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Hurrikan "Irma": Ein Hotel trotzt dem Sturm

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Hurrikan "Irma"  

Ein Hotel trotzt dem Sturm

11.09.2017, 20:33 Uhr | Michael Donhauser, Saskia Fröhlich, dpa

Hurrikan "Irma": Ein Hotel trotzt dem Sturm. Unzählige Menschen flüchteten vor dem Hurrikan "Irma", der in Florida zahlreiche Zerstörungen anrichtete. (Quelle: Reuters/Stephen Yang)

Unzählige Menschen flüchteten vor dem Hurrikan "Irma", der in Florida zahlreiche Zerstörungen anrichtete. (Quelle: Stephen Yang/Reuters)

Wenn das da draußen "nur" noch ein Hurrikan der Kategorie 3 ist, möchte man 4 oder gar 5 nicht erleben. Ein zusammengewürfelter Haufen Menschen erlebt den Hurrikan an Floridas Westküste in einem kleinen Hotel.

Fluchtpunkt "Days Inn": Grau und etwas trutzig steht das Hotel in Bonita Springs am Rand der Hauptstraße. Sonst von der Sonne Floridas überflutet, fällt nun schier der Himmel auf das Haus. Mit ohrenbetäubenden Lärm rast der Sturm auf das Gebäude - immer und immer wieder. "Irma", der Hurrikan, schickt wahre Sintfluten. Unweit von Bonita Springs kommt das Auge des Hurrikans am Sonntagnachmittag (Ortszeit) an Land, nachdem der schon zuvor seine ganze Wucht auf die Südspitze Floridas geschleudert hatte.  

Das "Days Inn" liegt noch knapp in der Zone, in der die Behörden vom Lee County eigentlich die Evakuierung verpflichtend angeordnet haben. Dennoch wird es zum Fluchtpunkt für Menschen aus der Region. Rund 100 Leuten bietet es an diesem denkwürdigen Sonntag Schutz. Die Menschen wissen: Der Zweckbau ist stabil genug, um "Irma" zu trotzen. Alles, was in der Gegend nach 1992 gebaut wurde, muss hurrikansicher sein. Damals hatte Hurrikan "Andrew" weite Teile Floridas verwüstet, die Behörden haben daraus gelernt. 

Es ist eine eigenwillige Mischung von Menschen, die im "Days Inn" zusammengekommen ist. Einige sind aufgeregt. Was wird wohl aus ihrem Hab und Gut werden, das sie zurücklassen mussten. Andere sind sehr cool, wieder andere tun nur so. Wichtigtuer sind dabei, Leute, die immer ganz genau wissen, was als nächstes passieren wird und denen gute Ratschläge nie ausgehen. Tom Tortorice ist da, ein 89 Jahre alter Koreakrieg-Veteran. Ihn interessiert das Unwetter viel weniger als die Frage, warum nicht endlich der Nordkorea-Konflikt gelöst wird. 

Auch Anita Pereira (41) gehört zu der illustren Zufallsgemeinschaft. Ihr Haus liegt 45 Autominuten südlich in der Höhe von Fort Myers auf der Insel Marco Island. "Die Gegend wurde zwangsevakuiert", sagt die gebürtige Ravensburgerin. "Alle mussten runter von der Insel, weil es zu gefährlich war, da zu bleiben." Mit ihren zwei Töchtern und Ehemann versucht sie nun, den Sturm auszusitzen.

Kokosnüsse können zu Geschossen werden

"Wir fühlen uns hier etwas sicherer", sagt sie. Sie hätten eigens ein Zimmer nahe am Treppenhaus gebucht, sei dieses doch aus Beton errichtet. Badezimmer ohne Fenster, sonst eher unbeliebt, sind ein Glücksfall, in Hurrikan-Zeiten. "Ich habe Schlafsäcke in die Wanne gelegt, damit es für die Kinder so bequem wie möglich ist", sagt Pereira. 

