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Wie ein Deutscher bei Twitter & Co. aufr├Ąumen will

  • Bastian Brauns
Von Bastian Brauns, Washington

Aktualisiert am 12.05.2022Lesedauer: 5 Min.
Logo des Kurznachrichtendienstes Twitter: Auch in anderen sozialen Netzwerken gibt es Bots und Fake-Accounts.
Logo des Kurznachrichtendienstes Twitter: Auch in anderen sozialen Netzwerken gibt es Bots und Fake-Accounts. (Quelle: J. Nacion / FutureImage/imago-images-bilder)
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In den USA tobt eine Debatte: Denn Elon Musk will das Twitter-Konto von Donald Trump entsperren. Ein junger Gr├╝nder aus Los Angeles hat eine Idee, wie das Internet trotzdem sicherer werden kann.

Die einen sehen einen Sieg der Meinungsfreiheit, die anderen f├╝rchten Gewaltexzesse und Hetze. Nach der Ank├╝ndigung von Elon Musk, er wolle das Twitter-Konto des ehemaligen US-Pr├Ąsidenten Donald Trump entsperren, diskutieren die USA einmal mehr ├╝ber "Free Speech" und "Hate Speech".

Tats├Ąchlich hat Elon Musk als k├╝nftiger Besitzer von Twitter einen Plan formuliert: Er will das soziale Netzwerk zu einem besseren Ort machen. Wie aber soll ihm das gelingen? Im Gespr├Ąch mit t-online erz├Ąhlt der deutsche Gr├╝nder Bastian Purrer (35), wie er mit seinem Projekt humanID in Los Angeles genau an dieser Herausforderung arbeitet.

t-online: Herr Purrer, worum geht es bei Ihrem Projekt humanID?

Bastian Purrer: humanID ist als gemeinn├╝tzige Organisation in den USA ans├Ąssig. Wir haben eine Technologie entwickelt, mit der man sich auf sozialen Netzwerken und anderen Plattformen authentifiziert einloggen kann. Da wir gemeinn├╝tzig sind, speichern wir aber keine Daten und haben keinerlei Anreiz, sie zu verkaufen. Der Login wird ├╝ber uns quasi anonymisiert weitergegeben an Webseiten oder Apps, in die man sich einloggen kann.

Wozu soll das gut sein?

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Wir garantieren einerseits zum Beispiel sozialen Netzwerken, dass hinter jedem Nutzer eine reale Person steckt. Sie k├Ânnen damit ihre Communitys sch├╝tzen, zum Beispiel vor Bots, aber auch vor Datenleaks. Andererseits garantieren wir den Nutzern, dass wir direkt nach dem Login alle Daten l├Âschen. Wir leiten an Webseiten- oder App-Anbieter nur eine eindeutige Nummer weiter. Au├čerhalb dieser Anwendung sind die Daten also auch ├╝berhaupt nicht nutzbar, weil sie nicht zuzuordnen sind.

Wer nutzt diese Software bereits?

Wir sind inzwischen auf mehreren Webseiten integriert, inklusive einiger kleinerer Social-Media-Webseiten und auch im Bereich Whistleblowing. Der Umgang von sozialen Netzwerken mit schwierigen Situationen muss sich ├Ąndern. Wir brauchen als Gesellschaften etwas anderes als komplette Sperren.

Elon Musk will Twitter f├╝r 44 Milliarden Dollar kaufen und k├╝ndigte jetzt an, er w├╝rde den gesperrten Twitter-Account von Donald Trump wieder freischalten. Halten Sie das also f├╝r eine gute Idee?

Wir wollen mit unserem Projekt dazu beitragen, dass es bessere L├Âsungen und neue Denkans├Ątze gibt. Das Motto "Lasst uns alles Schlechte l├Âschen und sperren!" halten wir tats├Ąchlich f├╝r keinen guten oder demokratischen Ansatz.

Bastian Purrer
Bastian Purrer (Quelle: privat)

Bastian Purrer ist Mitbegr├╝nder und Erfinder von humanID. Er lebt und arbeitet in Los Angeles.

Auch Musk sprach bereits davon, alle Nutzer bei Twitter k├╝nftig authentifizieren zu wollen. Er will aber ebenfalls keine Klarnamenpflicht, um die Anonymit├Ąt zu sch├╝tzen. Das klingt fast nach Ihrem Projekt, oder?

Es w├Ąre ein m├Âglicher Ansatz, ja. Wer derzeit gesperrt wird, kann innerhalb weniger Minuten einen neuen Account kreieren. So k├Ânnen Regeln nicht durchgesetzt werden, und es entsteht keine Glaubw├╝rdigkeit in einem sozialen Netzwerk. Wir m├╝ssen die Offline-Welt in die Online-Welt holen. Wer sich im realen Leben schlecht benimmt, hat irgendwann keine Freunde mehr. Online besteht dieses Prinzip aber eben nicht. Dabei sollte auch im Internet jeder nur eine Stimme haben d├╝rfen. Andererseits ist Anonymit├Ąt wichtig, vor allem auch f├╝r unterprivilegierte Gruppen, wie zum Beispiel Aktivisten oder sexuelle Minderheiten.

Viele bef├╝rchten, mit Elon Musk k├Ąme der Hass zu Twitter zur├╝ck.

"Zur├╝ck" ist gut, das impliziert ja, dass die derzeitige Situation zufriedenstellend ist. Ist sie aber nicht. Bots und automatisierte Accounts manipulieren den Diskurs. L├╝gen, Rassismus und Hasskampagnen haben es leicht. Die einen f├╝hlen sich bel├Ąstigt und beleidigt, die anderen eingeschr├Ąnkt und zensiert. Das in die Balance zu bringen, ist eine gro├če Herausforderung. Musk hat daf├╝r aber sowohl die intellektuellen als auch die finanziellen M├Âglichkeiten. Die L├Âsung f├╝r das Internet lautet: Standards setzen, die Vertrauen schaffen. Denen werden dann andere nacheifern, weil sie keinen Wettbewerbsnachteil haben wollen. Was aktuell ebenfalls fehlt, ist Transparenz. Wenn man l├Âscht, dann sollte man zumindest sagen, was, warum und wie der Algorithmus genau funktioniert.

Soziale Netzwerke sind derzeit nicht sehr transparent bez├╝glich ihrer Algorithmen.

Richtig, und das ist sehr gef├Ąhrlich. Nehmen wir das chinesische Netzwerk TikTok. Die gesamte westliche Jugend ist dort zu Hause. Die chinesische F├╝hrung aber hat direkten Einfluss auf diese Plattform. Sollte dort etwa russische Propaganda per Algorithmus bevorzugt verbreitet werden, w├╝rden wir das nicht mitbekommen. Es w├╝rde keiner wissen und keiner sehen und keiner merken. Auf ├Ąhnliche Weise hat Russland auch in Deutschland, den USA und anderswo auf Wahlen Einfluss genommen. Ich selbst habe etwas ├ähnliches in Indonesien miterlebt. Die Wahlen dort sind im Chaos geendet. Die Leute haben dann Wahlergebnisse nicht mehr geglaubt und es kam zu Gewalt. Eigentlich so ├Ąhnlich wie bei den amerikanischen Wahlen, nur dass Indonesien eben global niemanden interessiert hat. Es geht eben nicht um Wahrheit, sondern um Vertrauen.

Das soziale Netzwerk von Donald Trump hei├čt "Truth Social". Das hei├čt, Sie pl├Ądieren eher f├╝r eine Art "Trust Social"?

Wahrheit entsteht ohnehin in den K├Âpfen der Menschen. Die wirkliche Grundlage ist das Vertrauen, dass es keine Manipulationen gibt. Wenn der Algorithmus offengelegt ist, wenn keine aufhetzenden Bot-Armeen mehr die sozialen Netzwerke ├╝berschwemmen, dann kann Vertrauen entstehen und Polarisierung zur├╝ckgehen.

Facebook, Twitter und YouTube k├Ânnten schon jetzt st├Ąrker gegen Fake-Accounts vorgehen. Sie haben aber schlicht kein Interesse daran, weil sie mit der Masse ihrer Nutzer Geld verdienen. Warum sollten diese Netzwerke, ein Interesse daran haben, so etwas wie humanID einzubauen?

Das ist richtig, Facebook und andere haben finanziell ├╝berhaupt kein Interesse daran. Facebook muss jedes Quartal seine Nutzerzahlen mitteilen. Ein R├╝ckgang w├╝rde Riesenprobleme bedeuten, weil Werbekunden und Investoren ihr Geld abziehen w├╝rden. Wenn nun aber Twitter von der B├Ârse genommen wird, besteht dieser Druck erst mal nicht mehr. Musk hat angek├╝ndigt, dass Regierungen und Unternehmen wom├Âglich Geld f├╝r ihre Accounts zahlen m├╝ssen. Twitter h├Ątte dann zumindest die Chance, unabh├Ąngiger von Markterwartungen, einen Standard zu setzen, den die Nutzer sch├Ątzen und dem dann andere nachfolgen w├╝rden.

Sollten nicht auch Regierungen diese Standards vorgeben? Die EU hat mit ihrer Datenschutzgrundverordnung einen solchen Standard gesetzt.

Grunds├Ątzlich ist es richtig, dass der Staat Regeln schafft. Aber ich pers├Ânlich habe Sorge davor, wenn sich der Gesetzgeber zu sehr einmischt. Da sind wir wieder beim Thema Vertrauen. Man stelle sich vor, die Regierungen g├Ąben das vor und es k├Ąme eine Partei oder ein Regime an die Macht, die diese Regeln missbrauchen w├╝rden. Man muss dazu nur nach China schauen. Dort gibt es die Identifizierung einzelner Personen im Netz de facto schon. Die Regierung hat letztlich direkten Zugang zu den Daten. In Indien wird so etwas ├ähnliches gerade ebenfalls ausgerollt.

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Wie sollten Demokratien dem begegnen?

Der digitale Raum ist viel leichter zu ├╝berwachen als der reale. Wir sollten unsere Demokratien darum stets so aufstellen, dass sie auch eine autorit├Ąre Administration ├╝berleben. In diesem Zusammenhang spielen gemeinn├╝tzige Organisationen und "Open Source"-Projekte bereits eine wichtige Rolle, wie zum Beispiel die Wikipedia, das Internet"-Adressverzeichnis" ICANN oder eine Vielzahl von Internetprotokollen und Programmiersprachen.

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