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Der wachsende Hass auf den Staat

  • Bastian Brauns
Von Bastian Brauns, Washington

Aktualisiert am 30.01.2022Lesedauer: 5 Min.
Im Namen der Freiheit gegen den Staat: Radikale Impfgegner.
Im Namen der Freiheit gegen den Staat: Radikale Impfgegner. (Quelle: /imago-images-bilder)
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Die EinfĂŒhrung von Impfpflichten hat in den USA nicht zu einer Befriedung der Gesellschaft gefĂŒhrt. Im Gegenteil, die Anti-Impf-Bewegung wird immer radikaler.

Ob John F. Kennedy (JFK) sich angesichts der Covid-19-Pandemie fĂŒr eine Impfpflicht eingesetzt hĂ€tte, lĂ€sst sich heute nicht mehr klĂ€ren. Zumindest aber ist aus einem Dokument von 1961 abzulesen, wie sehr auch schon dieser US-PrĂ€sident darum kĂ€mpfte, seine Bevölkerung zum Impfen zu bewegen – damals gegen die KinderlĂ€hmung.


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"Ich stimme mit dem US-Gesundheitsinspekteur darin ĂŒberein, dass jede Person, die noch nicht geimpft ist, dies unmittelbar mit dem jetzt vorhandenen Impfstoff macht", so Kennedy in der ErklĂ€rung zur Polio-BekĂ€mpfung.

(Quelle: John F. Kennedy Presidential Library and Museum)
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Der Ex-PrĂ€sident musste sich Anfang der 60er-Jahre mit neu entwickelten Impfstoffen beschĂ€ftigen. 1962 schuf er dann den "Vaccination Assistance Act", um die US-Bundesstaaten bei der Beschaffung finanziell zu unterstĂŒtzen. In mehr als zwanzig Staaten wurden kurz darauf zahlreiche Impfpflichten fĂŒr Kinder eingefĂŒhrt.

JFKs Neffe, Robert F. Kennedy Jr., war damals gerade acht Jahre alt. Heute, mit 68 Jahren, ist ausgerechnet dieser Mann zur Ikone der Impfgegner und Verschwörungsideologen in den USA, in Europa und Deutschland geworden. An "Bobby" Kennedy und seinen AnhĂ€ngern lĂ€sst sich gut beobachten, dass auch nach der EinfĂŒhrung von Impfpflichten, wie sie derzeit in Deutschland diskutiert werden, die Probleme erst richtig groß werden können. Sprache und Taten der radikalen Impfgegner werden immer brutaler.

Holocaust-Relativierungen als Prinzip

Die Sonne scheint auf Bobby Kennedy, als er an einem klirrend kalten Sonntag im Januar auf den Stufen des Lincoln Memorials in Washington steht. Zu seinen FĂŒĂŸen Tausende US-Amerikaner, die immer wieder rufen: "Stoppt die Impfpflicht!, "Stoppt die Impfpflicht!" Kennedy und seine Anti-Impf-Organisation "Children's Health Defense" haben dazu aufgerufen, aus dem ganzen Land zu einer großen Demo gegen die Impfpflichten in die US-Hauptstadt zu kommen.

Bekannter Anti-Impf-Ideologe: Robert F. Kennedy, Jr. in Washington. D.C.
Bekannter Anti-Impf-Ideologe: Robert F. Kennedy, Jr. in Washington. D.C. (Quelle: /imago-images-bilder)

In den Vereinigten Staaten hat der Oberste Gerichtshof zwar kĂŒrzlich einen Teil der Impfvorgaben kassiert. Aber nach wie vor gelten sie in vielen Gesellschaftsbereichen und auch zahlreiche Unternehmen verlangen Impfungen von ihren Mitarbeitern, darunter Google, United Airlines und Walt Disney.

"Selbst in Nazideutschland war es noch möglich, ĂŒber die Alpen in die Schweiz zu reisen", ruft Kennedy vor dem Lincoln Memorial, um dann einen noch schlimmeren historischen Vergleich zu ziehen. "Selbst auf einem Dachboden konnte man sich da noch verstecken, so wie es Anne Frank getan hat."

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So etwas wĂ€re heute wegen der technologischen Möglichkeiten, welche die Regierung zur Verfolgung der Impfgegner einsetze, gar nicht mehr möglich, so Kennedy. Nicht zum ersten Mal relativiert er auf diese Weise den Holocaust. Viele andere Redner an diesem Tag ebenso. Seine spĂ€tere Entschuldigung ist deshalb auch wenig glaubwĂŒrdig.

Bei seinen Mitstreitern löst er mit seinem Satz Jubel aus. Unter ihnen zahlreiche Trump-AnhĂ€nger, aber auch Menschen, die sich als links bezeichnen. Ein Mann trĂ€gt ein Schild, auf dem zu lesen ist: "Organic Farmers Say No to Eugenic Pharma". SchĂŒtzende Massenimpfungen mit Massenvernichtung gleichzusetzen, gilt hier nicht nur als normal, sondern als notwendig.

