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Navy Seals: 900 Meter, ein Schuss, Treffer

spiegel-online, Von Jörg Diehl, Spiegel Online

Aktualisiert am 06.09.2011Lesedauer: 4 Min.
WaffenĂŒbung in der Dunkelheit
WaffenĂŒbung in der Dunkelheit (Quelle: U.S.-Navy)
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Die amerikanischen Navy Seals gelten als hĂ€rteste Spezialeinheit der Welt - und das Team Six als ihre ultrageheime Elite: Howard Wasdin diente dort jahrelang als ScharfschĂŒtze. Jetzt gewĂ€hrt der Krieger Einblicke in das Innenleben der Truppe.

Einmal, nach Tagen ohne Schlaf, nach Tausenden LiegestĂŒtzen, Sit-ups und StrecksprĂŒngen, nach GewaltmĂ€rschen und viel zu vielen Stunden im eiskalten Wasser, denkt er daran aufzugeben. Sein Ausbilder reicht ihm eine Tasse heißen Kakao, fĂŒhrt ihn zum warmen Krankenwagen, es wĂ€re so leicht, jetzt schwach zu werden, es wĂ€re menschlich. Doch Howard Wasdin will in seinem Leben vor allem eines: Nie wieder schwach sein.


Foto-Serie: Die Navy Seals

Die Navy Seals sind eine Elite-Einheit des US-MilitÀrs. Die Truppe operiert im Verborgenen, die IdentitÀt der Soldaten bleibt geheim. Eine hochqualifizierte und zu allem entschlossene Kampfgruppe mit der Lizenz zum Töten.
UrsprĂŒnglich waren die Soldaten der US Marine unterstellt und sollten hauptsĂ€chlich bei Missionen auf See oder in KĂŒstengebieten eingesetzt werden. Doch der Begriff SEAL - zusammengesetzt aus den Wörtern Sea, Air, Land (Meer, Luft, Boden) - verdeutlicht es bereits: Die SpezialkrĂ€fte sind fĂŒr die unterschiedlichsten KampfeinsĂ€tze perfekt ausgebildet.
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Viele Jahre spĂ€ter, in der Nacht auf den 2. Mai 2011, wird im pakistanischen Abbottabad ein moderner Mythos geboren: 24 MĂ€nner des Team Six der amerikanischen Navy Seals stĂŒrmen das Anwesen, in dem sich Osama Bin Laden versteckt und töten den Terrorchef , den meistgesuchten Verbrecher der Welt, seit fast zehn Jahren auf der Flucht.

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Die US-Presse ĂŒberschlĂ€gt sich hinterher in ihrer Heldenverehrung: Jedi-Ritter, SupermĂ€nner, die "coolsten Kerle der Welt" - aus Soldaten werden Halbgötter. Und irgendwie fĂŒhlt sich auch Howard Wasdin angesprochen.

ScharfschĂŒtze im Seal-Team Six

Der heute 49-JĂ€hrige, der inzwischen als Chiropraktiker arbeitet, hat jahrelang als ScharfschĂŒtze im ultrageheimen Anti-Terror-Team der Navy Seals gedient. "Waz-man", wie ihn seine Kameraden damals nannten, schied aus, nachdem ihm 1993 in Mogadischu Kalaschnikow-Kugeln das rechte Schienbein zerfetzt hatten. Er schrieb ein Buch ("Navy Seals Team 6") ĂŒber seine Zeit in der Elitetruppe, das sich in den USA blendend verkauft und nun auch auf Deutsch erschienen ist.

Die Arbeit an seinen Memoiren habe ihm geholfen, die Verwundung und das Ende seiner militĂ€rischen Karriere zu verarbeiten, sagt Wasdin. "From rockstar to rock-bottom" sei er damals gefallen, was man vielleicht folgendermaßen ĂŒbersetzen kann: Aus dem Übermenschen, der es in die Elite der Elite geschafft hatte, wurde ein Niemand. Howard Wasdin wurde wieder zu dem unbedeutenden Zivilisten, der Wassermelonen verkaufte, ehe er sich mit gerade einmal 18 Jahren bei der US Navy verpflichtete.

Der Sohn eines Lastwagenfahrers, aufgewachsen in einfachsten VerhĂ€ltnissen des lĂ€ndlichen Georgias, lernt schon frĂŒh, Schmerzen zu ertragen. Sein Stiefvater prĂŒgelt ihn regelmĂ€ĂŸig mit einem LedergĂŒrtel, jede angebliche Verfehlung des Kindes - und sei sie noch so geringfĂŒgig - wird mit gnadenloser BrutalitĂ€t bestraft. Also funktioniert Howard, wie es von ihm erwartet wird, passt sich an, sorgt dafĂŒr, dass der erste Vorgesetzte seines Lebens möglichst oft zufrieden mit ihm ist.

