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Deutscher in London über Brexit: "Befürworter wollen Argumente nicht hören"

INTERVIEWSo erlebt ein Deutscher das Brexit-Chaos in London  

"Brexit-Befürworter wollen Argumente nicht mehr hören"

Von Daniel Schreckenberg

18.01.2019, 08:38 Uhr
Deutscher in London über Brexit: "Befürworter wollen Argumente nicht hören". Toni Horn: Der Berliner lebt seit acht Jahren in London. Ihn treibt die Frage um, wie sich der Brexit auf seine berufliche und seine Lebenssituation auswirkt. (Quelle: getty images/t-online.de)

Toni Horn: Der Berliner lebt seit acht Jahren in London. Ihn treibt die Frage um, wie sich der Brexit auf seine berufliche und seine Lebenssituation auswirkt. (Quelle: getty images/t-online.de)

In Großbritannien herrscht das Brexit-Chaos. Mittendrin: der Deutsche Toni Horn. So erlebt er die Debatten um den britischen EU-Austritt.  

Das Brexit-Chaos in Großbritannien ist perfekt. Während das britische Parlament den EU-Deal von Premierministerin Theresa May krachend abschmettert, feiern vor dem Parlamentsgebäude in London hunderte Brexit-Supporter und Austrittsgegner auf der Straße ein Siegesfest. Toni Horn ist nicht zum Feiern zumute.

Der gebürtige Berliner lebt seit acht Jahren in der britischen Hauptstadt. Bereits im November hat er gegenüber t-online.de beschrieben, dass die Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt durch den Brexit zum größten Problem für alle Nicht-Briten in Großbritannien werden kann. Was passiert mit meinem Job? Habe ich es künftig schwerer, eine Anstellung zu finden? "Zwar sagt die Regierung, dass die, die schon länger hier leben und arbeiten, nichts zu befürchten haben. Aber ich weiß nicht, wie sich das entwickeln wird", sagte Horn damals. Denn: "Eine Sicherheit gibt es nicht." 

Wie es mit dem Brexit nun weitergeht, ist unsicherer denn je. Im Interview mit t-online.de erzählt Horn, wie er die momentane Situation in Großbritannien erlebt, wie festgefahren die Debatten über den Brexit in seinem Bekanntenkreis sind und wie er sich persönlich für einen ungeregelten EU-Austritt wappnet. 

Herr Horn, das politische Geschehen in Großbritannien nimmt in diesen Tagen absurde Züge an. Theresa Mays Brexit-Plan wird vom Parlament abgelehnt, die Premierministerin gleichzeitig von den Regierungsparteien gestützt – Ein Misstrauensvotum wird sie heute Abend sehr wahrscheinlich überstehen. Wie bewerten die Menschen in Großbritannien das Bild, das Parlament und Regierung abgeben? 

Toni Horn: Die Parteien in Großbritannien reden seit Monaten über mögliche Lösungen, die sie für den Austritt aus der EU haben, es kommt aber immer wieder das gleiche dabei heraus: Sie einigen sich nicht – Und das tun sie nun schon seit zwei Jahren so. Für uns, die in Großbritannien leben, bedeutet das: alles bleibt unklar.

Resigniert man, wenn man sich anschaut, wie die politischen Akteure handeln? 

Als normaler Bürger kann man einfach nicht viel machen. Als das erste Referendum abgehalten wurde, wussten viele Leute nicht genau, worum es eigentlich geht. Dazu wurden viele Wahllügen verbreitet. Jetzt weiß man, worum es geht, aber ein zweites Referendum ist kein Thema. Dabei wäre das bitter nötig. Es gehen momentan viele Memes – Scherzbilder – herum, die an das Brexit-Ergebnis erinnern: 51,9 zu 48,1 Prozent. In den letzten zwei Jahren wurde uns erzählt, Großbritannien hat mit einer überwältigenden Mehrheit für den Austritt gestimmt. Dann wird der Brexit-Vertrag im Parlament krachend abgelehnt. Mit ein, zwei Änderungen soll sich das jetzt ändern? Das steht alles in keiner Relation mehr.

Auf den Straßen feiern Brexit-Supporter und Austritts-Gegner gemeinsam die schwere Niederlage von May im Parlament. Wie nehmen Sie die Stimmung wahr?