Die weitreichenden Impfpflichten in den USA hatte die Biden-Regierung schon vor Monaten erlassen. Zuerst ging es um Angestellte von Bundesbehörden, dann um die Mitarbeiter im Gesundheitssystem. Schließlich sollten auch Unternehmen verpflichtet werden, fast 100 Millionen Menschen hĂ€tte das betroffen. Diese Vorgabe hat das Weiße Haus jetzt zurĂŒcknehmen mĂŒssen, wegen des Urteils des Obersten Gerichtshofs. FĂŒr Biden ist das eine empfindliche Niederlage im Kampf gegen die Pandemie und ihre Folgen. FĂŒr Kennedy und seine AnhĂ€nger hingegen ist es Genugtuung und BestĂ€tigung, dass ihr Protest sich lohnt.

Politisierung der Impfpflicht-Debatten

LĂ€ngst nicht nur Figuren wie Bobby Kennedy, die seit Jahren fĂŒr ihre Verschwörungsideologien bekannt sind, wurden von den eingefĂŒhrten Impfpflichten in den USA dazu angestachelt, politisch davon zu profitieren. Im ganzen Land machen insbesondere die Republikaner mobil gegen den Versuch der Demokraten, mit Pflichten die Impfquote endlich nach oben zu treiben. Selbst der geboosterte Donald Trump wird dabei von Floridas Gouverneur Ron DeSantis ĂŒberholt. Seit Monaten wirbt er statt fĂŒr das Impfen fĂŒr eine bestimmte Behandlung mit sogenannten monoklonalen Antikörpern, von der das Weiße Haus dringend abrĂ€t, weil sie nicht wirksam sei.

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Ins Visier vieler Republikaner und der Impfgegner ist besonders der Gesundheitsberater des US-PrÀsidenten, Anthony Fauci, geraten. Nachdem der Senator Rand Paul ihn bereits mehrfach beschuldigt hat, sich finanziell an der Pandemie zu bereichern, wird er bei der Demonstration in Washington auf Schildern mit angemaltem Hitler-Bart gezeigt, darunter prangt ein Hakenkreuz. Abgewandelt vom Faschismusbegriff liest man immer wieder vom "Faucismus". Ein gemieteter Bus fÀhrt an der National Mall vorbei, auf dem neben anderen Gesichtern auch das von Fauci abgebildet ist. Dazu eine Art Fahndungsaufruf: "Wanted!"

Eine Rap-Gruppe tritt live auf und schmettert ihre drastischen und in der Szene bekannten Zeilen in die Menge: "Das ist ein Krieg gegen die Religion! Das ist ein Krieg gegen die Kinder!... Das ist ein Krieg gegen die Tradition!" In dem dazugehörigen Musikvideo der Gruppe sind wieder Holocaust-relativierende Symbole zu sehen. Ein Davidstern mit dem Spruch: "Nie wieder ist jetzt".

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Auch Bobby Kennedy ruft den Demonstranten zu: "Sie kommen, um eure Kinder zu holen!"

Warnungen vor zunehmender Staatsfeindlichkeit

Dass dieser radikale Kern sich von Impfpflichten nicht beeindrucken lÀsst, scheint offensichtlich. Aber auch bei jenen, die nur zögern, scheinen die Symbolwirkung und drohenden empfindlichen Strafen ihr Ziel zu verfehlen. Noch immer gelten in den USA erst knapp 64 Prozent der Bevölkerung als vollstÀndig geimpft. Geboostert sind noch deutlich weniger.

Allerdings rĂŒhrt die geringe Zahl aus einer extremen Spaltung her. WĂ€hrend in vielen Unternehmen und Bundesstaaten die Impfquote bei deutlich ĂŒber 80 Prozent liegt, stagniert sie in anderen bei um die 50 Prozent. Darum hoffen auch die USA inzwischen darauf, dass mit der aktuellen Omikron-Welle eine GrundimmunitĂ€t der Bevölkerung aufgrund der Durchseuchung entsteht. Der Glaube daran, mit Zwang zum Ziel zu kommen, wird womöglich bald ĂŒberholt sein.

Die Radikalen aber bleiben selbst dann eine Gefahr. "Ich glaube, die Anzahl der Menschen, die von den Fehlinformationen im Zusammenhang mit der Anti-Impf-Bewegung beeinflusst werden, wurde unterschĂ€tzt", sagte Anthony Fauci jĂŒngst in einem Interview mit MSNBC. Diese Bewegung sei "sehr beunruhigend". Der oberste Gesundheitsberater des US-PrĂ€sidenten wird regelmĂ€ĂŸig von Impfgegnern mit dem Tod bedroht.

Experten in den USA warnen davor, dass die wachsende Macht der Anti-Impf- und Maskenpflicht-Bewegung die Gefahr birgt, eine antistaatliche Stimmung immer weiter zu fördern. Es ist eine Bewegung, die international extrem gut vernetzt ist. In Deutschland warnen darum die Innenministerkonferenz und auch die Bundesinnenministerin Nancy Faeser vor zunehmend antistaatlichen Tendenzen in der Szene und deren politischem Arm, der AfD.

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