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Warum Putin den Kreml nur im Sarg verlassen wird

Von Wladimir Kaminer

Aktualisiert am 10.04.2022Lesedauer: 4 Min.
Wladimir Putin: Russlands Pr├Ąsident hat sich selbst verdammt, meint Wladimir Kaminer.
Wladimir Putin: Russlands Pr├Ąsident hat sich selbst verdammt, meint Wladimir Kaminer. (Quelle: Mikhail Klimentyev/ITAR TASS/imago-images-bilder)
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Der Internationale Strafgerichtshof ermittelt gegen Wladimir Putin. Damit ist klar: Der Despot wird bis an sein Lebensende herrschen. Denn nur so kann er einem Prozess entgehen, meint Wladimir Kaminer.

Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat Ermittlungen bez├╝glich der Kriegsverbrechen der russischen Armee in der Ukraine aufgenommen. Damit sind die Tr├Ąumereien von einem m├Âglichen Machtwechsel in Moskau in der absehbaren Zukunft vom Tisch.

(Quelle: Frank May)


Wladimir Kaminer ist Schriftsteller und Kolumnist. Er wurde 1967 in Moskau geboren und lebt seit mehr als 30 Jahren in Deutschland. Zu seinen bekanntesten B├╝chern geh├Ârt "Russendisko". Im Sommer 2021 erschien sein neuestes Buch "Die Wellenreiter. Geschichten aus dem neuen Deutschland".

Lange Zeit wurde in Russlands Regierungskreisen spekuliert, dass Pr├Ąsident Wladimir Putin f├╝r die bevorstehenden Pr├Ąsidentschaftswahlen 2024 bereits jetzt einen Nachfolger sucht, der ihm ├╝berzeugende Sicherheitsgarantien gibt ÔÇô um dann einen ruhigen Lebensabend im Kreis der Enkelkinder auf einem seiner Schl├Âsser oder auf einer seiner Jachten zu verbringen. Mit dem Beginn der internationalen Ermittlungen ist sein Amt nun die einzige Garantie, die ihn und die Seinen sch├╝tzt.

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Zwar sagen die Experten f├╝r V├Âlkerstrafrecht, dass es vor dem Internationalen Strafgerichtshof keine Immunit├Ąten gebe und auch ein amtierender Pr├Ąsident auf der Anklagebank landen k├Ânne, wenn ein Strafbefehl gegen ihn vorliegt. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass der Oberbefehlshaber einer der gr├Â├čten, mit strategischen Kernwaffen ausger├╝steten Weltarmee, nach Den Haag reist, um sich von den Richtern die Leviten lesen zu lassen, ist sehr gering.

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Diktator auf der Anklagebank?

Als anerkannter Kriegsverbrecher wird Putin nun bis ans Ende seiner Tage zwischen dem Kreml und seinem Bunker pendeln, solange ihn die F├╝├če tragen. Und selbst danach wird er h├Âchstwahrscheinlich von seinen politischen Eliten weiter hin- und hergetragen, sonst werden sie dem Chef nach Den Haag folgen m├╝ssen. Der Angriff auf die Ukraine war zumindest formal eine kollektive Entscheidung. Die politischen Eliten Russlands sind in die gleiche Blutpf├╝tze getreten, beziehungsweise sind sie von ihrem Pr├Ąsidenten hineingeschubst worden.

Aus der Geschichte des Internationalen Strafgerichtshofes wissen wir, dass bei Verhandlungen gegen Kriegsverbrechen niemals der Diktator als Einzelt├Ąter die Anklagebank dr├╝ckt. Auch im Falle Russlands ist die politische Schuld verteilt, sie umfasst seinen Sicherheitsrat, der dem Angriff auf die Ukraine und der Vernichtung der St├Ądte zugestimmt haben muss, seine Minister und sein sogenanntes Parlament, das jede menschenverachtende Entscheidung des F├╝hrers mit Schwung euphorisch absegnete.

Diese Menschen werden alles in ihrer Macht Stehende tun, um Putins Pr├Ąsidentschaft ins Unendliche zu verl├Ąngern, damit sie nicht in Den Haag landen, sondern lieber gleich zum J├╝ngsten Gericht in den Himmel r├╝bergleiten. Ob sie daf├╝r die Wahlen in Russland g├Ąnzlich abschaffen und die Verfassung noch einmal umschreiben m├╝ssen? Das spielt keine Rolle.

