opfer, aber natürlich auch mit einem sozialen Ausgleich, wird es nicht gehen. Die Maßnahmen müssen wohl noch viel massiver sein. Das Problem des Klimawandels ist ein weltweites Problem und kann grundsätzlich nur mit einer weltweiten Kooperation gelöst werden. Wir sind gezwungen zusammenzuarbeiten. Das ist eine Vision, die die Menschheit angehen muss. 

Verwendete Quellen:
  • Gespräch mit Gunther Tiersch am 15. Juli 2021

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Media Markttchibo.deOTTOWeltbildbonprix.deLIDLBabistadouglas.deMadeleine

shopping-portal

Hinweis:

Der Internet Explorer wird nicht länger von t-online unterstützt!

Um sicherer und schneller zu surfen, wechseln Sie jetzt auf einen aktuellen Browser.

Wir empfehlen unseren kostenlosen t-online-Browser: