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Israel-Krieg: Wie geht es nach der Waffenruhe weiter?


Ende der Feuerpause in Nahost
"Die Hamas wird die Zeit genutzt haben"


Aktualisiert am 01.12.2023Lesedauer: 5 Min.
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Feuerpause beendet: Video zeigen neue Kämpfe zwischen Israel und der Hamas. (Quelle: Glomex)

Die Feuerpause im Gazastreifen ist zu Ende, die Kämpfe zwischen Israel und der Terrororganisation Hamas gehen weiter. Was bedeutet das für den Krieg?

Nur wenige Stunden vor dem Ende der Waffenruhe am Freitagmorgen entließ die radikalislamische Terrororganisation Hamas noch einmal sechs Geiseln – die siebte Gruppe von Entführten vom 7. Oktober, die freigelassen wurde. Eine Woche hielt die Feuerpause, seitdem fliegen wieder Raketen aus dem Gazastreifen in Richtung Israel. Das israelische Militär verteidigt sich, beschießt wiederum Stellungen der Hamas im Gazastreifen. Seit den frühen Morgenstunden geht der Krieg also weiter.

Was heißt das Ende der Feuerpause für die verbliebenen Geiseln? Wie geht die israelische Armee nun vor? t-online gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wie geht es mit der Bodenoffensive in Gaza weiter?

Die Hamas hat die Feuerpause offenbar etwa eine Stunde vor Ablaufen der Frist verletzt. Israel meldet, in den frühen Morgenstunden Raketen aus dem Gazastreifen abgefangen zu haben. Seitdem gibt es wieder Kämpfe. Die Hamas sei ihrer Verpflichtung, "alle weiblichen Geiseln freizulassen, heute nicht nachgekommen und hat Raketen auf israelische Bürger abgefeuert", hieß es aus dem Büro des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu.

Offenbar gibt es schwere Kämpfe in Gaza-Stadt und weiteren Gebieten im Norden des Gazastreifens, meldet der arabische Fernsehsender Al Jazeera unter Berufung auf Augenzeugen. Nahe des Flüchtlingslagers Nuseirat und Bureidsch im Zentrum Gazas gebe es zudem Panzerbeschuss. Offenbar führt die israelische Armee auch Luftangriffe im Süden des Gazastreifens durch, meldet der britische Sender BBC.

Israel müsse vor der Wiederaufnahme größerer Militäreinsätze humanitäre Pläne zum Schutz der Zivilbevölkerung vorlegen, forderte US-Außenminister Antony Blinken am Donnerstag bei einem Besuch in Israel. In den Plänen sollte etwa genau festgelegt werden, in welchen Gebieten Zivilisten im südlichen und zentralen Gazastreifen sicher seien. Die Zerstörung lebenswichtiger Infrastruktur wie von Krankenhäusern, Kraftwerken und Wasserversorgungsanlagen müsse vermieden werden. Sobald es die Bedingungen zuließen, müssten Zivilisten auch die Möglichkeit haben, wieder in den Norden des Gazastreifens zurückkehren zu können, sagte Blinken. Es dürfe keine dauerhafte Vertreibung innerhalb des Gazastreifens geben.

Die israelische Regierungssprecherin Tal Heinrich erklärte daraufhin am Freitagmorgen dem Fernsehsender CNN, man habe Blinken Pläne für sichere Zonen und mehr humanitäre Korridore vorgelegt. "Wir wollen also das Leiden der Zivilbevölkerung in Gaza lindern", sagte sie.

Die humanitäre Lage ist auch nach Aussage von Marcus Schneider katastrophal. Dort lebten eineinhalb Millionen Binnenvertriebene "unter extrem prekären Zuständen zusammengepfercht", sagt der Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Beirut zu t-online. "Die wenigen Tage an Hilfslieferungen sind noch weit davon entfernt, den Bedürfnissen der Zivilbevölkerung gerecht zu werden und waren viel zu wenig, um die humanitäre Krise abzumildern."

Was heißt das für die verbliebenen Geiseln?

Bisher hat die Hamas 105 Geiseln freigelassen, unter ihnen sind auch 14 Deutsche. Israel gab am Freitag bekannt, dass sich noch 137 Geiseln im Gazastreifen befinden. Darunter seien 115 Männer, 20 Frauen sowie zwei Kinder. Darunter sollen 15 Frauen und Kindern sein, acht sollen auch einen deutschen Pass besitzen. Über den gesundheitlichen Zustand der Geiseln ist nichts bekannt. Auch wo sich die Geiseln genau befinden, ist unklar.

Die israelischen Streitkräfte haben seit dem Beginn der Bodenoffensive mindestens zwei tote Geiseln aufgefunden, darunter auch die Deutsche Shani Louk. Mehr zu ihrem Schicksal lesen Sie hier. In einem Fernsehinterview am Donnerstag sagte ein Hamas-Sprecher auf die Frage, wie viele Geiseln noch leben: "Ich weiß es nicht. Die Zahl ist nicht so wichtig."

Erst vor wenigen Tagen gab die Hamas bekannt, dass das jüngste Entführungsopfer, das 10 Monate alte Baby Kfir Bibas, sowie die Mutter und der Bruder in der Geiselhaft nach einem israelischen Luftschlag gestorben seien. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben nicht.

