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Bundeswehr will Gladius-System in Afghanistan einsetzen


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Drittes Auge für deutsche Soldaten

spiegel-online, Aus Abu Dhabi berichtet Markus Becker

Aktualisiert am 21.02.2013Lesedauer: 4 Min.
Das "Gladius"-System soll Soldaten bei der Orientierung helfen
Das "Gladius"-System soll Soldaten bei der Orientierung helfen (Quelle: Markus Becker)
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Die Bundeswehr rüstet auf: Soldaten werden mit spezieller Computertechnik vernetzt, die ihnen einen besseren Überblick auf dem Schlachtfeld ermöglicht. Das sogenannte "Gladius"-System kommt schon bald in Afghanistan zum Einsatz - doch Kritiker sind skeptisch.

Auf dem Schlachtfeld wissen Soldaten oft kaum, was um sie herum passiert. Seit Jahren versuchen westliche Streitkräfte, ihre Kämpfer mit moderner Computertechnik zu vernetzen - mit bescheidenem Erfolg. Jetzt wagt die Bundeswehr die Einführung des "Gladius"-Systems: Im Sommer soll es in Afghanistan im Ernstfall zum Einsatz kommen.


Militär: Hightech-Waffen für reiche Scheichs.

Militär: Die Eröffnung der International Defence Exhibition and Conference (Idex) in Abu Dhabi gleicht einem großen Show-Spektakel.
Militär: Doch Feuer, Rauch und Action können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es hier letztlich um blutigen Ernst geht: Die Idex ist eine der größten Rüstungsmessen der Welt.
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Wo genau bin ich? Was ist um mich herum? Wo halten sich meine Freunde auf? Wer dergleichen wissen will, zückt sein Smartphone und hat die Antwort meist binnen Sekunden. Nicht aber Soldaten: Obwohl es bei ihnen oft um Leben und Tod geht, wissen sie im Gefecht mitunter nicht, was um sie herum passiert und wo Freund und Feind sind. Preußengeneral Carl von Clausewitz hat das den "Nebel des Krieges" genannt: In der Hektik und dem Chaos des Gefechts fallen die meisten Entscheidungen auf Basis lückenhafter Informationen. Das Resultat ist nicht selten tragisch: Friendly Fire, der versehentliche Beschuss der eigenen Truppen, ist für einen großen Teil aller Toten und Verwundeten auf dem Schlachtfeld verantwortlich.

Abhilfe erhofft man sich schon seit Jahren von elektronischen Systemen: Indem Soldaten in Echtzeit Informationen über ihre Umgebung erhalten, sollen sie den Gegner effektiver bekämpfen können, ihre eigene Sicherheit erhöhen und seltener Unbeteiligte oder die eigenen Kameraden unter Feuer nehmen. Doch die Entwicklung derartiger Systeme erwies sich als äußerst schwierig - diese Erfahrung mussten nicht nur die Deutschen machen.

Kostenpunkt: 84 Millionen Euro

Jetzt wagt die Bundeswehr den Schritt zum realen Einsatz: Das "Gladius"-System, bisher auch als "Infanterist der Zukunft 2" (IdZ 2) bekannt, soll in den kommenden Monaten bei der Truppe eingeführt werden. Die ersten Schritte sind klein: Zunächst wurden nur 30 Systeme für insgesamt 300 Soldaten eingesetzt. Rheinmetall hat nun bekanntgegeben, von der Bundeswehr den Auftrag für die Lieferung weiterer 60 Systeme erhalten zu haben. Kostenpunkt: 84 Millionen Euro. Derzeit würden die ersten Soldaten am neuen Gerät ausgebildet, ab Jahresmitte soll "Gladius" in Afghanistan zum Einsatz kommen.

Auf der "Idex"-Messe in Abu Dhabi schwärmen Rheinmetall-Vertreter von dem System: Die Soldaten seien mobiler und besser vor feindlichem Feuer geschützt und sowohl untereinander als auch mit der nächsthöheren Führungsebene vernetzt. Vor einem Auge hängt ein teildurchlässiges Helmdisplay: Der Nutzer sieht die Informationen über die reale Welt eingeblendet. So soll er etwa erkennen können, wo sich die Mitglieder des eigenen Teams und Gegner befinden. Die Kommandozentrale jeder zehnköpfigen Einheit befindet sich in einem "Boxer"-Radpanzer.