Draußen im Hotelgarten liegen die Palmwedel waagerecht im Wind, wenn wieder eine dieser urgewaltigen Böen durchzieht. Die Kokosnüsse schaukeln gefährlich. Andernorts wurden sie abgenommen, die süßen Früchte können im Hurrikan zu gefährlichen Geschossen werden. Der Wind pfeift nur so an den Fensterscheiben entlang, eine graue Wand aus Wasser versperrt den Blick. 

Langeweile im Notquartier

Die Hotelleitung hat die Eingangstür verrammelt. Wagen, auf denen normalerweise das Gepäck der Reisenden tranportiert wird, dienen als Sicherung - auch sie gibt nach. Ein paar Freiwillige reparieren die Tür. Einer fährt seinen Pick-Up-Truck als Sicherung von außen gegen das Hotelportal.  

Im Treppenhaus ist es schon tagsüber dunkel, die Batterien der Notlampen halten nur ein paar Stunden. Auch auf den Fluren ist es duster, hinter einzelnen Zimmertüren ist das Gequengel kleiner Kinder zu hören. Ihnen ist langweilig, hier im Notquartier.

"Man wird ja ständig einen Platten haben"

Im Frühstücksraum des "Days Inn" ist man zusammengerückt. Nachdem der Strom zuvor mehrmals kurzeitig ausgefallen war, ist er nun endgültig weg. Fernsehen, Licht, Kaffee - Fehlanzeige. Die Gestrandeten spekulieren, was sie wohl am nötigsten brauchen werden, wenn "Irma" erst einmal durchgezogen ist. "Reifen", glaubt Steve Pietrzyk, ein 53 Jahre alter Kleinunternehmer. "Man wird ja ständig einen Platten haben, durch das ganze Zeug, das auf den Straßen liegen wird."

Seine Frau Lynne tippt auf Kettensägen: "Beim Hurrikan "Andrew" konnte man nicht einmal mehr erkennen, wo die Straßen überhaupt waren, so viel Gestrüpp lag da herum." Die 48-Jährige hat Montag Geburtstag, genau wie ein anderer Gast, der durch die Terrassentür in Richtung Pool späht, auf dem inzwischen Wellengang herrscht. "Wir feiern zusammen hier", sagt Pietrzyk und lacht.

Im Auge des Hurrikans

Es habe sie schließlich viel schlimmer treffen können: Ihre Nachbarn sind in einer zur Notunterkunft umfunktionierten Arena untergekommen. Steve Pietrzyk zeigt ein Foto auf seinem Smartphone. Menschen drängen sich dicht an dicht, nahezu jeder Quadratzentimeter ist besetzt. Fast 10 000 Menschen haben in der Halle Zuflucht gefunden - mehr, als die Arena an Schlafplatz bietet. "Die Leute müssen auf den Klappsesseln auf der Tribüne sitzen, die können sich nicht mal hinlegen", erzählt Pietrzyk.

Draußen wütet der Sturm mit Urgewalt. Das Auge des Hurrikans ist jetzt über Bonita Springs. Plötzlich: Der Wind lässt nach, langsam zuerst, dann nieselt es nur noch. Am Himmel einige Wolkenlücken. Sogar die Sonne ist zu sehen. Bonita Springs liegt im Auge des Hurrikans. Nur die Unwissenden jubeln. "Jetzt kommt die Rückseite", sagt Anita Pereira. Tatsächlich: Minuten später geht das Pfeifen des Windes von Neuem los. 

Taschenlampen und Handys

Wann der Strom zurückkommt, ist ungewiss. Die Netzbetreiber machen für die kommenden Wochen keine großen Hoffnungen. Den Gestrandeten im "Days Inn" geht es nicht besser als fünf weiteren Millionen der gut 20 Millionen Einwohner von Florida. Mit Taschenlampen und Handys, die vom letzten Rest-Strom zehren, tapsen die Gäste durch Treppenhaus und Flure.

Vom 77-Jährigen, der wenige Meilen weiter in einem Wohnwagen-Park lebt, bis zur Familie mit Strandhaus. Auf dem Gang schlurft ein Paar aus Lateinamerika auf und ab. Die Frau hat eine kleines Buch in der Hand. Sie betet. "Ave Maria."

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