Man bekommt von der Stimmung normalerweise nicht so viel mit. Lediglich auf ein paar Plätzen, wie etwa vor dem Parlament, gibt es solche Kundgebungen. Für die meisten Menschen ist das Thema allerdings so totgetreten, dass man sich eigentlich gar nicht mehr darüber unterhalten will. Wenn man das Thema bei Freunden anspricht, führt es zwangsläufig zu Frustration. Also lässt man es lieber.

Was erleben Sie, wenn Sie dann doch mit Brexit-Gegnern und Austritts-Befürwortern reden?

Die meisten meiner Freunde sind gegen den Austritt aus der EU gewesen. Ich habe auch einige Freunde, die damals für den Brexit gestimmt haben, mittlerweile aber sagen, dass der Verbleib in der EU doch die bessere Wahl wäre. Bei denjenigen, die jetzt immer noch für den Austritt sind, sind die Argumente sehr festgefahren. Ihre Sichtweise wird dadurch bestätigt, dass sich die EU und die europäischen Länder so unnachgiebig gegenüber Großbritannien zeigen. Für sie ist Brüssel an den momentanen Problemen Schuld, weil wir unsere Extrawurst nicht bekommen. Sie verstehen nicht, dass es einfach nicht geht, dass Großbritannien aus der EU aussteigt und gleichzeitig alles bekommt, was es haben will. Denn wie soll die EU reagieren? Würden sie weiter verhandeln, wäre das ein schlechtes Beispiel für alle anderen Länder, die auch überlegen, aus der Union auszusteigen. Doch das ist ein Argument, dass die Brexit-Befürworter nicht hören wollen.

Wie leidenschaftlich wird in Ihrem Bekanntenkreis noch zwischen Pro-Europäern und Brexit-Anhängern gestritten?

Die Debatten sind merklich zurückgegangen. Mittlerweile sagen einfach zu viele, dass man einfach in der EU bleiben sollte. Die meisten Leute sehen keinen Nutzen mehr in einem Austritt. Wenn es beispielsweise ums Reisen geht: Das Pfund hat während der ganzen Debatte merklich an Wert verloren, Reisen ins Ausland werden dementsprechend teurer. Über die letzten zwei Jahre sind so viele Dinge ans Licht gekommen: Beispielsweise, dass die durch den EU-Austritt gesparten Millionen eben nicht in das britische Gesundheitssystem fließen. Langsam wird den Menschen klar, dass es ihnen durch den Brexit nicht besser gehen wird. Und auch das Land an sich wird leiden: Großbritannien hatte im Ausland ein sehr hohes Ansehen. Die ganze Brexit-Debatte und das Bild, das die Politik seit zwei Jahren abgibt, haben dazu geführt, dass viele Leute nicht mehr gut auf das Vereinigte Königreich schauen.

Die Medien zeichnen ein Bild von Großbritannien als gespaltene Nation. Wie erleben Sie das?

Die ganze Debatte wird von den Medien immer wieder hochgekocht. Im Endeffekt hat aber nur ein Bruchteil der Bevölkerung für einen Austritt gestimmt. Ich wohne in London, hier waren sowieso die meisten Menschen für den Verbleib in der EU. Von einer Spaltung bekomme ich daher nicht viel mit. Klar, das Thema ist wichtig, die Menschen in London wollen aber nicht mehr nur über Politik reden: Wenn man sich mit Freunden trifft, will man nicht über etwas streiten, bei dem man eh kein Mitspracherecht und keinen Einfluss hat.

Bereits im November sagten Sie gegenüber t-online.de, dass die Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt ein großes Problem werden kann. Nun wird ein ungeregelter Brexit immer wahrscheinlicher. Haben Sie jetzt Angst?

Ich versuche noch in diesem Monat einen britischen Pass zu bekommen. Wer schon viele Jahre im Land ist, kann sich auf eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis bewerben. Viele meiner nicht-britischen Freunde haben das auch getan. Doch das ist natürlich nicht für alle Menschen eine Lösung. Ob geregelter oder ungeregelter Brexit: Wer schon im Land ist, wird sich wahrscheinlich keine großen Sorgen machen müssen. Anders ist das bei denen, die ab jetzt ins Land kommen wollen.


Haben Sie oder ihre Freunde schon mit dem Gedanken gespielt, Großbritannien wieder zu verlassen?

Einige Bekannte aus der Finanzindustrie haben London verlassen. Hier war nicht klar, wie es karrieretechnisch für sie in Großbritannien weiter gehen wird. Sie sind deshalb mit den Unternehmen nach Frankfurt gezogen.  

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