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Entsetzen ĂŒber Foltervideos aus Russlands GefĂ€ngnissen

dpa, Von Ulf Mauder

Aktualisiert am 03.11.2021Lesedauer: 4 Min.
Das Gefangen-Krankenhaus im russischen Saratow: Hinter diesen Mauern sollen sich schreckliche Szenen abspielen.
Das GefÀngniskrankenhaus im russischen Saratow: Hinter diesen Mauern sollen sich schreckliche Szenen abspielen. (Quelle: Filipp Kochetkov/TASS/dpa-bilder)
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Das Ausmaß der Gewalt im russischen Strafvollzug ist weitaus grĂ¶ĂŸer als gedacht. Ein Mitarbeiter in der VideoĂŒberwachung hat Material veröffentlicht, das sadistische Szenen zeigt – und fĂŒrchtet um sein Leben.

Seit seiner Entlassung aus dem GefĂ€ngnis in der russischen Wolga-Metropole Saratow fĂŒrchtet Sergej Saweljew um sein Leben. Der junge Mann hat Unmengen an Videomaterial aus dem Knast geschmuggelt, um die AbgrĂŒnde des Strafvollzugs öffentlich zu machen. "Es sind Videos voller schrecklicher, sadistischer Szenen", sagt der 31-JĂ€hrige, der in Frankreich Asyl erhalten hat. Zu sehen sind nackte, gefesselte Gefangene, die auf jede erdenkliche Weise gequĂ€lt werden.

Dass in Russland Gefangene gefoltert werden, ist nichts Neues. Aber das Ausmaß, das nun bekannt wird, ĂŒbertrifft alles Vorstellbare, wie Wladimir Ossetschkin vom Menschenrechtsprojekt Gulagu.net sagt. Er veröffentlicht in sozialen Netzwerken immer wieder gepixelte und viel beachtete Aufnahmen von der rohen Gewalt in Straflagern.

Breites Entsetzen

Vor allem die Anfang Oktober veröffentlichten Videos aus dem Gefangenen-Krankenhaus Nummer eins in Saratow lösten breites Entsetzen aus. Saweljew arbeitete dort in der VideoĂŒberwachung – und hatte so Zugang zu den Dateien. Nach seiner Freilassung ĂŒbergab er sie an Ossetschkin, der Russland schon 2015 verlassen hatte.

Seine Organisation hat Ossetschkin nach dem unter Sowjetdiktator Josef Stalin gegrĂŒndeten Lagersystem benannt, das auch der Schriftsteller Alexander Solschenizyn (1918-2008) einst in seinem Werk "Archipel Gulag" beschrieb. Der Name Gulag ist weg, aber sogar russische Regierungspolitiker beklagen bisweilen, dass das System im Grunde weiterlebe.

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Asyl in Frankreich

Saweljew und Ossetschkin haben in Biarritz, dem Seebad im SĂŒdwesten Frankreichs, politisches Asyl gefunden. Sie reden fast tĂ€glich mit internationalen Medien, arbeiten mit Dokumentarfilmern. Ihr Ziel ist es, die bisher wohl grĂ¶ĂŸte EnthĂŒllung von Gewalt in russischen GefĂ€ngnissen öffentlich zu machen.

Wladimir Ossetschkin (links) und Sergej Saweljew (rechts): Beide haben von den französischen Behörden politisches Asyl erhalten.
Wladimir Ossetschkin (links) und Sergej Saweljew (rechts): Beide haben von den französischen Behörden politisches Asyl erhalten. (Quelle: Wladimir Ossetschkin/dpa-bilder)

Russlands Starmoderatorin Xenia Sobtschak traf Saweljew gerade in Frankreich zum Interview fĂŒr ihren Videokanal. Sie nennt ihn einen "Helden neuen Typs" und stellt ihn in eine Reihe mit Whistleblowern, die staatliche MissstĂ€nde öffentlich machten.

Aufsehenerregender Film

Eine "Bombe von 100 Gigabyte" hat sie ihren Film mit Blick auf die Datenmenge genannt. Zu Wort kommen auch misshandelte Gefangene, die von einem System der Angst und des Wegsehens berichten. Mehr als zwei Millionen Menschen haben den Film bisher bei YouTube aufgerufen.

In anderen LĂ€ndern wĂŒrden bei solchen Skandalen Regierungen stĂŒrzen, sagt Sobtschak. Nicht aber in Russland. Zwar sind die von Saweljew beschuldigten Beamten aus dem Strafvollzug entlassen worden. Festnahmen gab es bisher aber keine. Stattdessen hat die Justiz gegen Saweljew Haftbefehl erlassen und ihn zur Fahndung ausgeschrieben. Russlands Medien-Aufsichtsbehörde Roskomnadzor versucht zudem, die Videos online etwa bei YouTube sperren zu lassen.