Doch zum Gl├╝ck stehen die Gesetze der Biologie ├╝ber jeder Verfassung, sie sind unabk├Âmmlich und eines Tages wird sich auch der Kriegstreiber Putin mit den F├╝├čen nach vorne aus seinem Amt verabschieden. Den Generationswechsel kann man nicht stoppen, er wird neue Menschen in die alten Sessel bringen. Das Land wird sich wieder ver├Ąndern m├╝ssen, nur wie? Was wird das f├╝r ein Land sein, Russland nach Putin?

Der "Rote Terror" w├╝tete

Zweimal in seiner Geschichte versuchte Russland auf europ├Ąischen, liberaldemokratischen Gleisen zu fahren und beide Male entgleiste das Land und st├╝rzte in einen tiefen Graben. Zum ersten Mal vor mehr als 100 Jahren, als die Bolschewiki die junge russische Republik und das neu gegr├╝ndete Parlament aufl├Âsten und die liberalen Kr├Ąfte des Landes, samt der meisten russischen Dichter und Denker, au├čer Landes trieben.

Mehrere Hundert russische "Demokraten" wurden etwa per Schiff nach Stettin gebracht. Daneben entfesselte die sogenannte Diktatur des Proletariats den "Roten Terror", dem Millionen Russinnen und Russen zum Opfer fielen. Wobei auch Bolschewiki der ersten Stunde, die alte Garde der Revolution, zu den Toten z├Ąhlten.

Das zweite Mal war es Michail Gorbatschows Perestrojka, die zur Aufl├Âsung der Sowjetunion f├╝hrte und dem Land einen freien Markt und den Fall des Eisernen Vorhangs bescherte. Sie m├╝ndete in einer nicht minderen Katastrophe, in Putins kriegerischer Herrschaft und einer neuerlichen Blockade des Landes von au├čen, die in ihrer Dreistigkeit und Entschlossenheit dem Eisernen Vorhang in nichts nachsteht.

Zweimal ist die Liberalisierung und Demokratisierung Russlands also danebengegangen. Nat├╝rlich sind aller guten Dinge drei, man k├Ânnte es sp├Ąter noch einmal versuchen. Die russischen Intellektuellen, die heute au├čer Landes verwiesen werden, arbeiten jetzt schon an dem Projekt der zuk├╝nftigen Demokratisierung.

"Totaler Krieg gegen den Westen"

Blo├č dieses Mal soll das Projekt besser an das zu demokratisierende Volk angepasst werden. Die beiden fr├╝heren Umw├Ąlzungen der Gesellschaft 1917 und 1991 waren zu radikal, zu schnell, und f├╝r Abermillionen Russen mit dem Verlust ihres sozialen Status verbunden.

Daraus entwickelten sich ein Minderwertigkeitskomplex und eine ebenso radikale Ablehnung, die einmal im stalinistischen Terror und ein zweites Mal nach der Perestrojka und der darauffolgenden kurzen liberalen Phase in einer Diktatur der ehemaligen KGB-Offiziere m├╝ndete, bewaffnet mit einer faschistoiden Ideologie: Mit dem Mythos eines erniedrigtem und zu Unrecht unterdr├╝ckten Volkes, das nur durch den "totalen Krieg gegen den Westen" seiner heiligen Mission gerecht werden kann.

Sollte uns der gro├čz├╝gige Weltgeist noch eine M├Âglichkeit geben, die Heimat zu modernisieren, so schreiben die russischen Intellektuellen heute, m├Âge diese Modernisierung weniger radikal verlaufen und vor allem sollte sie die Besonderheiten und Traditionen des Landes akzeptieren.

Die demokratischen Werte soll man am besten als christlich-soziale oder liberal-konservative verpacken und nicht gleich aus der gro├čen Kanne gie├čen, sondern behutsam und vorsichtig mit einem kleinen Teel├Âffel verabreichen. Mit Geduld und Sorge wird Russland heilen und irgendwann mal fit und munter in die Familie der europ├Ąischen V├Âlker zur├╝ckkehren.

Die in Gastbeitr├Ągen ge├Ąu├čerten Ansichten geben die Meinung der Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion.

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Von Nora Schiemann, Arno W├Âlk
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