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Erdoğan macht "Picknick" in Geisterstadt – umstrittener Besuch in Nordzypern


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Erdoğan macht "Picknick" in Geisterstadt

Von dpa
Aktualisiert am 16.11.2020Lesedauer: 3 Min.
Turkish President Tayyip Erdogan and Turkish Cypriot leader Ersin Tatar visit an area fenced off by the Turkish military since 1974 in the abandoned coastal settlement of Varosha
Turkish President Tayyip Erdogan and Turkish Cypriot leader Ersin Tatar visit an area fenced off by the Turkish military since 1974 in the abandoned coastal settlement of Varosha (Quelle: Murat Cetinmuhurdar/Presidential Press Office/Reuters-bilder)
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Der türkische Präsident Erdoğan besuchte die Küstensiedlung Varosha in Nordzypern. Der Präsident der Republik Zypern im Süden der Insel spricht von einer "noch nie da gewesenen Provokation". Was bezweckt Erdoğan?

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat die einst von Griechisch-Zyprern bewohnte Küstensiedlung Varosha in Nordzypern besucht und damit den Konflikt um die geteilte Mittelmeerinsel neu angeheizt. Erdoğan nahm am Sonntag an einer von ihm selbst als "Picknick" bezeichneten Veranstaltung in dem bis vor wenigen Wochen noch gesperrten Stadtteil der Hafenstadt Famagusta teil. Varosha liegt im Herrschaftsbereich der nur von der Türkei anerkannten Türkischen Republik Nordzypern (KKTC). Es sei klar, wer die "wahren Besitzer" Varoshas seien, sagte Erdoğan in einer gemeinsamen Erklärung mit Nordzyperns Präsident Ersin Tatar in Varosha.

Unter einem Pavillon am Strand waren Tische aufgebaut, wie auf Aufnahmen zu sehen war. Begleitet wurde der türkische Präsident von dem ultranationalistischen Politiker Devlet Bahceli, mit dessen Partei Erdoğans islamisch-konservative AKP in der Türkei eine Regierungsallianz hat. Die beiden wurden von stürmischem und regnerischem Wetter empfangen.

"Noch nie da gewesene Provokation"

Der Präsident der Republik Zypern im Süden, Nikos Anastasiades, hatte Erdogans Besuch in der Küstensiedlung Varosha schon am Samstag als "noch nie da gewesene Provokation" bezeichnet. Er warf Erdoğan zudem vor, damit Bemühungen der Vereinten Nationen (UN) zu untergraben, die neue Verhandlungen zur Überwindung der Teilung der Mittelmeerinsel in die Wege leiten will.

Das harmlos anmutende "Picknick" hat Symbolkraft und belastet die Beziehungen zu Zypern und Griechenland weiter, mit denen Ankara sich ohnehin schon um Erdgasvorkommen im Mittelmeer streitet. Aus Sicht des EU-Landes Zypern gilt der Besuch Erdoğans in Varosha als ein weiterer Schritt in Richtung endgültige Teilung der Insel. In einer Rede im nordzyprischen Lefkosa forderte Erdoğan Gespräche über eine Zwei-Staaten-Lösung.

Republik Nordzypern nur von der Türkei anerkannt

Zypern ist seit 1974 nach einem griechischen Putsch und einer türkischen Militärintervention geteilt. Im Norden gibt es die nur von der Türkei anerkannte Türkische Republik Nordzypern, die Republik Zypern im Süden ist seit 2004 EU-Mitglied. Eine von der UN kontrollierte Pufferzone, in der der Status quo von 1974 gewahrt bleiben soll, trennt die beiden Inselteile.

Famagusta im Osten der Insel gilt als Sinnbild der Teilung. Als die türkischen Panzer im August 1974 auf die Stadt vorrückten, mussten rund 40.000 Bewohner des griechisch-zyprischen Stadtteils Varosha ihre Häuser verlassen.

Varosha seit Jahrzehnten verlassen

Einst war Varosha ein beliebter Badeort, in dem etwa US-Schauspielerin Elisabeth Taylor urlaubte. Nach der türkischen Intervention wurde die ehemalige Touristenhochburg zum militärischen Sperrgebiet erklärt. Das Areal gleicht seitdem einer Geisterstadt. Hotels und Wohnhäuser verfallen. Die UN fordern seit Jahrzehnten, dass die ehemaligen Bewohner der Geisterstadt – fast alle griechische Zyprer – unter der Verwaltung der Vereinten Nationen in ihre Stadt zurückkehren können.

Doch trotz internationaler Kritik hatte die türkisch-zyprische Regierung Varosha Anfang Oktober erstmals seit 1974 teilweise geöffnet. Ein großer Strandabschnitt ist seitdem für Urlauber und Einheimische zugänglich. Nikosia vermutet, dass Ankara und der als Hardliner geltende Tatar stufenweise nach dem Strand auch andere Stadtteile Famagustas öffnen und dann zu Besiedlung freigeben werden – entgegen der Resolutionen des UN-Sicherheitsrats.

Ausgeklügelter Plan?

Juristen in Nikosia sehen einen ausgeklügelten Plan hinter den Aktionen. Weil nur der Strand eröffnet wurde und nicht die Stadt selbst, wurde aus Ankaras Sicht der Status quo nach 1974 nicht geändert. Um den Strand für Urlauber und Touristen zugänglich zu machen, musste Wesentliches in der Geisterstadt geändert werden.

Zwei zentrale Straßen wurden im Zuge der Teilöffnung neu asphaltiert und führen durch die Stadt zum Strand. Die türkisch-zyprische Regierung ließ Fahrradwege einrichten und Bäume pflanzen. Die EU hat das wiederholt kritisiert. In einem weiteren Schritt könnten Bars, Cafés und Geschäfte wie Mietwagenunternehmen und Reisebüros entstehen – und schließlich auch Hotels. Das käme einer schrittweisen Besiedlung gleich, so die Kritik aus Nikosia.

Nach Ansicht von Analysten könnte die Regierung Nordzyperns mit Unterstützung Ankaras noch weiter gehen und die ehemaligen Bewohner Varoshas dazu aufrufen, einen Antrag zu stellen, um ihren Besitz zurückzuerhalten oder entschädigt zu werden. Damit würden die griechischen Zyprer die Türkische Republik Nordzypern aber anerkennen. Wer nach Famagusta zieht, müsste außerdem unter türkisch-zyprischer Verwaltung leben. Zu beidem dürften die griechischen Zyprer kaum bereit sein.

Die Lösung der Zypernfrage ist inzwischen in weite Ferne gerückt. Ziel der Vereinten Nationen ist die Bildung einer Föderation zweier politisch gleichberechtigter Länder – eines griechisch-zyprischen im Süden und eines türkisch-zyprischen im Norden. Die türkisch-zyprische Seite forderte bislang die Bildung einer losen Konföderation mit einer schwachen Zentralregierung. Türkische Truppen sollten auf der Insel bleiben. Mit der Wahl des Hardliners Tatars zum Präsidenten im Oktober hat sich Nordzypern ohnehin weiter von seiner ursprünglichen Position entfernt. Der neue Präsident tritt – wie Erdogan – für eine Zwei-Staaten-Lösung ein.

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Verwendete Quellen
  • Nachrichtenagentur dpa
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