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"Menschen sind in Gefahr, sie werden ertrinken"

dpa, Lena Klimkeit, Wal

Aktualisiert am 06.07.2017Lesedauer: 4 Min.
Bereits 85 000 Flüchtlinge sind 2017 in Italien angekommen. Auch die Migrationsgipfel in Tallin und Rom werden an der Flüchtlingsproblematik auf dem Mittelmeer wohl nichts ändern. (Archiv)
Bereits 85 000 Flüchtlinge sind 2017 in Italien angekommen. Auch die Migrationsgipfel in Tallin und Rom werden an der Flüchtlingsproblematik auf dem Mittelmeer wohl nichts ändern. (Archiv) (Quelle: imago-images-bilder)
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Zum x-ten Mal beraten EU-Politiker am Tisch über Lösungen in der Flüchtlingskrise. Italien will verhindern, dass Rettungsschiffe Migranten weiterhin an die heimischen Häfen bringen. Auf den Booten im Mittelmeer geht es weiter einzig ums nackte Überleben.

Von Südsizilien aus dauert es weniger als einen Tag, um mit einem Schiff in die Zone des Mittelmeers zu gelangen, wo Bilder plötzlich Wirklichkeit werden. Ein überfülltes Schlauchboot am Horizont. Menschen ohne Schwimmwesten mit angsterfüllten Gesichtern. Die Angst wird in ihren Schreien hörbar. Sie bleibt auch in der Nase hängen. Sie riecht nach Körpern, sauer, nach Meerwasser, gemischt mit Urin, Schweiß und im schlimmsten Fall auch Benzin. In Europa kommt wenig davon an.


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Für die Hilfsorganisationen Ärzte ohne Grenzen und SOS Méditerranée ist diese Wirklichkeit Alltag. Die Menschen sind für sie nicht nur Zahlen, sie stehen für Geschichten, Schmerzen, Hoffnungen. Mit der "Aquarius" retten sie im Mittelmeer Menschen aus Seenot, wenn die zuständige Leitstelle in Rom sie dazu anweist. Manchmal hat die rund 30-köpfige Crew das Boot für sich alleine, bis wieder ein Notruf kommt, wie vergangene Woche um kurz nach 5.00 Uhr morgens.

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Mehr als 730 Kinder, Frauen und Männer werden von einem riesigen Offshore-Versorgungsschiff auf die 77 Meter lange "Aquarius" gebracht. Auf der Ladefläche hatten sie seit ihrer Rettung durch andere privaten Helfer ausgeharrt. Stundenlang rast die sogenannte Search-and-Rescue-Crew mit zwei Booten zwischen den beiden Schiffen hin und her. Kaum sind alle Migranten auf der "Aquarius", sieht man es von der Kommandobrücke mit einem Fernglas kommen: ein Schlauchboot auf dem offenen Meer.

20 Helfer für 1000 Flüchtlinge

Es wird ein langer Tag für die Mannschaft auf der "Aquarius". Gegen 14.45 Uhr rücken die Rhibs - Schlauchboote mit einem festen Rumpf - noch einmal aus: zu einem blauen Boot, das besonders fragil ist. 0,7 Millimeter Stärke misst das Gummi, an Bord sind um die 150 Menschen. Wer nicht schon vorher krank war, ist spätestens nach 16 Stunden auf dem Wasser erschöpft, dehydriert, mit schwersten Brandverletzungen und Verätzungen durch Benzin und Meerwasser, dem Kollaps nahe. Nur wenige Frauen kommen aus eigener Kraft an Bord der Boote. Aber alle überleben.

"Wenn wir einmal in der Rettungszone sind, in den internationalen Gewässern nördlich von Libyen, warten wir entweder eine Minute oder zehn Tage. Wir müssen immer auf alles vorbereitet sein, Tag und Nacht", sagt der Arzt an Bord, Craig Spencer. Auf rund 20 Helfer auf dem ehemaligen Fischereischutzschiff kommen 1032 Menschen. "Ich habe Hunger", "Wann gibt es etwas zu essen?", "Mein ganzer Körper tut weh", "Gibt es auch Betten?", "Wann sind wir in Italien?" Die Liste der Bedürfnisse ist lang. Wasser, Notfallrationen, frisches T-Shirt, Trainingshose, Decke, Handtuch. Das muss reichen für die nächsten 36 Stunden, es muss reichen, bis das Schiff in Italien anlegt.

Italiens Hilferuf an die EU verhallt seit Monaten

An den Häfen des Landes haben alleine in der vergangenen Woche mehr als 10 000 Gerettete europäisches Festland betreten - und angesichts der mehr als 85 000 Ankömmlinge seit Anfang des Jahres reißt der Regierung in Rom langsam der Geduldsfaden. Sie droht mit der Abweisung von Rettungsschiffen.

"Wenn überhaupt ist das ein Hilferuf der italienischen Regierung in Richtung der EU", sagt Marcella Kraay, Projektkoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen an Bord der "Aquarius". "Und es geht einher mit dem, was wir stets gefordert haben." Nämlich: Von der EU organisierte Such- und Rettungseinsätze im Mittelmeer. "Bis das passiert, sind wir gezwungen, dort draußen zu sein. Denn Menschen sind in Gefahr, sie werden ertrinken, wenn wir nicht da sind."

Neue Treffen in Rom und Tallin beginnen

Angesichts der vielen in Italien ankommenden Flüchtlinge sucht die EU nach Lösungen. Nun beraten die Innenminister im estnischen Tallin über die Forderungen des Hauptankunftslandes von Bootsflüchtlingen aus Afrika nach mehr Unterstützung. Gleichzeitig bringt die Regierung in Rom Vertreter von europäischen und afrikanischen Partnern an einen Tisch.

Italien wolle nicht länger das einzige Land in der Europäischen Union sein, das im Mittelmeer gerettete Migranten willkommen heiße, machte Innenminister Marco Minniti vor den Treffen deutlich. In Tallin wolle er darauf pochen, dass andere EU-Staaten seinem Land mehr Flüchtlinge abnehmen. Angesichts der Größe des Problems ist auch bei diesen Treffen nicht mit einem Durchbruch zu rechnen.

Zudem löst der in Tallin zu beratende "Aktionsplan" zur Entlastung Italiens harsche Kritik aus. Unter anderem sieht dieser eine Stärkung der libyschen Küstenwache vor. Grünen-Bundestagsabgeordnete Franziska Brantner nannte den Vorschlag in einem nordafrikanischen Bürgerkriegsland ein Seenot-Rettungszentrum einzurichten "Zynismus pur".

Auch Amnesty International nannte den Vorschlag mit Blick auf Menschenrechtsverletzungen problematisch. "Flüchtlinge und Migranten werden in Libyen weiterhin inhaftiert, missbraucht, vergewaltigt und gefoltert. Die geretteten Menschen müssen an einen sicheren Ort gebracht werden - und solche Orte gibt es in Libyen aktuell nicht", erklärte René Wildangel, Experte für den Nahen Osten und Nordafrika bei Amnesty International in Deutschland.

Lage ist für Helfer und Flüchtende schier aussichtslos

Auf der "Aquarius" macht sich niemand etwas vor. Mit den Rettungen werden Löcher in einer nicht enden wollenden Krise gestopft. Der deutsche Aktivist Anton Shakouri befürchtet, dass die "Aquarius" im kommenden Jahr nicht mehr in See stechen wird. Und das nicht, weil die Flüchtlingskrise bis dahin gelöst werden sein wird.

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