"Wir machen weiter"

Der aus Belarus stammende Saweljew, das erkennen viele an, hat sein Leben riskiert, um das Material zu veröffentlichen. Und doch sind Stimmen wie die der Menschenrechtsbeauftragten der russischen Regierung, Tatjana Moskalkowa, die seinen Mut lobte, eher selten. Saweljew und Ossetschkin sagen, sie bekĂ€men Morddrohungen. Der Kontakt mit ihnen gelingt ĂŒber Facebook. Der 40-jĂ€hrige Ossetschkin gibt sich kĂ€mpferisch: "Wir machen weiter."

Beide wissen, dass Russlands Geheimdienste einen langen Arm haben. Die Liste ermordeter russischer Regierungskritiker ist lang. Ossetschkin wirft dem Strafvollzug und dem Inlandsgeheimdienst FSB vor, ein System der UnterdrĂŒckung und Erniedrigung geschaffen zu haben. "Obwohl alle sehen können, was in den Straflagern vor sich geht, gibt es keine objektiven Ermittlungen", sagt er. "Klar ist vielmehr, dass man uns vernichten will."

Verfolgt wegen der Wahrheit

Es gebe aber noch weitere Informanten. Die Veröffentlichungen sollen weitergehen. "Das System handelt immer gleich: Verfolgt werden jene, die die Wahrheit sagen", meint Saweljew, der sich als "VerrĂ€ter" und "Staatsfeind" verunglimpft sieht. Er hat Namen der mutmaßlichen TĂ€ter des Strafvollzugs veröffentlicht. Oft aber wĂŒrden die WĂ€chter nicht selbst die Gewalt verĂŒben, sondern Mitgefangene.

Wladimir Ossetschkin (links) und Sergej Saweljew (rechts): In Russland sehen sie sich verfolgt und bedroht.
Wladimir Ossetschkin (links) und Sergej Saweljew (rechts): In Russland sehen sie sich verfolgt und bedroht. (Quelle: Wladimir Ossetschkin/dpa-bilder)

Menschenrechtler sehen mehrere GrĂŒnde fĂŒr die Folter. Gefangene ließen sich auf die Gewalt gegen Mitinsassen ein, um fĂŒr sich VorzĂŒge wie mildere Urteile, vorzeitige Freilassung oder auch nur Alkohol zu erkaufen. Aufnahmen von Folter dienten zudem der Abschreckung, um von Gefangenen Geld zu erpressen. Bisweilen könnten Kriminelle zudem Strafaktionen gegen ihre Feinde im GefĂ€ngnis bestellen, heißt es.

Hoffen auf Boni und Beförderung

Eingesetzt werde die Gewalt aber nicht zuletzt, um StraftĂ€ter zu brechen, umzuerziehen oder ein GestĂ€ndnis zu erpressen. Wer als Ermittler Schuldige prĂ€sentiert, kann auf Boni und Beförderung hoffen. In einem offenen Brief an Wladimir Putin fragte Ossetschkin zuletzt, ob der Kremlchef wisse, dass ihn GenerĂ€le und Offiziere "an der Nase herumfĂŒhrten" und nichts tĂ€ten gegen die Gewalt. Oder ob der PrĂ€sident gar selbst Bescheid wisse – und "die Folter persönlich zulĂ€sst". Eine Antwort darauf gibt es nicht.

"Das Ausmaß an Folter, Korruption, unmenschlichen Behandlungen und Morden ĂŒbertrifft alles. Die Welt sieht nun diese massenhaften Verbrechen", sagt Ossetschkin. Er fordert unter anderem eine hĂ€rtere Bestrafung fĂŒr Folter im Strafvollzug in Russland sowie ein Ende der Verfolgung jener, die MissstĂ€nde öffentlich machen.

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Die Moderatorin Sobtschak meint, dass das ganze System zerschlagen und von Grund auf neu gebildet werden mĂŒsse. Doch die prominente Menschenrechtlerin Olga Romanowa, die sich fĂŒr die Rechte von Gefangenen einsetzt, hat da keine Hoffnung. Vielleicht fĂŒhrten Saweljews EnthĂŒllungen kurzzeitig zu weniger Folter. "Es gibt aber keine Illusionen, dass sich etwas Ă€ndern lĂ€sst. Der Strafvollzug selbst ist in seinem Zustand eine Verletzung der Menschenrechte."

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