Die erste Version des IdZ hatte noch Cassidian, die Rüstungstochter des EADS-Konzerns, entwickelt. In internen Berichten aus dem Afghanistan-Einsatz, aus denen der SPIEGEL 2007 zitierte, gaben sich die Soldaten genervt: Das System sei zu schwer, sperrig und unbequem, die Schutzbrille beschlage schon bei leichtem Schwitzen, die Satellitennavigation sei unzuverlässig, die Reichweite der Funkgeräte zu gering. Und ständig falle einem der Hörknopf aus dem Ohr.

System bringt knapp 13 Kilogramm auf die Waage

Damit schienen die Deutschen zu Leidensgenossen der Amerikaner zu werden, die schon in den frühen neunziger Jahren mit ihrem "Land Warrior"-Projekt begonnen hatten. 2007 wurde es nach 15 Jahren Laufzeit und Kosten von rund einer halben Milliarde Dollar eingestellt, um dann 2008 unter neuem Namen aufzuerstehen. Auf die Einführung des kompletten Systems wartet die US-Armee allerdings bis heute.

Die Entwicklung des deutschen IdZ-Systems hat vor fünf Jahren Rheinmetall Defence übernommen - und beteuert, die Kritik aus dem Feld berücksichtigt zu haben. Der "Hardthöhenkurier" schrieb im September 2010 vielsagend von "grundsätzlichen Veränderungen an einzelnen Komponenten", die insbesondere "unter ergonomischen Gesichtspunkten" und "aus Gründen der Volumen- und Gewichtsreduzierung" stattgefunden hätten.

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Inzwischen wähnt sich Rheinmetall gar in der globalen Führungsposition. Mit "Gladius" bekomme die Bundeswehr "das weltweit modernste Soldatensystem", heißt es in einer Mitteilung der Firma. Das System lasse sich so weit in einzelne Module aufteilen, dass ein Nutzer nur noch das tragen müsse, was er wirklich brauche. Der "elektronische Rücken" - der Zentralrechner, der in einem flachen Rucksack getragen wird - wiege viereinhalb Kilogramm, insgesamt bringe das System weniger als 13 Kilogramm auf die Waage. Helm und Splitterschutzweste seien darin schon enthalten. "Die bisherige Weste hat allein zwölf Kilogramm gewogen", meint ein Rheinmetall-Mitarbeiter. Die Sitze im "Boxer" seien optimiert worden, auf dass die Soldaten bequem in den Kampf rollen.

"Gladius" soll auch Scharfschützen orten

Auch Scharfschützen - eine große Bedrohung im Häuserkampf - könne "Gladius" orten. "Anhand des Mündungs- und des Geschossknalls kann es berechnen, woher der Schuss gekommen ist", erklärt ein Techniker. Ein kleines Display am Unterarm des Soldaten zeige dann automatisch die Position des Schützen. In solchen Situationen könnte auch der "Boxer"-Panzer zu Hilfe kommen: Ein Soldat kann mit dem Lasergerät an seinem Gewehr ein Ziel anvisieren und dessen Position direkt an den Panzer übermitteln, der dann mit seinen Bordwaffen das Feuer eröffnet.

Eine der größten Bedrohungen für Soldaten sind allerdings nach wie vor die eigenen Kameraden. Im Golfkrieg von 1990/91 etwa fielen nach offiziellen Zahlen 35 der 146 getöteten US-Soldaten durch Fehlschüsse aus den eigenen Reihen. Im Zweiten Weltkrieg sah es kaum besser aus: Damals lag die Quote der durch Friendly Fire getöteten US-Soldaten bei geschätzten 21 Prozent, im Koreakonflikt bei 18 und im Dschungel von Vietnam gar bei katastrophalen 39 Prozent.

Abzuwarten bleibt, wie sich "Gladius" im Einsatz bewährt, denn der Schritt vom begrenzten Test zum massenhaften Fronteinsatz ist groß. Kritiker geben gern zu bedenken, dass Soldaten, denen im Gefecht die Kugeln um die Ohren fliegen, andere Sorgen hätten als das Ablesen ihres Helmdisplays. "Das Display ist nur ein Angebot an den Soldaten", meint ein Rheinmetall-Mitarbeiter dazu. "Wer sich davon gestört fühlt, kann er es einfach wegklappen."

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