Im MilitÀr lÀuft es spÀter eigentlich genauso.

"Mentale HĂ€rte ist eine Gabe"

Getrieben vom eigenen Anspruch, stets der Beste und immer der HĂ€rteste zu sein, kĂ€mpft sich Wasdin durch den wahrscheinlich unbarmherzigsten Drill der Welt. Er sieht, wie athletischere, besser trainierte Typen neben ihm reihenweise aufgeben, wie sie kollabieren oder panisch werden, wenn sie so lange unter Wasser bleiben mĂŒssen, bis sie fast das Bewusstsein verlieren.

Er sieht, dass manche faul sind, Fehler machen, nachlÀssig zu Werke gehen, sich nicht stÀndig quÀlen können. Howard kann all das. "Du kannst aus jedem Mann einen körperlich harten Kerl machen, kein Problem", sagt er, "aber mentale HÀrte kann man nicht lernen. Sie ist eine Gabe."

Wasdin, der Anti-Terror-Krieger und Weltpolizist, lebt jahrelang ein Leben auf Abruf, immer in Alarmbereitschaft. Wenn sein Pieper anschlĂ€gt, rast er zum Flughafen, springt in die nĂ€chste MilitĂ€r-Maschine, er weiß nicht, ob es Training ist oder blutiger Ernst wird. Er kann auch seiner Frau und seinen beiden Kindern nicht sagen, ob er morgen zurĂŒck sein wird oder erst in fĂŒnf Monaten, und wenn er wieder da ist, darf er nicht ĂŒber das sprechen, was er getan hat.

Das Team steht ĂŒber allem

Jahrelang ist er ein Phantom, ein hochtrainierter Supersoldat, der irgendwo auftaucht, "seinen Job macht", wie er sagt, und möglichst gerĂ€uschlos wieder verschwindet. Die Kameraden sind seine Familie, das Team steht ĂŒber allem, seine Ehe geht schon bald in die BrĂŒche. "Es war, wie in der Nationalmannschaft zu spielen. Mit den Allerbesten. Ich habe diese Arbeit geliebt."

Im ersten Irak-Krieg und in Somalia tötet er, dafĂŒr ist er da, er zweifelt nicht an sich, nicht an seinen AuftrĂ€gen oder der Politik seines Landes. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Wasdins Welt, in der es immer um Leben und Sterben geht, ist nicht sehr kompliziert: Er ist einer der Guten und hilft den Schwachen.

Der ScharfschĂŒtze versteht sich nicht als Killermaschine, sondern als exzellenten Krieger, der seine Feinde als Menschen wahrnimmt und immer nur so viel Gewalt einsetzt, wie es die Situation erfordert. "Ich dachte wirklich, ich sei Superman."

Soldat oder Verbrecher?

Eric Greitens, der erst in Oxford promovierte, ehe er im Seal Tim Six diente, notierte einmal: "Jeder Narr kann Gewalt anwenden." Doch es zeichne die Seals aus, dass sie "nachdenklich, diszipliniert und angemessen" vorgingen. Das unterscheide einen Elitesoldaten von einem Verbrecher. Das zumindest ist die Theorie, das Ideal. Doch die RealitÀt des Krieges kann ganz anders sein.

Selbst Wasdin beschreibt in seinem Buch, das eine Hymne auf das Heldentum, die Tapferkeit und die Opferbereitschaft der Navy Seals ist, wie er in Somalia Frauen erschießen muss, hinter denen sich feindliche MilizionĂ€re verstecken, und wie er Gefangene mit dem Gewehrkolben prĂŒgelt. ZurĂŒck in der Heimat, schwer verwundet und völlig verunsichert, versinkt der Ex-Soldat in Depressionen und Selbstmitleid. Doch wieder kĂ€mpft er sich zurĂŒck - und diesmal ins Leben.

Es sei auch heute kein Problem fĂŒr ihn, tönt Wasdin im breiten Tonfall des einfachen SĂŒdstaatlers, einen Terroristen auf der Stelle zu erschießen. Mit dem richtigen Gewehr treffe er noch immer aus 900 Metern genau ins Schwarze.

Nur auf die Jagd, die bei ihnen auf dem Land ein so verbreitetes Hobby sei, gehe er schon seit Jahren nicht mehr. Er habe, sagt Howard Wasdin, einfach schon genug Lebewesen sterben sehen.

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