Nahost-Experte Schneider geht davon aus, dass die meisten Geiseln noch am Leben sind. "Der Zustand der bisher ausgetauschten Geiseln lässt darauf schließen, dass die Hamas den politischen Wert dieser Menschen durchaus erkannt hat. Sprich: eine lebendige, austauschbare Geisel als Faustpfand ist wertvoller als eine tote Geisel", sagt er zu t-online. "Insofern kann man davon ausgehen, dass der Großteil noch am Leben ist und erst dann ermordet würde, wenn der Kampf sich aus Sicht der Hamas als aussichtslos darstellt."

In Katar gehen die Verhandlungen über die Freilassung weiterer Geiseln derweil weiter, gab das Außenministerium des Emirats bekannt. Die Gespräche könnten allerdings erschwert werden, weil die Hamas einen höheren Preis für die verbliebenen Geiseln fordern könnte. Bisher musste Israel im Gegenzug 240 palästinensische Strafgefangene freilassen. Mehr über die im Gaza verbliebenen Geiseln lesen Sie hier.

Wie hat die Hamas die Feuerpause für sich nutzen können?

Die Feuerpause war vor allem für die notleidenden Menschen im Gazastreifen wichtig. Der Palästinensische Rote Halbmond hatte kurz vor Ausbruch der neuen Kämpfe mitgeteilt, seit Beginn der Waffenruhe hätten 310 Lastwagen mit Hilfsgütern erfolgreich den Norden des Gazastreifens erreicht. Demnach kamen seither mehr als 1.000 Lastwagen im gesamten Gebiet an. Laut Hilfsorganisationen ist das nur ein Bruchteil der benötigten humanitären Lieferungen.

Für die Hamas ergebe sich aus der Waffenruhe nur ein bedingter Nutzen, weil Israel weiter nachrichtlichendienstliche Aufklärung betrieben habe, erklärte der Militäranalyst Hendrik Remmel dem ZDF. "Eine wirkliche Restrukturierung der Kräfte wird der Hamas schwerfallen, vor allem weil in den vergangenen Wochen Führungseinrichtungen der Hamas getroffen wurden." Der militärische Nutzen der Feuerpause sei deshalb für die Terrororganisation gering.

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Schneider geht hingegen davon aus, dass der Terrororganisation die Feuerpause militärisch genutzt hat. "Die Hamas wird die Zeit genutzt haben, sich militärisch zu reorganisieren", sagt er. Außerdem sei die Hamas politisch gestärkt worden. "Man hat derzeit nicht den Eindruck, als würde trotz der enormen Zerstörungen als Folge der Terrorattacken vom 7. Oktober die Stimmung in der palästinensischen Bevölkerung signifikativ gegen die Hamas drehen."

Kann Israel die Hamas zerstören?

Neben der Befreiung der Geiseln ist die Zerstörung der Hamas das zweite große Kriegsziel der Israelis. Das hat die Regierung am Freitag noch einmal bekräftigt. "Wir sind auf die nächste Phase der Operation vorbereitet", sagte Regierungssprecherin Heinrich. "Die israelische Regierung ist entschlossen, die Ziele des Krieges zu erreichen: die Geiseln freizubekommen, die Hamas zu eliminieren und sicherzustellen, dass der Gazastreifen nie wieder eine Bedrohung für die Bewohner Israels darstellt."

Kurz vor Ende der Feuerpause gab die israelische Armee bekannt, mehr als 400 Tunnel im Gazastreifen zerstört zu haben. Viele der Tunnel seien unter zivilen Krankenhäusern und Schulen gewesen. Manche Tunnel seien groß genug für Fahrzeuge. Die Hamas soll sich in den Tunneln versteckt und dort Kommandostützpunkte eingerichtet haben. Wie viele Tunnel es insgesamt im Gazastreifen gibt, ist nicht bekannt. Sicher ist, dass die israelischen Soldaten nun weiter gegen die Infrastruktur der Hamas vorgehen.

Experten glauben allerdings nicht, dass es Israel gelingen wird, die gesamte Hamas zu zerstören. "Politisch ist dies sehr schwer, da die Hamas nicht nur eine Organisation, sondern auch eine Ideologie ist", sagt Nahost-Experte Schneider. "Sie ist zudem nicht nur in Gaza, sondern auch im Westjordanland und in den Nachbarländern mit größeren palästinensischen Bevölkerungszahlen aktiv, viele ihrer höheren Kader sitzen in der Türkei und in Katar."

Militärisch ließe sich die Hamas im Gazastreifen zwar besiegen, allerdings nur mit extrem hohen Opferzahlen unter der Zivilbevölkerung, so der Experte. Außerdem habe die israelische Armee bisher geschätzt erst zwischen 1.000 und 2.000 Hamas-Terroristen getötet. "Die Hamas hat allerdings geschätzte 30.000 Mann unter Waffen."

Verwendete Quellen
  • Anfrage an Marcus Schneider
  • mit Material der Nachrichtenagentur dpa und Reuters
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